„Gedicht“ steht unterm Titel. Aber eigentlich sind es zwei Gedichte, zwei ganz große, stille, lange. So in der Dimension von Cardenal oder Whitman, auch wenn die Landschaft, die Olav Amende beschreibt, die Stadt ist. Möglicherweise Leipzig. Eines, wie nur er es sieht. Oder gesehen hat – etwa in den ersten Wochen des Lockdowns 2020, an den sich heute kaum noch jemand erinnert.

Als die Stadt quasi menschenleer war und all dieses Hin- und Hergerenne einmal aussetzte, all die falsche Dringlichkeit, dieses Ich-bin-wichtig-Getue. So kann man es sich vorstellen, wie der Regisseur, Performancekünstler und Autor da am offenen Fenster stand und hinaussah.

Und auf Gedanken kam. Gedanken über eine Stadt, in der auf einmal alle Menschen verschwunden sind. Menschenleer. Zurück blieben nur die Gegenstände, die sie eben noch in Händen hielten, der Kaffee im Becher, das Handy mit der angefangenen Botschaft, die Tiere, die leeren Bänke in der Innenstadt, die Treppenstufen, auf denen noch zwei nasse Abdrücke von Sitzenden zu sehen sind und langsam verblassen.

Und dann kommt der Regen, der Hagel. Die blanke Natur übernimmt wieder die Regie. Und das wird zutiefst poetisch. Denn natürlich ist die Welt, in der wir leben, zutiefst poetisch. Wir nehmen uns nur fast nie die Zeit, das auch wahrzunehmen.

Diese herrliche Sinnlosigkeit, die viele von uns leider nicht mehr aushalten, weil sie verinnerlicht haben, dass sie immerzu funktionieren müssen und untätig vertane Minuten verschwendete Minuten sind. Die Optimierung hat längst auch die komplette Freizeit erreicht.

Wenn die Menschen nicht zur Arbeit jagen, füllen sie ihre freie Zeit mit lauter Tätigkeiten an, die ihnen suggerieren, auch diese Stunden noch effektiv genutzt zu haben. Wofür auch immer. Jedenfalls nicht zum Leben.

Oh!

In wessen Sinn also verschwendet unsereins seine Zeit, darf man fragen. Und fragt Amende eigentlich auch, auch wenn er sich der Reflexion in seinem Gedicht völlig enthält, nur beschreibt, was passiert. Oder auch nicht passiert.

Denn jetzt hat sich ja alles, wo eben noch Menschen geschäftig waren, in ein Stillleben verwandelt. Die zurückgebliebenen Dinge lassen die Anwesenheit des Menschen nur noch vermuten.

Was so erscheint, ist natürlich die Poesie der Welt, eine von Stille erfüllte. Man darf sie wieder hören – die Vögel, die Insekten, die Regentropfen. Amende muss sie gar nicht besingen. Indem er benennt, was gerade geschieht, lenkt er den Blick. Richtig starke Poesie kommt ohne Kommentar aus.

Was Amende leider nicht ganz aushält. Vielleicht hat er doch ein wenig zu viel Walt Whitmanm gelesen. Auf Seite 20 taucht ein erstes „Oh!“ auf. Und man stutzt und kann es nicht fassen: Wer sagt hier ein „Oh!“? Ist der Dichter also doch nicht nur der stille Beobachter? Hält er es nicht aus, die Welt unkommentiert so sein zu lassen, wie sie ist?

Es überrascht auch deshalb, weil Amende wie beiläufig einen anderen Dichternamen einstreut: William Carlos Williams.

Der ja nun einmal bekannt ist für seine minimalistische Schule. Weg mit dem ganzen lyrischen Gerümpel, das im späten 19. Jahrhundert aus jedem Lyrikband wucherte, diese ganze Attitüde des Spitzentanzes, in dem die Dichter die Welt hinter lauter faden Bildchen und Vergleichen versteckten, als würden sie der Wirklichkeit nicht vertrauen. Als würde die Welt erst poetisch, wenn sie mit Herzchen und Tüll und Konfitüre überhäuft wird.

Die Lakonie der Vergänglichkeit

Dabei zeigte Williams in lakonischer Genauigkeit, dass alle Poesie in den Dingen liegt. Wir müssen nur aufhören, uns wie Clowns zu benehmen und in Pose zu werfen. Wir müssen nur hinschauen. So, wie es (bis auf das seltsame „Oh!“) Olav Amende im ersten Gedicht in diesem Büchlein tut: „Reflexionen“.

Das aber keine Reflexionen enthält, nur Registrierungen dessen, was vor sich geht: Aufmerksamkeit pur. Da wird selbst der Müll in der Stadt zu einem verdichteten Motiv. Das, was zurückgeblieben ist, erzählt von den Abwesenden. Egal, ob sie nur kurz einmal fortgegangen sind oder etwas Schlimmes passiert ist, das die Menschen in der Stadt einfach hat verschwinden lassen.

Man kann dieses Gedicht auch als Projektion lesen in eine Zukunft, in der es den Menschen mit seinem rücksichtslosen Umgang mit der Welt nicht mehr gibt. Er seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört hat und eine Welt zurückbleibt, in der nur noch für eine gewisse Zeit seine Artefakte davon zeugen, dass er da war. Bevor Wind, Regen, Hagel und Sonne ihr wohltuendes Werk verrichten und die Dinge wieder zu Staub verwandeln.

Tatsächlich stecken ja zwei Gedichte in diesem Band. Das zweite ist der aufgeschriebene Widerspruch zum ersten: „echos“. Man hat im Grunde dieselbe Landschaft vor Augen. Doch jetzt ist sie wieder erfüllt von all dem Lärm und Treiben von Menschen, die Stille und Zeit sowieso nicht aushalten. Reifen quietschen, Ketten von Freisitzen werden abgenommen.

„in großen / in eiligen / schritten macht sich ein leitender angestellter auf den weg ins büro“. Die Technik, mit der Amende beschreibt, was er sieht, ist dieselbe. Doch jetzt verschwindet das Leben in der Natur völlig hinter der Geschäftigkeit der Menschen. Einer völlig abgekapselten Tätigkeit. Denn Ohren für die Welt hat der leitende Angestellte nicht. Er korrigiert den Sitz der Airpods in seinen Ohren.

Die stille Beobachterin

Auf der Brücke zischt die Espresso-Maschine eines mobilen Kaffeestandes. Und auf der Intensivstation zieht sich die leitende Stationsärztin Einmalhandschuhe über. Jene Einmalhandschuhe, die im ersten Gedicht schon im Müll steckten.

Es ist, wie man merkt, eine andere Abwesenheit, die Amende hier sichtbar macht – jetzt ist nämlich die stille Welt abwesend, die im ersten Gedicht zu sehen war. Zu entdecken geradezu, auch wenn andere Autoren diese Bilder eher als Bilder der Einsamkeit und der Verlorenheit benutzt hätten.

Denn auch Literatur hält Stille und Vergänglichkeit eigentlich nicht aus. Sinn können auch die meisten Autoren nur finden, wenn in ihren Geschichten menschliche Aktion passiert, die Welt sich durch menschliches Agieren verändert. Oder auch nicht verändert, weil die Tätigkeiten die immer gleichen sind.

Vibrierende Glasfassaden, zischende Espressomaschinen und dann das, was man sieht, wenn man die Menschen beim Shoppen sieht: scharrende Füße, knisternde Plastiktragetaschen in der Innenstadt.

Und während im ersten Gedicht mit der einbrechenden Dunkelheit die Lichter der Stadt, ganz automatisch, von Zeitschaltuhren ausgelöst, angehen, hat hier dieses Aufleuchten der Stadt eine Beobachterin: „An der scheibe eines hochhauses / verfolgt ein mädchen das / aufleuchten der / straßen das / aufleuchten der / led-straßenlaternen …“

Das Mädchen sitzt in der dichterischen Position. Sie sieht, was die da unten immerfort Geschäftigen nicht sehen. Zur Poesie des Daseins gehört die Fähigkeit zum Innehalten und Nichts-Tun. Ein paar Wochen lang durften wir das erleben. Gezwungenermaßen.

Die Bühne Welt

Aber das scheint jetzt auch schon wieder ein halbes Leben her. Die Räume sind wieder mit Lärm und Wichtigkeit erfüllt. Wer stehenbleibt und einfach zuschaut, wie alles da ist, steht in der Regel im Weg und muss sich rechtfertigen. So wie die Künstler fast aller Sparten sowieso und seit der Corona-Zeit erst recht.

Olav Amende sieht ja die Welt auch als Bühne – weniger im Shakespearschen Sinn, der damit eher die Schauspielerei der ganzen Rollenspiele meinte, dafür mehr im Handkeschen Sinn, denn „abwesenheiten“ hat auch etwas von „Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“.

Denn so ähnlich treten ja auch die Menschen in „echos“ auf. Sie tun, was sie wahrscheinlich jeden Tag tun. Es ist ihr Broterwerb, ihr Job, ihr Geschäft. Selbst der Mann ohne Zuflucht agiert auf der Bühne Stadt, als liefe er auf vorgeschriebenen Gleisen seine Runden.

Nur das Mädchen im Hochhaus fällt aus der Rolle, hat noch die Muße zuzuschauen, wie die Stadt in Licht getaucht wird. Und so auch das Poetische zu sehen, das in all den Dingen steckt, die Menschen tun. Am Ende geradezu gefangen von der Fülle, während zwei Männer …

Alles passiert gleichzeitig. Wir sehen es nur nicht. Wir sehen nur, was wir auch bewusst beobachten. Wenn wir uns also herausnehmen aus dem stetigen Agieren und dem Irgendwas-tun-Müssen. Wer sich herausnimmt, ist ganz anders anwesend, auch wenn er so sichtlich nutzlos nur am Fenster steht und zwischendurch sogar überschwänglich wird beim Beobachten: „Oh!“

Vielleicht ist es das: Man kann sich nicht immer nur als Beobachter zurückhalten. Manchmal will das Staunen benannt sein, was da alles vor unseren Augen geschieht, und wir haben es vorher nie gesehen, weil wir immer in Eile waren. Mobilisiert von einer Zeit, die ein Innehalten nicht kennt.

Bestenfalls eines wie Faust, der sich ja bekanntlich irrt bei dem, was er zuletzt zu sehen glaubt. Man kann den „Faust“ auch als ein Drama der Unfähigkeit inszenieren, den Moment auszuhalten, wie er ist.

Und mal gar nichts damit zu machen. Mal nichts anzustellen. Mal nichts zu sezieren und zu verbrauchen. Als wäre die Welt zum Verbrauchen da. Und nicht zum Bestaunen.

Olav Amende abwesenheiten Parasitenpresse, Köln 2022, 12 Euro.

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