Seit der Diskussion um den ersten Leipziger Zoodirektor Ernst Pinkert und die Völkerschauen im Leipziger Zoo steht das Thema Kolonialgeschichte auch in Leipzig ganz oben auf der Liste der abzuarbeitenden Forschungsthemen. Dabei kommen auch neue Aspekte zum Vorschein, so wie die von Ernst Pinkert organisierten Beduinenkarawanen. Ein Interview mit dem Historiker Mustafa Haikal.

Herr Haikal, in den letzten Jahren gab es eine intensive und teilweise sehr kontroverse Diskussion um die Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhunderts, an der Sie sich mehrfach beteiligt und dafür plädiert haben, das Phänomen der Völkerschauen differenziert und sachlich einzuordnen. Nun haben Sie sich in den vergangenen Wochen konkret noch einmal sehr intensiv mit der sogenannten Beduinenkarawane des Leipziger Zoodirektors Ernst Pinkert beschäftigt. Was zeigen die Dokumente?

Es ist in der Tat so, dass ich mir Dokumente und Zeitungsartikel aus vielen europäischen Städten angesehen habe, so aus München, Hamburg und Berlin, aber auch aus Wien, Prag, Paris oder Mailand. Sie belegen, dass Ernst Pinkert von 1888 bis 1891 wenigstens vier Völkerschaugruppen finanziert hat und zudem sehr intensiv gereist ist, um die notwendigen Kontakte zu knüpfen.

Angeworben und auf ihrer Reise begleitet wurden die Gruppen allerdings von Willy Möller, einem Hamburger Tierhändler, der seit etwa 1878 in Ägypten und dem heutigen Sudan unterwegs war.

Wann und warum sind die beiden Männer zusammengekommen? Wie haben wir uns ihre Zusammenarbeit vorzustellen?

Der Bruder von Willy Möller, Heinrich Möller, unterhielt am Hamburger Spielbudenplatz eine Handelsmenagerie, die Pinkert gut kannte. Er hatte dort 1881 unter anderem den ersten Elefanten des Leipziger Zoos erworben und war auch ansonsten mit den Geschäften der beiden Brüder vertraut. Diese aber nutzen ihre Verbindungen und Kontakte nicht nur für den Import von Tieren, sondern stellten ab 1880 auch Völkerschauen zusammen, die europaweit und in den USA unterwegs waren.

Das heißt, dass Willy Möller bereits Erfahrungen als Organisator von Völkerschauen hatte und Ernst Pinkert erst später dazustieß?

Genauso ist es. Ernst Pinkert wäre allein kaum in der Lage gewesen, die Schauen zu organisieren, dafür fehlten ihm die Voraussetzungen. Er kannte weder Ägypten oder den ägyptischen Sudan, noch war er sprachkundig genug. Wie Carl Hagenbeck, der ja eine Zeitlang ebenfalls am Spielbudenplatz sein Geschäft betrieb, bediente er sich der ortskundigen europäischen Helfer, die dort seit längerer Zeit lebten.

Wie haben wir uns eine solche Beduinenkarawane vorzustellen? Wie verliefen die Schaustellungen?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die Schaustellungen immer umfangreicher wurden und ihren Charakter dabei veränderten. Die Beduinenkarawane von 1888 umfasste 18, das Beduinenlager von 1889 über 40 Personen, während an der „Ägyptischen Ausstellung und Beduinenkarawane“ bis zu 130 Menschen beteiligt waren.

Das Programm nahm also schrittweise komplexere Formen an. In der ersten Schaustellung dominierten eindeutig die Reiterkampfspiele mit den arabischen Vollblutpferden, von denen der deutsche Kaiser Wilhelm II. in Berlin so begeistert war. Sie stammten im Übrigen, was keiner wusste, keineswegs aus dem Orient, sondern aus einem Gestüt in der Nähe von Rochlitz.

In den folgenden Jahren ging es dann um sehr umfangreiche Erlebniswelten, versprachen die Organisatoren mehr oder weniger ein ganzes Land in seinen Eigenheiten und seiner Geschichte nachzubilden. Aus diesem Grund wurden teure Dekorationen angeschafft, etwa eine 50 Meter lange Kulissenlandschaft des Theatermalers Moritz Lehmann. Die Schauen waren vom Frühjahr bis zum Spätherbst unterwegs, dann fuhr das Gros der Teilnehmer nach Hause, während die Tiere den Winter über in Europa blieben und hier betreut wurden.

Vier Teilnehmer der 18köpfigen Beduinen-Karawane Ernst Pinkerts, 1888 im Atelier der Gebr. Siebe (Leipzig) aufgenommen (mit freundlicher Genehmigung von Heritage Auctions Europe)
Vier Teilnehmer der 18köpfigen Beduinen-Karawane Ernst Pinkerts, 1888 im Atelier der Gebr. Siebe (Leipzig) aufgenommen (mit freundlicher Genehmigung von Heritage Auctions Europe)

Wie rassistisch oder kolonialistisch waren diese Völkerschauen?

Ich bin noch dabei, die Dokumente auszuwerten. Dennoch ist eines offensichtlich. Die Völkerschauen fanden in einer Zeit statt, in der kaum jemand die sogenannte Überlegenheit der  Europäer infrage stellte. Man ging vielmehr davon aus, dass alle Völker in ihrer kulturellen Entwicklung bestimmte Stufen durchlaufen müssten, wobei die Europäer selbstredend ganz oben auf der Treppe standen.

Was die Beduinen betrifft, so verhielt es sich ein wenig anders, hier finden wir auch zivilisationskritische Elemente, indem man den Deutschen am Beispiel der Beduinen bestimmte Werte vorhielt, die den Menschen in Europa mehr oder weniger abhandengekommen seien, etwa Tapferkeit, Ausdauer oder Enthaltsamkeit.

Es war ein stark männlich geprägter, kriegerischer Kult, deshalb auch die Begeisterung des deutschen Kaisers. Das schloss keineswegs aus, dass es auch Stimmen gab, die aus heutiger Sicht schwer erträglich sind, so wenn der berühmte Mediziner Rudolf Virchow der Schau ein gutes Rassematerial bescheinigte.

Von Pinkert selbst sind keine rassistischen oder kolonialen Aussagen überliefert und ich glaube auch nicht, dass ihn das in besonderem Maße interessierte. Nach dem, was ich bisher gelesen habe, hat er sich korrekt verhalten, die Teilnehmer entsprechend der Vereinbarungen bezahlt und einen der deutschen Begleiter zurechtgewiesen, als dieser gegenüber einigen Teilnehmern der Schau handgreiflich wurde.

Andererseits war Pinkert Teil eines Systems, in dem er selbst eine aktive Rolle spielte. Dass es am Ende die Beduinenschau und nicht etwa eine andere Völkerschau war, die er finanzierte, dürfte im Grunde ein Zufall gewesen sein.

Handelte es sich überhaupt um Beduinen oder war auch das nur eine Inszenierung?

Es handelte sich tatsächlich um Beduinen, zumindest zum überwiegenden Teil, später kamen noch Fellachen, syrische Handwerker, Berber und andere Berufsgruppen oder Ethnien hinzu. Es war – vor allem bei den größeren Schauen – ein ziemliches Durcheinander.

So reisten im Umfeld der Beduinen auch zwei Syrier aus Kairo, die einen Handel mit orientalischen Waren betrieben und die Frau von Willy Möller, eine Ägypterin mit griechischen Wurzeln, bewirtschaftete gemeinsam mit ihrer Schwester das arabische Café der Schaustellungen.

Daneben gab es freakhafte Elemente, so den Araber Hassan Ali, der mit seinen 2,40 Metern als arabischer Riese angepriesen wurde und die sogenannten „heulenden Derwische“, die auch in Castans Panoptikums auftraten.

Und die Teilnehmer der Schauen, welche Beweggründe hatten sie, sich auf die Reise nach Europa einzulassen?

Die Völkerschauteilnehmer verfolgten selbstverständlich ihre eigenen Interessen. Sie wollten Geld verdienen oder konflikthaften Situation in der Heimat entgehen, etwa einer ungewollten Heirat.

Die Tatsache, dass sich einige der Männer von Möller über viele Jahre immer wieder von dem Hamburger anheuern ließen, spricht eher dafür, dass sich das Geschäft auch für sie lohnte. In den Unterlagen befindet sich eine Gehaltsliste, die zeigt, dass der Verdienst im Bereich dessen lag, was auch die durchschnittlich qualifizierten deutschen Arbeiter verdienten. Hinzu kamen in aller Regel ja Trinkgelder und Geschenke, wobei man das alles dann noch auf die Lebensverhältnisse in den Ursprungsländern beziehen muss.

Gab es auch Konflikte oder Unfälle?

Das stimmt, umso größer die Völkerschaugruppen wurden, desto mehr Konflikte gab es. Das lag zum Teil an Ausfälligkeiten einzelner Betreuer, den Belastungen der Reise und den Bedingungen des engen Zusammenseins. Zum Teil brachten die Teilnehmer die Konflikte auch aus ihrem Heimatland mit, wenn ich nur an die tief verwurzelten Ressentiments zwischen Fellachen und Beduinen denke.

Zwei der Teilnehmer gerieten wegen einer Liebesgeschichte aneinander, in Mailand erschoss ein junger Beduine einen italienischen Jungen versehentlich durch eine Bretterwand, nachdem dieser einen brennenden Holzscheit in das Ausstellungsareal geworfen hatte, in München starb ein 21-jähriger Ägypter an einer Bauchfellentzündung. Es gab solche und ähnliche Vorfälle und sie kulminierten im Oktober 1890 in München, mit dem Ergebnis, dass die Tour abgebrochen werden musste.

Andererseits erfahren wir von einer gemeinsamen Dampferfahrt auf der Elbe, vom Besuch verschiedener Museen und anderen Aktivitäten. Die medizinische Betreuung, ob durch niedergelassene Ärzte oder im Krankenhaus, war zeitgemäß und auch die Ernährung war offenbar gut.

Warum hat sich Ernst Pinkert überhaupt auf dieses Projekt eingelassen, es vorangetrieben und finanziert? Was bezweckte er?

Lassen sie mich hier ein wenig ausholen. Die Verbindung der zoologischen Gärten zu bestimmten Formen des Kolonialismus war durchaus eng, ja unauflöslich. Das reichte vom Tierfang, bis zu der Art der Präsentation der Tiere, von der Zooarchitektur bis zu den Völkerschauen. Es gab einen Zusammenhang zwischen dem Anspruch, die ganze Welt zu beherrschen und dem Anspruch, die Natur zu unterwerfen.

Gleichzeitig darf uns die Verbindung der frühen Zoos mit dem Kolonialismus nicht den Blick dafür versperren, dass sich die Popularität der Schauen in erster Linie aus dem großen Unterhaltungsbedürfnis der rasch wachsenden Städte speiste, dass es aus der Sicht der Impresarios zumeist fast ausschließlich ums Geschäft ging und die Völkerschauen auch auf Festplätzen, Radrennbahnen oder im Begleitprogramm großer Veranstaltungen stattfanden.

Mit Blick auf Pinkert kommt hinzu, dass er sich seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen musste, dass er aus armen Verhältnissen stammte. Er wollte im Kreise der Zoodirektoren und der Stadtgesellschaft dazugehören, Respekt genießen. Deshalb vor allem nannte er die erste Schau auch Pinkerts Beduinenkarawane, was in Berlin oder Wien natürlich gar keinen Sinn ergab.

Anders als Hagenbeck war Pinkert keine europäische Größe, ihn kannte kaum jemand. Man hat die Schau auch deshalb schon im zweiten Jahr umbenannt. Und noch ein zweiter Aspekt spielte eine Rolle, und zwar das Geld. Pinkert ist bei keiner seiner Aktionen außerhalb Leipzigs ein so großes finanzielles Risiko eingegangen.

Die Völkerschauen waren teuer und umso größer und aufwendiger sie wurden, desto höher wurden die zu investierenden Beträge. Man konnte – das ist offensichtlich – viel Geld verdienen, es blieb allerdings ein schwer zu kalkulierendes Risiko.

Was haben Sie nun mit dem Material vor? 

Ich würde zunächst weiter sammeln, was noch einige Monate in Anspruch nehmen dürfte. Ein Aufsatz im Jahrbuch für Leipziger Stadtgeschichte ist angedacht, da das Thema aber weit über Leipzig hinausreicht und es sehr viele Abbildungen gibt, wäre auch ein erzählendes Sachbuch gut möglich, man könnte zudem eine Ausstellung mit starkem Leipziger Bezug erarbeiten oder aber eine Wanderausstellung organisieren, vielleicht sogar beides.

Das Thema umfasst rund vierzig Jahre, eine Vielzahl von Biographien und interessanten Handlungsräumen. Als Sohn eines Ägypters interessiert mich zudem die ägyptische Geschichte, der Urabi-Aufstand und die Erhebung des Mahdi, Ereignisse, in die Willy Möller verwickelt war und die für das Land und den antikolonialen Kampf eine Zäsur darstellten.

Der Historiker Mustafa Haikal hat sich mehrfach mit der Geschichte der zoologischen Gärten beschäftigt und ein Stipendium der VG Wort (Neustart Kultur) genutzt, um diese Arbeiten noch einmal zu vertiefen.

Das Interview führte Uwe John, Redakteur des Jahrbuchs für Leipziger Stadtgeschichte.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Es gibt 4 Kommentare

Lieber Gohliser, bitte gestatten Sie mir den Hinweis daß ich Sie schon aufgrund Ihres Namens in dieser Sache für befangen halte. Ihr Einwurf wird dem Thema Kolonialismus / Rassismus in Leipzig anhand der Institution Zoo nicht gerecht. Ehe Sie sich noch “das erzählende Sachbuch dazu wünschen”, empfehle ich Ihnen sich vorher durch eines der Zoo Bücher des Interviewten zu quälen. Vielleicht kommt danach der Gedanke daß anderen Meinungen zu diesem Thema, auch in Artikeln dieser Zeitung (Migrantenbeirat, AG, einzelne Betroffene / Interessierte etc.) keine ausreichende Würdigung / Diskussion mit und durch die Institution Zoo erfahren. Allein dieses Interview ist bezogen auf die Institution Zoo wieder ein Paradebeispiel für Lavieren sowie Weglassen von bekannter Kritik und Konzentration auf einen Teilaspekt, letztlich mit dem immergleichen Fazit: Zoo und sein Gründer haben sich “korrekt” verhalten, na ja wenn überhaupt irgendeine “aktive Rolle” im System? gespielt, am Ende doch eher zufällig, irgendwie typisch für ihre Zeit, wohl nicht so interessiert an Kolonialismus / Rassismus – OK es müssen weitere Dokumente ausgewertet werden. Bei einem so sensiblen und zivilisatorischen Thema ist die permanente Hoheitsmeinung eines (solchen) Autors m.E. zu wenig, erst recht für die Herausforderungen der Gegenwart.
Weiter Frohes Forschen

Lieber Hearst (nach dem Zeitungsverleger benannt?). Gibt es Belege für Ihre Anschuldigungen? Bzw. wo genau sehen Sie – auf Basis des Gesagten – eine andere Interpretation? Haben Sie andere Quellen?
Ich selbst habe über sog. Freakshows im 19./20. Jhd. geforscht (Herr Haikal spricht das ja auch kurz an) und kann zumindest das, was er sagt, aus meiner Warte bestätigen.

Da hat der Zoo Hofberichtschreiber aber geliefert. Das sind also die Erkenntnisse der Zoogeschichte nach 20 Jahren exklusiver Zooforschung. Die unsäglich langweiligen populärwissentschaftlichen Bücher Haikals sind dabei genauso belanglos wie seine wissenschaftliche Tätigkeit. Hat Herr Haikal exklusiv Zugang zum Zooarchiv oder darf jeder Forschende an das Material? Ach ja, die heiklen Fragen wurden gleichmal umschifft, der Tenor ist immer dergleiche – Pinkert bleibt sauber, ganz im Sinne der Auftraggeber – Herrn Junhold und dessen Chef die Stadt L.
Na dann weiter mit Hopsi Afrika, Pardon – Hakuna Matata

Eines der besten Interviews seit Langem. Herr Haikal erklärt – was heute leider zu oft nicht mehr gemcht wird – die Geschichte aus der damaligen Zeit heraus, argumentiert mit großem Wissen, sachlich, abwägend und bezieht die Kontexte, in denen sich das alles abspielte, mit ein. Ich würde mir das erzählende Sachbuch dazu sehr wünschen.

Schreiben Sie einen Kommentar