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Leipziger Merkwürdigkeiten: Ein Büchlein voller Geschichten, die selbst die meisten Leipzig-Kenner noch nicht kennen

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    Der größte Teil dessen, was als Leipzig-Erklär-Buch im Laden liegt, ist langweilig. Denn meistens schreibt da nur einer vom anderen ab und die alten Kamellen von anno Gustav Wustmann werden nur immer wieder mit wichtiger Miene nacherzählt. Dabei gibt es auch die Bücher Leipziger Autor/-innen, die sich wirklich Mühe geben, Neues zu entdecken und Spannendes selbst dort auszugraben, wo andere nur von „Highlight“ zu Sehenswürdigkeit rennen.

    Solche Bücher haben in den letzten Jahren etwa Otto Werner Förster („ … daß ich in Leipzig glücklich seyn werde“) oder Henner Kotte („Der Hingerichtete lebt!“) vorgelegt. Mit ihnen kann man ein völlig anderes Leipzig entdecken, eines, in dem wirklich Leute leb(t)en, träum(t)en und ein bisschen Revolution planten. Stoff gibt es eigentlich genug.Man muss nur einen Faden ergreifen und ordentlich dran ziehen. Der Faden, an dem Bernd Weinkauf schon mehrfach gezogen hat, heißt „Auerbachs Keller“. Immerhin war er jahrelang so etwas wie der Hausautor des berühmtesten Leipziger Restaurants, hat zum Beispiel berichtet, wer sich alles in den berühmten Gästebüchern des Restaurants verewigt hat und auch die offizielle Chronik des berühmten Kellers geschrieben.

    Und wer die Geschichte von Auerbachs Hof / Auerbachs Keller kennt, weiß, dass dieser berühmte Leipziger Ort immer wieder im Zentrum Leipziger Ereignisse stand, dass sich von hier aus einiges verzweigte, angefangen schon in der Zeit Heinrich Stromers aus Auerbach, der den Hof 1519 erwarb und mit Martin Luther bekannt war. Für Weinkauf in diesem würdevoll eingeschlagenen Büchlein Anlass, einmal zu versuchen, Luthers Aufenthalte als Junker Jörg im Jahr 1521 nachzuzeichnen – zumindest so weit, wie es damalige Verhörprotokolle möglich machen.

    Denn 1521 konnte Luther nur anonym und in der Maskerade des Junker Jörg durchreiten. Offiziell war er vogelfrei – jedenfalls außerhalb der Ländereien seines kurfürstlichen Landesherrn Friedrich dem Weisen. Während der andere Sachse, Herzog Georg in Dresden, Luthers Aufenthalt ausgerechnet in seinem Territorium natürlich wie einen Kriminalfall behandelte – in dem aber selbst der Wirt vom Brühl, der Luther gesehen hatte, sich wie ein Eulenspiegel aus der Schlinge zog. Man muss einen verkleideten Reformator nicht erkennen, bloß weil der Landesherr wütend ist, schon gar nicht als Wirt.

    Es ist eine von vielen meist bisher gar nicht oder sträflichst verkürzt erzählten Anekdoten aus der Leipziger Geschichte, die sich Weinkauf in diesem Bändchen vorgeknöpft hat. Dazu hat er einfach versucht, irgendwie an die originalen Akten im Stadt- oder im Staatsarchiv zu gelangen – oder wenigstens an die Überlieferungen Gustav Wustmanns, der vor über 100 Jahren noch an Bestände des alten Ratsarchivs herankam, die heute spurlos verschollen sind.

    Aber selbst jüngere Rathaus- und Kirchenbestände helfen dabei, die flapsigen Anekdoten zu korrigieren, die Leipziger Statbilderklärer ihren Zuhörern gern auftischen. Deswegen beginnt der Band auch mit der Suche nach den wirklichen Vorgängen, wie die Gebeine Johann Sebastian Bachs 1949 in die Thomaskirche gelangten. Ein schönes Stück Recherche, das zeigt, dass Geschichte niemals so anekdotenhaft verkürzt passiert, wie sie dann in den Volkskalendern dargestellt wird.

    Und einige der Geschichten, die Weinkauf erzählt, sind völlig aus dem Stadtgedächtnis verschwunden, obwohl sie für sich alles haben, was zu einer typischen Geschichte gehört. Typisch in dem Sinn, dass sie sichtbar machen, wie die Leute in so einer Stadt wirklich ticken (und nicht, wie sie sich gern sehen wollen) – zumindest die tonangebenden.

    Denn die einfachen Leute fragt in der Regel niemand. Daran hat sich seit Kaisers Zeiten nicht viel geändert. Nicht einmal in den Gerichtskolumnen der Zeitungen. Und ob Leipzig gar ein richtiges Heine-Denkmal geschenkt bekommt, das entschied 1908 auch nicht das Volk, sondern der Hohe Rat.

    Dass es ein kaum auffindbares Heinrich-Heine-Denkmal in Leipzig gibt, wissen auch nur die Eingeweihten. Dass es mal eine Wettersäule gab, über die sich nicht nur anreisende Dresdner lustig machen, dürfte bis vor kurzem kaum einer gewusst haben.

    Auch die Geschichte dieser Wettersäule(n) rekonstruiert Bernd Weinkauf, genauso wie er sich der ganz kurzen Karriere des Augustusplatzes als Roter Platz widmet und dazu genauso seltene Fotodokumente gefunden hat wie zur mal wieder typischen Geschichte des Denkmals für König August, das einst auf dem Königsplatz stand und das Kenner heute im Garten des Gohliser Schlösschens zu finden wissen. Auch hier verraten die Akten eine Menge über die Denkweisen und Vorbehalte der damaligen Entscheider.

    Neugierige erfahren, was es mit einer mittlerweile leider arg verwitterten Skulptur von Adam Friedrich Oeser im Grassi-Museum auf sich hat, mit zwei unscheinbaren Punkten im Pflaster am Barfußgässchen, mit der Erinnerung an einen japanischen Prinzen, der sich bei seinem Stopp in Rückmarsdorf eine kleine Verliebtheit leistete, mit einer Hofapotheke, von der selbst der König nichts wusste, und den großen Seuchen in der Leipziger Geschichte.

    Letzteres ein Thema, das im Corona-Jahr geradezu auf der Hand lag. Und Weinkauf widmet diesen Beitrag auch ganz bewusst dieser weltweiten Pandemie, die uns alle daran erinnert, dass wir bewusster und aufmerksamer mit uns und der uns anvertrauten Welt umgehen müssen.

    Und Hauptfigur in seiner Erzählung ist natürlich Heinrich Stromer, der nicht nur den berühmten Hof erwarb, sondern auch Professor der Medizin an der Universität Leipzig war, Dekan der medizinischen Fakultät und Leibarzt mehrerer Fürsten, darunter jenes bärtigen Georg, der 1521 nur zu gern gewusst hätte, wer den vogelfreien Dr. Luther beherbergt hatte.

    Stromer ist also die erste Adresse, wenn man wissen will, wie ein hochgebildeter Mann im frühen 16. Jahrhundert über Seuchen dachte und wie man sie bekämpft. Und siehe da: Er ahnte schon, dass das Wasser aus den Leipziger Brunnen eine zentrale Rolle spielte beim Ausbruch der Pest – und das unhygienische Leben in schlecht gereinigten Häusern, wo die Menschen dicht an dicht hausten.

    Man darf ja nicht vergessen, dass er in der Zeit lebte, in der auch die Faust-Sage entstand und zum Volksbuch wurde mit jenem grübelnden Dr. Faust, der bei Goethe meinte, schon alles studiert zu haben, wo doch jedes Kind weiß, dass man selbst zu Goethes Zeit – was etwa Seuchen betraf – noch mächtig im Dunkeln tappte.

    Und dass man auch gern mal alle Augen verschloss, wenn es um die Rettung der Leipziger Messen ging. Auch das eine typische Erzählung, die 2020 bekanntlich erstmals anders ablief, denn sonst wäre spätestens die Leipziger Buchmesse zum riesigen Corona-Hotspot geworden.

    Man lernt schon eine Menge aus der Geschichte, wenn man einfach offenen Auges hineinschaut und wissen möchte, wie es wirklich war. Und obwohl dabei einige kurzweilige Schmonzetten aus der Leipziger Anekdotenerzählerei platzen, werden dabei Geschichten sichtbar, die letztlich viel gehaltvoller und anregender sind, weil sie auch zeigen, dass die Altvorderen nicht wirklich anders als unsere heutigen Verantwortlichen agierten.

    Denn das Leben ist nun einmal so – vielschichtiger, hin und her gezerrt von unterschiedlichsten Interessen. Mal wird geknausert, mal das Geld für ein Prestige-Projekt zum Fenster rausgeschmissen, mal unterlaufen die einfachen Gastwirte die grimmigen Anweisungen des Fürsten, mal stellen sich Vereine stur oder wird eine schöne Investition in einen Prachtplatz gleich vier Jahre später zunichtegemacht.

    Wobei hier ja eindeutig kein Gott dazwischenfunkt, sondern menschliche Wünsche und Anmaßungen aufeinanderprallen. Ein geradezu feuilletonistisch angelegtes Buch, mit dem Weinkauf augenzwinkernd Dinge aus Leipzigs Geschichte erzählt, die die Stadt aus ihrer imaginierten Besonderheit herausholen, zurück auf die Erde, da, wo sich selbst bärtige Honoratioren oft genug verhoben haben, weil sie nicht wussten, was alles folgen würde aus ihren ach so weisen Entscheidungen.

    Und zuweilen kann einer, der dann die alten Archive durchforstet, froh sein, wenn er überhaupt noch ein Foto findet von dem, worauf die Leute damals so bannig stolz gewesen sind. Diese Fotos hat Weinkauf natürlich mit hinzugetan zu seinen Geschichten. Ein richtiges Lesevergnügen für alle, die ihr Leipzig mögen mit allen Fehlern, Schrullen und Unmöglichkeiten.

    Bernd Weinkauf Leipziger Merkwürdigkeiten, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 19,90 Euro.

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