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Es ist schon über eine Woche her, dass auch in Deutschland bemerkt wurde: „Spanien will Aufenthalt von rund 500.000 Migranten legalisieren“. In den USA jagen derweil ICE-Agenten migrantisch aussehende Bürgerinnen und Bürger und erschießen Menschen, die diese Jagd dokumentieren. In Deutschland hat derweil eine Partei das Ziel „Remigration“ in ihr Wahlprogramm aufgenommen.

So ist es einen Tag nach der Veröffentlichung durchaus erstaunlich, dass der Gastbeitrag des spanischen Ministerpräsidenten in der New York Times keinem deutschen „Leitmedium“ eine Meldung wert ist.
Dieser hat die Überschrift: „I’m the Prime Minister of Spain. This Is Why the West Needs Migrants.“ Es ist keine Meinung eines Kolumnisten, das merkt man bereits im ersten Teil der Überschrift: „Ich bin der spanische Ministerpräsident!“, da spricht jemand aus seinem Amtsverständnis heraus. Das hat schon eine Qualität, etwa wie eine „ex cathedra“-Verlautbarung des Papstes.

Nicht wie Meinungsäußerungen von Friedrich Merz, bei denen man nicht weiß, ob hier der Bundeskanzler oder der beleidigte Fritz von Blackrock spricht. Wäre es an der Zeit, dass auch in Deutschland eine führende, hier im Wortsinne „regierende“ Persönlichkeit sich hinstellt und sagt:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind der Führer einer Nation und stehen vor einem Dilemma. Etwa eine halbe Million Menschen, die für das tägliche Leben aller von entscheidender Bedeutung sind, leben in Ihrem Land. Sie kümmern sich um Ihre alternden Eltern, arbeiten in kleinen und großen Unternehmen, ernten die Lebensmittel, die auf den Tisch kommen. Sie sind auch Teil Ihrer Gemeinschaft. An den Wochenenden spazieren sie in den Parks, gehen in Restaurants und spielen in der lokalen Amateurfußballmannschaft.“

So beginnt nämlich der Beitrag und er geht auch genauso weiter. Währenddessen wird nicht nur in Deutschland darüber geredet, auch schon entsprechend gehandelt, wie man so viele Migrantinnen und Migranten abschiebt. Dabei ist es sogar unerheblich, ob diese die Landessprache sprechen, in wichtigen Bereichen arbeiten, Steuern und Sozialbeiträge zahlen und Ähnliches. Hauptsache „Raus aus unserem Land!“ und eine Partei will sogar bereits eingebürgerten Menschen die Staatsbürgerschaft wieder entziehen.

Ist der Weg der spanischen Regierung richtig, unterschätzt Pedro Sánchez die Probleme der Migration? Nein, er stellt diese genau in den richtigen Kontext:

„Es wird nicht einfach sein. Das wissen wir. Migration bringt Chancen mit sich, aber auch enorme Herausforderungen, die wir anerkennen und angehen müssen. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass die meisten dieser Herausforderungen nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion oder Sprache der Migranten zu tun haben.

Vielmehr werden sie von denselben Kräften angetrieben, die auch unsere eigenen Bürger betreffen: Armut, Ungleichheit, unregulierte Märkte, Hindernisse beim Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Wir sollten unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, diese Probleme anzugehen, denn sie sind die wirklichen Bedrohungen für unsere Lebensweise.“

Es braucht hier kein Fazit, auch unsere Regierenden müssen dringend darüber nachdenken, wie sie „Armut, Ungleichheit, unregulierte Märkte, Hindernisse beim Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung“ statt migrantische Menschen bekämpfen. Ob dies in naher Zukunft geschieht, das darf bezweifelt werden. Ob die spanischen Wählerinnen und Wähler Pedro Sánchez unterstützen, allerdings leider auch.

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