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Schmetterling im Winter: Die zutiefst melancholischen Tage-Texte des Sängers Tobias Bamborschke

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    Da hat sich Tobias Bamborschke tatsächlich selbst an die Princess 100 gesetzt und seine Texte fein säuberlich ins Schreibmaschinenlayout gebracht. Ohne Tippfehler. Auch die Zeichnungen im Buch stammen vom Sänger und Texter der Independent-Band Isolation Berlin. Ein kleines Gesamtkunstwerk. Nur Gedichte sind es eigentlich nicht. Auch wenn sie Sven Regener fantastisch findet.

    Natürlich ist im großen Reich der Gedichte fast alles möglich. Man kann sie auch bestens dazu nutzen, seine Stimmungen und Abstürze, Ängste und seelischen Nöte in Worte zu fassen. Aber wenn man sich durch dieses Bändchen blättert, merkt man, dass es viel eher ein Tagebuch ohne Datumsangabe ist, ein Versuch, die dunklen Nächte im eigenen Kopf auszuloten. Etwas, was viele Menschen kennen. Viel zu viele.In welcher Bandbreite das in unserer Gesellschaft auftritt, kann man ja in dem dicken und kreativ gestalteten Band „Nicht gesellschaftsfähig“ nachblättern. Und meist sind es die sensibelsten und kreativsten Menschen, die mit den Abgründen ihrer Seele zu kämpfen haben. Wie kann man eigentlich leben, wenn man aus dem Grübeln, den Zweifeln, der permanenten Infragestellung des eigenen Ich nicht herauskommt? Und bestenfalls der nächste Besuch beim Arzt hilft?

    Nein, Anklänge an Trakl, Artmann, Kaléko und Eichendorff habe ich in den Texten nicht gefunden. Auch wenn es ehrliche Texte sind. Gedichte eines Lebens, in dem das Gehirn seinem Besitzer immer wieder dunkle Streiche spielt. Was ihn nicht hindert, Musik mit Isolation Berlin zu machen und sich in schöne Frauen zu verlieben. Aber wie ein Motto steht gleich zu Beginn: „Gib mir ein Licht / das mir leuchtet / um mich herum / ist dunkelste Nacht“.

    Der Mut zur Verletzlichkeit

    Das ist kein artifizielles Spiel. Hier erzählt einer von sich selbst und seinen Nöten. In Texten, die optisch wie Gedichte aussehen, aber tatsächlich wie Tagebucheinträge wirken. Manchmal wie Aphorismen. Manchmal überwiegt die Trauer, dann wieder der Fatalismus. Manch einer dürfte sich an die verrückteste Zeit seiner Jugend erinnert fühlen, als die Hormone Kobolz schlugen und die Stimmung im Augenblick umschlagen konnte, von himmelhoch jauchzend zu abgrundtief betrübt. Verzweifelt. Alles oder nichts.

    Die meisten lernen ja dann, das auszuhalten und wieder aufzustehen. Das Leben so zu nehmen, wie es ist. Obwohl es da Millionen Varianten gibt. Die meisten versuchen ja dann, all den Momenten auszuweichen, in denen sie betroffen sein könnten, wirklich gemeint. Wer will das schon in einer Gesellschaft, in der Gefühlskälte und Ellenbogen die Norm sind und eine Menge Mut dazu gehört, sich verletzlich zu zeigen.

    Und verletzlich zeigt sich Bamborschke in seinen Texten. Auch wenn man oft nicht greifen kann, warum eigentlich und woher all diese Niederlagen oft stammen, die immer wieder auch in Alkohol enden, in der vermeintlichen Betäubung. Die Flucht ins Nicht-mehr-Spüren, weil man es eigentlich nicht aushält, jeden Tag gegen die Schwere im Kopf anzukämpfen: „Unfassbar / schwer/ diese Tasten / zu Drücken / Diese Worte niederzuschreiben …“

    Das Kino im Kopf

    Man quält es aus sich heraus, versucht es zu greifen, in Worte zu bannen. Manchmal mit einem unverhofften Überschwang, als würden im Kopf jetzt die Pferde durchgehen.

    Dabei weiß Bamborschke, dass er gar nicht so allein ist. Dass diese Gewitter im Kopf auch mit einer völlig aus dem Lot geratenen Gesellschaft zu tun haben: „Immer mehr Leute / reden mit sich selbst. / Ein Trend, der Schule macht …“

    Denn wenn selbst faszinierende neue Liebesabenteuer in diesem geradezu gleichgültigen Feststellen enden, dass die Liebe einfach weg ist, quasi über Nacht, was ist dann eigentlich noch belastbar in dieser Welt? Wo und wie kommt man dann noch raus aus der Einsamkeit, diesen nächtelangen Grübeleien?

    Wobei das Buch nicht traurig ist und auch nicht traurig endet. Denn natürlich gibt es die Momente, in denen man wieder auftaucht aus der Schwermut: „Hab manchen Tag und manche Nacht / ganz unermüdlich nachgedacht. / Darüber: / Endlich mal zu leben. / Jetzt tu ich’s – / eben.“

    Das ist einer dieser aphoristischen Texte, bei denen man merkt, wie sich auch der Autor aus der Grübelei befreit, sich selbst am Schopf packt und aufhört, über die Schwere des Daseins zu grübeln. Denn das ist ja das Problem. Das wissen zumindest all jene, die sich immerzu Gedanken machen über das Leben, die Liebe, die Welt und die Beziehung zu den Menschen, die einem nahekommen.

    Das kann verflixt belastend sein, denn das Kino im Kopf macht dann ganz von allein, dass auch der schönste Moment in die Binsen geht. So wie im Gedicht „Die Tränen der anderen“: „Wir küssten uns noch / berührten uns noch / eine ganze Weile / mechanisch / und geistesabwesend / während / in unseren Köpfen / schon lange / der Abspann lief (…)“

    Es gibt Texte im Buch, da mündet das in unstillbare Trauer. In diesem Text aber bleibt zumindest der Gedanke: „Und alles / war gut“.

    Die Erwartungen der anderen

    Natürlich ist alles im Allgemeinen gut. Die Dramen, die sich im Kopf abspielen, interpretieren ja nur, was uns passiert. Und machen es viel schlimmer, als es wirklich ist. Es sind unsere kontrollsüchtigen Gehirne, die eigentlich für Ärger sorgen und alles bewerten, sortieren, benoten. War das nun gut? War die denn jetzt die Richtige?

    Wer das nicht kennt, darf sich glücklich schätzen. Oder auch nicht, denn das Gegenstück ist dann die Beliebigkeit. Aber die Wahrheit ist wohl: Die meisten kennen das irgendwie. Und suchen und irren und zweifeln. Selbst dann, wenn eigentlich alles in Butter und schön und gut ist.

    Manchmal sind es ja dann auch die anderen, die einen aus der Zufriedenheit stoßen – Anna oder Lena. Was eigentlich egal ist. Denn natürlich kommen wir auch seelisch immer wieder unter Druck, weil auch die anderen ihre Erwartungen einbringen, nicht zufrieden sind, immer noch mehr wollen. Und einem auch mit fröhlicher Bosheit sagen können: Du genügst leider nicht …

    So ungefähr. Da und dort liest man es heraus aus diesen Gedichten. In „Liebe ohne Liebe“ zweifelt Bamborschke selbst daran, dass es das allseits so gefeierte Gefühl überhaupt gibt. „Die Liebe / ohne Liebe / raubt mir alle / meine Kräfte …“

    Da kann man sich durch „abertausende Betten“ wälzen und doch keine Liebe finden. Eher nur wieder lauter Suchende, die vor lauter Anspruchsdenken und Erwartungen selbst nicht finden. Immer schon im Kopf ganz woanders sind, wenn man noch nebeneinander liegt. Denn wir leben ja in einer Konsumgesellschaft, in der die meisten Konsument/-innen nicht mal mehr merken, wie sie das Anspruchsdenken bis in ihre Beziehungen schleppen.

    Und damit natürlich Partnerschaften zum Konsumgut machen. Und natürlich scheitern. Was denn sonst? All diese verkleideten Bachelors und Bachelorettes, die Bilder im Kopf haben von Glanz und Glamour, falschem Pathos und unvergleichlicher Verzauberung. Die es im normalen Leben gar nicht gibt. Und schon gar nicht in den Supermärkten der Techtelmechtel-Vermittlungen.

    Notizen aus dem Leben

    Im Grunde erzählt Bamborschke ja auch von unser aller Nöten in einer Welt, in der Anspruchsdenken und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklaffen. Und immer mehr Menschen einsam sind und nur noch mit sich selber reden, weil sie es mit anderen nicht mehr können. „Morgens / schäme ich mich / und abends / krieg ich’s / mit der / Angst / zu tun. / Das / ist meine / Welt“, schreibt Bamborschke im letzten Text „Kein Anschluss unter dieser Nummer“. Wieder so ein Tag, an dem er mit niemandem sprechen und telefonieren möchte.

    Und nun kann man ja sagen: Sind doch nur Gedichte. Auch wenn es keine sind, sondern eher Notizen aus dem Leben. Einem Leben, das zuweilen sehr kaputt aussieht, sehr einsam. Aber uns bleibt eben doch immer die Sprache, auch wenn sie solche komprimierten Tagesnotizen nicht unbedingt gleich in Gedichte verwandeln kann.

    Aber Worte bauen immer Brücken, zeigen den Autor auch so, wie er sich wirklich fühlt. Oder gefühlt hat. Denn das Aufschreiben ist ja auch immer Selbstgespräch und Zwiegespräch. Der Sprung zu dem möglichen Leser, der dabei sagt: Ja, so ging es mir auch schon. Das hab ich auch erlebt und fand es schrecklich und schlimm.

    Aber indem unser ach so störrisches Gehirn genau das vermag, stellt es Verbindung her nach draußen. Vielleicht antwortet ja einer oder eine, kommt ein Feedback zurück, das auch in nächtlicher Stunde tröstet: Alles ist gut.

    Tobias Bamborschke Schmetterling im Winter, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, 14 Euro.

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