„Factfulness“: Hans Roslings gewaltiges Plädoyer, uns nicht mehr von unserer Angst ins Bockshorn jagen zu lassen

Für alle LeserEs geht um Fakten. Es geht immer um Fakten. Fakten bestimmen, wie wir die Welt sehen und interpretieren. Zu schön wäre es. Nein: Es sind unsere Vorurteile, die bestimmen, wie wir die Welt sehen. Keiner wusste das besser als Hans Rosling. Als der berühmte schwedische Arzt 2017 starb, war dieses Buch gerade in Arbeit.

Bis zuletzt hat er daran mitgearbeitet, denn es erzählt von einem zentralen Anliegen, das ihn in seiner Arbeit als Arzt in aller Welt immer stärker beschäftigt hat: Die Menschheit dazu zu bewegen, die Zustände in der Welt endlich realistischer zu sehen, die Veränderungen wahrzunehmen und die Fakten zu akzeptieren. Deswegen: Factfulness.

Denn wenn man die Menschen – gerade die im Westen – fragt, wie es in der Welt aussieht, bekommt man erschreckende Ergebnisse, erschreckend falsche. Als wären sie allesamt irgendwo im 19. oder 20. Jahrhundert steckengeblieben und hätten völlig ausgeblendet, wie sehr sich die Welt seit den 1960er Jahren verändert hat.

Die Medien und die Journalisten spielen eine gewisse Rolle dabei. Denn sie bestätigen diese Bilder immer wieder. Das treffendste Begriffspaar, das unsere Blindheit gegenüber der Welt zum Ausdruck bringt, ist das Begriffspaar „entwickelte Länder“ und „Entwicklungsländer“. Mit dem ersten Begriff assoziiert man im wesentlichen Europa, die USA und vielleicht noch Japan – also die sogenannten „westlichen“ Länder.

Und das andere bezeichnet dann den Rest der Welt, mit dem auch unsere Politiker oft umgehen, als würden noch immer die alten, arroganten Kolonialbeziehungen des 19. Jahrhunderts bestehen – hier oben der alles beherrschende und reiche Weiße Mann, da unten die Armen, Ungebildeten, Unfähigen. Die niemals aus ihrem Schlamassel und ihrer Armut herauskommen.

Es steckt tief in unserem Denken. Über Jahre hat Rosling nicht nur die Bevölkerungen der reichsten Länder im „Westen“ befragen lassen, sondern auch hochgebildete und verantwortliche Leute: Politiker (auf dem Weltwirtschaftsforum), Nobelpreisträger, Wirtschaftsbosse, führende Journalisten. Die Ergebnisse variieren nur leicht. Die Befragungsergebnisse findet man im Buch – es geht um den Schulbesuch von Mädchen, um Lebenserwartung, Impfung von Kindern, Pro-Kopf-Einkommen usw..

Also all die Dinge, die die UNESCO oder die Weltbank regelmäßig statistisch erfassen. Es gibt zu fast allem mittlerweile verlässliche Statistiken. Und wenn Rosling – auch bei seinen Feuerwehreinsätzen bei Epidemien in Afrika – etwas gelernt hat, dann ist es die wichtige und alles entscheidende Bedeutung belastbarer und vor allem schnell verfügbarer Daten.

Als die gewaltige Ebola-Epidemie 2014/2016 die Welt in Panik versetzte, war er einer der entscheidenden Akteure, die involviert waren, als die Ausbreitung der Epidemie sichtbar wurde und die richtigen Gegenmaßnahmen gefunden werden mussten. Im Buch erzählt er kurz, wie er damals handelte – und warum er Daten brauchte, um überhaupt einschätzen zu können, was da geschah.

In elf ausführlichen Kapiteln geht er darauf ein, warum wir heute so falsch denken – und was das mit unserer Genese als Mensch zu tun hat. Denn in vielem handeln wir schnell und instinktiv. Das ist uns angeboren. Rosling macht es besonders an den Instinkten der Angst und der Dringlichkeit deutlich, wie sehr wir heute noch immer agieren wie unsere jagenden (und gejagten) Vorfahren vor 100.000 oder 500.000 Jahren.

Denn überlebt haben in der afrikanischen Savanne nicht die Nachdenker und Datensammler. Leider, möchte man fast sagen. Aber sie wurden halt alle von Löwen gefressen, während all jene Frühmenschen, die schon beim kleinsten Verdacht, die Bewegung im hohen Gras könnte ein sich anpirschender Löwe sein, die Flucht ergriffen und damit ihr Leben retteten.

Deswegen ist die Angst eigentlich ein guter Ratgeber: in einfachen Situationen, in denen wir wirklich blitzschnell reagieren müssen.

Wenn es aber um die großen und komplexen Probleme unserer Welt geht, ist sie ein schlechter Ratgeber. Berechtigte Ängste gibt es genug – die vor den Folgen des Klimawandels sind genauso berechtigt wie die vor einem möglichen weiteren Weltkrieg oder einer Epidemie, die nicht rechtzeitig in den Griff zu bekommen ist. Viele drohende Gefahren liegen im Bereich des Wahrscheinlichen. Aber unsere Ängste vor diesen Gefahren drohen uns zu lähmen. Denn sie verschwinden ja nicht. Sie sind die ganze Zeit präsent. Wir können nicht einfach davonlaufen. Aber Panik nutzt auch nichts. Sie macht uns handlungsunfähig.

Und dann kommt ja noch der gewaltige Berg wirklich irrationaler Ängste hinzu, der viel damit zu tun hat, dass wir nie die Zahlen hinter den Nachrichten hinterfragen. Und dass Journalisten darauf trainiert sind, Aufmerksamkeit vor allem mit Ängsten zu schüren. Deswegen sind unsere „Leitmedien“ so, wie sie sind: Riesige Maschinen, die Ängste schüren und jede Nachricht über einen Terroranschlag, einen Busunfall, einen Flugzeugabsturz, ein Erdbeben oder einen Tsunami seiten- und stundenweise auswalzen, immer wieder unterlegt mit dramatischen Bildern und dramatischen Kommentaren.

Und wir sind süchtig nach dem Zeug. Es sind nicht die nachdenklichen, faktenbasierten Medien, die von der Menge der Menschen (und der Entscheider) konsumiert werden, sondern die alarmistischen Medien.

Die damit aber ein völlig falsches Bild von der Welt bestätigen. Möglicherweise auch erzeugen. Es sind ja kommunizierende Röhren – die Sucht nach Reichweite bei den großen Medien und die Sucht der Mediennutzer nach möglichst dramatischen Nachrichten. Nachrichten, die nicht dramatisiert werden, dringen kaum durch.

Das ist ein Problem. Denn das sorgt auch dafür, dass die meisten Menschen, egal ob hochgebildet oder gar gesellschaftlich aktiv, ein falsches Bild von der Welt haben. Nicht nur von der Welt der 5 Milliarden „anderen Menschen“. Auch von ihrer eigenen. Am Beispiel der Flugzeugabstürze macht es Rosling bildhaft. Aber es trifft auch auf die (gefühlte) Zunahme von Terrorakten im Westen zu, auf die (gefühlte) Kriminalitätsentwicklung, auf die (gefühlte) Zunahme von Seuchen usw..

Was einen ganz seltsamen Effekt hat: Nicht nur in Schweden, praktisch überall in der „westlichen Welt“ dominieren Bilder von einer permanenten Verschlechterung der Welt und der eigenen Gesellschaft. Da alle Nachrichtenkanäle mit schrecklichen Nachrichten gefüllt sind, weil die Nachrichtenmacher wissen, dass sie damit bei ihren Hörern, Lesern und Zuschauern die größte Aufmerksamkeit bekommen, denken die meisten Menschen, dass es in ihrer Gesellschaft immer schlimmer zugeht.

Obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Und obwohl es oft schon reichen würde, wenn alle sich an die Zeit erinnern würden, als sie selbst Kind waren, wenn sie die Fakten betrachten würden über die Welt, in der ihre Eltern lebten und ihre Großeltern.

Die ganze Welt – auch die westliche – hat im 20. Jahrhundert einen gewaltigen Entwicklungssprung hinter sich. Schweden hat in diesem Jahrhundert, so kann Rosling selbst am Beispiel seiner Familie erzählen, den Sprung von Stufe 2 auf Stufe 4 der Entwicklung zurückgelegt.

Und da ist man bei Roslings Stufenmodell. Denn bei all seinen Reisen in der Welt hat er nur zu deutlich erlebt, dass es nicht die kleine Insel glücklicher Länder im Westen gibt, die einem riesigen Meer armer, unglücklicher Länder gegenübersteht. Die Welt ist nicht statisch. Und der Fortschritt ist ihr eingebaut. So seltsam das klingt.

Aber alle Länder, wirklich alle, sind bestrebt, die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung ständig zu verbessern – die Nahrungsgrundlagen zu sichern, das Gesundheitswesen einzuführen, die Kinder zur Schule zu schicken, sie zu impfen und die Regionen an den Strom anzuschließen. Also runterzukommen vom Level der Armut, der bei Rosling Stufe 1 der Entwicklung ist.

Nur wenige Länder in der Welt stehen heute noch auf dieser Stufe. Und da fangen dann schon die Leerstellen bei den Befragten im Westen an, die oft genug fest überzeugt sind, dass zwischen den Reichen und den Armen eine gewaltige, unüberbrückbare Kluft herrscht. Ein Riesenloch, in das man nur mit Entsetzen starren kann.

Die Wahrheit sieht auch in der Welt längst anders aus. Denn all jene Länder, die man vor 70 Jahren noch mit einiger Berechtigung als Entwicklungsländer bezeichnete, haben sich tatsächlich entwickelt. Sie haben alle die Dinge in Gang gebracht, die es braucht, die Gesundheit der eigenen Bevölkerung zu sichern. Die meisten Länder – darunter auch die Giganten China und Indien – befinden sich schon lange auf einem Entwicklungsniveau Richtung Stufe vier, haben Lebenserwartungen, die denen des Westens nahekommen.

Die Kinder (auch die Mädchen) gehen fast alle mindestens 9 Jahre zur Schule. Überall gibt es Hochschulen, die Infrastrukturen sind gewachsen und viele dieser Länder partizipieren direkt an der Globalisierung. Wer heute in die Welt reist, trifft kaum noch irgendwo richtige Armut (es sei denn, er sucht gezielt danach – so wie die Journalisten), sondern Länder, in denen sich immer größere Teile der Bevölkerung immer mehr zentrale Lebensbedürfnisse erfüllen können.

Und die Menschen in diesen Ländern sind stolz auf diese Entwicklung. Zu Recht. Denn das haben sie fast alle aus eigener Kraft geschafft. Und Rosling weiß, woher die Triebkräfte kommen. Denn es sind dieselben, die auch die europäischen Länder im Lauf der letzten 200 Jahre erst aus der Armut geholt haben. Denn wenn Menschen erst einmal wissen, wie ein Land aussehen muss, damit man darin leben, essen, lernen und gesund bleiben kann (und die eigenen Kinder das 5. Lebensjahr überleben), dann schaffen sie sich diese Strukturen.

Um das Jahr 1800 (auch dazu gibt es eine Grafik) lebten fast alle Menschen in der Welt nach heutigen Maßstäben in Armut. Auch in Schweden, das zeitweilig (neben Irland) als das Armenhaus Europas galt. Genauso, wie ganze Regionen in Deutschland als Armenhaus galten, aus denen noch Mitte des 19. Jahrhunderts Millionen Menschen auswanderten, um in der Neuen Welt ihr Glück zu versuchen.

Viele Länder in Asien, Afrika und Amerika liegen heute auf dem Niveau, das europäische Länder in den 1950er und 1960er Jahren erreicht hatten. Und selbst dort gibt es keine homogene „Armut“, auch dort findet man längst die komplette gesellschaftliche Spreizung wie in Europa. Menschen der Mittelklasse aus Europa leben fast dasselbe Leben wie Menschen der Mittelklasse in Asien, Afrika oder Südamerika.

Wer aber falsch denkt über die Welt, in der immerhin 80 Prozent der Erdbevölkerung leben, der macht Fehler. Der schätzt auch seine eigene Position falsch ein – glaubt immer noch, aus einer Rolle der Überlegenheit den anderen sagen zu dürfen, was die nun zu machen haben. Ein Effekt, den man bei internationalen Karambolagen immer wieder beobachten kann: Die Menschen des Westens kommen aus ihrer Rolle nicht heraus. Deswegen stehen ihre Staatenlenker zumeist auch so hilflos im Regen, weil sie es nicht fertigbringen, mit den Politikern des Südens und des Ostens auf Augenhöhe zu reden.

Sie markieren den „starken Mann“, der sie schlicht nicht mehr sind. Sie sind nicht mehr die „überlegenen Weißen“, die einfach mal ihre Feuerbüchse knallen lassen müssen und schon unterwerfen sich die „ungebildeten Eingeborenen“. China macht es ja längst vor, wie martialisch ein Land auftreten kann, das sich von einer „Supermacht“ nicht mehr einschüchtern lassen will. Die Staaten „da draußen“ sind längst viel selbstbewusster geworden. Und viel moderner, als es unsere alten „Arme-Welt“-Bilder zeichnen.

Doch solange wir in diesen „Arme-Welt“-Bildern gefangen sind, können wir unser Verhältnis zur Realität nicht ändern, laufen wir mit all den Vorurteilen herum, die uns als etwas Besseres erscheinen lassen als den „Rest der Welt“. Und diese Vorurteile hindern uns daran, die Situation richtig einschätzen zu können. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ hat ja erst so richtig gezeigt, wie tief diese alten Vorurteile stecken und wie sie die Menschen regelrecht in Panik versetzen.

Auch weil sie über die Ankömmlinge nichts wissen. Auch nichts wissen wollen. Die gedanklichen Schotten sind ja gleich im Herbst 2015 hochgegangen, als die ersten Panikmacher die Kanäle besetzten und das „deutsche Sommermärchen“ in Grund und Boden verdammten.

Ein kluges und besonnenes Land hätte sich von dem Geschrei nicht einschüchtern lassen. Aber es war (und ist) unübersehbar: Mit Fakten dringt man kaum durch. Auch nicht bei den maßgeblichen Politikern. Mit Ängsten und Panik schon. Deswegen hat sich auch an der Berichterstattung wenig geändert. Quote macht man mit hochdramatischen Geschichten, mit Verbrechen, Polizeizugriffen, aufgebauschter Terrorgefahr, mit Katastrophen und dramatischen Showdowns.

Auch wenn der Journalismus nur ein Metier unter mehreren ist, die Hans Rosling gemeinsam mit seinem Sohn Ola und seiner Schwiegertochter Anna beleuchtet, ist es ein Buch, das eigentlich auch die Frage stellt, wie ein faktenbasierter, besonnener Journalismus aussehen könnte, der dennoch die Leser erreicht. Denn Journalisten sind – neben Lehrern – die wichtigsten Vermittler von Wirklichkeit. Es sind ihre Geschichten, die die Bilder in den Köpfen der Menschen erzeugen. Oder diese Bilder infrage stellen – was ohne neue, starke Bilder nicht gelingt.

Wie macht man einen spannenden Journalismus, ohne immer wieder die falschen Ängste zu bedienen und die falschen Dinge zu dramatisieren? Wissend darum, dass gerade menschliche Dramen Geschichten erst spannend machen und die Herzen der Leser berühren?

Dabei hatte sich Rosling eine große Mission gesetzt: Die Menschheit mit beharrlichem Zureden hin zu mehr Factfulness zu bringen, nicht immer gleich in Panik zu verfallen, egal, wie dramatisch eine Sache aussieht, sondern erst einmal alle Fakten und Daten zu sammeln und dann – mit ruhiger Überlegung – Lösungen zu suchen für das Problem. Und die meisten Probleme brauchen keine „blitzschnelle Reaktion“. Selbst bei Epidemien ist es besser, erst alle Daten zu sammeln und dann auf belastbarer Grundlage die richtigen Maßnahmen einzuleiten.

Erst recht trifft das auf so gewaltige Herausforderungen wie den Klimawandel zu.

Unsere alten Ängste bringen uns dazu, uns von Panik lähmen zu lassen und lieber nichts zu tun. Statt mit belastbarem Wissen es anzugehen, die Dinge in kleinen Schritten zu verändern. Genauso sind nämlich all die Staaten der „dritten Welt““ in den vergangenen 60, 70 Jahren nach und nach aus der schlimmsten Armut herausgekommen. Einige haben längst zu den Ländern auf der höchsten Stufe, der Stufe 4, aufgeschlossen. Viele sind froh, die Stufe 3 erreicht zu haben, wo die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen schon erfüllt werden können.

Und Rosling kann auch erzählen, wie es diese Menschen selbst sind, die darum kämpfen, Stufe um Stufe zu nehmen, weil sie wissen, was Gesundheit und Bildung, Strom und sauberes Wasser bedeuten. Da sind sie alle wie die Schweden im frühen 20. Jahrhundert. Oder selbst die Deutschen, die nach heutigen Maßstäben vor 150 Jahren auch noch in Armut lebten – von Seuchen geplagt, von Hunger und Not.

Das Buch ist auch ein sehr schöner Appell an uns, die Menschen in den anderen Teilen der Welt nicht mehr als „irgendwelche Armen“ zu sehen, sondern als uns verdammt ähnlich in dem Streben nach einem glücklichen und gesunden Leben.

Logisch, dass Hans Rosling in diesem Buch zuletzt noch einmal eine große Erfüllung gefunden hat. Es ist sein Manifest an uns, uns nicht mehr von Panik treiben zu lassen und viel mehr Mühe auf Fakten und Daten zu verwenden. Es lohnt sich. Die Welt ist viel reicher und farbenfroher, als es uns die üblichen Nachrichten weismachen wollen.

Hans Rosling Factfulness, Ullstein, Berlin 2018, 24 Euro.

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