Da blättert man sich durch sämtliche Artikelversionen auf Wikipedia hindurch, weil man einfach nicht fassen kann, dass der Blödsinn dort schon seit Anfang an steht und von all den an Kommata und Verlinkungen mäkelnden Redakteuren nie verändert wurde. Aber es stimmt: Seit der Artikel „Leipziger Gemetzel“ am 4. Mai 2008 neu angelegt wurde, steht der Quatsch genau so da. Und wurde nun Anlass für die Leipziger AfD-Fraktion für einen weiteren Versuch der Geschichtsklitterung.

Worum geht es?

Die AfD-Fraktion hat Kraft ihrer Wassersuppe beantragt: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, auf dem unbebauten Bereich an der Ecke Roßplatz/Universitätsstraße (nördlich des Roßplatzes/westlich der Universitätsstraße, Schillerpark) ein Schild zum Gedenken an das ‚Leipziger Gemetzel‘ mit folgender Aufschrift aufzustellen:

„Als der sächsische Prinz Johann im gegenüberliegenden Hotel de Prusse am Abend des
12. August 1845 speiste, sang eine Menge Leipziger Bürger vor dem Haus deutsch-natio­nale und patriotische Lieder. Auf Befehl des Prinzen schritt das sächsische Militär ein und erschoss acht Leipziger Patrioten und verletzte vier. Eingegangen in die Geschichte als

L e i p z i g e r   G e m e t z e l!“

Also für die grauen Herren in Blau ist das Schild schon fast fertig. Und nur der Geschichtsbewanderte stutzt: Woher kommen hier auf einmal die „Patrioten“? Und was für „deutsch-nationale und patriotische Lieder“ haben sie da gesungen? Warum erfuhr man dazu bisher nichts?

Außer aus dem Wikipedia-Artikel, der augenscheinlich nur von Leuten korrigiert wurde, die sich mit der Leipziger Geschichte nicht auskennen.

Alles Patrioten, oder?

Deshalb steht da seit 2008 unkorrigiert: „Außerhalb sang eine Menge deutsch-nationale und patriotische Lieder. Es wurden Tiraden gegen die Jesuiten ausgestoßen und Steine gegen die Fenster des Hotels geworfen, woraufhin der Kommandant der Kommunalgarde nach der Hauptwache der Kommunalgarde schickte, damit diese einschritt.“

Auf diesen Wikipedia-Eintrag bezieht sich die AfD-Faktion.

Was aber ist da am 12. August 1845 tatsächlich passiert? Damit hat sich ein Historiker in den letzten Jahren besonders intensiv beschäftigt: Ralf Zerback. Auf den bezieht sich auch der Wikipedia-Beitrag und weist sogar explizit auf seine 2007 im Lehmstedt Verlag veröffentlichte Biografie „Robert Blum“ hin, sogar fast auf die richtige Seite, die Seite 179. Was umso seltsamer macht, dass die oben zitierte Passage entstanden ist.

Auf den Seiten 177 und 178 kann man nachlesen, dass es an diesem Augusttag 1845 weder um Patriotismus noch um Nationalismus ging. Sondern um die reaktionäre Politik in Sachsen, einerseits die wirklich vorgestrige Politik des seit 1843 amtierenden Leitenden Ministers Julius Traugott von Könneritz (der zum Glück nichts mit der Leipziger Könneritzstraße zu tun hat) und um den als erzkonservativ bekannten Bruder des sächsischen Königs, Prinz Johann, der an diesem Tag Leipzig besuchte. Zerback: Er „galt als religiöser Eiferer“.

Das sächsische Königshaus war seit August dem Starken katholisch, aber kaum ein Vertreter des Königshauses zeigte seinen religiösen Eifer so offen wie Prinz Johann. Woher dann auch die Rufe „Nieder mit den Jesuiten!“ rührten.

Freiheitsfreunde und Glaubensfragen

Aufgeregt war die Stimmung auch noch aus einem anderen Grund, wie Zerback feststellt: „Der Könneritz-Kurs führte Sachsen zurück in die Vergangenheit. Jeder Winkel des Landes wurde nach Freiheitsfreunden durchschnüffelt.“

Aus Wien ließ Metternich grüßen, der ausgerechnet über Leipzig sagte, an keinem anderen Ort habe sich so viel „Giftstoff“ angesammelt wie in Leipzig. Das zitiert Zerback in seinem Beitrag für den Band „Unruhiges Leipzig“, der 2016 im Leipziger Universitätsverlag erschien – direkt aus Metternichs nachgelassenen Papieren, Band 7.

Die Stimmung war schon tagsüber aufgereizt, als Prinz Johann die Übungen der Bürgerwehr abnahm. „Am Abend spitzte sich die Lage zu. Im Hotel de Prusse am Roßplatz dinierte der Prinz mit den städtischen Honoratioren, während draußen vor dem Gebäude erneut gelärmt wurde. Die Menge ließ Ronge und Czerski hochleben. ‚Nieder mit den Jesuiten!‘ war zu hören. Die Stimmung in der lauen Nacht steigerte sich, man sang …“

Aus den Jesuiten-Rufen hat der Wikipedia-Artikel-Schreiber dann Tiraden gemacht. Schon das eine völlig unsinnige Umschreibung dessen, was da gerufen wurde. Selbst Wikipedia hat zu Tiraden eine andere Meinung.

Ja, was sangen sie denn?

Und nun die spannende Frage: Welche „deutsch-natio­nalen und patriotischen Lieder“ haben die Leute da gesungen? Das muss doch benennbar sein.

Ist es auch. Doch es hat mit Patriotentum und Nationalismus nichts, aber auch gar nichts zu tun. Zerback weiter: „… man sang ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘ und grölte Schillers Räuberlied ‚Ein freies Leben führen wir‘.“

Ein protestantisches Glaubenslied und ein Räuberlied? Mit „deutsch-natio­nal und patriotisch“ hat das nicht die Bohne zu tun. Dafür viel mit Glaubens- und Meinungsfreiheit.

Dass das Militär dann „acht Leipziger Patrioten“ erschoss, steht freilich nicht mal bei Wikipedia, das sich hier richtigerweise auf „Bürger“ beschränkt.

Die Schüsse fielen erst, als die Menge schon abgedrängt war. Die meisten der acht Toten und vier Verletzten wurden – nachdem das Militär im Peloton seine Salven auf die Menge abgefeuert hatte – in den Rücken getroffen.

Leipzigs Toten

Noch am 24. August 1845 schrieb Ferdinand Freiligrath sein Gedicht „Leipzigs Toten“, in dem er das Leipziger Gemetzel mit der Bartholomäusnacht verglich. Denn dass es hier zuallererst um Glaubensfreiheit ging, das war den Zeitgenossen noch bewusst. Und dass hier Feigheit den Befehl gegeben hatte, ebenfalls. Freiligrath schreibt von den „vielbeliebten, sichern Rückenschüssen.“

„Und dann: Sie flohn! – Der Blitz des Rohres fuhr
in abgewandte, schon geworfne Reihen!
Ja, Fliehnde nur, schuldlose Wandler nur,
hat man erlegt mit königlichen Bleien!
Ein Weib, ein Kind – o herzzerreißend Weh! …“

Zerback erwähnt auch noch den Korrektor von Heinrich Brockhaus, der nur vors Haus gegangen war, um zu sehen, was vor sich ging, und dabei erschossen wurde.

Es ging also um nichts von dem, was die AfD-Fraktion hier versinnbildlicht sehen will. Die hatte das so formuliert: „Die antragstellende Fraktion sieht in einer Gedenktafel eine Chance, an die nationale und demokrati­sche Bewegung des Vormärzes in Leipzig zu erinnern. Hierbei soll deutlich gemacht wer­den, dass die Forderung nach Demokratie und nationaler Einheit unseres Vaterlandes mitein­ander einhergingen und -gehen. Nicht umsonst sangen 1845 Leipziger Patrioten deutsch-nationale Lie­der, denn sie wussten, dass nur die geeinte deutsche Nation den Rahmen für eine wahrhafte Demokratie bieten konnte.“

Das aber ist schon ganz bewusste Geschichtsklitterung.

Dass der Wikipedia-Beitrag endlich korrigiert gehört, sollte sich von selbst verstehen. Weder waren Patrioten auf dem Platz, noch sangen sie patriotische Lieder.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar