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Glossar des Prinzen / Selbstporträt mit Zwerg: Die unerhörte Ungewissheit des Lebens im unfassbaren Jetzt

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    Kürzlich haben wir an dieser Stelle den neuen Gedichtband des Dresdners Volker Sielaff „Barfuß vor Penelope“ besprochen. Die Edition Azur hat bei der Gelegenheit auch zwei ältere Gedichtbände von Sielaff in diesem Band neu veröffentlicht. Sie erschienen 2011 und 2015 und sind vergriffen. Zuweilen wirken sie wie ein Vortasten für den „Penelope“-Band. Denn dazu musste Corona gar nicht erst kommen, damit Dichter merken, wie unsicher das Leben auf der Erde ist.

    Oder in Sachsen. Oder in Dresden. Das ist völlig egal. Menschen, die wirklich als Dichter auf die Welt schauen, lassen sich nicht blenden. All der Firlefanz, der Millionen Wohlstandsbürgern so wichtig ist, sie ins Hamsterrad treibt und in panische Ängste versetzt, wenn sie mal nicht shoppen dürfen, kommt in den Versen sensibler Dichter nicht vor. Warum auch?

    Er spielt keine Rolle im Leben, berührt nicht mal die wirklich starken Emotionen und schon gar nicht das Bündel aus Erwartungen, Lebensfreude, Verwirrung und Unsicherheit, das der Mensch tatsächlich ist. Was die meisten vielleicht im Corona-Shutdown wieder ein wenig gespürt haben. Wohl auch mit dem Ergebnis, dass sie dann wie panisch nach einer schnellen Öffnung riefen.

    Nur ja wieder besinnungslos sein dürfen, in Trab gesetzt, in Stress und Routinen. Nur ja nicht damit konfrontiert werden, dass alles, wirklich alles am Menschsein fragil, unsicher und rätselhaft ist. Endlich sowieso. Da und dort taucht ja so langsam das Eingeständnis auf, dass der Konsumrausch und das wilde Daddeln in den Internet-Kanälen vor allem von einer Angst getrieben ist: der Angst vor dem Tod.

    Wer um die Endlichkeit seines Da-Seins weiß, der hält inne, der betäubt sich nicht und stürzt sich auch nicht in Vergnügungen, Ablenkungen und Unterhaltungen. Dazu ist Lebenszeit viel zu kostbar. Obwohl dieses Wort natürlich irreführt und auch bei Volker Sielaff nicht auftaucht.

    Gerade in dem 2011 erschienenen Band „Selbstporträt mit Zwerg“ gibt es einige Gedichte, die wirken, als hätte er sie jetzt geschrieben – in dieser seltsamen Zeit, da Wissenschaftler einen Augenblick lang einmal Gehör bekamen und ein wenig Rationalität auch in die Politik einzog, verbunden mit Nachdenklichkeit, die man sonst in politischen Debatten kaum findet. Man denkt zwar immer, Politik geschehe im Jetzt.

    Aber wenn man Sielaffs Gedichte liest, merkt man, dass Politik eigentlich immer in der Vergangenheit lebt. Denn auf ein Jetzt müsste man sich besinnen, egal, ob man dazu wissenschaftliche Methoden verwendet oder es wie der 1966 in der Lausitz geborene Dichter macht, der sich auf den Moment einlässt und immer neu versucht, ihn zu erfassen mit möglichst genauen Worten. Was nicht ausschließt, dass er sehr wohl mit poetischer Neugier wahrnimmt, was Wissenschaftler über unsere Welt und das menschliche Zeitalter herausgefunden haben.

    Wissenschaft kann sehr poetisch sein. Und sehr konsequent. So wie in „Letzter Mensch“, einem Gedicht, in dem Sielaff in farbkräftigen Bildern davon erzählt, wie sehr der Bewohner des Technikzeitalters noch immer der alte, vom Leben im Wald geprägte Mensch ist, der sich in seiner neuen Welt eigentlich völlig fremd und unsicher fühlt. Gefühle, die die meisten Menschen verdrängen oder mit Romantik zukleistern.

    Aber die Ängste überschatten das ganze technische Zeitalter. Woran ja auch die Dichterin Nora Gomringer in ihren „Monster“-Gedichten erinnert. Die Ängste, die wir zu Tabus erklären (und es gibt erstaunlich viele solcher Tabus), tauchen alle wieder auf – auch in der Verschwörungspanik dieser Tage. Da werden Menschen besinnungslos, suchen verzweifelt nach einen Fluchtweg, weil sie nicht wirklich wissen, wovor sie sich so sehr fürchten. Oder vielleicht besser formuliert: Was in ihnen sich so fürchtet.

    „Hier ist er, frühes einundzwanzigstes Jahrhundert, entkräftet, erschöpft. / Wessen Schuld? Glänzende Töpfe, Pfannen, blanke Messer / lockten ihn …“

    Man sollte so ein Unbehagen durchaus ernst nehmen. Denn es bricht sich immer wieder Bahn, wenn die Versprechen der Moderne brüchig werden, wenn vielen Menschen ihre Abhängigkeit erst so richtig bewusst wird. Denn wer das Gefühl hat, die eigene Gegenwart nicht mehr zu beherrschen und nicht zu verstehen, der flieht in die seltsamsten (Kopf-)Welten.

    „In seinem Innern baute er weiter Palmhütten, darin / er sich mit unseren Radios, unseren Notfallplänen versteckte. / Hinab in eine noch tiefere Einsamkeit …“

    Und dem „Ersten Menschen“ (das Gedicht folgt gleich darauf) geht es eigentlich nicht anders, auch wenn er sich als formbares Produkt der eigenen Machbarkeit unterwarf: „Die Minerale / wuchsen ihm zu, die Mammutbäume, die Träume / der Psychologie, alles wuchs ihm zu, zielte ab / auf ihn, verwarf ihn, verbot ihn, bis zum Exzess …“

    Doch diesen Helden in seinem Gedicht lässt Sielaff innehalten und staunen: „Aber der Augenblick / zeigt sich, im Erblühen / der Wolfsmilch auf einer Wiese, im Erstaunen / des Kindes über das Erblühen der Wolfsmilch auf einer Wiese …“

    Auch die Technik, die Sielaff bevorzugt, wird hier sichtbar, wie der Dichter selbst im Schauen staunt, sich vergewissert, registriert. Der Augenblick ist das wahrgenommene und gefühlte Jetzt, das Bewusstwerden des Besonderen und gleichzeitig Vergehenden. So analysiert er auch seine Liebe, seine Partnerschaft, das Unsichere in der engsten Beziehung.

    Das scheinen auch einige Frauen nicht auszuhalten, denn das kennen sie ja von Männern nicht, dass die nun gar selbst benennen, wo sie im Zwischenmenschlichen die brüchigen Stellen sehen, den möglichen Abschied schon vorweg denken. Denn sicher ist gar nichts.

    „Nur wenige Quadratmeter / machen den Ort, an dem du dich / sicher fühlst, vollzählig vorhanden / mit all deinen Unsicherheiten …“ („Großer dampfender Morgen“).

    Die meisten Menschen überspielen das (auch Frauen), geben sich selbstsicher und total von sich überzeugt, tun so, als hätten sie alles im Griff (auch ihre Partnerschaft) und reagieren entsprechend panisch (und aggressiv), wenn das Brüchige zum Vorschein kommt und sich nicht mehr leugnen lässt. Und damit die ganze Unsicherheit des Lebens.

    „Ich weiß nicht, wie es hätte weitergehen sollen / mit dir mit mir mit uns wenn wir uns nicht / so billig hinweggetröstet hätten jeder mit seinen / Ausflüchten …“ („Gelobt sei“).

    Wobei es Sielaff dabei nicht belässt. Seine Gedichte sind keine Klagen um Verlorenes. Denn verlieren kann man nur, was man glaubt, besessen zu haben. So wie der moderne Mensch sich über Besitzen definiert und damit immer wieder scheitert. Weil er sich damit belügt. Gerade wenn es Menschen betrifft.

    „Für Sina“ hat Sielaff einen ganzen Zyklus geschrieben, der im Grunde in teilweise sehr lucide Bilder fasst, wie tief einen die Begegnung mit einem Menschen berühren kann, wie sie uns das Leben geradezu ins Auge, ins Hirn, ins Herz schlägt. Wer sich berühren lässt, wird verletzlich. Der lässt zu, dass er das Leben spürt und merkt, dass nichts in seiner Macht steht.

    So kommt die Freude über die, die einem nahe sind, mit der Angst zusammen, sie zu verlieren. Der 2015 erschienene Band „Glossar des Prinzen“ klingt deutlich distanzierter. Als wäre das Verletzlichsein, die Dünnhäutigkeit nicht immer auszuhalten. Dafür taucht Sielaff hier ein in die Gedichte anderer Dichter und die Gemälde von Malern, beschreibt sie, wie er die Augenblicke am Fenster oder das Staunen auf der Wolfsmilchwiese beschreibt.

    Zeigt damit, dass Kunst vor allem von diesem unvoreingenommenen Staunen lebt, von dieser Tür, die Künstler uns öffnen mit einem zufälligen Blick in ihre Welt. Ein Angebot, so wie der Regentag auf der Bahnhofstraße oder der Moment auf der Fähre Kloster, in dem das Erleben auf einmal zu einem Bild wird: „eine Figur die Perlen aufreihte / auf einer Schnur: und dann die nächste und dann / eine weitere nächste aber was für ein Wort gibt es / für dieses ,zwischen‘ in dem Windstille / gar nicht vorkommt?“ („Auf der Fähre Kloster – Stralsund, Sommer 2011“).

    Das sind Momente, in denen andere Leute verblüfft den Kopf schütteln oder von ihren Mitreisenden am Ärmel gezupft werden: „Träumst du?“ Und sich ganz schnell bemühen, wieder richtig zu funktionieren und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie eben gerade einen Zipfel von der Unerhörtheit des (bewussten) Lebens im Kopf hatten, so einen Gedanken, der wichtig sein könnte, wenn man jetzt nicht gerade wieder irgendwas Wichtigeres zu tun hätte. Da hat man ja keine Zeit, sich solche Gedanken zu machen, nicht wahr? Schnell abschütteln, vergessen, weitermachen. Der letzte Mensch baut immer noch Hütten aus Palmblättern, inwendig, da, wo es die anderen nicht sehen können.

    Volker Sielaff Glossar des Prinzen / Selbstporträt mit Zwerg, Edition Azur, Dresden 2020, 20 Euro.

    Barfuß vor Penelope: Mit offenen Augen und unersättlicher Liebe zum Überfluss der Welt

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