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Kathrin Aehnlichs „Grenzgänge“ – ein Reisepaket zu Traum-Orten und fast vergessenen Gefühlen

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    Das hat sie mit Thomas Fritz gemein oder mit Bernd Schirmer, mit Andreas Reimann oder Kathrin Wildenberger: Für Kathrin Aehnlich sind Grenzen etwas, das man überschreitet, überfliegt oder überfährt. Seit 29 Jahren ist dieses Land offen und wir können in die Welt fahren und nachschauen, was es da alles Spannendes zu entdecken gibt. Manchmal auch einfach mit spontanem Entschluss in letzter Minute – so wie in der Papst-Geschichte „Niemandsland“.

    Die kennen Leser schon aus Kathrin Aehnlichs Reise-Buch „Rom New York Markkleeberg“ von 2011. Und sie berührt auch beim zweiten und dritten Lesen, denn während die Autorin, die als Mitarbeiterin beim Radio des MDR arbeitet, über den verstorbenen Karol Woijtila, seine enorme Wirkung als polnischer Papst und die Emotionen der aus aller Welt angereisten Gäste der Trauerfeier nachdenkt, kreist sie tatsächlich um zwei ganz andere Themen, die sie seit ihrer Kindheit zutiefst beschäftigen.

    Und da ist man schon mittendrin in dieser unverwechselbar ostdeutschen Perspektive, die jedes Mal erfrischend wirkt, wenn man ein Buch dieser Autoren, wie sie oben nur beispielhaft aufgezählt sind, in die Hände bekommt. Denn im täglichen medialen Diskurs kommt diese Perspektive so gut wie nie vor. Auch nicht beim MDR, der sich auf eine Art der Heimatpflege zurückgezogen hat, die die eigentlichen Sorgen, Ängste und Heimatlosigkeiten der Ostdeutschen eher zutüllt und hinter Glitzer und Humtata versteckt, als sie öffentlich zu thematisieren.

    Und das ergibt den seltsamen Effekt, dass man sich in diesem zugetünchten Land erst recht heimatlos fühlt. Nicht wirklich zu Hause, schon gar nicht in der großen, nun offenen Welt. Logisch, dass Kathrin Aehnlich teils mit Bewunderung, teils mit Bedauern auf all das schaut, was sie in Rom erlebt – und dass einem beim Lesen immer bewusster wird, wie sehr wir als ostdeutsche Gesellschaft 1990 verpasst haben, auf die Reise zu gehen.

    Selbst das haben unsere Sterndeuter aus den westlicheren Komfortzonen für uns übernommen. Wir bekamen auch das irgendwie schon mal vorgefertigt und aus zweiter Hand. Und viel zu wenige von uns sind losgefahren, und haben sich der Welt mit unseren eigenen Gefühlen, Fragen und Irritationen gestellt.

    Eine Wahrnehmung, die wirklich uns meint – uns, die wir hier leben in diesem Stück Erde, und die wir uns sogar unsere eigene Geschichte noch vorkauen lassen, weil wir nicht gelernt haben nachzufragen. Etwa nach der eigentümlichen Rolle von Tante Bärbel – in einer von Kathrin Aehnlichs Geschichten die Schwester ihres Vaters, der seine Westverwandtschaft verbergen musste, aber genauso wie Millionen andere Ostdeutsche jedes Jahr auf das heiß ersehnte Weihnachts(west)päckchen wartete.

    Und schon beim Nachdenken wird deutlich, wie viele Grenzen wir im Kopf eingebaut haben, die etwas Älteren sowieso. Fest verbunden mit Gefühlen – denn viele dieser Mauern, Zäune und Wände waren mit starken Bildern und Gerüchen besetzt. So wie der winzige Intershop dereinst in den Tiefen des Leipziger Hauptbahnhofs.

    Und dann kam die „Wende“ (was für ein beklopptes Wort für diesen Vorgang, aber die genaue Beschreibung dafür, wie einige von unseren einstigen Funktionierern das Ganze bis heute einsortiert haben), die Kaufhallen wurden über Nacht mit Westwaren geflutet – und der Geruch war weg. Nur manchmal noch taucht er wieder auf, gibt es eine winzige Spur, die das Erinnerungswerk in Gang setzt. So wie die Schweizer Schokolade, auf deren Spur sich Kathrin Aehnlich auf Lesereisen in Luzern und Zürich macht.

    Während die Reise ins polnische Schlesien in „Auf Perlbad, bitte!“ eher eine Reise in die Vergangenheit war, die aber irgendwie auch noch unsere Gegenwart ist. Denn eigentlich sind uns diese müden, unlustigen polnischen Servicekräfte, die Leipziger Rentnern einen eher frustrierenden Kuraufenthalt organisieren, näher und vertrauter als unsere Schönwetterverwandten im Westen. Denn das war ja mal unsere Realität bis 1989. Wir haben ja genauso gelernt, zu improvisieren und aus wenig etwas zu machen.

    Natürlich ist Kathrin Aehnlich nicht mehr die Jüngste. Da trägt man diese Vergangenheit mit sich. Auch die Erinnerungen an den 9. Oktober 1989, den die Autorin mit einer Leipziger Kulturdelegation in Polen verbrachte – wie gelandet auf einem fremden Stern. Denn die Polen konnten ja im Fernsehen sehen, was in der DDR los war – und waren gegenüber so einer offiziellen Delegation zu Recht misstrauisch. Wofür die kleine Reisegesellschaft ja nichts konnte. Die war ja erstmals aus lauter „seltsamen Vögeln“ zusammengesetzt, die selbst eher neugierig auf den Wandel in Polen waren.

    Reisen schaffen Missverständnisse. Und manchmal kann man gar nichts dafür. Reisen schaffen aber auch unverhoffte Begegnungen – so wie mit Ingeborg Bachmann in Italien oder Joseph Roth in Paris, die ja beide bekennende Grenzgänger waren. Roth sogar über die Grenzen seines Schreibens hinaus.

    Es sind Echoräume, die wir mit uns schleppen. Und sie beeinflussen unseren Blick auf die Welt. Das können wir gar nicht ändern. Erst recht nicht, wenn wir beizeiten versäumt haben zu fragen. Und die DDR war ein Land mit einem Berg verbotener Fragen – nach Schlesien zum Beispiel und dem Leben jener Menschen, die im Westen Vertriebene hießen und im Osten Umsiedler. Und oft genug im Alltag genau jene schweigende Ablehnung erlebten, wie sie heute wieder Menschen zu spüren bekommen, die hier bei uns heimisch werden wollen.

    Und die, die nicht fragen und nichts wissen wollen, die lassen natürlich auch kein Berührtsein zu. Nicht das, was Kathrin Aehnlich in Rom erlebte, eigentlich zutiefst erschüttert darüber, wie tief die Sehnsucht sitzt, sich der Welt öffnen zu können, oder in New York in der Gedenkstätte für die Opfer des Attentats auf die Türme des World Trade Centers. Auch dort doppelt berührt – einmal durch die Begegnung mit den ganz persönlichen Schicksalen der 3.000 Getöteten – und gleichzeitig irritiert durch die damaligen Live-Berichte, die ja stundenlang den verzweifelten Versuch der New York Reporter zeigen, herauszubekommen, was wirklich passiert ist.

    Selten konnten Fernsehzuschauer weltweit live so miterleben, wie ganze Redaktionsmannschaften versuchen, mitten während eines schrecklichen Ereignisses herauszufinden, was wirklich los ist. Also auch hier: die Grenzen zum Nichtgewussten zu überschreiten, ein bisschen Klarheit zu gewinnen.

    Was natürlich eine Radioreporterin nachvollziehen kann. Es gibt auch Stellen im Buch, da ärgert sich Kathrin Aehnlich über ihre „Radioohren“. Denn nach 30 Jahren ist man ja trainiert darin, die ganze Geräuschkulisse zu durchfiltern und die Informationen herauszufischen, die man braucht für seine Reportage.

    Und um diese Aufmerksamkeit geht es auch in den beigegebenen Fotostrecken des Kölner Fotografen Walter Lindenberg – der 2015 verstarb und eindrucksvolle Tanzbilder, Porträts und Fotos alter Bunkeranlagen hinterließ.

    Sie sind die visuelle Ergänzung zu diesen Reisegeschichten, in denen sich gedankliche Reisen in die Vergangenheit verbergen. Die Autorin hat das einfach ineinandergeschnitten, man wechselt hin und her. Die Vergangenheit ist in der Gegenwart präsent. Wir nehmen unsere Lebensgeschichten überall mit hin. Und das macht den Reichtum unserer Reisen erst aus. Das ist ja die versteckte Botschaft in diesen „Grenzgängen“: Wir haben unsere „verbotenen Waren“ immer dabei – ganz real mit dem geschmuggelten Trekkingrucksack aus Polen, ganz in Gedanken bei diesem eigentlich erschütternden Besuch in Rom.

    Auf einmal sind all die Orte, von denen man bis 1989 nur träumen durfte, ganz real erreichbar. Wir können hinfahren – sogar mit dem Nachtzug nach Paris, wenn uns danach ist, und dort all jenen begegnen, die uns immer begleitet haben. Wobei dieses Uns wohl eher nur für all jene gilt, die wirklich geträumt, gelesen und mit riesiger Sehnsucht die französischen Filme im Kino geguckt haben. Eine Sehnsucht, die vielleicht die Jüngeren so nicht mehr nachvollziehen können. Sie würden wohl andere Grenzüberschreitungen schildern, mit neuen, eigenen Perspektiven.

    Aber der eigentliche Grenzgang führt immer in die eigene Erinnerung, in all die bunten Kisten unserer Kindheit, in denen unsere Träume, Erwartungen und anerzogenen Vorurteile stecken. Die uns bereichern, wenn wir sie nicht verstecken und so tun, als wären wir keine verspäteten Globetrotter gewesen.

    Aber wenn man sich umschaut, gibt es ja eine Menge Leute, die gern wieder das alte muffige Gefühl hinter undurchlässigen Mauern herstellen wollen. Als wären ihnen 29 Jahre frische Luft schon zu viel. Im Grunde schildert Kathrin Aehnlich mit ihren „Grenzgängen“, dass 1989 eigentlich etwas ganz anderes geöffnet wurde als nur die Mauer: nämlich die Welt unserer unter Verschluss gehaltenen Gefühle.

    Und dem haben sich einige von uns gestellt und dabei mit Erschütterung gelernt, wie verletzlich auch die anderen Menschen sind da draußen, und die anderen, die schon fast bei uns heimisch waren, als unsere Amtsverwalter die Abschiebekommandos schickten. So wie in einer der berührenden Geschichten aus Markkleeberg.

    Ein Buch wie eine Kiste voller Gefühle, das im Grunde davon erzählt, dass unser Leben eine Reise ist, die wir völlig versemmeln können, wenn wir dabei verlernen, mit dem Herzen zu schauen und zu hören, was passiert.

    Kathrin Aehnlich; Gerd Wagner Grenzgänge, Edition Zeitblende im AT Verlag, Aarau und München 2018, 32 Euro.

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