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Der Plunderhund im Lande Wunderbunt: Eingesammelte Lieder und Gedichte des Leipziger Dichters Andreas Reimann

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    Am 11. November feierte der Leipziger Dichter Andreas Reimann seinen 75. Geburtstag. Und es gab sogar ein richtiges Geburtstagsgeschenk, wie es sich ein Dichter wünschen kann: Den fünften Band der Andreas-Reimann-Gesamtausgabe in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung – mit lauter Fundstücken, die abseits seiner großen Gedichtbände entstanden sind.

    Sie zeigen einen Dichter, dessen Texte man zwar schon gehört hatte – aber dass sie von ihm waren, ist selbst den Liebhabern der entsprechenden Musik oft gar nicht bewusst. Denn da Reimanns Gedichtbände in der DDR immer wieder auch mit Druckverboten belegt waren, wich der Dichter aus Leipzig schon früh auch auf ein Genre aus, auf dem man Lyriker eher selten antrifft: den Songtext.Natürlich denkt man da heute fast automatisch an einen Bob Dylan, der ja für seine Songtexte sogar den Literaturnobelpreis bekommen hat. Womit das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie ja auch würdigte, dass mit Dylan auch deutlich komplexere und lyrischere Texte in die Pop-Musik gekommen sind, als bis dahin eigentlich üblich. Womit er auch zum Vorbild für andere wurde.

    Natürlich hat noch niemand Andreas Reimann für den Nobelpreis vorgeschlagen. Dazu ist er nicht berühmt genug. Ganz zu schweigen davon, dass die Bestrafungs- und Zensurpraxis der DDR auch vieles verhindert hat von dem, was Reimann selbst zu einem in ganz Deutschland bekannten Lyriker hätte machen können.

    Auch wenn er das anders sieht und in einem Gedicht auch mit seiner so liebenswerten Ironie anmerkt, dass so mancher Dichter im Osten nur deshalb überhaupt bekannt wurde, weil entsprechende Skandale und Zensureingriffe die Spannung auf sein Buch erhöht haben. Das Gedicht ist im Band natürlich enthalten.

    Die intensive Stimmung eines vergangenen Landes

    Aber man findet eben auch die Songtexte, die er für wichtige Musiker/-innen und Musikgruppen in der DDR und danach geschrieben hat – für die Gruppe Lift, für Stephan Krawczyk, für Joachim Schäfer, Hubertus Schmidt und Susanne Grütz, für Jens-Uwe Günther, aber auch Sebastian Lohse und Walter Thomas Heyn.

    Erstaunlich viele Lieder, wie man schnell feststellen kann. Und nach 1990 hörte er damit auch nicht auf. Denn wenn einer sich erst einmal bewährt hat in dem Genre, dann wird er auch immer wieder angefragt. Was eben selten ist für Dichter, denn Lyrik an sich ist noch nicht sangbar. Ein gereimtes Gedicht ist noch lange kein Lied.

    Und es ist nicht nur die Fähigkeit des Texters, den singbaren Sound zu treffen, die ihn für diese Aufgabe prädestiniert – er muss auch ein Sensorium für die Interpretation der Sängerin und des Sängers entwickeln. Und wer die reiche Rock- und Pop-Szene der DDR kennt, weiß, was für unterschiedliche Charaktere da unterwegs waren und wie sehr der Erfolg vieler Bands gerade von der Frau bzw. dem Mann am Mikro abhing.

    Mit den eindrucksvollen Stimmen dieser Personen verwandelten sich die gesungenen Texte, bekamen Farbe, Tiefe und Glanz. Bekommen sie auch noch heute, auch wenn diese Musik geradezu abgedrängt scheint in die Ostalgie-/Nostalgie-Ecke.

    Was sogar verständlich ist: Es ist ja nicht nur der Sound einer vergangenen Zeit und eines nicht mehr existierenden Landes. Auch das Lebensgefühl dahinter ist verschwunden, regelrecht verdrängt, beiseitegeschoben von einer gesellschaftlichen Entwicklung, die immer mehr Tempo mit immer mehr Schiller, Glitzer und Oberflächlichkeit verbindet. Was nicht mehr lange gutgehen wird. Das ist jetzt schon sicher. Besinnungslosigkeit ist ganz bestimmt kein guter Zustand, wenn man eine Gesellschaft mit Zukunft erschaffen will.

    Der Dichter als Seismograph

    Und das Verblüffende ist: Das ist selbst in diesem Sammelband spürbar. Nicht nur in den Liedtexten, die hier den Musiker/-innen und Gruppen zugeordnet sind, für die Reimann schrieb und schreibt, auch in den „Streunenden Liedern“, die lauter verstreute Gedichte und Lieder aus der langen Zeit von 1976 bis 2021 versammeln.

    Denn gerade sie machen erlebbar, dass ein Lyriker wie Reimann immer auch ein Seismograph ist, einer, der gar nicht anders kann, als die Stimmung seiner Zeit und seiner Umwelt intensiv in sich aufzunehmen und dann in Texte zu bannen.

    Wahrscheinlich ist es sogar so, dass genau das überhaupt erst die Voraussetzung dafür ist, dass eine Dichterin und einer Dichter werden kann, dass all jene ohne diese Fähigkeit, die Atmosphäre der Welt eindringlich zu erspüren, keine Dichterin und kein Dichter werden wird. Nimmermehr. Nie im Leben, egal, was dann auf den veröffentlichten Büchern steht.

    Aber das wissen Lyrikleser/-innen eigentlich. Die Nicht-Poesie landet ganz schnell wieder draußen in der Grabbelkiste. Während man in die Gedichtbände der Begnadeten und Hochsensiblen immer wieder eintaucht und sich getroffen, betroffen, gemeint fühlt. Oder eben auch mit Reimann zurückversetzt in das Grundgefühl einer Zeit, die 1990 irgendwie endete, verwehte, von uns fiel.

    Ein Zeitgefühl, das man in den alten Songtexten genauso wiederfindet – und das man natürlich auch aus den Songtexten der anderen großen Bands der DDR kennt, geradezu schwermütig und voller Trauer über das Ungelebte. Und wahrscheinlich von außen gar nicht zu begreifen, weil die Widersprüche, die dieses Ländchen DDR durchzogen, weder die von der allmächtigen Partei beschworenen „antagonistischen Widersprüche“ waren, noch die zum „Klassenfeind“ jenseits der Mauer.

    Reimanns Texte sind verräterisch. Weil sie auch unsere neueren Lebenslügen verraten, Lügen, mit denen eine Menge aufgetakelter Leute herumrennen, die alle schon lange vor 1989 gewusst haben wollten, dass der Laden in die Binsen geht, vor-revolutionäre Revoluzzer allesamt, die 1990 nur ein neues Sakko anziehen mussten und auf einmal immer schon in der Windel getaufte Demokraten gewesen waren.

    Gestrandet in der Mitropa

    Aber die Wahrheit erzählen Reimanns Gedichte. Denn sie erzählen davon, wie das Land bis zum Schluss an der Nichterfüllung seiner eigenen Träume und Maßstäbe litt. Träume, die für die ganze Gesellschaft prägend waren, auch wenn kein Mensch all die Parolen und Plakate ernst nahm, mit denen die ruinösen Fassaden der Häuser behängt waren. Es war ein ganzes Land im Wartezustand.

    In Reimanns Texten besonders intensiv porträtiert mit immer neuen Szenen aus den Mitropa-Gaststätten der Bahnhöfe, in denen sich nicht nur die gestrandeten Reisenden trafen, sondern auch all die anderen, die sich in diesem Land wie Strandgut fühlten, die Gescheiterten, die Ruhelosen, die Stricher und Schwulen, die Säufer, Träumer und gescheiterten Philosophen.

    Wahrscheinlich gab es wirklich keine anderen Orte in der DDR, die so intensiv das Scheitern der Träume von einer menschlichen und glücklichen Gesellschaft symbolisierten wie die Bahnhöfe und ihre Mitropa-Gaststätten, in denen graue Kellnergestalten dünnes Bier ausschenkten, das dann auch noch nach all der Trübsal des Scheiterns roch.

    Wozu freilich auch das einzige Motiv aus der antiken Literatur gehört, das Reimann immer wieder aufruft, um das Bild einer gestrandeten Reise zu grundieren: die elend lange Fahrt des Odysseus nach Ithaka, wo er – zumindest bei Reimann – nie ankommt, während er den zufälligen Reisebekanntschaften erklärt, warum es wohl eigentlich immer nur eine Heimkehr im Konjunktiv gibt. Vielleicht als Bettler. Leben ist wohl eher ein Reisen ins „Wer-weiß-wo-Land“.

    Die Widersprüchlichkeit des Lebens hienieden

    Natürlich hat dieses manifeste Gefühl des Gestrandetseins auch damit zu tun, dass auch Reimann feststellen musste, wie leer es wurde, als die Freunde verschollen gingen, „all die tollen, wundervollen / die proleten und poeten“. Wenn die noch Lebenshungrigen fortgingen, konnte es verdammt einsam werden um einen, der eigentlich ohne diese geselligen Wegbegleiter nicht leben kann.

    Und wenn immer wieder Lieb- und Bekanntschaften so vergehen, gibt das zwangsläufig auch viele Anlässe zu Gedichten, die sich mit diesem Ur-Thema Liebe und Nähe beschäftigen. Und mit den Jahren immer stärker auch dem Entsagen, dem Verzicht darauf, noch den Mut zu großen Gefühlsausbrüchen haben zu dürfen.

    Wobei selbst in diesen Gedichten nie die Intensität verloren geht, dieser wache Blick aufs manchmal herbe, manchmal bittere Dasein, die Stadt, den Regen, diese ganze Widersprüchlichkeit, die einen plagt, die aber eigentlich erst die Poesie des Lebens ausmacht. So wie in „Wermut“: „Ich bin in Not und doch im Glück. / Und liebe den zerrissenen Strick. / Nicht ganz zu leben glückt mir nie. / Ich bin am Ende! C’est la vie!“

    Dichter geht’s kaum noch zu fassen. Und selbst diese Zeilen verraten, dass Reimann nicht mal das Haus verlassen muss, um da draußen vielleicht über poetische Motive zu stolpern oder gar danach zu suchen. Er weiß, dass der Stoff der Dichter immer das eigene Leben ist. Und dass alles, wirklich alles, was einen umtreibt und wachmacht, in der Sprache steckt.

    In Sätzen, bei denen andere ins Stottern kommen würden, weil sie denken, sich verplappert zu haben. Dieses „Nicht ganz zu leben glückt mir nie“, erzählt von einem Dichter, der immer auch übers Dichten und das Leben nachgedacht hat. Und nach Sätzen gesucht hat, die unser ganzes widersprüchliches Dasein wirklich auf den Punkt bringen. So einen zum Beispiel.

    Das Ländchen Wunderbunt

    Natürlich wird in diesem Band auch fündig, wer schon Reimanns Gedichtbände „Poeten-Museum“ mit seinen Weimar-Gedichten und den 2010 ebenfalls in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienenen Band „Gräber und Drüber“ schon kennt.

    Und man findet die Lieder aus den für die Bühne geschriebenen Songspielen „Der Drache Drax“ (1986 fürs Theater der Jungen Welt geschrieben und von Hubertus Schmidt komponiert) und „Der Plunderhund im Lande Wunderbunt“ (1986 im Landestheater Eisenach uraufgeführt, komponiert von Walter Thomas Heyn), zwei Stücke, die auf kindgerechte Art ebenfalls den für alle so unübersehbaren Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit im wunderlichen Lande DDR sichtbar machten.

    Das DDR-Publikum konnte den Zwiespalt des eigenen Daseins auf offener Bühne miterleben. Nur in der Tageszeitung durfte davon nichts stehen. Auch das gehört zum Widerspruch und zur Sprachlosigkeit dieses Landes, in dem die Dichter eben auch deshalb eine so große Rolle spielten, weil sie gestalteten und thematisierten, was offiziell nicht sagbar war. Auch deshalb wandelten sie immer haarscharf am Rand der Zensur.

    Aber da die Auswahl nicht 1989 endet, wird eben auch der sensible Dichter der Zeit danach sichtbar, jener Zeit, in der auch und gerade in Leipzig für alle fühlbar wurde, wie selbst der so mächtig mit Geldscheinen aufmunitionierte neue Traum der blühenden Landschaften vor aller Augen verblühte, verwelkte und sich in Bitterkeit und Trostlosigkeit verwandelte.

    Im Kantaten-Zyklus „Leipziger Legende“ für Walter Thomas Heyn, der 1999 im Gewandhaus uraufgeführt wurde, hat Reimann die ganze schöne Bilder-Collage durchdekliniert – vom „Leipziger Ring“ bis zu „Zehn Jahre später“, in dem die durchaus ernüchterten Zeilen stehen: „Na und, ist das alles gewesen? / Man kommt bis zum Rande des Felds / Hinaus aus der Enge des Stalles. / Dann spannt sich die Kette des Gelds.“ Aus dem Lande Wunderbunt ist das Land „Nun ja“ geworden. Auch diese neuere deutsche Revolution ist an ihrer Genügsamkeit gescheitert. Das Geld bestimmt, was einer machen kann aus seinem Leben. Zumindest im Großen und Ganzen.

    Wo ist Ithaka?

    Für einen Dichter wie Reimann, der früh schon gelernt hat, dass einer wie er nicht mit Geld und Ehren überschüttet wird, hat sich eigentlich nicht viel geändert. Außer dass es vielleicht etwas kälter und ungemütlicher geworden ist. Aber wenn man sich nicht dem großen Gelärme andient, hat man immer noch alle Zeit und Aufmerksamkeit, sein eigenes Leben zu leben. „Wenn ich nicht aufsteh zur Früh, / Dann ist der Tag vertan. / Wenn ich mich nicht mehr bemüh, / Enden die Irrtümer nie. / Fange ich niemals mehr an“, heißt es in „Wenn“.

    Zeilen, die wieder an das von Reimann so gern verwendete Odysseus-Motiv erinnern. „Mein Ithaka ist, wo das Meer ist, Kumpan!: / Kein Wehe darüber und auch kein Hurra. / Wer schlappmacht, geht unter, das wissen wir ja.“ („Die Odyssee“). Da trifft man Odysseus wieder mit seinen großen Weltenreisengeschichten in der Kneipe an der Ecke oder am Kai, wo die Schiffe liegen. Lossegeln ist immer möglich.

    Aber die eigentliche Reise beginnt jeden Morgen im Bett, wenn einer sich aufmacht, den Tag anzupacken, das Leben, wie es ist. Mit einer Ernsthaftigkeit, die manchmal an Sarkasmus grenzt, manchmal an Ironie. Aber viel öfter an Ernüchterung, dieses herrlich erdige Gefühl, das man nur hat, wenn man aufhört, blindlings den Träumen anderer Leute nachzurennen, sondern Regen, Wind, Schnee und Alter so nimmt, wie sie sind – so herzlich unpoetisch, dass sie ganz von selbst der dichte Stoff für Gedichte sind.

    Andreas Reimann Der Plunderhund im Lande Wunderbunt, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2021, 25 Euro.

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