Barbara Handkes beeindruckender Roman über den Mut zum Träumen: Wo ist Norden

Für alle LeserUnd was passierte dann? Die ostdeutsche Geschichte wird ja gern so erzählt, dass sie im Herbst ihr tolles Happyend erlebte. Dann kam die Deutsche Einheit. Und ab da gab’s keine ostdeutsche Geschichte mehr. Es ist ja kein Zufall, dass so viele Ostdeutsche sich mittlerweile regelrecht heimatlos fühlen. Da ist was falschgelaufen. Und läuft es noch immer. Sonst hätte Barbara Handke ihr Buch nicht im Selbstverlag herausbringen müssen.

Das ist zwar heute ganz leicht, man hat die volle Kontrolle über den Produktionsprozess, erst recht, wenn man das wie die Buchhändlerin und Verlagslektorin Barbara Handke alles gelernt hat und auch selbst in einem renommierten Leipziger Verlag gearbeitet hat. Aber es fällt auf, dass es den großen Publikumsverlag für ostdeutsche Literatur, die auch von Westdeutschen gelesen wird, nicht gibt. Auch wenn sich Verlage wie Aufbau oder der Mitteldeutsche redlich mühen.

Die Interzonengrenze existiert virtuell immer weiter fort. Und sie hat auch mit einem bräsigen Desinteresse westdeutscher Leser und Kritiker an ostdeutscher Literatur zu tun. Bestenfalls liest man, was von den eh schon Berühmten in die Bestseller-Listen gespült wird. Nur die Berühmtheit zieht. Auch der Buchhandel ist zu einem Verkaufszirkus verkommen, in dem Massenquark ohne Nährstoffe die Taschen der Verkäufer füllt.

Natürlich hat das mit uralten Faktoren wie Zeit, Aufmerksamkeit und Zur-Besinnung-Kommen zu tun. Wer alle Tage besinnungslos rast, hat weder Zeit für gute Geschichten noch für die Wahrnehmung eines Landstrichs, der in den Büchern der intensivsten Autorinnen und Autoren auf einmal Tiefe und Substanz gewinnt. Als müsste dieses ganze ignorierte Leben da in den beigetretenen Anhängseln jetzt nachträglich verdichtet und sichtbar gemacht werden. Zeit wird’s.

Denn hinter dem Gefühl, das viele Ostdeutsche haben, nämlich nur „Bürger 2. Klasse“ zu sein, steckt auch dieses Verlorensein in einer Nicht-Geschichte. Als hätte der oft missinterpretierte Spruch des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyma vom „Ende der Geschichte“ nur für diesen buchhalterisch einverleibten Osten gegolten. Ab nun keine Geschichte mehr. Oder mal so formuliert: Es ist nicht wichtig, was ihr tut. Ihr habt aufgehört, ein Subjekt der Geschichte zu sein. Ab jetzt seid ihr nur noch Appendix.

Sie sehen schon, was da für Gefühle aufkommen.

Und natürlich kann man von den ganzen berühmten Großschreibern des Ostens, die im westlichen Feuilleton gefeiert werden, nicht erwarten, dass sie nun das aufarbeiten, was der westliche Aufmerksamkeitsmarkt überhaupt nicht wissen will. Dafür sind sie nicht groß geworden auf diesem Markt.

Also müssen es andere tun, Jüngere zumeist, die es auch körperlich spüren, wie ihnen diese eigene Lebensgeschichte abhandenzukommen droht. So wie Kathrin Wildenberger in ihren „Wende“-Romanen. So wie jetzt auch Barbara Handke, die freilich etwas später einsetzt, in jener Zeit, als im Osten schon alles verkauft und verscherbelt wurde, was nicht niet- und nagelfest war.

Gutshäuser zum Beispiel, von denen es nicht nur in Sachsen hunderte gab, die in DDR-Zeiten als Altenheim, Kindergarten, Schule oder ähnlich rational benutzt worden waren, sondern auch in Mecklenburg, wohin es die Protagonisten aus Barbara Handkes Familiengeschichte verschlägt, erzählt aus der Sicht von Nikita, was schon ein beeindruckender Kunstgriff ist. Denn sie hält die männliche Perspektive durch.

Die auch deshalb überrascht, weil es Nikita fast genauso ergeht wie Josef in Bernd Schirmers Roman „Silberblick“: Er kommt von der großen Liebe seines Lebens nicht los, nur dass es in diesem Fall nicht sein bester Freund ist, der die faszinierende Frau bekommt, sondern ausgerechnet sein jüngerer Bruder Konrad. Womit er ihr erst recht nicht entfliehen kann, im Gegenteil: Marlene erfüllt sich den Traum ihres Lebens, kauft ein Gutshaus in einem mecklenburgischen Dorf namens Plenskow und bringt die ganze Familie dazu, ihr Erspartes und ihren Fleiß in die denkmalgerechte Sanierung dieses alten Hauses zu investieren. Sie will ein Café daraus machen, das gerade bei Radwanderern einen Ruf bekommen soll. Und anfangs hofft sie darauf, auch die Plenskower dafür zu begeistern. Aber das geht schief.

Sie reagieren mürrisch bis abweisend. Der Erste, den sie vergraulen, ist der Bio-Bauer aus dem Westen, der glaubte, in der Mecklenburger Landschaft seine eigenen Träume von ökologischer Landwirtschaft verwirklichen zu können. Und bald bekommen es auch Marlenes Kinder zu spüren, wie grausam ihre Altersgenossen sein können, wenn die Eltern sie anstacheln. Das ist der andere Osten, den augenscheinlich drei Jahrzehnte lang überhaupt niemand sehen wollte, ein provinzieller, spießiger und fremdenfeindlicher Osten, der Neuerungen ablehnt und Lebensfreude missgönnt.

Auch der hat sich ja zu Wort gemeldet in der letzten Zeit. Mit genau dem Gemaule, das er 40 Jahre lang daheim am Küchentisch gepflegt hat. Ein Gemaule, das übrigens eine Menge mit dem falsch verstandenen Gleichmacherdenken in der hingeschiedenen DDR zu tun hat. Denn das erzeugte Missgunst, Neid und bohrendes Misstrauen gegen alles, was sich nicht in die Norm fügte. Heute sind sich ja fast alle sicher, dass sie innendrin in ihren schwachen Herzen alle Rebellen waren und fortwährend gegen „die Partei“ geschimpft hätten. Aber die Wahrheit ist: Die meisten waren eher Duckmäuser und Untertanen, haben sich angepasst und brav mitgemacht – und haben ihr Misstrauen gegen all jene gepflegt, die sich nicht anpassen wollten.

Dieses kleine Dorf Plenskow ist ein später Schatten dieser DDR, voller Missgunst und Verachtung. Und es erstaunt schon, wie lange alle um Marlene und Konrad durchhalten, sich nicht verängstigen lassen – nicht von den Mobbereien an den Kindern, nicht vom zerstörten Ruderboot, nicht von den Gerüchten, die gegen sie im Umlauf sind. Sie halten durch und Nikita hilft, wo er helfen kann.

Denn Marlenes und Konrads Familie ist für ihn auch seine Familie, das langsam wieder in Schönheit erstrahlende Gutshaus sein Anker in der Welt. Dafür verzichtet er auch auf seinen Traum vom eigenen Segelboot und fragt sich natürlich irgendwann, warum er auf all seine Träume im Leben verzichtet hat. Fehlt ihm da was? Oder kommt er aus der schwelenden Liebe zu Marlene einfach nicht heraus?

Es wird keine romantische Dorfgeschichte. Kann es gar nicht werden. Es ist zum Teil die Geschichte eines Traums, den sich drei – später gar neun – Menschen glauben jetzt erfüllen zu können. Ein kreativer und lebendiger Ort, den sie selbst gestalten können. Ein Lebenstraum, den sich viele Ostdeutsche nach 1990 glaubten erfüllen zu können, trotz aller Widerstände. Alles schien möglich. Wer sich erinnert:

Auch in Leipzig herrschte in den frühen 1990er Jahren so ein Geist. Und viele wollten es lange nicht wahrnehmen, dass diesem ersten großen Traum der Boden entzogen wurde, als die großen Industriebetriebe verschwanden, die Arbeitsplätze und dann auch die Menschen. Da gingen viele solcher Träume in Konkurs, erloschen zumeist in aller Stille, weil irgendwann auch das vom Munde Abgesparte weg war und nur noch Schulden blieben.

Eine Situation, die auch Marlene und Konrad, der im Gutshaus seine Landarztpraxis eingerichtet hat, nicht vermeiden können. Schon vorher beginnt eine gewisse Verzweiflung zu nagen, denn nach einem schweren Verkehrsunfall unter Alkohol wird Konrad in das Krankenhaus eingeliefert, in dem Nikita als Arzt arbeitet. Stichworte wie Sonnenfinsternis und Jahrtausendwechsel geben an, wie die Zeit verging, wie lange alle um den gemeinsamen Traum rangen und dennoch spürten, dass er am Ende wohl doch platzen könnte. Gerade das ist eine der wichtigen, so selten erzählten Geschichten über den Osten: die Geschichte vom Mut, Träume zu verwirklichen, die dann platzten wie Seifenblasen. Oft genug vom gelangweilten Gerede von Bankberatern begleitet, denen das Abbezahlen von Krediten wichtiger war als das Überleben ihrer Kunden.

Aber das alles taucht immer nur gelegentlich an die Oberfläche, denn für Nikita ist das Erinnern auch ein Weg, mit sich selbst endlich ins Reine zu kommen. Im Winter 2002/2003 sitzt er allein im leer geräumten Gutshaus und versucht, die ganze Geschichte aus der Erinnerung niederzuschreiben und vor allem seine persönlichen Verhältnisse zu jedem einzelnen Menschen in seinem kleinen Kosmos zu klären.

Und eigentlich lautet das Fazit: Weder als Bruder, noch als Schwager oder Onkel hat er sich wirklich etwas vorzuwerfen, auch wenn sich – wie das bei den Erinnerungen leider normal ist – gerade die unangenehmen Vorfälle in Erinnerung bringen. Sie sind nun einmal mit den stärksten Gefühlen verbunden – und gerade wenn man Menschen liebt, macht man sich auch im Nachhinein noch lange Vorwürfe. Hat man nicht genug aufgepasst? Hat man wichtige Signale übersehen?

Nikita schreibt immer wieder über das Gefühl seines Unvermögens – und das ist (mal ehrlich) ein wesentliches Gefühl im Leben aller Männer. Man staunt schon, dass eine Frau das geschrieben hat. Aber vielleicht hat Barbara Handke genau so einen Kosmos von Familie erlebt – mit Männern, die fähig waren zur Selbstbefragung und zum Gespräch. Was nun einmal die wenigsten sind. Am Ende bekommt Nikita sogar einen Brief von seiner (Lieblings-)Nichte Selma, in dem man lesen kann, wie sehr die Kinder ihren Onkel ins Herz geschlossen haben.

Und wie sehr er Teil dieses kleinen Familienweltalls war. Und wie man ihn bedauert im einsamen Gutshof, in dem er zurückblieb. Aber das Aufschreiben ist auch seine Art, sein nie geklärtes Verhältnis zu Marlene zu sortieren. Sie wird das Typoskript dann auch bekommen. Aber mit der spröden Ärztin Elsa aus Hamburg hat er auch endlich eine Partnerin gefunden, mit der er sich wohlfühlt und deren Art, die Welt zu nehmen, ihm nur zu vertraut ist.

Es ist also kein Roman, der am Ende mit großem Feuerwerk oder bitterer Niederlage endet, der gar auf ein tragisches Ende zusteuert. Es ist wie die Geschichte vom Seemann Ernesto, die Nikita den Kindern erzählt hat, als sie noch klein waren: eine Geschichte vom fortwährenden Unterwegssein und ohne großes Happyend. Ein Happyend, wie es uns heute augenscheinlich immer wieder die Köpfe vernebelt.

Die ganze Film- und Fernsehwelt dramatisiert unser Leben zu etwas, was es nicht ist. Sie schafft Bösewichter und Helden, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Und sie sorgt dafür, dass unsere Wirklichkeit nur noch in katastrophaler Überhöhung erzählt wird, sodass man sich nicht wundert, dass immer mehr Menschen glauben, nur Idioten und Kraftmeier könnten das „Chaos“ aufräumen.

Das gar kein Chaos ist. Das ist die größte Lüge, die immer wieder erzählt wird. Eine Lüge, die auch deshalb funktioniert, weil viele Menschen mit dem Reichtum ihres Lebens gar nichts mehr anfangen können. Sie sind satt und überfressen, aber sie sehen die Faszination in ihrer Umgebung nicht mehr. Oder noch etwas zugespitzt: Sie träumen nicht mehr. Oder haben auch nie geträumt. Haben immer nur die Erwartungen anderer Leute erfüllt und sich darüber geärgert, dass andere Menschen diese Erwartungen nicht erfüllen wollten.

Diese Geschichte taucht also tatsächlich ein in die durchaus widersprüchliche Seele des Ostens, sie erzählt von einem Traum, den sich manche Menschen durchaus erfüllten, auch wenn ihnen am Ende Kraft und Geld fehlen, ihn dauerhaft zu machen. Aber auch und gerade das ist Leben. Wer platzende Träume nicht mehr als Verlust empfinden kann, ist wahrscheinlich schon tot.

Was uns auf den eindrucksvollsten Tod in dieser Geschichte bringt, den von Nikitas und Konrads Vater Pavel, der mit seiner Frau Rita gemeinsam das Eigenheim geopfert hat, um mit ins Gutshaus zu ziehen, und mit dem Nikita so in der Rückschau ein doch recht distanziertes Verhältnis hatte. Jedenfalls kommt es ihm so vor. Was wohl an Pavel liegt, der einer Generation entstammt, die das Reden über Gefühle nun wahrlich nicht gelernt hatte.

Aber im Nachhinein wird Nikita auch klar, dass sich hinter der scheinbar so fröhlichen Gleichgültigkeit dennoch ein sehr intensives Verhältnis verbarg. Leider nie ausgesprochen, immer nur kumpelhaft überspielt. Und als Pavel dann stirbt, wird seinem Sohn all das Unausgesprochene erst richtig bewusst.

Auch das ist Osten, wahrscheinlich auch Westen. Es gibt seelische Verkrustungen, da nehmen sich die beiden ungleichen Hälften dieses Landes nichts.

Womit wir wieder am Anfang sind. Denn solche Bücher wie dieses machen sichtbar (und spürbar), was die ganze Zeit fehlt in diesem riesigen Schweigen der einen über die anderen, der arroganten Selbstgefälligkeit hier und der verbiesterten Vorwurfshaltung dort. Und wahrscheinlich muss man genau so beginnen, dieses Dilemma langsam aufzulösen: Indem unsere sensibelsten Autorinnen und Autoren beginnen, unsere eigene Geschichte aufzuschreiben. So lebendig und farbenfreudig, wie es nur geht.

Und wenn diese Bücher nicht gelesen werden von unseren herzigen Brüdern und Schwestern, kann ihnen auch niemand mehr helfen. Dann werden sie nie erfahren, wer da 1990 eigentlich zu ihnen gekommen ist und um ein Plätzchen am wärmenden Feuer gebeten hat.

Barbara Handke Wo ist Norden, BoD, Leipzig 2018, 19,90 Euro.

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