Leipzig verändert sich. Und damit müssen sich auch Stadtreiseführer verändern, überarbeitet und aktualisiert werden. Und wenn man dann noch einen jungen Autor gewinnt für die Neuauflage, verwandelt sich scheinbar auch die ganze Stadt – sie wirkt lichter, lockerer, nicht mehr so kandiert. Wäre da nicht das alte Märchen von der Lindenstadt, das sogar die große Stadtgeschichte von 2015 schon ausgeräumt hat. Aber alte Legenden sind zäh.

Um den entscheiden Satz des Namensforschers Hans Walther vorwegzuschicken: „Sieht man diese angeführten sprachlichen Zusammenhänge und die realen Sachbedingungen, so hat *Lib-c wohl ursprünglich das Leipziger Umfeld als einen ‚Ort auf gewässerreichem schlammigen, lehmigen Boden‘ bezeichnet. (…) Das lib- im Namen Leipzig wurde im Lauf der Zeit semantisch verunklärt, sodass man leicht das noch gut bekannte lipa ‚Linde‘ eindeuten konnte …“Man würde Leipzig also viel eher als Auenland übersetzen können. Auch wenn hier keine Hobbits wohnen. Oder nur ein paar. Dafür sind die alten Flüsse noch da, die die Stadt einst viel dichter umspülten. Heute sind sie gebändigt und kanalisiert. Und wenn es mal Hochwasser gibt, zieht der OBM seine Gummistiefel an und eilt zur Deichverteidigung.

Wer lobt denn Leipzig wie?

Ein paar andere Legenden nimmt David Blum fröhlich auseinander. Die Überarbeitung solcher Reiseführer hat so einiges Gutes. Legenden demolieren ist immer gut. Man denke nur an Froschs kecken Spruch vom „Mein Leipzig lob’ ich mir …“, das die Leipziger seit Jahrzehnten als Marketingspruch benutzen, obwohl der angetüterte Frosch das in Goethes „Faust I“ sehr hintersinnig gesagt hat. So hintersinnig, dass es heute noch stimmt.

Denn der kleine Größenwahn, mit dem die Werbeabteilung der Stadt dieses gemütliche Großstädtchen an der Pleiße in aller Welt zu verkaufen versucht, ist noch immer da. David Blum packt das in einen kleinen Extra-Text, in dem er sich mit „Leipzig – the better Berlin“ und „Hypezig“ beschäftigt. Wobei ja André Herrmanns Hypezig selbst schon eine ironische Markierung des Größenwahns war. Aber wehren konnte er sich gegen die Aneignung seines Kunstwortes durch ein Stadtmarketing, das von Ironie keine Ahnung hat, letztlich auch nicht.

Aber auch das ist nicht neu. Im einleitenden Beitrag „Leipzig – klein und weltumspannend“ versucht Blum, diesen eklatanten Widerspruch irgendwie zu erklären. Wobei es ja noch eine Ecke komplizierter ist, denn das Welt-Marketing der Stadt hat mit der Seele der Leipziger eher wenig bis nichts zu tun. Wie zerrissen die tatsächlich ist, zeigt ja schon der Blick auf den Fußball – auf die beiden alten Lokalmatadoren und den einen, zugezogenen Bundesligisten. An wem hängt nun wessen Herz? Wer bejubelt wen? Und: Was ist Identifikation?

City plus vier

Letzteres wird deutlicher, wenn Blum die Leser dieses griffigen Büchleins mitnimmt auf fünf Touren – in die City und in die vier Himmelsrichtungen. Und wer ältere Leipziger Stadtführer kennt, weiß, dass es solche Touren in dieser Art etwa ins Musikviertel oder ins Grafische Viertel noch vor einigen Jahren nicht gegeben hätte. Man hätte sie laufen können, kein Problem. Aber man hätte so manchen ruinösen Zahn gefunden und nicht diese auf Vordermann gebrachte Schönheit vieler architektonischer Kleinode.

Und Dinge wie das Panometer, die „Leipziger Schule“ in der Spinnerei oder die Erinnerung an den „letzten Toten des Weltkriegs“ hätte man darin schwerlich finden können. Wer also auf Städtetrip ist, bekommt mit dieser Neuauflage so manches Neue zu sehen und damit auch Dinge, die den alten, nostalgischen Katalog des Leipziger Sehenswerten verlassen.

Auch wenn natürlich die Dinge, die man nicht übersehen kann, auch drinstecken. Aber immer wieder mit eigenen kleinen Geschichten untersetzt. Denn erst so versteht man sie ja – Leipzigs komplizierte Beziehung zu Johann Sebastian Bach, den scheinbar so selbstverständlichen Spruch „Offen für alle“ vor der Nikolaikirche oder das System der Leipziger Passagen, das den gebürtigen Potsdamer bis heute fasziniert.

Die Kunst der schnelleren Wege

Dabei erzählen gerade die Passagen davon, wie die meisten Leipziger wirklich ticken – denn sie ermöglichen Abkürzungen, Alternativen und Überraschungen. Wo andere sich alle in der Fußgängerzone drängeln, huscht der sowieso immer zeitknappe Leipziger einfach mal hintenrum und irgendwo zwischendurch.

Der Umweg ist die kürzeste Verbindung. Und außerdem hängt ja selbst am Neuen Rathaus die Mahnung: Der Tod ist gewiss, nur die Stunde weiß keiner. Also sollte man die Stunden vorher nutzen. Denn der Leipziger selbst steht nämlich nicht zum Schwatzen an der Ecke. Der rennt sich die Hacken ab, weil er (und sie auch) immer keine Zeit hat. Immer am Fuhrwerken ist und genau weiß: Von nischde gommt nischd.

Wer sich also zum Städtetrip nach Leipzig aufmacht, der kommt in eine geschäftige Stadt. Und in dieser Hinsicht ist Blums Auswahl gut getroffen. Selbst etliche der zu besichtigenden Klassiker stehen für diese Geschäftigkeit, erst recht, wenn man auf der Westtour durchs Musikviertel kommt, das eigentlich Leipzigs Studi-Viertel ist. Und so ist hier auch die Stimmung. Während im Grafischen Viertel zwar noch der Atem der einstigen Buchstadt zu spüren ist – aber in den aufwendig sanierten Verlagspalästen sitzen heute ganz andere Geschäftigkeiten Tür an Tür.

Kein Faulenzen in Gohlis

Und selbst von Schiller wissen alle Leipziger, dass er nicht nur fünf schöne Urlaubsmonate in Gohlis und im Rosental zugebracht hat (das ja bekanntlich kein Tal ist und auch keine Rosen vorzuweisen hat). Er hat hier emsig gefeilt an der „Ode an die Freude“ (die aber nicht Leipzig gilt) und am „Don Carlos“.

Und einmal mehr zeigt auch Blums Auswahl, wie sehr eine Stadt von ihren Dichtern zehrt, auch wenn die – wie Lessing ja schon feststellte – meist keine guten Jobs für die Dichter hat. Aber Schiller, Goethe und Bürger sind fast schon Pflichtprogramm. Bürger als derjenige, der gar nicht hier war, aber mit „Woyzeck“ den berühmtesten aller Leipziger Kriminalfälle in ein Drama verwandelt hat.

Und die spaßhaftesten Stadtführer bitten ja die gutgläubigen Touristen bis heute, ja nicht auf das Stadtwappen auf dem Marktplatz zu treten, weil da der Woyzeck enthauptet wurde. Wer will schon kopflos werden im Leben – mal die Frischverliebten ausgenommen?

Aufs Völki oder den Fockeberg?

Wer sich das Büchlein besorgt, bevor er sich in den Zug setzt, hat also im Grunde fünf sehr ausführliche Alternativrouten im Angebot, aus denen sich jeder natürlich all das herauspicken kann, was einen gerade besonders interessiert – Napoleons berühmteste Niederlage vielleicht auf dem Schlachtfeld südöstlich von Leipzig, mit Besuch auf dem Völkerschlachtdenkmal?

Oder doch lieber den herrlich unvollendeten Kanal des Dr. Karl Heine, der heute die wohl beliebteste Paddelroute in Leipzig ist? Oder vielleicht doch lieber auf die KarLi, die sich seit Jahrzehnten als die beliebteste Kulturmeile in Leipzig behauptet – samt Löffelfamilie und Fockeberg, dem größten Schutthaufen der Stadt – und dem beliebtesten.

Und es gibt im Anhang nicht nur Listen mit Tipps für Gaststättenbesuche und Übernachtungen, für Museumsbesuche und ein bisschen Kabarett. Es gibt auch Auspanntipps im Grünen und Ausflugstipps, insbesondere in Auwald und Neuseenland. Und eine große Faltkarte macht die Sache für erfahrene Pfadfinder noch einfacher. Mit roten Nummern sind die empfohlenen Sehenswürdigkeiten alle auf der Karte zu finden.

Man hat also die Wahl, kann sich durcharbeiten wie ein Archäologe (und wird damit bestimmt ein paar Wochen beschäftigt sein), kann sich die Rosinen herauspicken (und hat dann auch Zeit für Leipzigs schönste Freisitze) oder auch einfach auf gut Glück in die Straßenbahn steigen, um dann in diesem Büchlein zu erfahren, wo man gelandet ist und wo es sich lohnt, jetzt mal schnell hinzuspazieren.

Der allgemeine Jubel

Aber am schönsten ist eigentlich David Blums Satz im Kapitel zu „Hypezig“: „Die Probleme gehen im allgemeinen Jubel um ‚L.E.‘, wie Leipzig in Anlehnung an die Kurzform der Metropole Los Angeles gerne genannt wird, oft unter. Die hyperventilierende Berichterstattung“ führte dann zu „Hypezig“ und zu „Likezig“, eine „um sich selbst kreisende Schöpfung“.

Wobei das „L.E.“ auch nicht von einer Marketingagentur erfunden wurde, sondern von der jungen Dame, die damals, vor über 30 Jahren, den Terminkalender in „Die Andere Zeitung“ (DAZ) gemacht hat. Aus Platzgründen wurde aus Leipzig dort erstmals L.E. Und der Anklang war beabsichtigt, wie man auch in Frank Kreislers Buch „Wand an Wand mit einer Leiche“ mit authentischen Kriminalfällen aus dieser Zeit nachlesen kann. Leipzig war in dieser wilden Zeit tatsächlich auch mal eine Kriminalitätshochburg, und zwar anders, als es heutige Kriminalitätsstatistiken zu suggerieren versuchen.

Und eine Menge Leipziger sind froh, dass ihre Stadt heute so aussieht, wie in diesem Buch zu besichtigen. Auch wenn nicht alles drinsteht. Wer zur Livemusik nur Arena und Haus Auensee kennt, weiß nicht, was Livemusik in Leipzig ist. Die findet man nämlich viel öfter und bunter in der benachbarten Spalte „Kulturzentren“ – was für ein Wort!

Aber es gab ja Zeiten im deutschen Sprachgebrauch, da wimmelte es von Zentren, was freilich viel verrät über die Weltsicht der Deutschen, die so gerne immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wollen. Dabei ist’s abseits viel schöner. Das wusste schon Goethe, dessen frühe Liebe man ja bekanntlich auf dem Alten Johannisfriedhof besuchen kann. Veilchenstrauß nicht vergessen. Das hat Käthchen verdient.

David Blum City Trip Leipzig, Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2022, 14 Euro.

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