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Industriearchitektur in Sachsen im europäischen Kontext: Das Buch, das erklärt, warum Sachsen so reich an Industriedenkmalen ist

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    Die Corona-Pandemie hat so richtig reingehauen in das Jahr der Industriearchitektur in Sachsen. Auch die Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“ musste monatelang schließen, sodass der Freistaat nicht wirklich richtig punkten konnte mit etwas, was ihn wirklich von allen anderen Bundesländern unterscheidet: den vielen erhaltenen Denkmalen der Industriegeschichte. Einer Geschichte, die Bernd Sikora in diesem Buch erzählt.

    Sachsen ist immer noch Industrieland, betont der Freiberger Industriearchäologe Helmuth Albrecht im Nachwort, in dem er noch einmal alle Zahlen aufblättert zu geschützten und verlorenen Industriedenkmalen in Sachsen. Denn der Reichtum kostet natürlich Geld. Wer saniert die alten, oft architektonischen beeindruckenden Industriegebäude, wenn sie keine Nutzung mehr haben? Oft werden ja diese nach und nach verfallenden Gebäude zum Star eines Fotobuchs unter Sparte „Lost Places“.Oft zeigen sie erst dort auch, wie viel Wert einst Architekten und Eigentümer auf Architektur und eine anheimelnde Ausstattung gelegt haben. Etwas, was in der jahrzehntelangen Nutzung oft unter Ruß- und Staubschichten verschwand. Und dass viele dieser imposanten Bauwerke vor allem aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erhalten werden konnten, hat auch damit zu tun, dass sich bei entsprechenden Umbauten darin stilvoll wohnen lässt oder sich auch attraktive neue Nutzungen darin unterbringen lassen.

    Und die Zeit um 1900 war eine Blütezeit der Industriearchitektur in Sachsen. Was noch zu besichtigen ist, erzählt von einem reichen Unternehmertum, das auch deshalb so baute, weil ihre Fabrik ihre Visitenkarte war – und oft auch auf der Visitenkarte, der Anzeige oder im Werksprospekt prominent gezeigt wurde.

    Kaum einer weiß so viel darüber wie der Architekt und Grafiker Bernd Sikora, der mit „Siebenhöfen“ gerade erst einem Roman über zwei der ersten Baumeister veröffentlicht hat, die in Sachsen erste ganz und gar für die frühindustrielle Produktion genutzte Fabriken bauten, die noch wie barocke Paläste anmuteten.

    Und wer in diese Frühzeit am Anfang des 19. Jahrhunderts eintaucht, der beschreibt ja fast beiläufig auch, wie Sachsen nach dem Rétablissement und dem gewaltigen Gebietsverlust nach 1815 zwar aufhörte, im innerdeutschen Machtpoker irgendeine Rolle zu spielen. Dafür mauserte sich das Land zur ersten Industrieregion Deutschlands und erwirtschaftete einen Reichtum, der in diesen prächtigen Palästen der Industriearchitektur bis heute zu bewundern ist.

    Auch wenn es wohl wirklich lange dauerte, bis tatsächlich professionelle Ästhetik einzog in den Bau der neuen Fabriken. Das 19. Jahrhundert war wohl nicht nur in Sachsen ein langes Suchen nach der richtigen Architektur für industrielles Bauen. Immerhin galt es ja, auch etwas völlig Neues zu lernen. Albrecht weist darauf hin, dass Sachsen 2020 ganz forsch gleich mal mit 500 Jahren Industriegeschichte geworben hat, obwohl industrielle Fertigung ja nun wirklich erst im 19. Jahrhundert zur grundlegenden Produktionsweise wurde.

    Mit Ausflügen in die vorindustrielle Geschichte Englands und Frankreichs zeichnet Bernd Sikora die ganz großen Linien, wie nach der klassischen Manufaktur des 17. und 18. Jahrhunderts durch neue Erfindungen und die systematische Anwendung von Wasserkraft und aufkommender Dampfkraft nicht nur die Produktion einen völlig anderen Charakter annahm, sondern auch die Bauweise der Produktionsorte sich drastisch ändern musste.

    In seinem Bildarchiv hat er sogar noch anheimelnde Beispiele für klassische Manufakturen auch im Leipziger Stadtgebiet, denen man überhaupt nicht ansieht, dass hier überhaupt irgendeine Produktion stattfand. Was zumindest daran erinnert, dass das große Buch über die Leipziger Manufakturproduktion auch noch niemand geschrieben hat. Und das, obwohl tatsächlich bekannt ist, wo diese Manufakturen überall standen. Viele natürlich in der Nähe der Gewässer, weil sie entweder ganz klassisch die Wasserkraft nutzten, oder weil sie – wie die Gerber – Zugang zum fließenden Wasser brauchten.

    Womit Sikoras Arbeit im Grunde – indem er die Entwicklung der Industriearchitektur beschreibt – zeigt, dass es davor ein mindestens genauso spannendes Forschungsfeld gibt, das auch im Rahmen der Leipziger vierbändigen Stadtgeschichte nicht wirklich erschlossen wurde.

    Die Beispiele England und Frankreich zeigen freilich auch, warum es so lange dauerte, bis Fabrikbesitzer begannen, wirklich Wert auf eine gute Optik für ihre Fabriken zu legen. Und das hat nicht nur mit den erst nach und nach verfügbaren industriellen Werkstoffen Gusseisen, Stahl, Beton, Spannbeton zu tun, sondern auch mit einer Veränderung im Denken. Denn die frühen englischen Werksbesitzer sahen nur den praktischen Nutzen. Da mussten große Hallen gebaut werden, in denen die Maschinen möglichst optimal zum energieübertragenden Gestänge aufgebaut werden konnten.

    Die Arbeitsbedingungen der Arbeiter/-innen waren fast völlig egal. Eher kümmerte man sich um künstliches Licht und Vorsorge gegen Brandgefahr, aber nicht um Ästhetik. Die Arbeiter dieser Frühzeit litten nicht nur unter schlechter Bezahlung und miserablen Wohnverhältnissen, sondern auch darunter, dass das Thema menschengerechter Arbeitsplatz überhaupt noch nicht auf der Leitungsebene angekommen war. Das mussten sich die Arbeiter erst einmal erstreiten.

    Aber gerade die Weltausstellungen in London und Paris brachten einen zusätzlichen Schwung, weil die Wirtschaftslenker in den großen europäischen Nationen genau dann begriffen, dass der Wettbewerb zwischen den Nationen schon lange nicht mehr mit bunten Armeen und Schiffsgeschwadern ausgefochten wurde, sondern im Wettstreit ihrer Unternehmen und Waren. Und dazu gehörte auch die Fähigkeit, die Welt mit grandioser Architektur zu beeindrucken. Dafür stehen der Kristallpalast in London und der Eiffelturm in Paris.

    Und natürlich all die grandiosen technischen Lösungen, mit denen sich die konkurrierenden Nationen fortan zu überbieten versuchten. Und am Ende eben auch die neuen, jetzt von professionellen Architekten entworfenen Fabriken, die zwar auch in Sachsen den im Fabrikbau beliebten Ziegelstein im Gemäuer zeigen. Aber nun verschmolzen die praktischen Nutzungen sichtbar mit einer prestigeträchtigen Ästhetik.

    Die sich natürlich nicht nur auf Fabriklandschaften beschränkte, sondern nun auch öffentliche Gebäude wie Markthallen, Bahnhöfe, Trafostationen und Brücken veränderte. Und das natürlich in einem Ausmaß, das in seiner Fülle diesen 21. Band der Reihe Industriearchäologie gesprengt hätte. Da kann Sikora dann nur noch skizzieren, wie zum Beispiel Deutscher Werkbund und Reformarchitektur um 1900 den Industriebau deutlich veränderten und neue architektonische Lösungen für ganz praktische Nutzungen fanden.

    Eine Entwicklung, die durch den Ersten Weltkrieg massiv unterbrochen wurde, der – so stellt es auch Sikora fest – der auftrumpfenden Überlegenheitshaltung deutscher Architekten einen gewaltigen Dämpfer verpasste. Was zum Teil auch erklärt, dass es nach dem Krieg eben nicht einfach so weiterging, auch wenn danach durchaus anmutige Lösungen auch für neuen Fabrikbau entstanden.

    Lösungen, die zum Teil auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter adaptiert wurden, weshalb es selbst aus der DDR-Zeit durchaus ansprechende Industriedenkmale gibt, auch wenn die wirklich modern anmutenden architektonischen Lösungen weitgehend der Zeit nach 1990 angehören – wie das BMW-Werk in Leipzig, die Neue Messe oder die Gläserne Fabrik in Dresden.

    Aber in dem Band ging es ja vor allem darum, den Entwicklungsgang der Industriearchitektur in Sachsen und Westeuropa überhaupt erst einmal nachzuzeichnen. Auch als einen Prozess der Suche nach wirklich funktionierenden Lösungen, die sich von Anfang an deutlich unterschieden von den gewachsenen Bauweisen des vorindustriellen Zeitalters. Das wiederum seine ersten Anfänge tatsächlich vor mindestens 500 Jahren hatte, als gerade in Bergbau und Montanwesen erste technologische Anwendungen genutzt wurden, die den Rahmen des Manufakturzeitalters schon sprengten.

    Und von denen einige gerade in der Montanregion Erzgebirge noch heute zu besichtigen sind, worum es ja in der Ausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“ genauso ging wie in Helmuth Albrechts Analyse. Denn die zeigt ja letztlich auch, dass die Offenheit der sächsischen Könige für die Möglichkeiten der Industrialisierung nach englischem Vorbild ihre Wurzeln in der sowieso historisch schon starken Affinität der Wettiner zu Rohstoffgewinnung und profitabler Wirtschaftsförderung hatte. So haben sie den Staatshaushalt in der Geschichte immer wieder erfolgreich in Ordnung gebracht, gerade nach all den verlorenen Kriegen.

    Was dann auch ein wenig erklärt, warum Sachsens Regierung nach 1990 trotz des landesweiten Kahlschlags in der heruntergewirtschafteten Industrie daran festhielt, das Land als Industrieland zu erhalten. Und das in einer innerdeutschen Konkurrenz, die auch politisch mit harten Bandagen kämpft.

    Die sächsischen Veranstaltungen im Jahr der Industriearchitektur waren auch ein kämpferisches Kontra: Wer so eine Geschichte hat, der gibt nicht einfach auf.

    Umso tragischer, dass dieses Kontra durch Corona derart ausgebremst wurde. Aber das Buch gibt jedem, der sich auch nur ein wenig dafür interessiert, einen sehr bilderreichen Einstieg in die Thematik. Und eines passiert mit dem Leser / der Leserin auf jeden Fall: Sie schauen hinterher mit anderen Augen auf das, was an stolzer Industriearchitektur in Sachsen (und Leipzig) noch erhalten ist.

    Bernd Sikora Industriearchitektur in Sachsen im europäischen Kontext, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021, 20 Euro.

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