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Die Berichte des Voyeurs: 100 Gedichte, die von lauter Aufregendem erzählen, nur nicht von Liebe

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    Es gibt einige Dinge, die die Sächsische Dichterschule, wie sie vor Jahren mal ein profunder Sammelband aus dem Poetenladen bezeichnete, besonders markant machen. Dazu gehört ihr besonders ausgeprägtes Formbewusstsein genauso wie ihre ganz bewusste Bezugnahme auf klassische Vorbilder. Das ist auch bei Michael Spyra so, der in Halle lebt und arbeitet und auch gern mal poetische Ausflüge nach Leipzig unternimmt.

    Denn natürlich enden die Grenzen der Sächsischen Dichterschule nicht an den Grenzen des 1990 wieder auferstandenen Freistaats. Und dass Spyra dazugehört, konnte man ja schon in seinem 2014 erschienenen Gedichtband „Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt“ nachlesen. Die Gedichte in diesem Band schrieb er zwischen 2017 und 2021. Als die ersten fertig waren, rezensierte sie schon mal Andreas Hauri in der Züricher Literaturzeitschrift „delirium“.Die Rezension ist dem Band als Essay beigegeben und zeigt, dass es wohl hundert oder tausend verschiedene Weisen gibt, Gedichte zu lesen. Und dass das oft schon mit dem Titel beginnt, der ja in diesem Fall ein Reizwort enthält, an dem sich brave bürgerliche Zeitgenossen natürlich stoßen müssen. Auch Hauri. Sein Essay liest sich geradezu wie der verzweifelte Versuch, den Voyeurismus irgendwie zu rechtfertigen und sich im Namen des Autors zu entschuldigen, dass der hier tatsächlich frecherweise 100 „Liebesgedichte“ als „Bericht des Voyeurs“ veröffentlicht hat.

    Als müsste sich Dichtung auf einmal für das Fremdschämen einer zugeknöpften Nation verantworten. Ich habe auch die „Liebesgedichte“ in Gänsefüßchen gesetzt, denn in kaum einem dieser Gedichte in strenger verspielter Versform geht es um Liebe.

    Und wer auch nur versucht, sich zu vergewissern, aus welcher Position heraus der Dichter hier seinen Liebespaaren (und stellenweise auch -trios) zuschaut, der wird in den seltensten Fällen das Gefühl haben, dass da ein verdruckster kleiner Mann mit großem Regenmantel im Gebüsch steht und den anderen beim Liebesspiel zuschaut. So betrachtet, ist der titelgebende Voyeur natürlich eine Irreführung. Aber in Wirklichkeit arbeitet Spyra sogar hier mit poetischen Mitteln. Denn natürlich steckt in diesem Voyeur auch der Autor. Wer denn sonst?

    Was vom Klapperstorch …

    Wer wissen möchte, wie Dichter/-innen über uns andere Leute denken, der sollte ihre Gedichte lesen. Und wird sich nur zu oft ertappt fühlen. Denn die richtig guten Gedichte leben von einer tiefen Ehrlichkeit und Nüchternheit. Dazu ist ja die Arbeit mit unserem Sprachschatz da: sich heranzutasten an die Wirklichkeit unseres Daseins. Was durchaus erstaunlich, verblüffend und verstörend ist. Das weiß eigentlich jeder, nur die meisten gestehen sich das nie im Leben ein.

    Und wenn sie mal ertappt werden dabei, werden sie fuchsig und teufelswild. Und zum moralischen Berserker. Und wenn es Spyra auch nirgendwo so schreibt, ist das Buch im Grunde eine dokumentarische Bestandsaufnahme, die unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält. Das zum einen. Und zum anderen entlarvt sie unsere öffentlich spazierengeführte Moral.

    Die ist eben noch immer so verklemmt und verlogen wie zu Kaisers Zeiten. Da hat sich – bei aller sexuellen Anmache im öffentlichen Raum – bis heute nichts geändert. Wir werden von Moralisten regiert und belehrt, die alle ihre (nackten) Leichen im Keller liegen haben, uns aber immer noch versuchen, was vom Klapperstorch zu erzählen.

    Denn wenn die von Spyra hier so lustvoll beobachteten Paare (ja, er selbst ist der Beobachter!) sich nicht vorgesehen haben oder lieber auf die Präservative verzichtet hätten, die in einigen der späteren Gedichte zum Einsatz kommen, dann dürfte das Ergebnis dieser Beobachtung derzeit als volles Hundert in der Wiege liegen oder schon in Krippe und Kita gehen.

    Denn was Spyra beschreibt, ist im Grunde jene wilde, aufregende und so schrecklich ratlose Zeit, in der die am Ende ihrer Adoleszenz stehen jungen Menschen verzweifelt nach der richtigen Partnerin / dem richtigen Partner suchen. Und das verflixterweise getrieben von einem hochexplosiven Hormoncocktail, dem die Partnerfähigkeit der Auserwählten völlig schnuppe ist, der eigentlich nichts will als Sex und damit Vermehrung, Vermehrung, Vermehrung.

    Nichts anderes. Logische Folge: Die von dieser Not Betroffenen denken an fast nichts anderes mehr und beschäftigen sich in den fruchtbarsten, energiegeladensten und ratlosesten Jahren ihres Lebens mit nichts anderem, als schnellstens mit einem/einer anderen zum Vollzug zu kommen. Ein Vorgang, von dem Hauri meint, Spyra beschriebe ihn nicht.

    Aber in Wirklichkeit verzichtet Spyra lediglich auf den ganzen quasi-lyrischen Ballast, mit dem die erotische und die gedruckte Pornoindustrie dieses Verhängnis aufblasen, romantisieren, intonieren und auswalzen, sodass am Ende jeder denkt, das Wichtigste an „Lady Chatterley“ seien ausgerechnet die Sexszenen mit dem Wildhüter. Sind sie aber nicht.

    Die Sicht des Überlebenden

    Deswegen steckt in Spyras Voyeur eben auch der Bericht eines Überlebenden. Das macht sich gerade in den späteren Gedichten im Band zunehmend als leiser, verstärkt ironischer Ton bemerkbar, denn hier gehen die Begegnungen von ihm und ihr doch öfter schief, gibt es manchmal auch keinen Sex, verlässt der eine oder die andere den Ort des Geschehens etwas verwirrt, eigentlich enttäuscht und gleichzeitig erleichtert.

    Denn wo man in den ersten Teilen dieser geradezu nüchternen Beschreibung des Zueinanderkommens noch regelrecht mitgezogen wird von einem Rausch des Ausprobierens, Unbedingt-Machens, Tummelns und Haltlosseins, kehrt spätestens „Im Lauf der Zeit“ eine gewisse Routine und Ernüchterung ein. Jetzt geht man zwar auch gern mal fremd, probiert’s mit einstigen Schulfreund/-innen oder Kolleg/-innen.

    Quickie, Seitensprung, Netzbekanntschaft. Es ist eigentlich alles dabei – und doch nicht alles. Denn da ist Spyra konsequent: Die meisten seiner so zueinander Findenden gehen am nächsten Morgen, gern auch frisch geduscht, auseinander und sehen sich nie wieder.

    Nein, von Liebe ist nirgendwo die Rede. Kann auch nicht. Und wenn hundertmal „Liebesgedichte“ auf dem Cover steht. Bei dem Wort würde man die Herren Erich Kästner und Kurt Tucholsky schmunzeln sehen. Denn es sind allesamt Gedichte in ihrer Tradition. Einer Tradition, die es irgendwie nie in die ernsthafteren Gazetten oder TV-Formate geschafft hat, wo bis heute uralte Vorstellungen gepflegt werden, die irgendwo zwischen Marquis de Sade und Hedwig Courths-Mahler angesiedelt sind.

    Genau das ist nämlich mit dem Aufstand der Nazis in der Weimarer Republik ebenfalls ins Verlies gesperrt worden: der Klarblick und die ironische Heiterkeit der wirklich klugen und aufmerksamen Dichter/-innen für das, was die ach so braven Tippfräulein und kleinen Bürobediensteten tatsächlich miteinander anstellen. Die auch nicht so viel Brimborium drum machen wie die Reichen und Schnöden, die so gern von Orgien reden und träumen, weil ihr Leben nicht genug Aufregung und Tiefe hat.

    Wenn Sex leichter ist als Nähe

    Denn darum geht es ja auch in Spyras Gedichten: wie sehr gerade junge Menschen regelrecht verzweifelt auf der Suche sind nach dem „richtigen“ Er und der „richtigen“ Sie. Und je länger, umso verzweifelter. Was aus der Sicht des Beobachters nur wie lauter Freizügigkeit und vielseitigem Liebesleben aussieht. Und an der Stelle sind wir alle Voyeure, denn wir erfahren ja alle diese Geschichten.

    Freunde erzählen uns davon, Bekannte, Kollegen. Manche stolz auf ihre „Eroberungen“, andere ratlos, weil es schon wieder nicht der oder die Richtige war, weil diese Suche so nervenaufreibend und endlos ist, gerade dann, wenn man die falschen Vorstellungen im Kopf hat und …

    Ja, da kommt man dem Kern dieser Gedichte wesentlich näher: wenn man den Mut zur Nähe nicht hat. Davon erzählen nämlich fast alle diese Gedichte, vielleicht mal abgesehen von den fast letzten, in denen junge Eltern versuchen, irgendwo in der Wohnung noch ein bisschen Platz für ein bisschen Sex zu finden. Denn selbst die Glücklichen in diesen Gedichten, die in ihren sexuellen Begegnungen immer wieder Lebensfreude schöpfen, machen daraus sichtlich keine Partnerschaft.

    Und Spyra macht daraus kein Drama. Das ist das Erfrischende an seinen Texten. Seine Paare finden so unverhofft zueinander, wie sie danach wieder fortgehen. Vielleicht in ihr sonstiges Leben, das man ja verlassen müsste, wenn man sich auf einen nagelneuen Menschen einstellen will. Will man das? Oft scheint die Entscheidung schon in dem Moment zu fallen, in dem zwei, die eben gerade übereinander hergefallen sind, wieder voneinander scheiden. Kurz, trocken und alltäglich: „Sie sind sich einig, dass der Sex nicht reicht, / und trennen sich, und beiden fällt es leicht.“

    Die Schule des Dr. Benn

    Gerade diese trockenen Schlusszeilen sollte man nicht überlesen. Und auch nicht, dass Spyra auch sein dichterisches Vorbild benennt, von dem er auch das so schöne funktionale Versmaß übernommen hat: Gottfried Benn. Der konnte das auch, mit diesem ernüchterten Blick des Mediziners auf das zu schauen, was Menschen so zumeist in Betten miteinander treiben. Und was dann oft unverhoffte Folgen hat, erst recht, wenn beide Teile vorher nicht drüber nachgedacht haben, ob sie vielleicht mehr voneinander wollen als nur ein ordentlich verschwitztes Geknote.

    Logisch, dass gerade die letzten Gedichte in diesem Band von den oft organisatorischen Problemen junger Menschen erzählen, die irgendwie Sex und Alltag unter eine (Bett-)Decke zu bekommen versuchen. Und hier spielen den Beteiligten dann ebenfalls die Hormone so manchen Streich. Nur dass es diesmal nicht zur lustvollen Erfüllung kommt, sondern zu Momenten wie diesen: „Egal, was er sich ausmalt, fantasiert,/ Es bleibt dabei, dass nichts passiert.“

    Und gerade an solchen Stellen merkt man, wie sehr Spyra hier zum Protokollanten einer Wirklichkeit wird, wie sie die meisten tatsächlich erleben. Und die vielen irgendwie nicht aufregend genug ist, sodass sie sich dann in die Surrogate flüchten. Und damit aus der Entscheidung für richtige Menschen hier unten in der richtigen Welt, wo die meisten Autoren Sex und Liebe nur zu gern verwechseln. Spyra tut das nicht. Man muss den Buchtitel geradezu mit ironischem Zwinkern lesen.

    So, wie ein ernster Protokollant eben ironisch ist, wenn er emsig mitzählt, wie oft es die Leute um ihn herum zu wirklichen Techtelmechteln schaffen. Und wie oft nicht. Und wie viele auch noch weitertechteln, wenn sie die Pflichten einer richtigen Partnerschaft auf sich genommen haben. Was man ja eigentlich erst macht, wenn man wirklich das Gefühl hat: Die ist es. Oder: Der ist es. Da kommt dann ein Haufen mehr ins Spiel. Wovon in Liebesgedichten die Rede sein könnte, wenn mal wieder jemand Lust darauf hätte, welche zu schreiben.

    Sex ist einfach. Das kann jeder. Aber was bringt Menschen dazu, nach der erfolgreich durchturnten Nacht zueinander zu sagen, dass man jetzt wirklich möchte, miteinander zu sein. Ernsthaft und lange. Das ist die schwerere Übung, was auch die Tugendwächter unserer versnobten Gesellschaft nur zu gern vergessen. Denn schneller Sex lässt sich besser als Markenartikel verkaufen. Wobei dann meistens die Packungsbeilage weggelassen wird, die Spyra hier mitliefert: Es kann verflixt lange dauern, bis man wirklich jemanden findet, mit dem man auch danach zusammenbleiben möchte.

    Michael Spyra Die Berichte des Voyeurs, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021, 16 Euro.

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