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Der Migrantenrat und der Zoo – ein Kommentar von Mustafa Haikal

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    Wie viel Erinnerung braucht eine Stadt? Wovon wollen wir uns berühren und mahnen lassen? Zu viel Geschichte schade dem Lebendigen, zu wenig nehme ihm seine Würde, schrieb Friedrich Nietzsche in den 1870er Jahren. Natürlich, noch immer erinnern sich die älteren Bürger Leipzigs an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, nie wird das aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Doch wie steht es mit dem deutschen Kolonialismus, einer Zeit, die anders als der Zweite Weltkrieg, kaum Spuren im Stadtraum hinterlassen hat und die in den privaten Erinnerungen der Leipziger keine Rolle mehr spielt?

    Es gibt in Europa Städte – etwa Amsterdam –,  die so tief mit der Geschichte des Kolonialismus verbunden sind, dass es unmöglich ist, sie in ihrer Entwicklung zu verstehen, ohne die koloniale Vergangenheit mitzudenken. Zu diesen Städten gehört Leipzig nicht. Andererseits gab es auch in Leipzig Völkerschauen und Kolonialvereine, wurden Missionare auf ihre Tätigkeit in den Kolonien vorbereitet und Sammlungen mit zum Teil geraubten Objekten aus den Kolonien angelegt.

    Und natürlich tun wir in unserem ureigensten Interesse gut daran, die deutsche und europäische Kolonialgeschichte in unsere Erinnerungskultur einzubeziehen. Dafür gibt es viele Gründe und der Respekt vor unseren Mitbürgern, die aus anderen Ländern und Kulturen zu uns gekommen sind, ist nur einer davon.

    Wir sollten die Auseinandersetzung allerdings mit Augenmaß betreiben, mit dem Bemühen, die historischen Ereignisse und ihre anhaltenden Folgen zu verstehen, kurzum, mit einem möglichst klaren Blick. Die fortwährenden Angriffe gegen den Umgang des Leipziger Zoos mit seiner Vergangenheit vergiften nicht nur die Atmosphäre, sie sind nach meiner Kenntnis der historischen Quellen auch unverhältnismäßig.

    Über Jahrhunderte durchdrang und berührte der Kolonialismus zahlreiche Lebensbereiche. Die Frühgeschichte der europäischen Zoos war mit ihm ebenso verbunden wie die der ethnografischen Museen oder der naturkundlichen Sammlungen. In all diesen Institutionen ging es nicht zuletzt um die symbolische und reale Aneignung der kolonialen Welt. Niemand bestreitet das.

    Im vergangenen September war ich gemeinsam mit Herrn Junhold in einer Sitzung des Migrantenrates der Stadt Leipzig. Diese Veranstaltung war vonseiten des Gastgebers schlecht vorbereitet und verlief auch deshalb konfrontativ. Statt das Gespräch zu suchen oder konkrete Vorschläge zu unterbreiten, kam es zu pauschalen Vorwürfen.

    Der Migrantenrat gehört in die Mitte der Gesellschaft, vertritt er doch die Interessen und Rechte der in Leipzig lebenden Bürger mit ausländischem Hintergrund. Wir brauchen seine Expertise. Wer aber denkt, er könne mithilfe obrigkeitsstaatlicher Verbote agieren, richtet eher Schaden an und verkennt die Interessenlage der großen Mehrheit der Leipziger.

    Der Zoo ist längst eine Bühne, auf der die Gesellschaft wichtige Kontroversen austrägt. Das reicht von der Neubestimmung des Mensch-Tierverhältnisses bis zur Frage des Umgangs mit dem Kolonialismus und seinen Folgen. Auch unser Bild von Afrika muss breiter in der Gesellschaft diskutiert werden. Das berührt viele Probleme, etwa den modernen Massentourismus oder das anhaltende ökonomische Ungleichgewicht in den Beziehungen zu den afrikanischen Ländern.

    Wenn dem Zoo vorgeworfen wird, er pauschalisiere Afrika und seine faszinierenden Kulturen, so kann man das vernünftig und im gegenseitigen Respekt bewerten. Zugleich ist die Idee von Kanwal Sethi, der Zoo müsse sich im Wesentlichen auf die Tierhaltung konzentrieren, wenig hilfreich. Jeder, der sich für den Natur- und Artenschutz engagiert, weiß, dass dies ohne die Berücksichtigung der Interessen der vor Ort lebenden Bevölkerung nicht geht, ganz gleich, ob in Europa oder in Afrika. Wir sollten hier eher die Chancen als die Risiken der Vermittlung sehen und uns darum bemühen, mit möglichst komplexen Bildern die alten Stereotype zu überwinden.

    Mustafa Haikal ist Historiker und veröffentlichte 2003 das Jubiläumsbuch „Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig“ bei Pro Leipzig. Zusammen mit Zoo-Direktor Jörg Junhold veröffentlichte er auch Bücher „Vorsicht Löwe! Humorvolles aus dem Leipziger Zoo“ (2005) und „Die Löwenfabrik. Lebensläufe und Legenden“ (2006). In der Diskussion um die Völkerschauen von Zoo-Gründer Ernst Pinkert nahm er an dieser Stelle 2020 schon einmal Position und verwies dabei auf die für den Zoo erstellte Publikation „Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig“.

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      2 KOMMENTARE

      1. Ich hoffe, dass die Beteiligten insbesondere den letzten Satz beherzigen.

        Mit den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen das gestrige zu beurteilen ist immer schwierig, wenn es über das Offensichtliche, wie Gewalt und Unterdrückung in jeder Form, hinausgeht. Man sollte es trotzdem tun und Schlußfolgerungen für unsere Gesellschaft ziehen.

        Danke für den Artikel!

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