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Volker Sielaff: Ein Poesiealbum für einen aufmerksamen Dichter aus Dresden

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    Poesie ist eine Lebenshaltung. Vielleicht die menschlichste überhaupt. Sie regiert zwar nicht. Jedenfalls nicht in Sachsen. Aber das ändert nichts daran, dass dieses Stückchen Erde immer wieder begabte Stimmen hervorbringt, die sich wie selbstverständlich in die Sächsische Dichterschule einreihen. Dazu gehört auch der in der Lausitz geborene und in Dresden lebende Dichter Volker Sielaff, der jetzt auch mit einem „Poesiealbum“ gewürdigt wurde.

    Und Würdigung darf man das nennen, denn in dieser 1967 von Bernd Jentzsch gegründeten Lyrikreihe landet man in der Regel dann, wenn man schon ein mindestens kleines lyrisches Werk geschaffen hat und sich eine Leserschaft erobert hat – gern auch wie Volker Sielaff schon in mehreren Sprachen. Gäbe es die Reihe in einem festen Einband, wäre sie die berühmteste Lyrik-Edition der Welt.Aber schon in der DDR ging es darum, mit reinem geringen Verkaufspreis möglichst viele Leser/-innen zu erreichen, Lyrik also richtig „unters Volk“ zu bringen im selbst ernannten Leseland, in dem auch Lyrikbände in so hohen Auflagen erschienen, dass man sich heute oft nur fragt: Wie ging das an? Waren die Leser/-innen im Osten alle so lyrikversessen?

    In gewisser Weise schon. Denn Lyrik war immer auch eine literarische Form, in der Dinge gesagt werden konnten, die im Prosabereich die Zensur auf den Plan riefen. Und dazu musste sie gar nicht politisch sein, nur treffend, genau und überzeugend.

    Und gerade die Sächsische Dichterschule überzeugte mit Genauigkeit, ließ die Leser/-innen ihr eigenes Leben wiedererkennen. Was – wie jeder weiß, der Lyrik nicht nach dem in der Schule gelernten Schema F liest – zu Überraschungen, Schreckmomenten oder auch dem berauschenden Gefühl führen kann, sich tatsächlich gemeint zu fühlen.

    Der Moment, in dem wir leben

    Und so ein Gefühl darf man auch bei Volker Sielaff haben, der gerade die höchste Tugend der hiesigen Dichterschule beherrscht: auf Schnickschnack zu verzichten. Keine Kunstsprünge, kein Tänzeln in „poetischen Bildern“ oder jenem falschen Lyrik-Ton, den die meisten immer noch für das Wesensmerkmal eines Gedichts halten, all diese falsche Schminke und pathetische Überhöhung.

    Das Leben ist hier unten. Und mit Sielaff merkt man wieder, dass man weder auf die Berge steigen noch an irgendwelche zauberhaften Strände fahren muss, um Poesie zu erleben. Oder genauer: die Poesie des Daseins. Denn die erlebt jeder, wenn er nur Augen und Sinne dafür öffnet.

    Denn was diese poetische Dichte im Kopf ergibt, diese Verzauberung durch die alleralltäglichsten Dinge und Momente, das ist unser eigenes Tun, Schauen, Erinnern. Das, was Sielaff gleich im ersten Gedicht in diesem Band schildert: „Selbstporträt gerastert“, wo er das Altern und Erleben mit dem Entwickeln eines Films im Fixierbad vergleicht.

    Denn was wir im nächsten Moment sein werden, wissen wir noch nicht, es wird erst in dem Augenblick, in dem wir „hinübergehen“. Manche glauben ja dann, dort erst beginne das Leben, obwohl das, was wir wirklich erleben, genau dann passiert, wenn wir schon beinah dran vorbei sind an diesem fragilen Belichtungszustand. „Merke dir diesen Augenblick / wenn das Bild ihn festgezurrt hat / ist er vorüber.“

    Was alles in der Wunderkiste steckt

    Das kann sehr traurig machen, auch melancholisch. Oder regelrecht gelassen, wenn man wie Sielaff auf all das schaut, was unser Leben ist. Und das ist eine Menge, wie er in dem neunteiligen Gedicht-Zyklus „Mystische Aubergine“ geradezu ausschüttet über uns. Vom Titel darf man sich nicht beirren lassen – hier bastelt keiner eine neue höchst kunstfertige Gedichtform.

    Die Aubergine kommt dann irgendwann vor im Text, der auf den ersten Blick wie ein ordentlich in lauter hübsche Vierzeiler sortiertes Gedicht aussieht. Aber in Wirklichkeit ist es eine Schatztruhe, eine Erinnerungskiste, ein Zaubergarten, ein großer Karton mit lauter Schnipseln an Eindrücken, Erinnerungen, Fundstücken.

    Dem also, was unser Leben ausmacht. Und von dem man erst merkt, wie viel es ist, wenn einer wie Sielaff einfach mal anfängt aufzuzählen, was er alles liebt. Und was er damit als Bestandteil seiner selbst empfindet und als schön, wärmend, tröstend.

    Und in sechs Gedichten zeigt er, dass das alles längst um uns herum ist. Wir müssen es nur wahrnehmen und zugestehen, dass genau das unser Leben und unser Blick auf die Welt ist. Einer, den uns keiner nehmen kann.

    Manchmal voller Strandgut, das wir uns gar nicht selbst ausgesucht haben („Glatzen und Glotzen“), manchmal mit Fundstücken, die den Atem der Geschichte genauso in sich tragen wie den poetischen Blick in eine Welt, die für uns in weiten Teilen immer mysteriös bleiben wird, weil wir weder gottgleich noch völlig rational sind.

    Und da Sielaff 1966 geboren ist, überrascht es auch nicht, dass der Digedag-Erfinder Hannes Hegen hier genauso auftaucht wie die Liebe zu Tschechien, die Pascalsche Wette und Kapitän Nemo, das Platonsche Höhlengleichnis und jede Menge Personal aus der griechischen Mythologie. Denn das gehört schlichtweg dazu in der Sächsischen Dichterschule: die professionelle Beherrschung der Form und eine wirklich profunde klassische Bildung.

    In der DDR ein Muss. Denn was offen und eindeutig nicht gesagt werden konnte, verkleidete sich in antike Gewänder – wurde Ikarus, Odysseus, Sisyphos. Maler griffen die große Symbolik genauso auf wie Dichter.

    Die Odysseus-Schule

    In gewisser Weise plaudert Sielaff also auch aus der Schule. Aber es ist eine starke Schule. Denn sie verbindet die manchmal triste Gegenwart mit einer in der Rückschau schillernden Götter- und Mythenwelt. Und gerade dieses Gedicht zeigt, wie sehr all das, was man so unterwegs fand und mitnahm und lernte, Teil des eigenen Ich wurde.

    Das dann in Text Nr. VII sogar selbst auftreten darf. Denn Dichter vergessen ja auch nicht die Irritation dabei. Und kontern das eigene Feuerwerk mit Fragen an ihr alter ego, so wie auch Sielaff: „offen bleibt, wer du bist. Also wer? Ein Anthropos / im Lesesessel, auf Reisen?“

    Ja, da geht einer auch streng mit sich um. Übrigens auch in Partnerschaftsdingen. Denn Dichter erschrecken durchaus, wenn sie merken, dass das Kommunizieren mit dem geliebten Wesen an seiner Seite schwieriger geworden ist, Ungesagtes das Sprechen schwer macht oder gar unmöglich. Wenn man eigentlich platzen möchte vor Nähe und Sagenwollen – und das Gefühl nicht loswird, dass man mit dem ersten Wort alles zum Einsturz bringen kann.

    Aber aus der Selbstbefragung wird das Erkanntwerden. Denn wie immer ist es auch in diesem Fall die Gefährtin, die sich den „Silbenzähler, Wortakrobaten“ am Strand herausgepickt hat. Ganz bewusst unter lauter anderen Kerlen: „Mit dir vergaß ich alle die anderen trüben Tassen, die Herzensbrecher / und Kupferstecher, die es nicht rafften, mich bloß, während der Wind / sich drehte, blöde an der Mole angafften …“

    Der Rap des Lebens

    Sie merken es ja schon. Mitten in die scheinbar streng gebauten Zeilen hat Sielaff einen richtigen Rap eingebaut. Und was für einen Rap. Manchmal hört man ihn von jüngeren Dichtern bei Poetry Slams. Und Sielaff zeigt hier, was für ein reicher und mitreißender Rap entsteht, wenn man nicht – wie unsere üblichen Gangsta-Rapper – nur ein paar Dutzend derbe Worte kennt, sondern die ganze funkelnde Vielfalt eines richtigen Wörterbuchs. Und Verben, auf die die Goldkettchenträger nicht mal im Suff kommen würden.

    Und dass Sielaff sich gar nicht selbst als wortbesessener Alter inszenieren will, wird im letzten, dem neunten Text deutlich, wo er sich an sein Kind wendet, das er ja selbst ausgeschickt hat in die Welt – mit Trinkflasche und Schulbroten. Auch das muss man erst einmal in seiner ganzen Poesie begreifen – und natürlich wird das bei Sielaff eine „Odysseus-Schule“.

    Lernen, wie man zurechtkommt bei den Fahrten über die Meere, auf denen es Abenteuer und Verirrungen gibt. Und natürlich: Abgründe und Finsternisse. Historische Blindstellen wie in „Die Villa“ und „Carl-Großmann-Stift“. Hier also der Rückgriff in die Geschichte, als für die, die auf alten Fotografien noch als Schatten wahrnehmbar sind, alles offen war, eine Zukunft, von der sie nichts wussten: „Ihr Blick in die Ferne gerichtet, in eine Zukunft, / die, an diesem Herbsttag des Jahres 1926, sein wird“.

    Aber mit diesem Blick wird auch der ganze Rest von Geschichte zur eigenen Geschichte und darf ein aufmerksamer Dichter durchaus fragen, warum das Kind in der Krippe, „das allzu rosige, glatte / auf den alten Bildern“ eigentlich nicht schreit. „Warum zeigen die Alten nicht, wie es schrie, das Kind? / Wie es sich ums Leben erschreckte, dort, in neuer / namenloser Umgebung?“

    So eben wie jedes andere Kind. Darf man ja mal fragen. Und Sielaff tut es. Weil das Kind auf dem Bild ihn an das eigene Kind erinnert, das er mit der Kamera fotografiert: „Ich drücke / auf den Auslöser, das Bild / schnurrt aus der Kamera, dein Biß / in den Apfel / Beginn.“

    Die Esel Buridans

    Man staunt dann nicht mehr, wenn Sielaff in „Mystische Aubergine“ einfach mal seine Assoziations-Kiste auskippt und uns zeigt, was alle drinliegt – Erwartetes und Unerwartetes. Und natürlich liegen dort auch diese Bilder, all diese Momente, in denen wir verblüfft registriert haben, wie etwas anfing, weiterging, seine eigenen Wege ging. Während wir dachten, es passiert eigentlich nichts. Obwohl ständig etwas passiert, so viel, dass wir meistens gar nicht mehr wach werden und es wirklich registrierten.

    Auch ein Dichter muss dazu aufmerksam sein. Aber das hat er gelernt. Denn es ist eine muntere Weise zu leben. Wer so nicht lebt, hat ja auch nichts, was er staunend aus der großen Kiste holen kann, jedes Mal aufs neue verblüfft darüber, wie es da hineingeraten konnte und wie einem das passieren konnte.

    Und es passiert einem eine Menge Erstaunliches, selbst wenn man nicht zum Mars fliegt oder mit Reinhold Messner den Yeti sucht. Mit Sielaff darf man wieder staunen lernen über das, was uns direkt vor der Nase liegt. Was uns so wenig erscheint, wenn wir neidisch auf die großen Heuhaufen der anderen schauen. Denn die meisten von uns sind Buridans Esel und fühlen sich immer um das schönere Stück Kuchen betrogen. Obwohl es genau vor uns liegt.

    Aber dazu braucht man dann den poetischen Blick, diese ernsthafte Aufmerksamkeit des Dichters für die Faszination des Augenblicks. Wir sind so reich beschenkt. Und jammern herum. Dabei wächst alles aus Aufmerksamkeit – wie das „gehegte Pflänzchen“ Liebe. Die Liebe lieben um ihrer selbst willen – im Bus nach Leipzig oder mit Pessoa auf der Arche Noah. Worte gibt’s! Zum Glück. Und alles steckt in unserem Kopf. Und meist genügen ganz wenige Worte und wir haben alles vor Augen: „Der Klang einer Kette, ein Ruderboot …“

    Am Ende staunt man gar nicht mehr über das, was vielleicht werden wird, sondern über das, was war. Und wie viel es war. Und wie es alles Platz gefunden hat in unserem Leben, in unserem Kopf, in Wörtern. Erzählten und nicht erzählten Begebenheiten. „Liebe zur Ballade von der Schokolade / und zu diesem Gedicht, das jetzt gleich abbricht und endet …“ Aber es bricht nicht ab. Es geht immer weiter.

    Und Sielaff könnte wahrscheinlich noch Dutzende Gedichte in seine „Mystische Aubergine“ hineinpacken, die nun einmal wie das Leben ist – eine riesige Tüte voller Wunder. Man muss sie nur würdigen und aufmerksam sein dafür. Also poetisch leben. Das ist eine Kunst. Reich wird man damit aber nicht!? Doch: Man wird richtig reich damit. Nur halt nicht so wie die armen Esel zwischen den großen Heuhaufen.

    Poesiealbum 366 „Volker Sielaff“, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2021, 5 Euro.

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