2007 erschien der erste Roman Kathrin Wildenbergers aus ihrer „Montagsnächte“-Trilogie: „Montagsnächte“. Bis zum zweiten Band „Zwischenland“ mussten ihre Leser/-innen elf Jahre warten. Er erschien 2018, gleich mit der Ankündigung, dass die Leipziger Autorin auch schon am dritten Band sitzt, der seinen Titel schon hatte: „Unter Träumen“. Und dann brauchte es doch noch vier Jahre Geduld …

Es ist ein echtes Lebensprojekt geworden, das Kathrin Wildenberger da mit den Erlebnissen der jungen Krankenschwester Ania, ihrer Schwester Brit, der Freundin Suse und ihrer großen Liebe Bernd gestartet hatte. Es war einer jener Romane, in denen sich junge ostdeutsche Autor/-innen gerade in der Zeit 15 Jahre nach der Friedliche Revolution vehement zu Wort meldeten und eben nicht nur erzählten, wie der Herbst 1989 ihr Leben umkrempelte, sondern auch jenen Strauß an Hoffnungen, Plänen und Enttäuschungen entfachte, der ihr Leben danach prägen sollte.

Und dass schon jede Menge Hoffnungen zerplatzen, machte sie ja mit „Zwischenland“ schon deutlich – die große Liebe Bernd ist perdu, Connewitz ist zu einem Zufluchtsort all derer geworden, die die kurze Zeit der Freiheit nutzten, ihre Vorstellungen von einem anderen und unangepassten Leben zu erfüllen.

Aber so mancher Traum war schon geplatzt. Und 30 Jahre nach diesem Umbruch muss man wohl auch langsam eingestehen, dass nicht alle Ostdeutschen dieselben Träume teilten. Und manche auch nie mehr wollten als ein Leben in Ordnung und Sicherheit – mit tiefsitzender (und anerzogener) Verachtung für all jene, die sich nicht anzupassen vermochten und nicht anpassen wollten.

Das Beharrungsvermögen der ostdeutschen Provinz wurde jedenfalls gewaltig unterschätzt. Was vor allem all jene im engsten Familienkreis erlebten, die damals und in den Jahren danach wegzogen aus all den kleinen Dörfern und Städten, in denen die Zeit zum Stillstand gekommen zu sein schien, die Arbeitsplätze verschwanden, die Zugverbindungen und Lehrstellen, und Schulen und Kitas schlossen, weil die jungen Eltern fehlten.

Was ist aus den Träumen von 1989 geworden?

Manche waren – wie Ania – weggezogen in die nächste Großstadt – aus der Kleinstadt S. im Südharz nach Leipzig, wo sie mittendrin war in jenem Moment des „Alles ist möglich“. Und beinah hätte man erwartet, jetzt würde es im Jahr 1991 weitergehen. Aber Kathrin Wildenberger nimmt ihre Leser/-innen im dritten Teil gleich mit ins Jahr 2016.

Und auch Leipzig ist nicht mehr Schauplatz, sondern das kleine Dorf bei S., in dem Ania aufgewachsen ist und in das sie nun zurückkehrt, weil Bernd beerdigt werden soll. Bernd, der einst so unverhofft verschwunden ist aus ihrem Leben, so wie sie selbst in der Welt unterwegs war und als Fotograf in großen Magazinen veröffentlichte.

Er war zurückgekehrt nach S., hatte mit seiner Freundin Louise ein altes Fotoatelier übernommen. Als wäre er tatsächlich heimgekehrt, zurück zu seinen Wurzeln.

Und umso rätselhafter ist nun sein selbstgewählter Tod für alle, die ihn kannten. Dabei ist er nicht der Einzige, der zurückgekehrt ist. Das hat auch Anias Großonkel Max getan, der schon vor dem Mauerfall weggegangen war und nach der „Wende“ ein altes Gehöft gekauft und renoviert hatte. Und auch Brit hat in der alten Heimat eine Familie gegründet, führt scheinbar eine Bilderbuchehe. Auf den ersten Blick ist alle in Ordnung.

Es ist ein Buch volle Trauer geworden, berührend und doch nicht wirklich traurig. Auch wenn Ania bald merkt, dass das alles auch mit ihr selbst zu tun hat, mit ihren Lebensverlusten, ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihren geplatzten Träumen. Dass das kleine Dorf geradezu birst von Unausgesprochenem, Verschwiegenem, zum Unsagbaren Erklärten, das merkt sie bald. Es ist ein typisches Dorf.

Eins jener Dörfer, aus dem all die unverdauten Ressentiments hervorsprudelten, die sich dann mit Pegida und anderen „Spaziergängen“ überall im Osten Bahn brachen, als die ersten Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien ankamen. Als hätten die Geflüchteten an etwas Unerledigtes gerührt, all das tatsächlich Unausgesprochene, mit dem sich diese Provinzen aufgeladen haben. Man hat es nur nicht gesehen.

Das Schweigen der Provinz

Und auch Ania ist überrascht, dass sowohl ihr Vater als auch ihr Schwager auf einmal Dinge sagen, die aus ihrer Leipziger Perspektive nicht zu fassen sind, unlogisch und auch nicht nachvollziehbar. Denn bisher hat erst eine Familie aus Syrien ihren Platz im Dorf gefunden. Misstrauisch beobachtet. Ein Fremdkörper, der ein sowieso schon labiles Gleichgewicht bedroht.

Man merkt es nach und nach, denn Ania denkt zwar anfangs, es werde völlig reichen, wenn sie zur Beerdigung kommt und dann wieder abreist. Aber schon da merkt sie, dass eine Menge nicht stimmt in ihrem Dorf und auch nicht in ihrer als heil empfundenen Familie.

Und eins kann sie nun einmal nicht: Dieses ganze Unausgesprochene einfach aushalten, und sei es auch nur für ein paar Tage. Das hält sie nicht aus. Was auch mit ihrer riesengroßen Sehnsucht nach Harmonie zu tun hat. Die kann man haben, ohne dass man schweigt und eine falsche Maske aufsetzt.

Und so verwundert es nicht, dass ihre Gespräche mit Schwester, Schwager, Nichten und Eltern jedes Mal völlig andere Wendungen nehmen. Und auch das Gespräch mit ihrer alten Freundin Suse geht auf einmal anders aus. Ihre Leben sind weitergegangen. Und von dem, was sie 1990 verband, ist sichtlich wenig übrig geblieben. Und Bernd?

Die Frage treibt sie natürlich am stärksten um. Denn ihre Sehnsucht nach ihm war nie wirklich verschwunden. Es gibt diese Menschen, die einem zutiefst vertraut sind und die man auch nicht vergessen kann, wenn sie sich mit einer kurzen Botschaft auf dem Zettel verabschiedet haben, weil sie Nähe und Dauerhaftigkeit nicht wirklich aushalten.

Männer!

Meist ist es ja so, dass es etwas zutiefst Gemeinsames ist, was einen miteinander verbindet. Manchmal steckt es in der Familiengeschichte. Und dass Bernds Geschichte ganz und gar nicht heil war, erfährt Ania ebenfalls in diesen Tagen nach seiner Beerdigung. Was er den Frauen, die es mit ihm aushielten, nie sagen konnte, hat er in seinem Tagebuch aufgeschrieben.

„Männer!“, könnte man sagen an der Stelle. Aber gerade weil Kathrin Wildenberger dieses Dorf so intensiv beschreibt, merkt man, dass das nicht einfach so aus dem Nichts kommt und das „Schweigen der Männer“ ganz und gar nicht genetisch bedingt ist, sondern sehr viel mit der Rolle zu tun hat, zu der sie erzogen wurden und die man von ihnen erwartet.

Stillschweigend und ganz selbstverständlich. Wir denken wirklich wenig nach über das, was die Rollenspiele in unserer Gesellschaft wirklich bestimmt, wie Erwartungen und Normen anerzogen werden und am Ende zu unlösbaren Konflikten führen, die in Wildenbergers Erzählung gleich mehrere Protagonist/-innen nicht mehr aushalten wollen und können.

Natürlich stellt sich auch ihre Heldin Ania immer wieder die Frage, ob ihre Lebensentscheidungen die richtigen waren. Denn bezahlt hat ja auch sie dafür, indem sie weder eine feste Partnerschaft gefunden hat noch Kinder bekommen wie ihre Schwester Brit. Dafür hat sie die Welt gesehen, wie sie tatsächlich ist, und einen Beruf gefunden, der sie erfüllt, auch wenn es die deutsche Politik fertiggebracht hat, auch das Berufsbild der Hebamme zu demolieren.

Wo bleibt Heimat in einer herzlosen Gesellschaft?

Es gibt ja immer auch noch das Draußen, das, was unsere Gesellschaft mit dem Vorwand, alles müsse effizient und profitabel sein, so durch und durch herzlos macht. So herzlos, dass die Sehnsucht nach einer Heimat, in der noch alles in Ordnung ist, eigentlich riesengroß ist – und trotzdem unerfüllbar.

Denn dieses Denken zerfrisst auch die Provinz, macht Menschen egoistisch und rücksichtslos, so wie Anias Schwager, der nicht weiß, wohin mit dem Geld, das er mit seiner Firma verdient, und trotzdem Montag für Montag nach Dresden fährt, um mitzuspazieren.

Kann es sein, dass sich auch da im wilden Osten der selbstgerechte Westen spiegelt, dem die Folgen seiner Hartleibigkeit nicht bewusst werden wollen? Nur so als Frage.

Denn eigentlich interessiert dieser selbstgerechte Schwager Ania nicht mehr, nachdem sie mit ihrer einst so wilden kleinen Schwester in der Nacht auf dem Friedhof Klartext gesprochen hat. Und auch gemerkt hat, dass sie mit Bernd doch irgendwie mehr verbindet, als sie sich selbst jetzt noch eingestehen mag.

Denn eins hebt ihn ab von all den Männern, denen sie in diesen Tagen begegnet: seine ungebremste Neugier auf Menschen, die er in seinem Liebesleben genauso ausgelebt hat wie in seinem Beruf als Fotograf.

Nicht ganz grundlos steigt Kathrin Wildenberger mit einem Tagebucheintrag von Bernd von einer Kasachstan-Reise ein, einem jener Länder am Rande Russlands, in dem noch heute autokratisch regiert wird und die Menschen gelernt haben, über sich selbst nicht zu sprechen, denn das macht sie verletzlich und kann brandgefährlich werden.

Bernd fand da etwas höchst Vertrautes, das er aus seiner Kindheit und Jugend in der DDR nur zu gut kannte. Und was ihn geprägt hat, bis zum Schluss. Und es ist ein Teil seiner Tragödie, dass er das nie hat überwinden können, dieses „Sprich niemals von dem, was dich wirklich bewegt. Zeige niemandem, was du wirklich denkst und fühlst.“

Und wer das nach einem Leben in der DDR nicht begriffen hat, bei dem ist eh Hopfen und Malz verloren. Und es verwundert nicht, dass allzu viele dann mitgelaufen sind in all diesen verbitterten Spaziergängen. Es wurde ja nie aufgearbeitet. Dem „Du sollst schweigen“ ist ein neuerliches Schweigen gefolgt. Ein neuerliches: „Du darfst dich nie verletzlich zeigen.“

Abgründe zwischen Welten

Und auch wenn Bernd das nie aussprechen konnte, hat er es trotzdem gezeigt. Und man ahnt, dass gerade das ihn auch für Frauen wie Ania und Louise so wichtig gemacht hat. Und dass es trotzdem nicht genügt hat. Denn wirklich schwach zeigen wollte auch er sich nicht. Lieber hat er seinen Rucksack gepackt und hat sich mit ein paar Zeilen für seine Flucht entschuldigt.

In gewisser Weise wird gerade diese Geschichte einer so verstörenden Beerdigung zu einer Geschichte, die wie unterm Brennglas zeigt, was aus diesem mittlerweile so fernen Herbst 1989 geworden ist. Für viele. Auch für die Wagemutigen, die dabei waren und die Sache tatsächlich ins Rollen brachten, weil sie das Festgezurrte und Betonierte einfach nicht mehr aushielten.

Denn sie hatten und haben allesamt ihre Verwandten und einstigen Freunde und Schulkameraden in der Provinz und müssen zwischen Welten hin und her pendeln, die verschiedener kaum sein können.

Man vergisst ja so schnell, dass Städte wie Leipzig Inseln sind in einer Landschaft, in der das Schweigen allgegenwärtig ist, verbunden mit Misstrauen, Angst vor Veränderung und dem Gefühl, abgehängt und vergessen zu sein. Eine ungute Mischung. Aber Realität.

Wahrscheinlich nicht mal nur ostdeutsche Realität. Aber hier mit Händen zu greifen. Bis hin zu den vielen abgebrochenen Kontakten zwischen dagebliebenen Eltern und Kindern, die mit diesen ganzen Vorwürfen und Nickligkeiten nichts mehr zu tun haben wollen.

Denn ihnen steht die Welt ja offen. Wenigstens der Umzug in die große Stadt, wo man ein paar seiner Lebensentwürfe verwirklichen kann. Wenn auch nicht alle.

Der Preis der Freiheit

Denn – siehe Ania – der Preis ist hoch. Und zu dem Preis, den man da zahlt, gehört auch die Unsicherheit, die entsteht, wenn das, was mal Heimat war, sich vor unseren Augen auflöst, sich als mürbe und ganz und gar nicht mehr heil erweist.

Das Jahr 2016 scheint nun auch schon wieder sehr fern. Von Pegida redet kaum noch einer, obwohl die Ressentiments nicht verschwunden sind. Ressentiments, die auch viel damit zu tun haben, wovon Menschen im Leben tatsächlich träumen. Oder ob sie nur versuchen, die Rollen auszufüllen, die ihnen anerzogen wurden.

Höchst prekäre Rollen. Rollen, die nicht wirklich zu einer Welt passen, die sich so sehr verändert, wie das tatsächlich geschieht. Was hilft da das Schweigen und „Ja nicht drüber reden“, dem Ania bei diesem Kurzbesuch daheim begegnet? Nicht wirklich.

Aber man erkennt sie wieder, all die kleinen Nester in unserer schönen ostdeutschen Provinz, in der Manchen oft gar nichts anderes geblieben ist als die Rolle, die sie spielen, der schöne Schein vor den stets neugierigen Nachbarn. Man redet nicht drüber. Aber alle wissen es.

Nur was wirklich in den Außenseitern vor sich geht, die auch nach dieser Rückkehr nie wirklich wieder ankommen, das weiß niemand, will niemand aussprechen. Außer Ania, die das nicht akzeptieren kann und will. Und das gehört ganz bestimmt zum Kern von 1989, auch wenn viele immer noch glauben, damals sei es vor allem um Reisefreiheit, Bananen und D-Mark gegangen.

Es ging um viel mehr. Und genau das spürt man, wenn man mit Ania diese letztlich doch sehr anstrengenden Tage erlebt, die einerseits voller Trauer zu sein scheinen, und andererseits voller Neugier auf das, was wirklich passiert ist. Und vor allem Neugier auf das Warum, das manchmal schwer auszuhalten ist. Aber das Abschiednehmen leichter macht.

Kathrin Wildenberger Unter Träumen Verlag duotincta, Berlin 2022, 19 Euro.

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