Am 11. Februar begann die Runde der Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der Bundesländer. Mit den Warnstreiks am 28. Januar, an der Universität Leipzig, dem bundesweiten Streiktag Bildung am 29. Januar und den Streiktagen am 9. und 10. Februar machten die Landesbeschäftigten und ver.di noch einmal auf ihre Forderungen aufmerksam, im Besonderen auf die Gründe dafür. 

Die Universität in Leipzig taucht in den Medien meist mit positiven Meldungen auf, wie Exzellenzcluster, Supercomputer, schönste Uni-Bibliothek und vielen großartigen Forschungsergebnissen. Aber auch dort gibt es geradezu prekär zu nennende Arbeitsverhältnisse, durch Befristungen, Teilzeit und geringe Vergütungen. Bei der Demonstration am 10. Februar sprach Max Leurle im Speziellen über ungewollte Teilzeitarbeit beim Studentenwerk Leipzig.

Wie sind die Arbeitsbedingungen an der Uni wirklich und wofür streiken die Beschäftigten? Um Antworten auf diese Fragen näherzukommen, trafen wir uns mit Max Leurle, Gewerkschaftssekretär bei ver.di. Für das Gespräch haben wir die Anrede mit Du vereinbart.

Max, Du bist ver.di-Gewerkschaftssekretär. Wofür bist Du zuständig?

Ich bin bei ver.di in Leipzig/Nordsachsen unter anderem für den Bereich Hochschulen, Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung zuständig. Als ehemaliger Student der Universität Leipzig lege ich aktuell einen Schwerpunkt meiner Arbeit in den Kampf gegen die Kürzungen.

Es gibt ja oft Unklarheiten: Welche Gewerkschaft vertritt eigentlich welche Beschäftigten? Wen vertritt ver.di an der Uni in Leipzig?

Wir vertreten alle Beschäftigten der Universität, denn an der Universität Leipzig haben wir Mitglieder in allen Bereichen. Auch in der Verdi-Betriebsgruppe sind Kolleg/-innen aus dem wissenschaftsunterstützenden Bereich – das sind die Menschen, die in den Bibliotheken, im Rechenzentrum, in der Verwaltung oder den Sekretariaten der Fakultäten arbeiten. Gleichzeitig sind auch einige Kolleg/-innen in der Betriebsgruppe aus dem wissenschaftlichen Bereich.

Ihr vertretet aber auch die Beschäftigten des Studentenwerks?

Genau. Das Studentenwerk ist eine separate Institution. Dort sind die Beschäftigten der verschiedenen Mensen und Cafeterien angestellt, sowie die Betreuung der Wohnheime, das BAföG-Amt und andere Angebote des Studentenwerks. Das Studentenwerk ist deutlich kleiner als die Universität. Die Universität hat aktuell ca. 5.000 Beschäftigte, jetzt mit den Kürzungen lässt sich das schwer abschätzen. Das Studentenwerk hat über 300 Beschäftigte.

Julius von der ver.di Betriebsgruppe sprach auf der Demo am 28.1. von Kürzungen in Höhe von 16 Millionen Euro für die Uni Leipzig. Ihr wollt jetzt keinen weiteren Stellenabbau und höheren Tariflohn, wie passt das zusammen?

Diese Forderungen nach mehr Lohn kommen von den Beschäftigten. In einer großen Befragung vor der Tarifrunde wurden alle befragt. Nach den Jahren der Inflation haben die Beschäftigten gesagt: 7 %, aber mindestens 300 Euro mehr – das ist gerechtfertigt.

Auf unserer Streikdemonstration in Leipzig haben wir uns sehr stark an dem aktuellen Thema Kürzungen orientiert. Julius hat ganz richtig gesagt, es handelt sich um 16 Millionen Kürzungen … Zu dieser Zahl kam die Aussage von Rektorin Obergfell: „Wir haben zu viele Stellen geschaffen.“ Das war ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten, weil man nicht pauschal sagen kann, dass zu viele Stellen geschaffen wurden.

Denn in den zentralen Einrichtungen, beispielsweise in den Bibliotheken, wurde schon über Jahre Personal abgebaut. Mir wurde berichtet, dass insbesondere im Rektorat, um die Universitätsleitung und die Rektorin herum, viele Stellen geschaffen wurden. Da gab es einen hohen Aufwuchs an Referententätigkeiten mit den höchsten Entgeltgruppen. Das Pauschalurteil der Rektorin hat viele verärgert!

Wenn ich Dich richtig verstehe, sollen nicht diese zusätzlich geschaffenen Stellen, sondern solche in jetzt schon personell knapp besetzten Bereichen eingespart werden.

Korrekt. Ich möchte nicht die Tätigkeit von Referent/-innen abwerten. Mir geht es um fehlgeleitete Personalpolitik. Es ist doch eine bemerkenswerte Tendenz, wenn die Stellen im Elfenbeinturm – um das Rektorat und die Uni-Leitung – immer mehr anwachsen, aber die Stellen in den Fakultäten, die Lehre und Forschung leisten, sowie die Stellen in den zentralen Einrichtungen, die dafür sorgen, dass Studierende eine gute Studienqualität haben, gleichzeitig abgebaut werden.

Da läuft doch etwas schief! Und mir wird weiterhin berichtet, dass diese fehlgeleitete Personalpolitik von der Universitätsleitung vorgesetzt wird. Deswegen sind wir gegen die aktuellen Kürzungen.

Zurück zur Tarifrunde: Wenn man von Gehaltserhöhungen an der Uni spricht, trifft man oft auf Unverständnis. Die fest angestellten Dozenten und Professoren verdienen doch gut, wozu noch mehr?

Die Universität ist mehr als Dozenten und Professoren. Insbesondere der wissenschaftsunterstützende Bereich trägt diese Universität. Ohne diese Beschäftigten geht nichts! Im wissenschaftsunterstützenden Bereich verdienen die meisten Kolleginnen und Kollegen zwischen der Entgeltgruppe 5 und 8. Das sind keine horrenden Löhne, sondern Löhne, die in den letzten Jahren stark unter der Inflation gelitten haben. Es muss ein inflationsgerechter Ausgleich für die Belastungen der letzten Jahre erfolgen.

Dazu haben die Arbeitgeber gesagt, dass sie das nicht so sehen. Sie nehmen die aktuellen Inflationsraten an und „noch einen Schnaps obendrauf“. Das ist die berühmte Formulierung. Daran sieht man, dass die Arbeitgeber die Probleme der Beschäftigten nicht ernst nehmen. Das Studentenwerk Leipzig beschäftigt Spülkräfte in der Entgeltgruppe 1 und mit einem 20-Stunden-Vertrag. Sie wollen mehr arbeiten, aber das wird abgewehrt. Sie müssen mit einem Arbeitsvertrag, den sie mit dem Land Sachsen haben, mit Bürgergeld aufstocken. Das kann doch nicht sein.

Das bedeutet, dass der Freistaat Sachsen Menschen in Teilzeit beschäftigt, die keine Chance auf eine Vollzeitstelle haben?

Genau, unfreiwillige Teilzeit. Das ist ein großes Problem beim Studentenwerk, aber auch bei der Universität Leipzig. Die Beschäftigten wollen in diesem Falle oft mehr arbeiten. Mit einem Vertrag über 20 oder 25 Stunden als Ausgabekraft oder Spülkraft können sie nicht angemessen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Es ist aber auch kaum möglich, eine zweite Anstellung zu finden, weil die Arbeit mitten am Tag stattfindet. In dem Zusammenhang ist es lächerlich, was die CDU unter dem Stichwort „Lifestyle-Teilzeit“ debattiert.

Aber auch beim wissenschaftlichen Personal ist es so, dass die Beschäftigten oft nur Teilzeitstellen, beispielsweise 65 Prozent, haben. Zudem existiert in der Universität eine tradierte Erwartungshaltung, darüber hinaus für das Promotionsprojekt zu arbeiten.

Ich möchte das noch einmal festhalten, Du bekommst 65 Prozent bezahlt, die Erwartung ist aber, dass du 100 Prozent ablieferst?

Dieser Fall betrifft insbesondere Promotionsstellen. Es wird in gewisser Weise gesagt: „Natürlich halten wir deine Arbeitszeit ein, aber wie läuft es eigentlich nebenbei mit Deinem Promotionsprojekt?“ Dieses wird als ein Extraprojekt gesehen, obwohl die dafür notwendige Arbeit dem Forschungsvorhaben in den meisten Fällen nicht nur zugutekommt, sondern dafür essenziell ist.

Wie ist eigentlich das Verhältnis von befristet und unbefristet angestellten Beschäftigten im Wissenschaftsbereich?

Ich hätte gern genauere Zahlen, die den tatsächlichen Stand an der Universität Leipzig abbilden. Klar ist, dass eine deutliche Mehrheit der Beschäftigungsverhältnisse an der Universität im wissenschaftlichen Bereich befristet ist. Da reden wir deutschlandweit von 75 bis teilweise 90 Prozent der Beschäftigten. Ich gehe davon aus, dass es an der Universität Leipzig im wissenschaftlichen Bereich ähnlich aussieht. An der gesamten Universität Leipzig sind laut meinen Informationen ca. die Hälfte der Beschäftigten befristet angestellt.

Es gibt ja noch den anderen Teil der Forderungen, diese betrifft die wissenschaftlichen Hilfskräfte. Das sind Studierende, meist schon mit einem Bachelorabschluss, die während des Studiums eine Tätigkeit an der Uni aufnehmen. Chris betonte ja schon bei der Demo, dass es sich hierbei um qualifizierte Tätigkeiten handelt. Für diese fordert Ihr einen Tarifvertrag, den StudTV. Was hat es damit auf sich? Ich nehme doch an, dass diese den gesetzlichen Mindestlohn erhalten?

Ich gehe davon aus, dass der Mindestlohn eingehalten wird. Trotzdem ist der Mindestlohn das Gehalt pro Stunde. Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Tätigkeit in der Zeit zu schaffen ist. Beispiel: Wenn man ein Tutorium gibt, werden vertraglich vielleicht nur vier Stunden pro Woche vereinbart. Wenn man annimmt, das Tutorium dauert zwei Zeitstunden plus eine Stunde Vor- und eine Stunde Nachbereitungszeit ist dann schon knapp bemessen.

Chris von TV Stud sprach auch von einer schuldrechtlichen Vereinbarung in der letzten Tarifrunde. Was ist damit?

Die beinhaltete sogenannte Mindestentgelte, die mittlerweile durch die Mindestlohnerhöhung wieder überfällig sind. Die drei zentralen Stellschrauben, die wir in einem Tarifvertrag integrieren wollen, sind die Mindestvertragslaufzeiten, Mindeststundenentgelte und Mindeststundenumfänge.

Im StudTV soll auch eine monatliche Mindestarbeitszeit vereinbart werden, wenn ich das richtig verstanden habe?

Es geht um eine Mindeststundenanzahl, damit die Menschen wirklich davon leben können. Mit dem geeigneten Lohn, den es dafür gibt und der Mindestvertragslaufzeit zusammen soll das eine gewisse Sicherheit schaffen.

Max, ich danke Dir für das Gespräch.

Man könnte noch über viele Details, sowohl zu den Forderungen der Beschäftigten in der Tarifrunde, als auch zum StudTV, schreiben, das würde aber den Rahmen des Artikels sprengen. Wir werden weiter über die Ergebnisse der Tarifverhandlungen, so es welche geben sollte, und den Arbeitskampf der Beschäftigten berichten.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar