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Der Ring der nie Bezwungenen: Ein Leipziger Stadtrundgang mit hintergründigen Gedanken

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    Eine Erzählung ist es eigentlich nicht, auch wenn Stephan Weitzel mit dem Verlagsmitarbeiter Hannes Franzmann einen Erzähler nach Leipzig schickt, der hier am Rande langweiliger Beratungen an einem Stadtrundgang teilnimmt. Und seine Überraschungen erlebt. Und so wird das Buch eher ein Stadtrundgang, einmal rund um den Ring und voller Überraschungen, auf die Franzmann so nicht gefasst war.

    Was auch am Stadtführer liegt, einem gewissen Peter Kien, der den Teilnehmern dieses ganz speziellen Rundgangs 3,5 Kilometer rund um den Ring so einiges zumutet, nicht nur was die kompakte Leipziger Geschichte betrifft, denn die bekommt man auf dieser Tour rund um den Promenadenring tatsächlich in geballter Ladung.Man kommt an der Musikstadt (Schumann, Bach, Wagner, Mendelssohn) genauso wenig vorbei wie an der Messestadt und der Radikalität der Leipziger, wenn es um den Abriss ganzer historischer Straßenzüge geht (wie etwa den Abriss von Wagners Geburtshaus oder der alten Thomasschule). Aber natürlich wetterleuchtet auch der Herbst 1989 mit hinein in diesen Text, der im Grunde die faszinierte Beschreibung eines Stadtrundgangs ist, die Weitzel in der Rolle eines Überraschten schildert, der Leipzig zwar schon kannte, aber nicht seine reiche Geschichte.

    Eigentlich ein spannender Ansatz, denn er setzt da an, wo unser „Wissen“ über die Welt meistens aufhört. Wir haben irgendwelche plakativen Vorstellungen von allem und jedem, so eine Art Raster, in das wir auch Orte wie Leipzig einsortiert haben. Aber wie so ein Ort geworden ist, was er ist, welchen Atem seine Geschichte verströmt und was Straßen, Häuser und Plätze erzählen, wissen wir meist nicht. Die meisten laufen dran vorbei. Für viele Leipzig-Besucher würde es völlig ausreichen, wenn es Völkerschlachtdenkmal und Auerbachs Keller gäbe. Mehr wollen sie gar nicht wissen von der Stadt.

    Aber die Tour, die dieser Peter Kien hier anbietet, beginnt am Goerdeler-Denkmal schon mittendrin in einem Stück widerständiger Stadtgeschichte, das selbst die meisten Leipziger nicht kennen. Und er zeigt den Tapferen, die mit ihm laufen, nicht nur die Sahnestückchen, sondern auch die Schattenseiten. Wobei Schatten auf dieser Tour allen guttut, denn es ist der heiße Sommer 2020, die Pandemie ist gerade abgeklungen.

    Also muss auch Abstand gewahrt werden bei diesem Rundgang. Und an mancher Stelle merkt auch Franzmann, wie seine Konzentration nachlässt und die Gedanken abschweifen. Denn Kien erzählt Geschichten um Geschichten, so viele, dass man eher daran zweifelt, dass ein echter Stadtbilderklärer es in dieser Fülle tatsächlich schafft, ohne dass ihm die Leute dabei mit Kopfschmerzen umfallen.

    Aber dieses Grüppchen bleibt beieinander und lauscht auch, wenn Kien nicht nur erklärt, was man sieht, sondern auch selbst Position bezieht und durchaus kritische Reden hält. So, wie man das von einem echten Eingeborenen erwarten würde, der von Anfang an dabei war, auch 1989 schon, als es nächtlich um den Ring ging und vor der Runden Ecke die Angst spürbar wurde.

    Dass Kien trotzdem kein gebürtiger Leipziger ist, erfahren wir zum Schluss, da erklärt er es selbst und nimmt sehr kritisch Stellung zu der immer  wieder aufschwappenden Diskussion über die Frage, wer eigentlich über die jüngere Leipziger Geschichte reden darf. Nur die, die ganz vorne mit dabei waren?

    Oder auch Außenstehende wie er, die auch deshalb in diese Stadt gekommen sind, weil sie dieser Geist der Widerständigkeit fasziniert hat? Und weil sie darin auch mehr entdecken als nur den Moment des friedlichen Aufstands von 1989, so etwas wie die historisch zu verortende Widerständigkeit einer Stadt, die sich immer wieder in unterschiedlichsten Akten des Widerstehens zeigt – so wie 1539, als Luther in der Thomaskirche predigte, oder selbst 2013, als engagierte Bürger Richard Wagner nach 100 Jahren endlich ein Denkmal setzten – aber eines, das Wagners Zwiespältigkeit sehr gut auf den Punkt bringt.

    Oder wie das große bunte Revolutions-Bild von Michael Fischer-Art an der Richard-Wagner-Straße, das in seiner Comichaftigkeit so gar nicht zur Erinnerungskultur an den Herbst 1989 passen will und trotzdem gerade die Leipzig-Besucher fasziniert, weil es eine Haltung zeigt, die mal nicht so steif-sakral daherkommt.

    Und Franzmann merkt auch schnell, dass dieser Kien auch die Gegenwart gegen den Strich bürstet, weil er den Zuhörenden auch all die Dinge erzählt, die man nicht sieht. Die man also erzählen muss, was durchaus nicht verständlich ist in einer Zeit, in der alle plappern und twittern, aber das Wissen darüber, wie Geschichte eigentlich wirkt, verloren geht. Denn wer nur noch im Moment lebt, kennt und erkennt die Kräfte nicht, die die Welt verändern.

    Und Franzmann kommt selbst immer wieder ins Nachdenken. Seine abschweifenden Gedanken sind im Text extra dunkelgrün abgesetzt. Denn wo dieser Kien schon so einen Gedankengang anregt, kommt man ziemlich bald auf die Frage, wem es eigentlich nutzt, dass Menschen ihre Geschichte nicht mehr kennen und nur noch „bequem“ im Info-Rauschen surfen, wo jede Nachricht gleichwertig und damit gleich wertlos ist.

    So, wie es in den digitalen Räumen ja längst die Norm ist. Wie will man sich mit Menschen noch ernsthaft unterhalten, die nicht mal wissen, wie die Dinge geworden sind, wie sie sind? „Es wird kommod, bequem wird die Welt, wird das Leben, werden wir selbst, und über unsere Bequemlichkeit kann man uns … kriegen. Bequemlichkeit ist die Voraussetzung für Manipulation.“

    Und das – da scheinen sich dieser Kien und Franzmann ganz stillschweigend einig – gilt für die Vergangenheit genauso wie für die Gegenwart. Ein Punkt, der noch einmal richtig deutlich wird, als Kien an der Runden Ecke nicht nur von den perfiden Methoden der Stasi erzählt, sondern auch anregt, über die Möglichkeiten heutiger Überwachungstechnik nachzudenken. Und der tatsächlichen Datenausspähung, die längst weit über die Möglichkeiten der Stasi hinausgeht. Und da wusste Weitzel noch gar nichts über den Pegasus-Ausspähskandal, der erst im Juli 2021 publik wurde (hier in einem „Spiegel“-Beitrag dazu).

    Was eben auch bedeutet, dass Geheimdienste immer wieder in denselben Mustern handeln und ihnen die Sicherheit und die Privatsphäre der jeweils zum Zielobjekt gemachten Menschen egal sind. Und dass es so weit kommen konnte, hat natürlich mit Bequemlichkeit zu tun. Auch Politiker sind nur zu gern bequem und „lassen machen“, wo sie eigentlich Rückgrat zeigen müssten und Grenzen setzen.

    „Das ist die Klugheit des Kapitalismus, er arbeitet mit dem Verlangen des Menschen, nicht dagegen“, denkt sich Franzmann. „Ist das intelligente Aufrüstung?“

    Eigentlich wäre die Geschichte schon rund, nachdem Kien die von ihm Geführten auf dem Thomaskirchhof verabschiedet, alle völlig geschafft. Auch Franzmann will nur noch ins Hotel und schlafen, gerät aber am Abend doch noch in ein sehr intensives Gespräch mit einem Kollegen, mit dem er über die stille Wandlung des Buchmarkts spricht, auf dem auch die oberflächliche Ware die Buchläden dominiert, während die Bücher mit Inhalt irgendwo in die hinteren Regalreihen zu verschwinden scheinen.

    Lesen die Leute ernsthafte Texte also nur noch auf dem Bildschirm? Die Verkaufszahlen sagen etwas anderes. Nicht das E-Book profitierte vom Corona-Lockdown, sondern der Verkauf von richtigen Büchern, Büchern mit Körper und Inhalt, wie es die beiden formulieren.

    In der Nacht schläft Franzmann auch noch schlecht und landet irgendwie in einem Traum aus Friedlicher Revolution und Lichtfest. Und da merkt man, dass Franzmann seinen Beruf durchaus selbst als einen Akt der Widerständigkeit begreift, wenn er sich selbst beschwört: „Es wechseln die Besatzer und Besitzer. Geschicke und Geschichte, das ist es wohl, wie wir es nennen. Was soll ich sagen: Augen auf und durch. Sich nicht bezwingen lassen, nicht von den Fälschern, nicht von den Wahrheitsaposteln, nicht von den Heilsversprechern und nicht von den Fortschrittsfanatikern.“

    So fügt sich seine sehr detaillierte Schilderung der Führung um den Leipziger Ring in sein eigenes Lebens- und Arbeitsverständnis. Selbst die Anekdote mit dem gestohlenen Pelz eines gewissen Herrn May fügt sich in dieses Bild. Eine Geschichte, die ein wirklich eindrucksvoller Leipziger Stadtbilderklärer durchaus gern erzählt, auch wenn er nicht – wie Kien – aus Österreich kommt.

    Bleiben noch die üblichen vier alten Kamellen, die aus dem Nacherzählen der Leipziger Stadtmustergeschichte irgendwie nicht wegzudenken sind, obwohl inzwischen auch nachlesbar ist, dass die Sache mit Bachs Gebeinen anders stattfand, als sie im Anekdotenschatz der Stadtführer immer wieder erzählt wird. Dasselbe mit Luthers Disputation, die eben nicht in der Pleißenburg stattfand, sondern im kurfürstlichen Schloss. Und von der alten Kamelle, Leipzig trage die Linde im Namen, ebenso abgesehen. Vielleicht sollten die Handreichungen für die zertifizierten Stadtführer doch mal überarbeitet werden.

    Leipzig hat diese Märchen nicht nötig, das zeigt ja Weitzel mit der Schilderung dieses Rundgangs sehr eindrucksvoll. Aber natürlich ist auch der Verdacht geweckt, dass diese Lindenstadt-Verniedlichung auch wieder einen Zweck erfüllt in der Zurechtbiegung der Geschichte.

    Wenn alles sich so hübsch verniedlichen lässt, braucht man die Widerständigkeit Leipziger Geschichte nicht wahrzunehmen, kann alles als nettes Souvenir verkaufen und so tun, als sei diese Stadt nicht mehr ernst zu nehmen. Wie schon zitiert: Bequemlichkeit kann man ja wirklich herrlich manipulieren.

    Stephan Weitzel Der Ring der nie Bezwungenen, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 19,90 Euro.

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