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Die Flöte des Toten: Die Gedichte des portugiesischen Dichters José Viale Moutinho und die Verwüstung der Welt

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    Fünf Moutinhos kennt die deutsche Wikipedia, drei davon sind Fußballer. Das sagt eigentlich alles darüber, was selbst so eine unabhängige Enzyklopädie überhaupt wahrnimmt aus dem EU-Mitgliedsland Portugal. Die anderen beiden Moutinhos sind Sänger. Dichter oder Journalisten? Fehlanzeige. Höchste Zeit, mal einen Dichter namens José Viale Moutinho vorzustellen.

    Wobei auch anzumerken ist: Die portugiesische Wikipedia machte das Auffinden von José Viale Moutinho auch nicht leichter. Und wenn man ihn findet, stehen zwei dürftige Zeilen da.Obwohl darunter eine lange Werkliste steht nebst drei Preisen, die der in Porto lebende Journalist, Kinderbuchautor und Dichter bekommen hat. Der auch schon in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Ins Deutsche übersetzt hat seine Gedichte die österreichische Romanistin und „Lusitanistin aus Leidenschaft“ Ilse Pollack, die im Nachwort „Fünfzig Flaschen Portwein für die Dichter“ über ihre erste Begegnung mit Moutinho erzählt, damals noch Redakteur bei der zweitgrößten portugiesischen Tageszeitung „Diário de Noticias“.

    Damals – das war 1979, als Ilse Pollack noch ein Buch über Trás-os-Montes, die Provinz „Hinter den Bergen“, plante, eine Region, über die Moutinho mehrere vielgelesene Reportagen geschrieben hatte und die er wohl auch kennt wie kein Zweiter, auch deshalb, weil er dort bei seinen Großeltern im Örtchen Almendra einen Großteil seiner Kindheit verbrachte.

    Diese Region im Nordosten Portugals ist typisch für jene europäischen Regionen, die schon frühzeitig erlebten, wie sie von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt wurden. Wikipedia schreibt dazu: „Es ist eine der historischen Provinzen Portugals mit den meisten Auswanderern und eine der am stärksten unter Entvölkerung leidenden.“

    Mehrere Gedichte hat Moutinho auch diesem Kindheitsort gewidmet, Gedichte, die auch das Bild einer zunehmend vertrocknenden Landschaft einfangen. Denn anders als die „schrumpfenden“ Regionen in Nord- und Mitteleuropa verbindet sich die Entvölkerung dieser Gebiete im Süden meist auch mit zunehmenden klimatischen Schäden in einer einst funktionierenden Landwirtschaft.

    Logisch, dass Moutinhos Gedichte über Almendra nicht nur Erinnerungen an das Haus und den Garten der Großeltern beinhalten, sondern auch die vergehende Landschaft beschreiben. Es sind eben nicht nur die Menschen, die sterben. Es sind mittlerweile eben auch einst blühende Landschaften. Und man versteht, warum Moutinhos Gedichte ein durchaus als traurig zu bezeichnender Ton durchzieht, nicht einmal trauernd. Das würde wohl seinem Charakter nicht entsprechen.

    Sich selbst bezeichnet er gerade im Kapitel „Der Herbst des Lebens“ als einen Menschen, der eigentlich nicht stillsitzen und aufhören kann, auch wenn er jetzt merkt, wie ihn sein Körper immer öfter im Stich lässt. Das findet man auch in der Lyrik nicht wirklich oft, dass ein begabter Dichter auch die frustrierenden Abbauprozesse des Alters so sanftmütig und ernsthaft beschreibt und überhaupt des Beschreibens für wert hält.

    Anders als es das Vorwort suggeriert, ist diese Sammlung kein Reigen von Totengedichten, auch wenn es im ersten Kapitel um „Tote und Orte von Toten“ geht, manche davon berühmt, manche nicht.

    Eigentlich steckt darin eher das Aufmerken des damals noch deutlich jüngeren Autors darüber, dass man sich durchaus ernsthafte Gedanken darüber machen kann, wo ein Mensch denn nun eigentlich abbleibt, wenn er stirbt, wie viel er mitnimmt und was hinterher noch bleibt, wenn die Gebeine des Verstorbenen nicht gar an einen dauerhaft gesicherten Ort verfrachtet werden, so wie die Gebeine Pessoas.

    Was geht wirklich verloren? Und was bleibt gar, wenn ein Genie wie Camilo Plácido stirbt, vom Staat nie wirklich gewürdigt, aber noch für Generationen in portugiesischen Lesebüchern zu finden, „bedeckt schon von einem leicht ranzigen geruch“?

    Das sind nicht wirklich Requiems, die Moutinho hier schreibt, keine Elogen auf die verehrten Toten. Eher sehr nüchterne Betrachtungen über das Vergängliche und die Rolle, die wir darin spielen.

    Denn dass einer selbst nicht bleiben wird, ist ihm klar. Und trotzdem sieht er den Schreibtisch, auf dem die Unordnung nicht aufhört, sieht die Umwelt immer gesichtsloser werden, „ohne eleganz entworfen von einem architekten aus norddamerika“, und macht sich Gedanken über Gedächtnis und Erinnerungen, nur um festzustellen, dass manches, was ihn immer noch beschäftigt, ihn eigentlich nichts angeht. „Plötzlich werd‘ ich gewahr dass ich nichts zu / schaffen habe mit dem was ich nicht vergessen kann“.

    So ist man ja auch vollgepackt mit den Narreteien der Welt, aus denen man sich beim besten Willen nicht heraushalten konnte, all den Wichtigtuereien, die unsere Abendnachrichten füllen und bei denen man sich später fragt: Warum haben sich die Leute darüber eigentlich aufgeregt? Warum haben sich diese Gecken so wichtig genommen und die Meute der Kameraleute hat sie auch noch inszeniert?

    Natürlich schweift das jetzt ab, denn all das kommt in Moutinhos Gedichten nicht vor, ist weder aufhebens- noch beschreibenswert. Schon gar nicht, wenn man so alt geworden ist und sieht, was bei all dem Theater kaputtgegangen ist. In „Orte“ beschreibt Moutinho genau das: Das Verlorengehen einst lebendiger Orte. Natürlich ahnt man hier das Land hinter den Bergen und Almendra mit seiner stillgelegten Bahnstation. Aus den Parks sind die „gewissen Blumen“ verschwunden, „ein haus nach dem anderen steht leer in den historischen zentren“.

    Sage niemand, dass die Portugiesen mit ihren abgehängten Regionen verständiger umgegangen sind als die Deutschen. Überall in Europa entstehen diese Löcher in einst belebten Landschaften, verwandeln sich uralte Städte in leere Gehäuse, oft regelrecht entkernt, weil ringsherum die Einkaufs- und Gewerbezenten wuchern.

    Man sieht, wie die Dinge falschlaufen und die Städte nicht mehr die Orte sind, in denen Menschen zu Hause sein können, weil alles seltsamen, nie erklärten Gesetzen gehorcht, denen die Menschen, ihre Heimat, ihr Lebendigsein völlig egal sind.

    Die Krisen unserer Zeit haben mit diesem sich gern als pragmatisch verkaufenden Denken zu tun, das aber letztlich den „peripheren“ Landschaften das Leben entzieht, die Menschen geradezu zwingt zu migrieren, dorthin zu ziehen, wo sie sich selbst noch verwerten können.

    Und ganz logisch folgt diesen so randständigen Orten ein Kapitel „Randständige“, über Menschen, die es an den Rand gespült hat, die Alten, die Einsamen und Hauslosen, die Leute, die auf „verlegene Art“ auf einer Parkbank sitzen, „mitten im Winter“. Klar, da sieht der selbst Gealterte sich gespiegelt. Die Aufmerksamkeit verändert sich ja, wenn man selbst beim besten Willen nicht mehr mithalten kann bei den Kraftmeiereien der Jungen.

    Zumindest bei aufmerksamen Autoren wie Moutinho, die gar nicht erst anfangen, sich über die Vergänglichkeit zu belügen und einen auf Springinsfeld zu machen. Und wenn einer so gelernt hat, einfach wahrzunehmen, was er vor Augen sieht, dann entwickeln diese Notate aus dem Tag eine eigene Dichte, werden natürlich zum Gedicht, weil sie das Dasein fassen, wie es sich nun darbietet – ganz und gar nicht trist, grau und nicht des Sagens wert.

    Im Gegenteil: Selbst im Verstummen der Randständigen erscheint eine Poesie des Lebens, ganz ohne Überschwang und falsche Tünche. Das Leben ist so, voller anderer Intentionen und Intensitäten. Und man merkt erst richtig, wie die Fäden zerreißen, wenn dann auch noch die geliebten Katzen und guten alten Freunde sterben. Denn verbunden mit der Welt ist man durch die Lebewesen, mit denen man das Erlebte teilt. Da erschreckt dann nicht mal mehr das Bild vom Tod in der Notaufnahme: „die anderen / sind perplex und sagen / dass er verlosch wie / ein namenloses vögelchen“.

    Natürlich kann das traurig machen, wenn man sich dann eingesteht, dass nichts anderes bleiben wird, dass alle so gehen und sich bald kein Mensch mehr erinnern wird (außer die Leute, die bei Wikipedia über viel zu kurze Einträge stolpern). Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das irre Treiben unserer Gegenwart eigentlich eine verkleidete Angst genau vor dieser Erkenntnis ist, jeder ein König Midas, der den Hals nicht voll genug kriegen kann, nur um nicht die Konsequenzen des eigenen Tuns zu sehen – so wie die sich entleerenden Orte hinter den Bergen.

    Natürlich kann man pessimistisch werden, wenn man mit dieser Klarheit des auch noch im Gedicht nüchternen Beobachters sieht, wie die Menschen nicht nur ihre Städte und Landschaften verwüsten, sondern auch das Leben ringsum. Und Moutinho hat lang genug gelebt, um diese Veränderungen registrieren zu können. Nur auf den ersten Blick ist das wie eine Trauer um eine vergangene Welt. Leider, darf man sagen.

    Denn diese Entkernung des Lebendigen findet vor unser aller Augen statt. Auch wenn die meisten, die sich noch immer blindlings in diese Jagd nach dem Glück stürzen, diese Zeichen der Verwandlung der Welt in eine Wüstenei nicht wahrhaben wollen. Dazu muss man wohl – wie dieser gealterte Dichter – stillsitzen und sehen, was vorm Fenster tatsächlich geschieht: „es gibt häuser die verschwanden / und die leute verloren das gefühl für das unechte“.

    Moutinho muss tatsächlich in einem Haus mit Blick auf einen Fluss leben. Vielleicht ist es tatsächlich der Douro, der auch durch die Landschaft seiner Kindheit fließt, sich in Porto, wo er ins Meer mündet, aber schon in so eine Art Müllschlucker verwandelt hat: „So viele Dinge sehe ich von der veranda aus, sogar boote, / die liegen geblieben sind im sand und verfaulen / am ende des strandes, reste von netzen und reiher, / blaue leere flaschen und gar nichts“.

    Was bleibt am Ende, wenn man weiß, dass die Eiligen und Gedankenlosen nie zugehört haben, sich nie für die Warnungen in den stillen Texten der Dichter interessiert haben? „Wenn die zeit sauer wird, oder blind, wer ist dran schuld / wollen wir wissen, fragen die alten im dorf …“ Mit den Alten sterben die Geschichten und die Erinnerungen daran, dass die Welt einmal lebendiger war und keine Müllhalde. Lest mehr, möchte man sagen, lernt wieder so aufmerksam zu schauen wie die Dichter.

    José Viale Moutinho Die Flöte des Toten, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2021, 19,95 Euro.

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      1 KOMMENTAR

      1. Gut geschrieben – wie immer. Macht Lust aufs Lesen. Schade, dass die portugiesische Literatur abseits von Pessoa so unbekannt ist hierzulande.

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