Es ist nicht nur ärgerlich für Eltern, wenn sie aus der Kita oder der Hortbetreuung den Brief bekommen, dass die Betreuung der Kinder nicht abgesichert werden kann. Das ärgert auch Arbeitgeber, denn dann fallen ihre Beschäftigten aus, weil sie dann in der Regel die Kinder zu Hause betreuen müssen. Am 28. Januar war das Thema im Leipziger Stadtrat. Denn eigentlich könnte das Ausfallproblem gelöst werden, wenn man den Springerpool für Leipzigs kommunale Kitas deutlich erhöht. Die Stadt möge das prüfen, beantragte die SPD-Fraktion. Und schon wird’s schwierig.
Denn zusätzliche Pädagog/-innen in einem Springerpool kosten Geld. Drei hat die Stadt derzeit unter Vertrag. Aber wenn man die Zahlen aus der Antwort nimmt, die die Linksfraktion zum „Krankenstand in den Leipziger Kitas, Betreuungsangeboten und Horten und Gegenmaßnahmen 2025“ bekommen hat, bräuchte Leipzig 40 Springer und Springerinnen, um allein die Fälle von Langzeiterkrankten zu ersetzen.
Die Zahl brachte in der Debatte am 28. Januar in der Ratssversammlung SPD-Stadtrat Frank Franke zur Sprache, nachdem seine Fraktionskollegin Ute Köhler-Siegel sehr ausführlich auf die vielen Schreiben von Kitas und Horten an die Eltern berichtet hat, dass ihre Kinder nicht betreut werden könnten.
Aber wie groß ist das Problem tatsächlich? Die zuständige Jugendbürgermeisterin Vicki Felthaus sprach in der Debatte davon, dass 94 Prozent der Betreuungstage abgesichert werden konnten. Und dass das Problem eigentlich nicht gravierend sei. Anders klang das bei Linke-Stadträtin Juliane Nagel, die gleich eine ganze Reihe Zahlen aus der Antwort des Amtes für Jugend und Familie vorlas.
Danach kam es 2025 zu 11,7 Prozent Ausfalltagen in den kommunalen Kitas der Stadt und zu 13,7 Prozent Ausfall in den Horten der Stadt. Was ja wohl heißt: Der Springerpool von drei Stellen, den die Stadt unterhält, reicht nicht wirklich.
Möglicherweise – so vermutete Frank Franke – ist das so, weil das Personal zunehmend überaltert ist, also öfter und länger wegen Krankheit ausfällt. Und die Arbeitsbelastung in den Kitas ist ohnehin hoch, weil Sachsen nun einmal seit Jahren einen deutlich schlechteren Betreuungsschlüssel hat als andere Bundesländer. Von „Stress pur“ sprach Ute Köhler-Siegel.
Und kritisierte die Auskunft der Verwaltung, die – statt Lösungsmöglichkeiten für den Ausfall in den Kitas aufzuzeigen – auf einen Handlungsleitfaden bei Personalausfall verwies. Nur verrät der Leitfaden eben nicht, wie groß ein Springerpool sein müsste, um alle Ausfälle in Leipzigs Kitas und Horten aufzufangen und den Eltern den Stress zu nehmen, jedes Mal irgendwie die Betreuung der Kinder absichern zu müssen.
Warten auf finanziell bessere Zeiten?
Erstaunlich war dann die Rede der Grünen-Stadträtin Anna-Lisa Möbius. Sie ist selbst Mutter von zwei Kindergartenkindern, kennt also den Stress. Aber sie verwies in ihrer Rede auf die Finanzklammheit der Stadt Leipzig, die eigentlich keine Spielräume für einen größeren Springerpool hätte und wohl auch nicht für eine Prüfung.
Und sie sprach die Hoffnung aus, dass Leipzig in der Zukunft mal wieder Finanzspielräume haben könnte, sich darum zu kümmern. Die Grünen würden sich also in der Abstimmung enthalten. Was sie dann auch taten.
Als wenn die Grünen in Sachsen den Finanzminister stellen würden. Oder den Finanzbürgermeister in Leipzig. Das tun sie aber nicht. Auch wenn der Blick von Möbius auf die desolate Haushaltslage seinen Sinn macht. Aber beide Posten hat die CDU inne und seit Jahren einen gerüttelt Anteil daran, dass die Kommunen in Sachsen auf dem Zahnfleisch krauchen und so elementare Probleme wie den Personalbedarf in Kitas und Horten nicht lösen können.
Oder mit den Worten von Ute Köhler-Siegel: „Der Personalausfall wird da organisiert, statt etwas dagegen zu tun.“ Auch wenn sie damit nur den Handlungsleitfaden der Stadt meinte. Denn Leidtragende sind am Ende Eltern und Kinder.
Was tun?
Genau das herauszufinden, hatte ja die SPD-Fraktion beantragt: Denn wenn immer wieder Personal ausfällt, geht das auf Kosten der verbliebenen Betreuer/-innen. Mit Folgen, wie die SPD-Fraktion formuliert hatte: „Das geht auf Kosten des Personals, das in den Einrichtungen arbeitsfähig ist und mitunter einen Betreuungsschlüssel gewährleisten muss, in dem für Kinder und pädagogisches Personal ein pädagogisch wertvolles Arbeitsklima schwer umzusetzen ist.“ Auch Eltern kommen zu Recht an ihre Grenzen, wenn sie kurzfristige Schließungen der Betreuungsangebote kompensieren müssen.“
Und was an Anna-Lisa Möbius’ Aussage zur vielleicht mal besseren Finanzlage in den nächsten Jahren nicht stimmt: Es ist schlicht nicht damit zu rechnen, dass sich die Finanzlage in den nächsten Jahren bessert, denn in Berlin regiert die CDU, die sich gegen jede noch so kleine Steuerreform verweigert. Ohne das Geld der Superreichen wird der deutsche Staatshaushalt nicht wieder in Ordnung kommen.
Und werden die Kommunen unter den aufgehalsten Sozialkosten leiden. Finanzspielräume wird es mit einem Bundeskanzler Friedrich Merz in den Kommunen nicht geben. Wer verbreitet nur diese falschen Hoffnungen?
Die Grünen enthielten sich am Ende tatsächlich der Abstimmung, obwohl sie das Anliegen richtig fanden.
Klares Votum für eine echte Prüfung
Der SPD-Antrag fand trotzdem in beiden Punkten die deutliche Mehrheit in der Ratsversammlung. Und auch der Linke-Antrag, der einen Springerpool auch für die Horte der Stadt beantragte, bekam eine klare Mehrheit. Was eine deutliche Willensbekundung des Leipziger Stadtrats bedeutet, dass der Staat beim Thema Kinderbetreuung an der falschen Stelle spart.
Und sich letztlich ins eigene Fleisch schneidet, denn wenn Eltern immer wieder erleben, dass Kitas und Horte Briefe verschicken, weil die Betreuung der Kinder nicht abgesichert ist, werden sie sich natürlich fragen, wie weit ihre Kraft reicht, dann trotzdem weitere Kinder zu bekommen, ohne auf der Arbeit Einbußen zu erleben.
Eine sehr erhellende Diskussion. Die aber auch sichtbar macht, wie die sowieso schon jahrelange Sparpolitik im Freistaat Sachsen die Bedingungen für junge Eltern ohnehin schon stressig gemacht hat. Und wie die jetzt zur Praxis gewordenen Einsparungen auf Bundes- und Landesebene die Lage noch weiter verschärfen, während die Geburtenraten schon im freien Fall sind.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:




















Keine Kommentare bisher