Es ist eine Geschichte, die sorgt immer wieder für Staunen, wenn man auf alte Kirchtürme klettert und dort auf einmal die Wohnungen der einst dort wohnenden Türmer betritt. Ein ganzes Leben oben über den Dächern der Stadt – ohne fließend Wasser, den Vögeln nah und den Gewittern. Kaum vorstellbar. In Oschatz ist in so einer alten Türmerwohnung ein richtiges kleines Café entstanden. Und eigentlich ist Oschatz auch der Ort, an dem Silke Heinigs Geschichte spielt. Auch wenn sie ihn ein wenig verfremdet hat.

In mittelalterlichen Städten waren die Türme der Stadtkirchen die höchsten Gebäude. Hier eine dauerhafte Brandwache einzurichten, die sofort Alarm geben konnte, wenn irgendwo in der größtenteils aus Holz gebauten Stadt ein Feuer ausbrach, war also naheliegend.

Und so entstanden auf den Kirchtürmen der mittelalterlichen Städte auch solche Türmerwohnungen. Die Türmer zogen mit ihrer ganzen Familie ein und hatten die Pflicht, rund um die Uhr die Stadt zu beobachten und nach möglichen Brandherden Ausschau zu halten. Dazu kam dann noch der Dienst an den Glocken, die regelmäßig zu läuten waren. Türmer hatten alle Hände voll zu tun.

Auch in Leipzig kann man solche Türmerwohnungen besichtigen. Sie sind Teil der Turmführungen auf den Turm der Thomaskirche und der Turmexkursionen der Nikolaikirche.

Aber die Türmerwohnung in einem Turm von St. Aegidien in Oschatz hat es Silke Heinig besonders angetan. Auch weil es auch noch Dokumente gibt, die vom Leben der Türmerfamilie Quietzsch erzählen, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert in der kleinen Turmwohnung lebte – und das mit einer großen Kinderschar. Da interessierte Heinig natürlich besonders die Rolle der Türmerin, die sie in ihrer Geschichte Anna Quiel nennt und zu einer anpackenden Frau macht, die sich von nichts entmutigen lässt und auch in den schwierigsten Situationen nach Lösungen sucht.

Das Leben auf dem Turm

Denn das Leben der Türmerfamilien war auch ein ärmliches. Finanziert von Stadt und Kirche, kamen sie in der Regel gerade so über die Runden. Kamen dann noch Mehrausgaben durch die Kinder dazu, ging es ohne einen Nebenerwerb nicht, der für den Türmer Paul Quietzsch auch belegt ist, der auf dem Turm auch eine kleine Schusterwerkstatt betrieb, in der er nachts zugange war, wenn er sowieso wach bleiben musste.

Heinig lässt ihre Geschichte mit einem energischen Gang der jungen Anna Quiel zum Bürgermeister von Ohren beginnen. Denn ihr Mann, der ansehnliche Zimmermann Karl, hat nach einem Arbeitsunfall auch seine Anstellung als Zimmermann verloren und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Aber zur Ernährung der kleinen Familie (noch ist sie klein) reicht das nicht. Aber der Türmerposten ist neu ausgeschrieben. Da ist Eile angesagt, damit der Bürgermeister diese Arbeit keinem anderen überträgt.

Kapitel um Kapitel erleben wir mit, wie die kleine Familie unter viel Anteilnahme auf den Turm zieht, ihren Hausrat mit der Seilwinde hinaufzieht und sich einrichtet hoch über den Dächern der Stadt, wie die nächsten Kinder kommen und die Wohnung geradezu zur Attraktion für die Mitbürger wird, die sich von den Kindern der Quiels nach oben führen lassen, wo sie dann quasi in der Stube der Türmerfamilie ihr Gläschen trinken. Denn eine Schanklizenz gehört auch dazu, obgleich davon kein Familienunterhalt zu sichern ist.

Eine Kleinstadt im 19. Jahrhundert

Silke Heinig erzählt von Unwettern, Wintern und einem Feuer, bei dem Karl Quiel den richtigen Riecher hat. So nebenbei entsteht auch das Bild einer geschäftigen sächsischen Kleinstadt im 19. Jahrhundert, in der zwar schon die ersten Fabriken produzieren – hier ganz zentral die weltberühmte Filzfabrik des Filzwarenkönigs Marthaus. Aber ansonsten dominieren noch Handwerk und Kleingewerbe.

Ein durchaus spannendes Zeitbild, denn im wohlversorgten 21. Jahrhundert, in dem die meisten Menschen gar nicht mehr wissen, wie rundum sie versorgt sind, ist kaum noch vorstellbar, wie Anna Quiel in ihrer winzigen Küche mit dem Kochherd den Haushalt einer ganzen am Ende zwölfköpfigen Familie meistern konnte, wie das Wasser in Eimern auf den Turm gehievt werden musste und auf dem Herd erhitzt, um dann im Windelbottich oder in der winzigen Familienbadewanne zu landen.

Und trotzdem blieb Platz für ein Sofa, auch wenn sich das Familienleben über drei Etagen verteilte und auch der Zug für die Brandglocke über alle drei Etagen ging. Denn bis in den 1920er Jahren eine moderne Brandwache entstand, blieb es die Aufgabe des Türmers und seiner Familie, die Dächerlandschaft der kleinen Stadt zu beobachten.

Erst danach wurde der Alltag etwas entspannter, blieb vor allem der Dienst an den Glocken übrig. Und nicht nur die Zeitung, die in den 1930er Jahren über das Türmerleben berichtete wie über eine Erinnerung aus längst vergangener Zeit, staunte, dass trotz all der Armut und Beengtheit auf dem Turm aus allen Quietzsch-Kindern etwas geworden ist. Was ja nun einmal damit zu tun hat, wie sehr sich Alma Quietzsch um ihre Sprösslinge und deren Fortkommen gekümmert hat – sei es mit dem Erwirtschaften des Schulgeldes, sei es mit der Garantie einer ordentlichen Ernährung. Da waren dann auch die 192 Stufen bis zur Türmerwohnung nicht das Problem.

Das Bild einer starken Frau

Und in gewisser Weise dürften etliche Leser/-innen in der Heldin der Geschichte auch die Erinnerung an ihre Mütter und Großmütter wiederfinden, die ja nicht deshalb zu Hause alle Zügel in der Hand hielten, weil sie draußen in der Welt keine Karriere machen durften, sondern weil ein Familienhaushalt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein echte harte und körperliche Arbeit war – vom Wäschewaschen übers Heizen und Kochen bis zum Nähen und Flicken. Alles Dinge, bei denen wir Anna erleben. Auch in eisig kalten Wintern, wenn die dürftig verglasten Fenster die Kälte nicht abhielten.

So lange ist das alles nicht her, schon gar nicht in historischer Hinsicht. Und ein wenig vermittelt das Buch eben auch das Wissen darum, wie sehr wir uns heute an unseren mit viel Energieaufwand geschaffenen Komfort gewöhnt haben. Obwohl uns eben nur ganz wenige Generationen trennen von dieser kleinen Stadt, über die noch ein Türmer wachen musste, fast noch mittelalterlich, klein genug, dass sich die Menschen alle noch beim Namen kannten und ganz selbstverständlich halfen, weil jeder mal auf die Unterstützung der Nachbarn angewiesen war.

Silke Heinig hat das Buch freilich nicht nur mit Bildern und Zeitungsausschnitten aus Oschatz gespickt, sondern hat es auch um Fotografien von anderen Türmen, Türmern und Türmerinnen aus Deutschland angereichert. Auch um zu zeigen, wie weit verbreitet das Leben als Türmer noch bis ins frühe 20. Jahrhundert war.

Rettet St. Aegidien

Und in Oschatz gehört es quasi zur Stadterzählung, spätestens, seit der Verein „Rettet St. Aegidien“ 1989 begann, die vom Verfall bedrohte Kirche und die Türmerwohnung zu retten und Geld für die Sanierung zu sammeln. Die Eröffnung des Cafés in der einstigen Türmerwohnung war dann quasi das Sahnehäubchen auf dem Projekt.

Den Türmer braucht man heute in Oschatz auch nicht mehr. Aber wer die Stufen auf den Turm erklimmt, kann ein wenig nachempfinden, wie Alma Quietzsch und ihre Familie hier einst lebten, wie auf engstem Platz eine ganze Familie untergebracht war und Paul Quietzsch von der Brüstung aus die Stadt beobachtete, ob nicht irgendwo Rauch und Feuer zu entdecken waren.

Es gibt auch die dramatischen Momente in Silke Heinigs Geschichte, wie sie damals – und auch heute noch – im Leben einer großen Familie passierten. Aber sie verzichtet auf Dramatisierung, mit feinem Gefühl dafür, dass auch ein ganz gewöhnliches Leben mit den ganz normalen Fährnissen dramatisch genug ist. Erinnerungswert sowieso.

Und auch erzählenswert, wenn man ein Gefühl für das Besondere und die Atmosphäre an einem so besonderen Ort hat. Man taucht mit ihr ein in das Leben einer ganzen Türmerfamilie, auch wenn Anna als energische Frau im Mittelpunkt steht. Und die beiden Kinder auf dem Cover-Bild dürfen ruhig an die beiden Jungen erinnern, die mit Anna und Karl am Anfang der Geschichte auf den Turm ziehen und das als ein einziges großes Abenteuer empfinden.

Silke Heinig „Anna. Die Türmerin“, ePubli, Berlin 2020, 9 Euro.

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