Dieses „Poesiealbum neu“ ist ein Abschied: Zum letzten Mal gibt der Leipziger Dichter Ralph Grüneberger eins dieser thematisch durchdachten Hefte heraus, in denen – auf poetische Weise – die großen Fragen unserer Zeit und unseres Lebens behandelt werden. Mit 70 Jahren will er sich endlich stärker den eigenen Buchprojekten widmen. Denn so ein Heft macht Arbeit. Das unterschätzt man so leicht.

So, wie Dichtung oft unterschätzt wird. Und Kunstmachen überhaupt, was Grüneberger in diesem Band selbst thematisiert in seinem Gedicht „Türkenstraße, München-Schwabing, 1911“. Da stehen die Leute vorm Schaufenster und äußern sich verächtlich über den Maler drinnen im Atelier, der blaue Pferde malt.„So wos hoaßt ma heutzutog Kunscht!“, lässt er die Leute sagen. Ja, was will er denn? Haben andere Dichterinnen und Dichter, die ihre Texte zu diesem Band eingesandt haben, nicht viel deutlicher artikuliert, was sie wollen? So wie Oskar Ansull („Wir wollen, dass ‚Corona‘ wieder Bier ist …“) oder Doris Distelmaier-Haas („Ich will / noch einmal / das kind sein/ in den bergen …“).

Wir sind ja voller Wünsche. Wobei man den für dieses Heft ausgewählten Autor/-innen durchaus zugestehen darf, dass es kritische Zeitgenossen sind, die wissen, dass alle unsere Haben-wollen-Wünsche nicht viel Substanz haben. Dass man, wenn man nur ein klein wenig nachdenkt und sich besinnt, spürt, dass einen ganz andere Wünsche treiben, Wünsche nach Leben, Welterfahrung, Nähe, Liebe, Wärme, Herzlichkeit. Die ganze Intensität des Lebens. Gern auch als „Fame“ wie in Danilo Art-Merbitz’ Gedicht „Wir wollen Fame“.

Wobei das Wort Wollen im Deutschen so seine Komplikationen und Implikationen hat. Nicht nur, wenn Kindern (wie im Gedicht „Erziehung“ von Renate Düpmann) frühzeitig beigebracht wird, dass man nicht „Ich will“ zu sagen hat, sondern „ich möchte“. Ein Thema, das vielleicht den heute etwas Älteren viel vertrauter ist, die durchaus noch eine Zeit kennengelernt haben, in denen Kindern der eigene Wille ausgetrieben wurde.

Nicht nur im Osten. Die autoritäre Erziehung, die eigentlich nur darauf ausgelegt ist, autoritäre Charaktere zu formen, ist noch gar nicht so sehr Vergangenheit, wie wir manchmal denken, wo wir doch so gern von Freiheit reden.

Vom Wollendürfen

Und Erich Fromm ist so aktuell wie vor einem halben Jahrhundert. Der Charakter, den er beschrieb, steht nicht nur maulend am Jägerzaun, sondern geht auch zum Demonstrieren und Wüten auf die Straße. Und die ach so braven Bürger merken nicht einmal, wer da neben ihnen steht und brüllt.

Renate Düpmann endet freilich mit den Zeilen: „Ich möchte bitte / einen Willen haben / und wollen dürfen!“ Zeilen, die manche ältere Leser/-innen durchaus berühren dürften. Und Bilder wachrufen, in denen ihnen genau das ausgetrieben wurde.

Und natürlich schwingt das auch bei Grüneberger mit und seiner nun seit Jahren wieder bestätigten Erfahrung, dass man als Dichter nicht wirklich Gehör findet. Nicht nur bei den Fördergeldgebern nicht, die das „Poesiealbum neu“ in Sachsen seit 15 Jahren nicht finanziell unterstützt haben.

Auch in der Öffentlichkeit nicht, die draußen vor der Schaufensterscheibe steht und mit dem in der Schule gelernten Unwissen über Kunst und Künstler urteilt. Man merkt schon, dass das Gedicht kurz davor ist abzukippen in ein „So was hätte es früher nicht begeben.“

Wenn sich alles rechnen muss

Ein Spruch, der sich bestens ergänzt mit dem von Markus Gottschall aufgegriffenen „Es muss sich rechnen“, das unsere Gesellschaft nun seit 30 Jahren in eine knickrige Buchhalterwelt verwandelt hat. Und damit auch unser Denken abgestumpft und grau gemacht hat.

Mit der ganzen Lüge, die in diesem Spruch steckt, denn die da rechnen, die rechnen sich reich und schaffen eine Welt überflüssigen Krams, an dem unser Alltag und unsere Phantasie ersticken. Nur für das, was wirklich gebraucht wird, ist dann immer kein Geld da. Das rechnet sich dann also nicht mehr – Pflegekräfte z. B. Oder eben Dichter.

Wozu brauchen wir Dichter/-innen? Dass sie uns den Spiegel vorhalten? Dass sie uns zeigen, wie aufregend das blanke Leben sein kann? Dass sie uns an die Phantasie erinnern, die wir mal hatten? Früher, bevor wir uns den ganzen Glitter im Online-Shop gekauft haben?

Den Spannungsbogen macht Eckhard Erxleben auf in „Die Sprache des Anderen“. Denn wer die Welt mit Dichterauge betrachtet, weiß, wie sich das beißt, das Reden der Einen und das, was man eigentlich als Poesie empfindet in der Welt: „Ein jeder verletzt sich im Gesicht des Anderen“, geht er auf die wütenden Reden der Anonymen ein, die ihr letztes bisschen Ego austoben, indem sie noch Schwächere beleidigen, hassen, verbal niedertreten. Während doch ein aufmerksames Sprechen anders klingt und wie eine „geöffnete Hand“ ist.

Hat Wollen eine Grenze?

Die meisten wissen nicht einmal mehr, was sie wollen. Und können es auch nicht sagen. Denn wer nicht gelernt hat, wollen zu dürfen, der lebt im Sollen, wie Sebastian Galyga in „Browserverlauf“ feststellt: „was soll ich machen / was soll ich schauen …“ Denn das passiert, wenn man nicht wollen darf: Man wird zum Knecht fremder Erwartungen, Anforderungen und Ansichten. Man steckt fest in der Rolle, die andere vorgeben, fremden Vor-Bildern, Idolen, Maßstäben. In Uniform. In der homogenen Gruppe, in der alle sich an denselben Maßstäben ausrichten. Und sich abschotten und Forderungen stellen.

Was dann wie Wollen aussieht, aber nicht zu greifen ist. Weil ein Wille, der sich anderen aufzwingt, nichts zu tun hat mit dem, was wir wirklich wollen. Denn da bleiben wir bei uns. Suchen uns und das, was wir uns wirklich wünschen. Darum geht es in diesem Heft. Und manche versuchen es zu formulieren.

Manche merken, wie schnell man abgleitet und vom Weg abkommt. Denn da ist ja noch die uralte Frage, die schon viele Philosophen beschäftigte: Wo hat unser Wille eine Grenze? „.. und wollen mehr / Als gewollt / Mehr / Immer mehr“, lässt Bärbel Kasparek ihr Gedicht „Gewollt“ ausklingen.

Aber: Ist das wirklich Wollen, dieses „immer mehr“? Oder ist das eher die Hilflosigkeit all derer, die nicht wissen, was sie wirklich wollen und sich wünschen? Ein Dilemma, wie auch Edith Ottschofski feststellt, wenn sie in „Was ich will“ schreibt: „Ich wünsche mir, was ich nicht möchte / und mache, was ich nicht will …“

Es kann zum Verzweifeln sein, wenn unser Wollen unsere Möglichkeiten übersteigt. So wie bei Rainer Wedler in „alles kann ich wollen“: „alles will ich / und / kann nichts“.

Was wollen wir wirklich?

Man merkt schon: Das Thema geht ans Eingemachte, und so betrachten es auch die meisten, die ihre Texte zu diesem Band eingesendet haben: Wer sich die Frage danach, was wir (wirklich) wollen, stellt, kommt an sich selbst nicht vorbei. An dem, was uns im Leben wirklich umtreibt. Und das hat eben nichts mit „Es muss sich rechnen zu tun.“

Sondern mit den Momenten, in denen wir „das Leben spüren“, wie Johanna Anderka schreibt. Denn was uns wirklich erfüllt, ist das, was wir zulassen. „Wir stellen unsere Bedürfnisse über die der Anderen / wir wollen frei und unabhängig sein, / dennoch gebraucht und geliebt werden“, bringt Julia E. Wagner das Dilemma in „Paradox“ auf den Punkt.

Ja, das trifft auch auf die Leute vor der Schaufensterscheibe zu. Auch wenn sie sich gegenseitig aufstacheln gegen den irren Künstler da drinnen. Natürlich auch, weil sie irgend eine Rückmeldung brauchen, dass ihr Sagen und Meinen gehört wird und für wichtig erachtet. Und wer sagt da schon „Nein?“ Wer widerspricht, wenn er – oder sie – damit riskiert, hinterher gekränkt und gemieden zu werden?

Das ganze „Poesiealbum neu“ ist also letztlich die Erkundung eines nebulösen Zustands, in dem Wille und Wollen permanent verwechselt werden, Freiheit und Liebe nicht zusammenpassen, Müssen und Sollen wie „Du darfst“ klingen und viele einander beäugen, weil sie viel mehr Angst vor der verbalen Ablehnung haben als vor dem Wollendürfen. Dahinter steckt die ganze gefühllose Verwertung der ach so Bedürftigen, die sich vom großen Sollen anpeitschen lassen, immerfort flexibel und „Sehr motiviert“ zu sein, wie in Ralf Burnickis gleichlautendem Gedicht.

Nur um am Ende zu erfahren, dass sie mit ein paar Phrasen abgespeist und gekündigt werden. Nicht gebraucht und nicht gewollt werden. Das ist wirklich die Welt, die uns angeboten wird mit Haifischgrinsen: eine Welt, in der Kälte sich hinter freundlichen Phrasen versteckt, Nutzwertdenken hinter falschen Versprechen.

Als wollte es von euch nichts wissen …

Worum geht es, könnte das Bändchen auch betitelt sein. Denn darum geht es. Und natürlich um die, die – wie die hier Versammelten – noch suchen nach dem, was wirklich in ihnen glüht, und die die Welt mit Neugier betrachten. Sie finden die Antworten nicht im Katalog der angepriesenen Produkte, sondern in sich selbst und in der Fülle der Welt.

Selbst im Kleinsten, wie ein Fundstück des Dichters Uwe Greßmann erzählt: „Daß ihr darüber ganz vergeßt / Wie leer es um euch ist / Wie alles von euch Abstand nimmt / Als wollte es von euch nichts wissen …“

Da dürfte sich so manche und so mancher wiedergefunden haben am Ende dieses Jahres mit all seinen Verwerfungen und unerfüllbaren Wünschen. Ein Jahr, das uns aber trotzdem gezeigt hat, was wir wirklich wollen. Und was eher nicht. Und wie sehr wir selbst Wünschen und Wollen sind.

Und trotzdem nicht vorkommen in den landläufigen Schablonen dessen, was von uns erwartet wird. Was wir also sollen und nicht dürfen. In einer Gesellschaft, die nicht mal mehr merkt, wie sehr sie noch feststeckt im uralten: Du sollst nicht wollen dürfen.

Und damit die Antwort tagtäglich verweigert auf das, was wir wollen.

Ralph Grüneberger jedenfalls wollte 2006, als er die Reihe aus der Taufe hob, eine besondere literarische Reihe begründen, in der – mit den Mitteln in der Dichtung – die Fragen gestellt werden, die uns wirklich bewegen. Er wollte ein bisschen Förderung, damit das alles nicht immer nur Arbeit für das schöne Gefühl wäre, dass man etwas Gutes und Wichtiges in die Welt setzte.

Aber die Förderung gab es nie. Es sollte nicht sein. Oder wollte da einfach jemand nicht? Oder durfte nicht wollen, weil Gedichte so überflüssig sind in ihrer ewigen Frage nach dem richtigen Leben? So herrlich nutz-los, weil sie nur denen nutzen, die sich Zeit und Aufmerksamkeit nehmen zum Lesen und Nach-Denken? Kann sein.

Was wir wollen sollen

Und so sind die 15 Jahre seit Bestehen der Reihe auch ein An-Denken gewesen gegen das Nützlichkeitsdenken einer Gesellschaft, in der den meisten, die das große Sagen haben, nicht mal bewusst ist, wie sehr sie das Sollen ihrer Eltern verinnerlicht haben. Hüben und drüben. Das nimmt sich, wenn man genauer hinschaut, gar nichts.

Sie verstecken es in „Ordnung und Sicherheit“. Denn alles muss seine Ordnung haben. Und Menschen mit ihren unergründlichem Wollen bringen alles durcheinander, stören die Abläufe und sind letztlich Stören-Friede, Unruhe-Stifter in einer Gesellschaft, deren Mantren noch allemal heißt: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“. Jede Bürgerumfrage bestätigt es.

Was wollen wir mehr? Haben wir uns das gewünscht?

Oder wollen wir, was wir nicht wollen sollen, weil wir dürfen müssen, was andere wollen, dass wir es wollen sollen? Auch diese Frage wird in mehreren Gedichten eindrücklich erörtert. Das ist ein Verdienst dieser Reihe, dass sie poetisch denkende Autor/-innen jedes Jahr aufs Neue angeregt hat über Dinge nachzudenken, über die man sich eigentlich „keinen Kopp machen” soll.

Weil: Dabei könnte herauskommen, dass wir gar nicht wollen, was uns alleweil angedreht wird als das, was wir wollen sollten. Wenn wir das Geld hätten, die Zeit und diese Angst davor, was anzufangen wäre mit einem Leben ohne all die falschen Wünsche, die uns jeden Tag eingeredet werden. Oder unter den Baum gelegt in Glitzerfolie.

Hast du dir das nicht schon immer gewünscht?

Nein, ist die Antwort.

Aber das halte mal einer aus, wenn sie hinterher alle wütend sind auf dich, wenn dir ihr Glitzergeschenk schnurzpiepegal ist. Aber auch das kann man ja wollen: Dass nicht zu wollen, was alle wollen. Da fängt das Leben an. In verschiedener Art steht das auch da und dort in den Gedichten in diesem Bändchen, das man sich ja besorgen kann, wenn wieder nur Ungewolltes unterm Baum gelegen hat.

Poesiealbum neu „Was wir wollen“, Edition Kunst & Dichtung, Leipzig 2021, 6,90 Euro.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar