Miniaturen sind Grenzgänger. Flüchtendes Wild. Romane, die keine Lust haben, groß und stark zu werden. Gedichte in Prosa. Brotkrümel vom Tisch des fleißigen Autors. Oder lauter eilig Notiertes, das einmal wie ein richtig guter Anfang für ein wahnwitzig gutes Buch klang. Und dann verschwand der prickelnde Anfang von etwas im Zettelkasten oder Notizbuch. Und wenn der Autor ihn dann später beäugte, war es ein glitzernder Kieselstein. Vielleicht doch eine Geschichte? Oder gleich 99?

Für die beiden Autoren Martin Lechner und Tobias Premper, beide Jahrgang 1974, war das gar keine Frage. Beide haben schon ihre Erfahrungen mit Miniaturen gemacht. Und per Internet und E-Mail verknüpften sie sich nun gar zum Schöpfergespann, schrieb jeder seine 33 Miniaturen. Und bei weiteren 33 Miniaturen spielten sie sich die Bälle zu, schrieb einer den Anfang und der andere formulierte und formte weiter, bis eine neue Miniatur daraus entstand, der man nicht immer ansieht, welcher Part nun von welchem Autor stammt.Manchmal sieht man es dennoch. Denn Sprache ist immer verräterisch. Man erkennt die eigensinnigen Autor/-innen am Stil. Wer keinen Stil hat, sollte auch keine Bücher veröffentlichen, wünscht man sich ja manchmal als Leser und erinnert sich an die Berge traurigen Papiers in Buchform, die man in Blauen Tonnen beerdigt hat. Was natürlich nichts hilft. Es werden weiter Bücher ohne Stil veröffentlicht und viel gekauft. Wozu die Bücher dieser beiden Autoren nicht gehören. Und „Gelati! Gelati!“ zeigt auch, warum das so ist.

Denn Geschichten beginnen immer als Keim, als verrückte Idee, besonderer Moment, kleines Stutzen und Aufmerksamwerden. Denn wir Menschen erleben die Welt als Geschichten. Was wir uns nicht erzählen können, wird für uns nicht fassbar. Was aber erzählt werden kann, wird zur Geschichte. Macht uns aufmerksam und neugierig. Lässt uns stutzen.

Der Schuh ist zu groß, passt aber

Deswegen erzählt gute Literatur immer mehr als das Übliche. Sie ertastet auch die surrealen Räume am Rand unserer Wahrnehmung. Die wir meist gar nicht registrieren, weil wir immer in Eile sind, abgelenkt, im Stress, unaufmerksam eben. Viel wichtiger als das Nachwort von Georg Klein, das eigentlich eher ein eigener kleiner Essay ist, mit dem er sich der von Lechner und Premper gepflegten Miniatur-Arbeit aus schriftstellerischer Sicht nähert, ist das davor zu findende Gespräch der beiden.

Darin spielen sie sich die Bälle zu, erzählen einander, wie sie zu Miniaturen kommen und damit umgehen. Dass sie dabei auch mal bis zu Luis Buñuel und Salvador Dali greifen, überrascht nicht, auch wenn einem von beiden dieser Schuh zu groß ist. Oder besser so geschrieben: „Dieser Schuh ist zu groß“. Denn das ist nicht nur ein Zitat, sondern auch Arbeitsmaterial.

Was die beiden in ihren Miniaturen immer wieder zeigen: Die ganze Phantasie unseres Welterlebens steckt schon in der Sprache. Unsere Sprache ist farbenreich, bilderreich, poetisch. Eine kleine Korrektur im Satz, und schon nimmt die Geschichte eine andere Wendung.

Miniaturen erinnern uns auch daran, dass unsere Sprache Poesie ist. Weshalb es bisher eher Dichter waren, die die Miniatur pflegten, auch wenn sie bei ihnen Prosagedicht heißt … was jetzt auch wieder Quatsch ist. So nennen das die Literaturwissenschaftler. Dichter sprechen eher von Gedichten in Prosa. Oder – weil Charles Baudelaire mit „Le Spleen de Paris“ in dem Genre erst so richtig für Aufmerksamkeit gesorgt hat – von poème en prose.

Die Angst des Homo oeconomicus vorm Träumen

Denn dass wir in Gedichten und guten Romanen wirklich richtig abtauchen können, das hat mit unserer Fähigkeit zu tun, die Dinge im Kopf lebendig werden zu lassen. Und das werden sie nur, wenn der Text Türen öffnet, Wege, die Dinge überhaupt erst einmal vor Augen zu sehen. Und sich auch das Phantastische vorzustellen, von dem es in „Gelati! Gelati!“ natürlich auch wimmelt.

Eigentlich dominiert es sogar. Denn das Surreale gehört zu unserem Leben. Mancher registriert es mit inniger Freude, erlebt es als Tagtraum, Verblüffung, Staunen. Die meisten verdrängen es lieber, weil ihnen Mutters grimmige Mahnung im Nacken sitzt: „Träumst du schon wieder?!“

Nein. Die meisten träumen leider nicht. Es sind Tatmenschen, die glauben, dass sie nur eifrig ihre Bahnen abspulen müssen, dann wird das schon. Ja. Wird es auch: Unsere Welt geht in die Binsen. Hoch lebe der Homo oeconomicus. Dieses Rindvieh auf zwei Beinen und im Nadelstreifenanzug. Das abends garantiert weder Zeit noch Lust hat, sich mit einem Buch hinzusetzen.

Sie merken schon: Da ist eine stille, kleine Wut in mir, die nicht weichen will. Denn diese Rotzlöffel zerstören mit ihrer phantasielosen In-Wert-Setzung der Welt alles, was unser Leben hinieden wirklich lebenswert macht. Phantasie, Verwunderung und Staunen haben in ihrer Welt keinen Platz.

Wenn alles schon in den ersten Sätzen passiert ist

Gerade das, wofür Lechner und Premper hier tatsächlich werben. Jede Miniatur ist eine Einladung zum Eintauchen, Staunen und – hoppla – da ist die Geschichte schon wieder zu Ende. Obwohl sie nicht wirklich zu Ende ist. Es ist zwar etwas passiert. Manchmal ganz Alltägliches, manchmal Seltsames. Aber der Spannungsbogen ist ganz kurz.

So kurz, dass man aber trotzdem merkt, dass die meisten Geschichten tatsächlich in drei Zeilen oder auf eine halbe Seite passen. Sodass es meist gar keinen Sinn ergibt, sie jetzt noch breit auszuwalzen auf 600 Seiten. Denn alles, was wirklich wichtig war, ist schon im ersten Moment passiert.

Oder im zweiten. So, wie im richtigen Leben. Nur würdigen wir diese Geschichten im Alltag fast nie. Manchmal stutzen wir. Fragen uns kurz: Was ist denn jetzt passiert? Lechner und Premper zeigen, wie man das trotzdem aufschreiben kann. Und vielleicht auch sollte, obwohl man dazu wohl auch – wie sie – ein Notizbuch dabeihaben sollte, in das man sofort aufschreiben kann, was man erlebt oder gesehen hat.

Wahrgenommen im wahrsten Sinne des Wortes. Denn anders als die Narren, die heute überall behaupten, sie hätten DIE Wahrheit gefunden, kommt das ursprüngliche Wahrhaben von Gewahrwerden. Dinge wirklich zu sehen, wie sie gerade passieren. Und durchaus auch stutzen darüber, wie sie uns begegnen.

Denn das Wunderbare liegt in unserem Erleben immer schon als Keim, als Beginn von etwas, das durchaus auch zu einer ganz großen und ausgewachsenen Geschichte werden kann. Einer Geschichte, die wir uns dann ein Leben lang immer wieder erzählen.

Wenn’s auf einmal anders ausgeht

Oder es wird eine völlig andere Geschichte. Denn wer – wie Lechner und Premper – weiß, dass sich aus dem Keim auch eine völlig andere Geschichte entwickeln kann, wenn man sie nur gießt und hegt und pflegt, der weiß auch, dass schon ein anderes Wort, ein kleiner schräger Einfall genügen – und schon ist es passiert, ist aus dem Finden einer Haselnuss in einer Tüte schon die Vorstellung geworden, auf einmal am Meer zu sitzen.

Oder wird im Gang eines vornübergebeugten Mannes auf der Straße ein imaginärer Sturm. Immer steckt auch schon im Moment des Beginnens die Möglichkeit, dass die Sache völlig anders ausgeht. Was den Reiz vieler dieser kleinen Miniaturen ausmacht.

Georg Klein staunt über die vielen unverhofften Todesfälle. Und es stimmt ja: Unsere Phantasie geht zuweilen erstaunliche Wege, die der beiden Miniaturisten erst recht, die sichtlich selbst immer wieder gespannt sind auf das, was mit ihren doch eigentlich ganz einfachen Heldinnen und Helden passiert, wenn sie nur ein kleines bisschen am Text feilen.

Da tun sich dann unverhoffte Löcher in Wiesen auf, erstaunliche Unfälle passieren, manchmal auch Fluchten oder diverse Arten des Verschwindens. Am Ende steht die erstaunlich poetische Gewissheit, dass alle Versuche, die Wirklichkeit und die Wahrheit festzunageln, vergebliche Liebesmüh sind. So etwa, wie es Premper formuliert: „Du mit deiner vergeblichen Hoffnung, dass alles schon wieder irgendwie werde. Nichts wird wieder. Nimmermehr.“

Wie wahr, möchte man sagen. Sagt man aber nicht, weil man ja erst einmal enttäuscht ist. Man möchte es ja eigentlich nicht wissen, auch wenn es einem gute Geschichten jedes Mal neu erzählen: Alles wird immer ganz anders. Und man kann sich nicht dran gewöhnen. Und liest gerade deshalb Bücher voller Geschichten mit immer neuer Faszination. Bücher, die einem auch erzählen, wie viele Geschichten man am selben Tag selbst erlebt und trotzdem verpasst hat.

Weil man nicht aufmerksam war. So wie Lechner in der Geschichte mit der Frau auf dem grünen Fahrrad, in der es am Ende um jede Menge Grün geht. Wie viele herrlich bunte Fahrräder man schon gesehen hat. Jedes einzelne der Beginn einer Geschichte, die – wenn wir ehrlich sind – dann trotzdem nicht passiert ist. Weil wir zerstreut waren, wieder mal in Eile. Oder einfach Angst hatten, dass uns wieder eine Geschichte mit völlig ungewissem Ausgang passiert.

Die Angst davor, dass was passiert

Denn diese Angst geht, wie wir ja sehen können, überall um. Das Ende ist dann Einsamkeit. Verlorengehen mitten im Bild. Wie es einigen Helden in diesen 99 Geschichten eben deshalb passiert. Denn wer seine Geschichten nicht anpackt und wenigstens mal guckt, was drin steckt, der wird einsam.

Und irgendwann fliegt er – von niemandem bemerkt – davon wie ein Luftballon. Oder stürzt – wie in der gemeinsamen Miniatur „Das Moor“ – im Dunkeln über eine Bank, nur um danach festzustellen, dass er dahinter sehr weich aufkommt – und versinkt. Hoppla.

Warum fällt das einem ein, wenn man an einer Miniatur bastelt? Weil das im wirklichen Leben tagtäglich passiert. Weil so viele tatsächlich einfach verschwinden. Auch wenn der Kerl, der fast am Ende, nachdem er „so lang auf etwas hingearbeitet hatte, dass er nicht mehr wusste, was es war“, durch ein Asternfeld stampft.

Stapft oder stampft? Im Dialog erzählen die beiden, wie sie um dieses Wort gerungen haben, wissend, wie wenig genügt, ein Wort völlig anders wirken zu lassen und damit eine Geschichte völlig anders ausgehen zu lassen. Obwohl sie eigentlich erst beginnt, denn aus stapfen ist am Ende heranstampfen geworden. Höchste Eisenbahn also für das Eichhörnchen, sich erst mal in Sicherheit zu bringen.

Die Freude an unerwarteten Wendungen

Es braucht eigentlich nicht die Phantasie von Autoren, um solche Geschichten zu entdecken und sichtbar zu machen. Aber wir brauchen die Autoren, die das immer wieder für uns tun und uns zeigen, wie die großen, aufregenden Geschichten vor unseren Augen schon im ganz Kleinen beginnen. Immerzu beginnt etwas. Man muss sich nur manchmal die Zeit und die Aufmerksamkeit gönnen, es wahrnehmen zu wollen.

Und gleichzeitig zeigen Lechner und Premper, dass selbst in ganz kleinen Geschichten immer schon viel mehr passiert, als man beim oberflächlichen Lesen sieht. Gerade die Kürze zwingt zu aufmerksameren Lesen. Manchmal passiert es mitten im Satz, nach einem frechen Komma, und die Geschichte hat eine völlig unerwartete Wendung genommen.

Wie im richtigen Leben eben, wo wir das Komma aber meistens übersehen und hinterher dastehen mit einem Kopf voller Verwirrung: Was war das jetzt? War da was?

Natürlich war da was. Aber was genau – das weiß man auch nach diesen 99 Mini-Geschichten nicht immer. Die eben auch davon erzählen, dass es im Leben und in der Phantasie nicht immer so ausgeht, wie man anfangs dachte, dass es ausgehen müsste. Aber: Ist das nicht die Realität, in der wir leben? Und in der uns bierernste dicke Männer immer weismachen wollen, sie wüssten, wie die Geschichte ausgeht?

Männer, denen Gutgläubige nur zu gern am Jacketzipfel, hängen, weil sie eines über alles fürchten: den ungewissen Ausgang dessen, was geschieht. So sehr, dass sie am liebsten wollen, dass gar nichts geschieht und alles so bleibt, wie es ist. Die beste Startrampe also für Leute, die unversehens verschwinden und abhandenkommen. Denn wer nicht handeln will, wird auch nicht Held seiner Geschichte. So einfach ist das. So kompliziert.

Ein Lesevergnügen für alle, die gern einmal 99 Geschichten auf einmal in der Hand halten möchten. Und gespannt darauf sind, wie sie diesmal nicht ausgehen.

Tobias Premper; Martin Lechner Gelati! Gelati!, Edition Azur, Berlin und Dresden 2021, 20 Euro.

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