Zwischen 1876 und 1931 fanden auf dem Gelände des Leipziger Zoos etwa 40 sogenannte „Völkerschauen“ statt. In den Leipziger „Menschenzoos“ wurden insgesamt mehr als 750 Menschen den Zoobesucher/-innen zur Schau gestellt. Auch in vielen anderen Städten Europas waren diese Ausstellungen üblich und hatten Tradition in Zirkussen, Kuriositäten-Kabinetten und auf Jahrmärkten. Eine kritische Aufarbeitung der „Völkerschauen“ ist bisher, trotz der langjährigen Forderung verschiedener zivilgesellschaftlicher Akteure, nur spärlich erfolgt.

November 2020: Antrag und Beschluss

Daher gab es eigentlich keinen wirklichen Konflikt zwischen Kulturdezernat und Linksfraktion, als diese im November 2020 einen Antrag zur Aufarbeitung der Leipziger Kolonialgeschichte stellte. Zwar intervenierte CDU-Stadtrat Karsten Albrecht mit einem recht seltsamen Redebeitrag, in dem er über einen sehr schwammigen Begriff von „Was ist Geschichte?“ philosophierte und meinte, es sei nicht Aufgabe des Stadtrats, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Das sah die Mehrheit jedoch anders und der Linke-Antrag „Leipziger Kolonialgeschichte in die Erinnerungskultur aufnehmen“ wurde angenommen. Die daraufhin entworfene dreiteilige Beschlussvorlage sieht zum ersten eine kritische und historisch gesicherte Aufarbeitung der Leipziger Kolonialgeschichte vor. Zum zweiten sollen das Stadtgeschichtliche Museum (SGM) sowie das GRASSI Museum für Völkerkunde federführend bei der zivilgesellschaftlichen Diskussion sein. Und zuletzt sollen die Erkenntnisse veröffentlicht und in das umfassendere Konzept zur Erinnerungskultur der Stadt Leipzig aufgenommen werden.

„Ziel des Projektes ist es, das Thema Kolonialismus nicht als isoliertes Phänomen einer belasteten Vergangenheit zu behandeln, sondern es mit gewolltem Aktualitätsbezug und im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang von Wirtschaftsstruktur, Konsumentenverhalten und Stadtentwicklung zu betrachten“, heißt es weiter. Bis zum 2. Quartal 2021 sollte eine erste Aufarbeitung des Themas realisiert werden. Was ist bisher passiert?

Sommer 2021: Stadtrundgänge

„Im Rahmen von ‚Auf dem Weg – Konzept lebendiger Erinnerungskultur‘ fanden von Juni bis Oktober 2021 themenbezogene öffentliche Stadtspaziergänge statt“, heißt es dazu aus dem Kulturdezernat. Dabei moderierte der SGM-Direktor Anselm Hartinger die Auftaktveranstaltung. Im Anschluss habe man sich mit Bürger/-innen und verschiedenen Akteuren aus Kultur, Politik und Verwaltung ausgetauscht.

„Die städtischen Veranstaltungen wie der Stadtspaziergang mit Herrn Hartinger zur lokalen Erinnerungskultur ist uns zum einen nicht kommuniziert worden“, so die AG Leipzig Postkolonial, die vom Kulturdezernat explizit als Kooperationspartner genannt wird. „Zum anderen wird nirgends ersichtlich, in welchem Umfang, unter welchem Fokus postkoloniale Erinnerungskultur thematisiert wurde.“

September 2021: Kritisierte Podiumsveranstaltung

„Im Zuge der Veranstaltungsreihe ‚Impuls Kulturpolitik‘ fand am 30. September 2021 ein Vortrag mit anschließender Diskussion zum Thema ‚Leipzig und seine (post)koloniale Geschichte und Gegenwart‘ statt“, so das Kulturdezernat weiter zur Umsetzung der Beschlussvorlage. Als Gäste waren die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, die Afrikanistik-Professorin Rose Marie Beck, der Projektleiter des Zukunftsprogramms „ReInventing Grassi 2023“ Kevin Breß sowie Zoodirektor Jörg Junhold und Vorsitzender des Migrant/-innenbeirates Mohamed Okasha geladen.

Neben der Umsetzung der Veranstaltung und einigen fragwürdigen Bemerkungen der Zoo-Verantwortlichen kritisiert die AG Leipzig Postkolonial vor allem die Zusammensetzung des Podiums: „Es war nur Mohammad Okasha vom Migrant/-innenbeirat eingeladen zu sprechen, aber sonst keine kritischen Stimmen der Zivilgesellschaft, sondern nur weiße Vertreter/-innen von Leipziger Institutionen.“

Man habe bereits ein einstündiges Gespräch mit dem Migrant/-innenbeirat geführt, um einen Diskurs aufzubauen und damit auch die Sicht der Betroffenen einzubeziehen, erklärte Jennicke damals: „Wir haben versucht, einander zu verstehen, aber das war nicht einfach.“ Von Schuldzuweisungen geprägt sei die Debatte gewesen. Auf Anfrage der Leipziger Zeitung (LZ) weist auch die Stadtverwaltung noch einmal darauf hin, dass für die Reflexion der Kolonialgeschichte „neben einer wissenschaftlich fundierten Argumentation eine Versachlichung der in den letzten Monaten teilweise sehr emotional geführten Debatte“ benötigt wird.

Aber ist es nicht etwas anmaßend als Stadtverwaltung, von den Betroffenen immer Coolness und Pragmatismus zu fordern? Vor allem als eine Stadtverwaltung, die es oftmals versäumt, die Sicht der Betroffenen ausreichend in Diskussionen mit einzubeziehen und erst nach jahrzehntelangen Forderungen von zivilgesellschaftlichen Akteuren langsam – auf Antrag der Linksfraktion – eine Aufarbeitung anstößt. Gehört die Wut der Betroffenen und das Verständnis für diese Wut nicht auch zum Aufarbeitungsprozess und dem „gewollte[n] Aktualitätsbezug“, von dem in der Beschlussvorlage die Rede ist?

Vorhaben und Ziele für 2022

Für das Jahr 2022 sind mehrere Projekte geplant, in denen verschiedenen Perspektiven Platz gegeben werden soll und muss. Neben weiteren Stadtrundgängen und Diskussionsveranstaltungen soll das Thema Leipziger Kolonialgeschichte in der 2. Jahreshälfte in das Themenjahr „Leipzig – Stadt der Bildung/Kriterien: Urbanität und Vielfalt“ aufgenommen und mit entsprechenden Formaten und finanziellen Mitteln unterstützt werden.

Zum 125. Jubiläum der „Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung“ (STIGA) im kommenden Jahr werden außerdem verschiedene Projekte, die sich mit dem Thema „Leipzig und (Post)Kolonialismus“ als einem Teilaspekt der STIGA widmen, umgesetzt. Für die „Reflect Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung 2022“ steht beispielsweise die AG Leipzig Postkolonial in Kontakt mit der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) und dem BIPoC-Kollektiv Diversif (BIPoC = Black, Indigenous, and People of Color).

„Das Projekt bietet die Möglichkeit Anstöße zu liefern für die Stadt Leipzig auch dauerhaft koloniale Geschichte(n) und ihr Fortwirken mitzudenken, aufzuarbeiten und dementsprechend zu handeln“, so Max Wegener von der AG Postkolonial.

„Des Weiteren ist die Darstellung der Leipziger Kolonialgeschichte auf der Homepage der Stadt Leipzig, die Aufarbeitung und geeignete Darstellung der eigenen Kolonialgeschichte im Programm und auf der Ausstellungsfläche des Leipziger Zoos sowie aussagekräftige Hinweisschilder an Straßennamen, Orten und Institutionen mit relevantem Bezug zur Kolonialgeschichte geplant“, heißt es außerdem aus dem Kulturdezernat.

Die AG Postkolonial hofft, dass die Ansiedlung des Themas im Kulturdezernat nicht dazu führt, dass Erinnerungskultur damit „auf der Kulturschiene festhängt“: „Die notwendige Erinnerungsarbeit ist ein Querschnittsthema, das bis heute der Grund ist für ganz konkrete soziale Probleme, angefangen vom (institutionellen) Rassismus über Zugänge zu Bildung und Teilhabe an Gesellschaft.“

„Aufarbeitung der Leipziger Kolonialgeschichte: Was ist seit dem Stadtratsbeschluss passiert?“ erschien erstmals am 17. Dezember 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 97 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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