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Fahren und Gefahren: Wenn Dichter/-innen sich über die Abgründe der Automobilität Gedanken machen

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    Mal ein Poesiealbum in Metallic, passend zum Thema. Einem Thema, bei dem man denkt: Dichter haben doch gar keine Autos? Die reiten doch lieber (Goethe), nehmen die Postkutsche (Heine) oder die Bahn (Fontane) und laufen den Rest sowieso zu Fuß (Eichendorff, Seume). Aber man kann sich auch täuschen. Und jetzt wissen wir auch, welches das Lieblingsauto der Dichter/-innen ist.

    Und das wohl auch nur, weil dessen Schöpfer mal nicht nur nüchtern Automobil gedacht haben, sondern eine kleine Anwandlung von Gregor Samsa hatten, als sie den Käfer schufen. Ein Auto, das nicht aggressiv wirken sollte, nicht mit PS protzen und nicht irgendwelche Statuserwartungen bedienen sollte. Und deshalb auch Menschen ansprach, die zu den Dingen in ihrem Alltag auch gern mal fürsorgliche Beziehungen herstellen. Und sonst?Sonst wird man das Gefühl nicht los, dass viele Mitglieder der Lyrikgesellschaft und Teilnehmer/-innen der jeweiligen Aufrufe, fürs nächste „Poesiealbum neu“ frische Texte beizusteuern, mit Automobilen als dichterischem Objekt nichts anzufangen wussten, sodass weniger Texte als sonst für Themen eintrudelten, die wirklich das Essenzielle im Leben des Menschen betreffen.

    Und so wundern sich einige der Beitragenden nur, dass man von ihnen Auto-Gedichte erwartete, wo sie doch bestenfalls mal mit dem Taxi zur Lesung vorfahren oder – eher üblich – von einladenden Veranstalter/-innen mit dem Auto abgeholt werden. Über den schweren Stand von Dichtung unterhält sich im eingeklinkten Interview Ralph Grüneberger diesmal mit Franziska Beyer-Lallauret. Denn reich wird man mit dem Schreiben und Veröffentlichen von Gedichten ja nicht. Wobei es nicht nur das kärgliche Salär für poetische Texte ist, das am Autokauf hindert.

    Das wird aber eher beiläufig klar, wenn man die durchaus ironische Sichtweise vieler Autor/-innen auf das motorisierte Gefährt wahrnimmt. Selbst jene Autor/-innen, die ein Auto besitzen, wissen viel schöner über die Schattenseiten dieses motorisierten Daseins zu schreiben als über die technische Finesse, mit der Ingenieure versuchen, einem das Auto als emotional aufgeladenes Lebensvehikel anzudrehen.

    Da macht sich Wolfgang Mayer König Gedanken über die Manipulationen bei den Benzinpreisen, Rainer Rebscher würdigt die aufkochenden Frustrationen im Stau, Eggert Raab den Genuss beim Zuschlagen von Autotüren, Johanna Anderka nimmt die Unfreiheit der automobilisierten Freiheit wahr und Manfred Klenk die geduldige Warterei von Helmut Kohls Dienstchauffeur.

    Man ahnt schon: Das werden keine Gedichte, die auch die Hochglanzzeitschrift der Automobilindustrie abdrucken würde neben ihren neuesten Karossen auf idyllischer Landstraße (obwohl ich das Gedicht über die verlogene Autowerbung irgendwie vermisst habe). Was sieht man denn wirklich von der Schönheit der Landschaft, wenn man nur im Auto durchbrettert? Immer mit viel zu hoher Geschwindigkeit.

    Spätestens mit Franziska Beyer-Lallaurets Gedicht „Königs Gefährt“ verändert sich die Kulisse, scheinen immer weniger der hier Schreibenden überhaupt noch ein Auto zu besitzen. Die Distanz wächst, die Skepsis sowieso. Königs letzte Fahrt endet entsprechend mit überhöhter Geschwindigkeit auf dem Friedhof, so wie der einer ganzen Reihe weiterer Zeitgenossen, die glaubten, im Rausch der Geschwindigkeit endlich ihre Erfüllung als Mensch gefunden zu haben, in jenem kurzen, blitzendem Moment, bevor das Auto sich um einen Straßenbaum wickelt oder auch mal mit 139 km/h im Dach einer thüringischen Kirche landet.

    Spätestens nach Karin Unkrigs Gedicht über die Verfettung der Straßenmobile und Stefan Kabischs „Alpha-Tier“ weiß man: Nein, die Zeiten, da poetisch denkende Menschen sich mit einem Auto anfreunden konnten, sind vorbei. Das beißt sich, auch wenn Anne Mai ihren VW Käfer durchaus auch als Vehikel für die weibliche Emanzipation begriff, ein Gerät für die Unabhängigkeit.

    Obwohl dem eigentlich alles widerspricht, womit das Automobil in deutschen Kinderstuben aufgeladen wurde, so aufgeladen, dass sich Kinder in Schulaufsätzen schämten, von einem Urlaub ohne Auto zu berichten (wie Salean A. Maiwald). Ein Thema, das etwas verwandelt auch Wolfgang Franke aufgreift, wenn er über die wirklich beliebtesten Autos aller Jungen schreibt: die richtigen Matchbox, damals, als sie noch aus richtigem Blech waren und sich der Status in der Gang danach bemaß, wer die tollste Matchbox-Sammlung besaß.

    Motto: „Baby, you can’t drive my car!“. Ein Motto, das auch Ralph Grüneberger im Vorwort aufgreift und dabei den unten stehenden Clip mit Paul McCartney und James Cordon empfiehlt.

    Paul McCartney Carpool Karaoke

    Spätestens mit Dieter Treeks „Das Band der Liebe“ wird klar, dass das rollende Gefährt vor allem ein Fluchtgerät ist – in dem man trotzdem alle seine Sorgen mitnimmt. Oder sie wegputzt wie der Mann in Rüdiger Stüwes „Beziehungskiste“. So kurz das Gedicht ist, so sehr zeigt es, wie sich für manche Menschen das angebetete Gefährt zum Ersatz für wirkliche Beziehungen entwickelt hat, quasi zum Ersatzgott, womit die Stimmung der Gedichte endgültig kippt, denn wenn man als fußläufiger Dichter nur noch in Angst vor „SUV & Co.“ lebt, sind die Macht-Verhältnisse längst gekippt in Ohnmachtsverhältnisse.

    Erstaunlich: Und trotzdem jammern die Besitzer der überzüchteten Karren immerzu, dass sie nicht geliebt werden von all den Schwachen da draußen. Warum nur? Da ist etwas gekippt. Schon lange. Selbst das Trampen hat sich verändert, ist gefährlicher und stummer geworden, wie Klaus Nühring aus seiner Jugend zu erzählen weiß.

    Pech eigentlich für diese glänzenden Maschinen: ihr Ruf ist hin. Bei den jüngeren Dichter/-innen sowieso, die in ihnen nur noch Fossilien sehen, die Gefährte eines Höllenkreises nach Dante, so wie bei jottpeh: „mit dante auf der a6“. Und nachdem Ralf Rodrigues da Silva freundlich daran erinnert, wie fremdgesteuert die Freiheit auf Rädern längst ist, rollt Gerald Jatzek die Geschichte rückwärts auf – von D’Annunzios seltsam kitschiger Begeisterung für Steuerknüppel bis hin zu Lenau, der natürlich „nur“ wanderte: „Irgendwo. Irgendwohin.“

    Das Gefühl bleibt natürlich, dass die ganze Autobegeisterung eigentlich nur Überhebung ist, der Versuch, gottgleich sein zu wollen oder gar die Zeit zu überholen. Logisch, dass auch die flotte Fahrt durch dieses „Poesiealbum neu“ an einem Baum endet. Wo auch sonst?

    Was freilich noch nicht das Versprechen aus dem Titel „Fahren und Gefahren“ erfüllt. Es ist, als wäre selbst jenen Dichtern, die nur noch mit Kopfschütteln auf die röhrende Urwelt auf den (Fern-)Straßen schauen, eine wie auch immer geartete emotionale Nähe zum Automobil schlichtweg fremd. Also könnte man die Raserei nur schulterzuckend registrieren und den Kopf schütteln darüber, wie Menschen so besessen sein können vom Wegkommen und Vorbeijagen. Als wäre das Hier und Jetzt kein aushaltbarer oder akzeptabler Ort.

    Was ja auch heißt: Hinter dem automobilen Traum steckt ein falsches Denken. Eines, das sich um die nahen Ziele nicht kümmert. Da kann man ja zu Fuß hinlaufen. Die Ziele liegen immer irgendwo weit weg, nur erreichbar, wenn man Gas gibt. Und ja nicht liest während der Fahrt. Wobei man sich das dennoch gut vorstellen kann: Das ganze Poesiealbum von einem gut geölten Schauspieler eingesprochen auf einer CD, die man unterwegs in den Player schieben kann.

    Und dann können auch unsere Tempo-50-Spezialisten beim Schnibbeln durch Plagwitz oder Volkmarsdorf voll aufdrehen: „Wer sich in einer Tempo-30-Zone / An die Geschwindigkeitsbegrenzung hält, hat ihn schon / Im Nacken sitzen …“ (Anton G. Leitner)

    Wer sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält, weiß, wer gemeint ist. Auf, auf zum fröhlichen Jagen! Wo kein Stopp-Schild steht, wartet irgendwo bestimmt auch ein tapferer Straßenbaum.

    Poesiealbum neu „Fahren und Gefahren. Gedichte zur Automobilität“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2021, 6,50 Euro.

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