Man sieht es ihm nicht an. Aber das Denkmal für Carl Wilhelm Müller (1728 bis 1801) in den Promenadenanlagen an der Richard-Wagner-Straße ist mal wieder reif für eine große Sanierung. Ab der kommenden Woche soll es in den folgenden Monaten saniert werden, kündigt das Kulturamt an. Die im Jahr 1984 angefertigte Kopie des Porträtkopfs von Müller, dessen Original ursprünglich der Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow geschaffen hat, ist stark geschädigt und muss restauriert werden.

Das Original des Schadowschen Medaillons ist verloren gegangen.

Nach einer Reinigung des Denkmals und der Entfernung von Moosen und Flechten, werden Fugen und Risse verschlossen, sowie Fehlstellen zurückhaltend ergänzt, umschreibt das Kulturamt die anstehenden Arbeiten. Die Arbeiten sollen im September abgeschlossen werden. Die Kosten betragen ca. 13.000 Euro und werden anteilig durch Denkmalfördermittel des Freistaats Sachsen getragen. Die Bepflanzung ringsum bleibt erhalten.

Der Denkmalentwurf stammt übrigens von Johann Friedrich August Tischbein, von 1800 bis 1812 Direktor der Leipziger Kunstakademie (der heutigen HGB). Auch wenn er die Umsetzung der Idee dann nicht mehr miterlebte, denn errichtet wurde das Denkmal 1819.

Und zwar nicht ganz zufällig dort, wo es heute noch steht. Denn hier ist der älteste Teil des Leipziger Promenadenrings, der erst entstehen konnte, nachdem unter Bürgermeister Carl Wilhelm Müller erste Teile der alten Befestigungsanlagen niedergelegt und ein Teil des alten Stadtgrabens verfüllt wurden.

Und gerade weil Müller so die zuvor unzugänglichen Grabenbereiche für die Leipziger als Parkanlage zum Spazierengehen eröffnete, gewann er die Herzen der Stadtbewohner.

Wer war Carl Wilhelm Müller?

„Carl Wilhelm Müller war von 1778 bis 1800 mehrfach Bürgermeister von Leipzig. Auf ihn geht unter anderem der Bau des ersten Gewandhauses, die klassizistische Umgestaltung der Nikolaikirche, die Gründung der Ratsfreischule und der ersten Bürgerschule zurück“, fasst das Kulturamt kurz die Bedeutung Müllers zusammen.

Wobei er das erste Gewandhaus gar nicht bauen ließ, sondern den Tuchboden im schon existierenden Gewandhaus im Gewandgässchen von Baudirektor Johann Carl Friedrich Dauthe zum Konzertsaal umbauen ließ. So bekamen die Leipziger ihren ersten richtigen Konzertsaal, der durch die Holzverkleidung auch noch besondere Klangqualitäten hatte.

Das Deckengemälde im Saal schuf der Maler (und Kunstakademiedirektor)  Adam Friedrich Oeser. Womit man das Dreigestirn des Leipzigs aus dieser klassizistischen Epoche zusammen hat: Müller, Dauthe, Oeser. Sie waren dafür verantwortlich, dass aus dem alten, teilweise noch mittelalterlichen Leipzig, eine modern anmutende Stadt wurde.

Wie groß die Dankbarkeit der Leipziger für das Wirken Müllers waren, wird in der Zueignung deutlich, die der Buchhändler Johann Gottlob Beygang der von Friedrich Gottlob Leonhardi geschriebenen Leipzig-Beschreibung von 1799 voranstellte:

„Wer hätte nicht Gefühl für die Reize der schönen Natur, die durch Ihren Wink bis dicht an die Ringmauern unserer Stadt gelockt wurden, um den Bewohnern derselben in ihren Feyerstunden eine geschmackvolle Erholung darzubieten, und den Fremden, der sich ihren Thoren nahet, mit einer freundlichen Miene zu begrüßen? Wer betrachtet nicht mit Wohlgefallen die bequemen und schönen Wohnungen, die, durch Ihre Ermunterung, sich an Stelle veralteter und größtentheils unbrauchbarer Steinhaufen erhoben?“

Beygang war auch Gründer des bekannten Beygangschen Museums, mit 70.000 Büchern die größte Leihbibliothelk der Stadt in dieser Zeit. Später sollte Philipp Reclam das Beygangsche Litterarische Museum kaufen, was zum Start für seine Verlagsbuchhandlung in Leipzig werden sollte, die Anfangs noch „Verlag des Litterarischen Museums“ hieß. Eine kleine Abschweifung. Aber sie macht deutlich, wie viel dieser grüne Promenadenring, den Müller quasi aus der Taufe hob, für das aufgeklärte Leipzig und sein Bürgertum bedeutete.

Das 1819 auf Initiative von Leipziger Kaufleuten errichtete Denkmal befindet sich in dem von ihm begründeten nördlichen Teil des Promenadenringes, gegenüber der Osthalle des Hauptbahnhofs.

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