Am 9. Oktober 1989 demonstrierten mehr als 70.000 Menschen in Leipzig ohne Gewalt für Freiheit und Demokratie. Für den Verlauf der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 war dieser Tag entscheidend. Das SED-Regime kapitulierte vor der Übermacht der Bürgerinnen und Bürger. Die Menschen in Leipzig und der 9. Oktober gingen in die Demokratiegeschichte ein. Und der 9. Oktober wurde zum Feiertag der Leipziger.

Um an diesen Meilenstein der Friedlichen Revolution zu erinnern und jüngeren Generationen die Strahlkraft der Ereignisse näherzubringen, begeht Leipzig den jährlichen Gedenktag mit ganz besonderen Veranstaltungen. Unter der Überschrift „Preis der Freiheit“ lenkt das Programm in diesem Jahr den Blick auf den historischen Umbruch und die fortdauernde Verantwortung, Freiheit und Demokratie zu leben und zu gestalten.

Der russische Angriffskrieg überschattet dabei auch die diesjährigen Gedenkveranstaltungen. Die eingeladenen Gäste und Rednerinnen sollen dabei das Spannungsfeld, in dem sich Europa seit dem 24. Februar befindet, ansprechen und deutlich machen.

Friedensgebet und Rede zur Demokratie

Am 9. Oktober – der in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt – nimmt die Kirchgemeinde St. Nikolai Leipzig wieder mit einem besonderen Friedensgebet auf die Ereignisse von 1989 Bezug, als viele Menschen inmitten unsicherer Verhältnisse in der Nikolaikirche Mut und Hoffnung fanden. „Durst nach Frieden“ – unter dieser Überschrift steht das Friedensgebet 2022.

Nach persönlichen Worten der Betroffenheit durch Ukrainerinnen, die mit den Folgen des Krieges in Leipzig zu leben versuchen, hält Kathrin Oxen, Pfarrerin der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin, die Predigt. Der BachChor an der Nikolaikirche, das Sächsische Sinfonieorchester Chemnitz sowie die Sopranistin Taryn Knerr bringen unter der Leitung von Nikolaikantor Markus Kaufmann die eindrückliche Musik der Vertonung des 42. Psalms durch Felix Mendelssohn Bartholdy in das Friedensgebet ein.

Die russische Historikerin und Menschenrechtsaktivistin Dr. Irina Scherbakowa wird am 9. Oktober die Rede zur Demokratie in der Nikolaikirche halten. Sie ist Mitgründerin und Mitarbeiterin der in Russland seit Februar 2022 verbotenen Internationalen Gesellschaft für Historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge „MEMORIAL“. Nach dem Angriff auf die Ukraine und wegen der massiven Verfolgung der Opposition in Russland verließ Scherbakowa Moskau im Frühjahr 2022 und lebt derzeit in Deutschland im Exil. Als Autorin und Herausgeberin veröffentlichte sie zahlreiche Bücher zu Themen wie Stalinismus, Erinnerungskultur und den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland.

Für die Teilnahme an den Veranstaltungen in der Nikolaikirche ist keine Voranmeldung notwendig. Die Kirchgemeinde bittet um das Tragen einer Maske sowie um den nötigen Abstand zu anderen Personen. Es gelten die aktuellen Hygieneregeln.

Das Lichtfest Leipzig 2022

Das Lichtfest Leipzig findet diesmal wieder an mehreren Orten statt – auf dem Augustusplatz, dem Burgplatz und dem Richard-Wagner-Platz. An allen Orten sind von 19 bis 23 Uhr Lichtinstallationen zu erleben. Es gibt kein zentrales Programm, alle Installationen können in beliebiger Reihenfolge aufgesucht werden. Ein Vorgehen, das sich in der Zeit der Corona-Pandemie bewährt hat.

Auf dem Nikolaikirchhof erwartet die Besucher die Kerzen-89. Auch in diesem Jahr haben alle Lichtfestprojekte lokale Kooperationspartner. Videos zur Entstehung der Projekte sind auf der Lichtfesthomepage www.lichtfest.leipziger-freiheit.de abrufbar.

Die Lichtprojekte der drei internationalen Künstlerteams beim Lichtfest Leipzig 2022

Alle drei Lichtfeststandorte können von 19 bis 23 Uhr besucht werden.

Augustusplatz: „wir sehen uns frei“ – Video, Großprojektion, Sound, O-Töne
wir sehen uns frei / we see us free / widzimy siebie wolnymi

Das Projekt von Robert Sochacki (Breslau / Polen) basiert auf der Idee, dass das Leben jedes Einzelnen von Bedeutung ist – wir aber immer auch Teil kleinerer oder größerer Gemeinschaften, Kollektive im eigentlichen Wortsinn sind – die uns Sicherheit, aber auch Freiheit geben, uns so zu zeigen, wie wir sind. Daher achten wir sorgsam auf unsere Privatsphäre – sie ist (uns) wichtig. Gemeinschaften, wie z. B. die der Familie, sind der Kern der Gesellschaft.

Beim Blick hinter die Fassaden finden sich unzählige Geschichten über die Menschen, Notizen über ihre kleinen Erfolge und ihr Scheitern gleichermaßen. Alltäglichkeit, die unsere Geschichte widerspiegelt. Jene kleinen, intimen Momente und Aufnahmen waren und sind wichtige Zeitzeugen. Diese privaten, wenig sichtbaren, aber kostbaren Bilder stehen im Mittelpunkt der Projektion von Alltagsbildern aus der Zeit um 1989. Sie zeigen, dass wir in jedem Moment Teil der Geschichte sind – heute genauso wie 1989.

Die Installation auf dem Augustusplatz besteht aus vier Teilen: die Videoprojektionen auf die „Milchtöpfe“ spielen mit der Erinnerung und Alltagsbildern, interpretieren sie, rücken sie in neue Zusammenhänge. Dabei kommt sowohl privates Bildmaterial als auch das öffentlicher Archive zum Einsatz. Zu jeder Projektion sowie für den Gesamtplatz komponierte Marek Brandt passende Sounds und Pina Rückert arbeitet mit Klangschalen. Eine Großprojektion auf die Fassade der Oper zeigt riesige Augenpaare – nicht einfach beliebige, sondern die von Leipzigerinnen und Leipzigern.

Dank der dafür entwickelten App „Augen auf!“ können sie das Projekt mitgestalten. Die Augen sind Aufforderung, aufmerksam hinzuschauen, Missstände zu erkennen und öffentlich zu machen. Die Pergola links vor der Oper schließlich wird zum intimen Raum für akustische Begegnungen und lädt die Besucher spielerisch ein, unter acht interaktiven Licht- und Soundduschen O-Töne von Zeitzeugen zu erleben.
Mitmachen, „Augen-Blick“ senden und Teil des Projektes werden:

Die Web-App „Augen auf!“ öffnen, Selfie machen und Augenpaar für die Großprojektion an der Oper hochladen. Der Teilnahmezeitraum endet am 3.10.2022.

Gesamtkonzept, Video und Großprojektion: Robert Sochacki / Kollektiv noks, Breslau (Polen)
Kuratorin Gesamtprojekt: Wera Morawiec / Kollektiv noks, Breslau (Polen)
Audio (Komposition / Field recordings): Marek Brandt, Pina Rücker, Leipzig; O-Töne / Sounddusche kuratiert von Minou Becker, Paula Bültemann und Lisa-Marie Klee, Leipzig

Burgplatz: „Das ICH und das WIR“ – begehbares Kaleidoskop

Wir können verändern. Von den Zweifeln des Individuums und der Kraft der Masse.

Was bedeutet es, als Einzelner in der Gruppe zu wirken?, fragt Betty Mü (Anzing / Deutschland) in ihrem Projekt  „Das ICH und das WIR“. Was verbindet unsere Gesellschaft heute? Für welche Zukunftsthemen müssen wir uns engagieren? Die Videoinstallation der Münchner Künstlerin Betty Mü wirft grundsätzliche Fragen auf. Von außen erinnert die Installation an ein überdimensionales begehbares Kaleidoskop: insgesamt elf Meter lang, in der Form eines Hexagons gebaut und mit Spiegeln sowie LED-Screens versehen.

Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch diesen Lichttunnel, wodurch dieser gewissermaßen zum Leben erwacht: Das Selbstbild des Individuums fragmentiert und multipliziert sich zu einer Menschenmenge, animierte grafische und typokinetische Elemente sowie eine Klangwelt aus Sounds und Stimmen ergänzen das immersive Erlebnis. Die eingespielten Statements entstanden in einem interdisziplinären Workshop mit Studierenden.

Im Zentrum der Installation steht das „Wir“ von „Wir sind das Volk“, der bekanntesten Parole aus dem Herbst ‘89. Wir können verändern. Wir sind die Hoffnung. Wir sind die Zukunft. Jeder einzelne von uns. Mit ihrer Installation liefert Betty Mü ein leidenschaftliches Plädoyer für gelebte Nachhaltigkeit und gesellschaftliches Engagement.

Die Künstlerin: Betty Mü ist eine deutsche Designerin und bildende Künstlerin, die sich auf Video- und Projektionskunst sowie auf immersive Rauminstallationen spezialisiert hat. Geboren und aufgewachsen in München, zog sie 1995 nach New York, wo sie u. a. als Art-Directorin arbeitete. Nach sechs Jahren kehrte sie nach München zurück, um ihre Erfahrungen als Live-Visualistin und Videokünstlerin auszubauen. Neben ihren freien Arbeiten realisiert sie häufig Projekte für so namhafte Auftraggeber wie die Pinakothek der Moderne in München, das Waterkant-Festival in Kiel oder das Kunstkraftwerk Leipzig. Zu ihren bislang größten Werken zählt die Münchner Lichtaktion „Das Kunstareal verbindet“, mit der sie im Winter 2021 ein Zeichen für die Kunst in Corona-Zeiten setzte.

Richard-Wagner-Platz: „Demokratie braucht Farbe – Sprüh mit!“ – digitales Graffiti und Performance
Teilhaben, aktiv werden, mitmachen

Was inszeniert wird, ist ein digitales Graffiti, auch unter dem Begriff „Light Spray“ bekannt, eine interaktive Kunstform, die aus der Zusammenarbeit zwischen dem Digitalkünstler Matthieu Tercieux und dem Straßenkünstler Cart‘1 entstand. Mit Hilfe von Elementen aus der Welt der Videospiele erzeugt Cart‘1 per Wii-Controller Graffiti-Projektionen, die Effekte wie beim Sprühen mit einer Spraydose erlauben. Die Künstler arbeiteten im Vorfeld mit Leipziger Jugendlichen, um das Projekt großformatig auf dem Richard-Wagner-Platz umsetzen zu können. Besucherinnen und Besucher des Lichtfestes können selbst zu Akteuren werden und per Light Spray die Fassaden am Richard-Wagner-Platz mit ihrer Botschaft verändern. Zwischendurch gibt es Graffiti-Performances von Cart‘1.
Künstler: Cart‘1 und Matthieu Tercieux, Lyon (Frankreich)

Nikolaikirchhof: Grußworte, Musik, Kerzen-89

Der Abend beginnt auf dem Nikolaikirchhof mit kurzen Grußworten von Oberbürgermeister Burkhard Jung und weiteren Ehrengästen. Die Grußworte werden auf eine Leinwand auf den Markt übertragen. Musikalisch begleitet wird die Eröffnung von Musizierenden der Musikschule Leipzig „Johann Sebastian Bach“.

Kerzenpatenschaft: Auf dem Nikolaikirchhof steht die traditionelle Kerzen-89, die im Laufe des Abends von den Besucherinnen und Besuchern mit tausenden Teelichtern zum Leuchten gebracht wird. An allen Infoständen in der Innenstadt (siehe Übersichtsplan Seite 12) erhalten Besucher kostenlos Kerzen. Wer möchte, kann dort via Barspende oder per Paypal eine symbolische Kerzenpatenschaft übernehmen. 2022 geht der Erlös der Aktion an das Journalists-in-Residence-Programm des in Leipzig beheimateten Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF). Medienschaffende und Aktivistinnen für Medienfreiheit finden hier Zuflucht und Unterstützung.

Neu 2022: Geführter Rundgang zu den Installationen

Neu in diesem Jahr: an allen drei Lichtorten starten jeweils um 19.30 Uhr und 20.30 Uhr geführte Rundgänge zu den Kunstinstallationen des Lichtfestes in Leipzig. Einige Touren werden zusätzlich von Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern begleitet. Treffpunkt ist an der jeweiligen Installation am Kerzenausgabestand. Die Teilnahme ist kostenlos.

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