Brandis ist ein hübsches kleines Städtchen mit nicht einmal 10.000 Einwohnern östlich von Leipzig. Da radelt man einfach mal hin, wenn man sich vom Trubel der Großstadt erholen möchte. An Kohlebergbau und Tonfabriken denkt man dabei eher nicht. Doch die waren einmal prägend für Brandis. Und die älteren Brandiser erinnern sich alle noch an die Mitoko. Selbst wenn Fabriken verschwinden, erzählen sie Geschichte.

Und das wird auch immer mehr Autor/-innen und Historiker/-innen in Sachsen bewusst. Vielleicht sogar verstärkt durch das Jahr der Industriekultur in Sachsen 2020, das dann regelrecht zum Opfer der Corona-Pandemie wurde.

Dabei hatten emsige Forscher/-innen schon Jahre vorher begonnen, spannende Teile der sächsischen Industriegeschichte aufzuarbeiten, oft zum allerersten Mal. Und oft auch zu spät, denn die Jahre ab 1990 waren ein einziges Fegefeuer für das einst blühende Industrieland Sachsen. Nicht alles war 1990 heruntergewirtschaftet und reif für den Abriss.

Vieles fand neue Eigentümer oder wurde von cleveren Konkurrenten für wenig Geld aufgekauft und „vom Markt genommen“. Diese für Sachsen einzigartige Deindustrialisierung in der hiesigen Geschichte sitzt heute noch als Trauma in vielen Köpfen. Und der Ruf, die Treuhand-Geschichte aufzuarbeiten, wird regelmäßig erneuert.

Aber solange dazu die Forschungsgelder und Institutionen fehlen, wird nicht viel passieren, wird es einzelnen Forscher/-innen überlassen bleiben, einige Teile dieses radikalen Aderlasses aufzuarbeiten. Nur das, was sich viele wünschen – dass wirklich schuldig Gewordene vor den Kadi wandern – wird es nicht mehr geben. Und wohl auch das nicht, was eigentlich für die Wirtschaftsgeschichte wichtig wäre: Eine belastbare Arbeit über die tatsächlichen Folgen einer derart forcierten ökonomischen Transformation.

Denn wenn man nichts daraus lernt, wird man auch künftige Transformationen nur mehr schlecht als recht deichseln und dabei die direkten Folgen für die Region, ihre Bewohner und die politischen Folgen unterschätzen.

Für Brandis ein prägendes Unternehmen

Dass den Bewohnern einer kleinen Stadt wie Brandis die Erinnerung an einst prägende Unternehmen im Ort wichtig ist, zeigte schon die Themenseite auf muldental-history.de, die einer der beiden Ausgangspunkte für dieses Buch war. Der andere war das Interesse von Hans Werner Bänsch, die Geschichte des Unternehmens zu erzählen, das einst seinem Großvater Ewald Brinkhoff gehörte.

Als es ab 1990 darum ging, die einst in der DDR enteigneten Fabriken und Gebäude an ihre einstigen Eigentümer bzw. ihre Erben zurückzugeben, kam es fast überall zu Vorgängen, die im Grunde Stoff für ganze Serien von Wild-Ost im Abendprogramm hätten bieten können.

Auch die Nachkommen der Brinkhoffs erlebten einige ziemlich turbulente Jahre, bis sie überhaupt wieder in den Besitz der Grundstücke kamen, die einst zu den Mitteldeutschen Ton- und Kohlenwerken (Mitoko) in Brandis gehörten. Auch sie erlebten, dass Gerichte ihre Besitzansprüche nicht wirklich ernst nahmen und von der Enteignungspraxis in der DDR eigentlich keine Ahnung hatten.

Ein Leipziger Bankenkrach mit Folgen

Wie Ewald Brinkhoff und seine Familie in den 1950er Jahren systematisch aus dem Unternehmen gedrängt wurden, damit letztlich ein volkseigener Betrieb daraus werden konnte, erzählen Reinhardt und Bärsch in einem eigenen Kapitel.

Aber nicht nur das macht dieses Buch spannend, denn beide hatten sich vorgenommen, die komplette Geschichte des Werks zu erzählen, im späten 19. Jahrhundert beginnend, als findige Unternehmen ihre Chance sahen, auf den nachgewiesenen Tonvorkommen um Brandis ein tragfähiges Geschäftsfeld aufzubauen. Immerhin steckte das Deutsche Reich im Aufwind. Überall wurde gebaut. Überall wurden Ziegel, Dachziegel und Schamottesteine gebraucht.

Pech für Reinhardt und Bänsch war, dass 2020, als sie die Fakten für dieses Buch zusammentrugen, manches Archiv nicht zugänglich war. Deswegen sind einige für sie wichtige Fragen offengeblieben. Aber es fand sich genug Material, um die durchaus abenteuerliche Vorgeschichte der Brandiser Tonindustrie sehr detailliert zu zeichnen. Denn damals ging so gut wie gar nichts glatt.Bis zum Ersten Weltkrieg ist auch die Vorgeschichte der Mitoko eine Geschichte der Konkurse, Eigentümerwechsel, der Brände und auch der unverschuldeten Katastrophe, denn für den Konkurs der Leipziger Bank – den „Leipziger Bankenkrach“ – von 1901 konnten auch die damaligen Besitzer nichts.

Aber auch ein solches Unternehmen, das eigentlich einen sicheren Absatzmarkt für die 12 bis 15 Millionen jährlich produzierten Ziegel hatte, bedeutete die Ausrüstung so eines Werkes und der zugehörigen Tongrube gleich daneben erhebliche Investitionen, die natürlich über Bankkredite finanziert wurden.

Und die Leipziger Bank galt als eine der seriösesten Banken Deutschlands. Welches Hasard-Spiel die Bankchefs tatsächlich spielten, wurde erst klar, als die Bank mit gewaltigem Krach in die Knie ging. Und mit ihr etliche Unternehmen, die jetzt selbst in Zahlungsschwierigkeiten gerieten.

Die Zeit Ewald Brinkhoffs

In wirklich ruhiges Fahrwasser kam das Werk erst, als die Brinkhoffs hier einstiegen und auch mit vielen Neuerungen, die auf Patentanmeldungen Ewald Brinkhoffs beruhten, ihre Position auf dem Markt stabilisierten, der auch in den 1920er Jahren kein leichter war.

Hatte schon der Weltkrieg dafür gesorgt, dass die Bautätigkeit ringsum zum Erliegen kam und das Geschäft mit Ziegelsteinen kollabierte, so sorgten die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise wiederum für turbulente Zeiten, die aber unter der Leitung Ewald Brinkhoffs gemeistert wurden, dem es auch gelang, das Werk relativ unbeschadet durch die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg zu steuern.

Reinhardt und Bänsch erzählen natürlich auch von der spannenden geologischen Vorgeschichte der Ton- und Kohleablagerungen unter Brandis, ohne die die Entstehung der Mitoko und der beiden anderen Fabriken, die ebenso Tonprodukte herstellten, nicht denkbar war.

Und zwar so plastisch, dass man sich geradezu einen animierten Film dazu wünscht, der einfach mal anschaulich macht, wie die Ur-Nordsee immer wieder an mitteldeutsche Strände flutete, gewaltige Wälder erst zu Mooren wurden und dann über die Jahrmillionen unter riesigen Ton- und Kiesschichten versanken und verkohlten.

Es wurde zwar keine hochwertige Kohle daraus – aber die Ton-Unternehmen konnten damit trotzdem eine Menge anfangen, heizten damit die gewaltigen Ringöfen an und stellten damit auch besondere Steinqualitäten für die Industrie her. Wer sich noch nie mit Ziegeln und ihrer Vielfalt beschäftigt hat, bekommt hier auch gleich noch einen sehr breiten Einblick in einen Wirtschaftszweig, der aus der Region Leipzig fast völlig verschwunden ist.

Das verordnete Ende in der DDR-Zeit

Der Abbruch der alten Werksgebäude der Mitoko 1986/1988 steht recht symptomatisch für dieses Verschwinden. Im Buch ist auch der Abbruch des Werkes noch einmal mit Bildern untersetzt.

Aber da war die Ziegelproduktion schon seit 20 Jahren eingestellt. Noch viel länger her war die kalte Enteignung der Brinkhoffs über jene mittlerweile recht bekannten Methoden, mit denen die ab 1946 herrschende SED Unternehmer quasi aus ihrem eigenen Besitz aussteuerte, indem ihnen über horrende Besteuerung sämtliches Investitionskapital genommen wurde. Wenn dann auch noch die offiziell festgelegten Abnahmepreise für die Ziegel deutlich unter den Produktionskosten lagen, war eigentlich klar, dass so ein Unternehmen nur noch rote Zahlen produzieren konnte.

Mit dem Ausscheiden Brinkhoffs hatten die Funktionäre zwar ihr Ziel erreicht. Aber trotzdem wurde das Werk auch in den verbleibenden Jahren auf Verschleiß gefahren. Womit man wieder beim Jahr 1990 wäre und der Frage, warum die DDR-Wirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig war.

Dass die Ziegelproduktion freilich schon 1968 endete, hat mit einer weiteren Sünde der DDR-Wirtschaftspolitik zu tun: der kompletten Umstellung des Wohnungsbaus auf Plattenbau. Jetzt wurde alles in Beton gegossen und hochgezogen. Für Ziegel aus Brandiser Ton gab es keinen Bedarf mehr. Das Werk wurde von oben einfach dichtgemacht. Es gab noch ein paar Nachnutzungen wie die kurzzeitige Ansiedlung des Brandiser Fahrzeugbaus, wo das legendäre „Krause Duo“ gebaut wurde.

Aber an die Wiederaufnahme der Ziegelproduktion war nach 1990 nicht mehr zu denken.

Forschen im Corona-Jahr

Die einstige Tongrube ist zu einem schönen Landschaftssee geworden. Und dasselbe passierte auch mit der Tongrube des Nachbarwerks O. Ullrich. Indem Reinhardt und Bärsch auch die Geschichte dieses Nachbarunternehmens und des Schamottewerks erzählen, wird auch für alle, die sich mit den Höhen und Tiefen von Unternehmensgründungen sonst nie beschäftigen, etwas deutlicher, wie sehr selbst die Gründung solcher imposanten Werke immer ein Risiko war.

Und wie sich die neuen Machthaber eigentlich selbst das Fundament abgruben, als sie die ganze Wirtschaft auf ihre geradezu naive Weise zentralisierten und politisch zu steuern versuchten. Was schon frühzeitig gründlich schiefging und letztlich dazu führte, dass dem Land die wirtschaftliche Basis erodierte.

Da und dort bedauern die Autoren natürlich zu Recht, dass ihnen der Zugang zu wichtigen Quellen im Corona-Jahr verwehrt war. Es bleiben sichtlich einige Detailfragen offen. Aber dennoch wird mit vielen Quellenbelegen eine Werksgeschichte sichtbar, die trotz all der Quellenverluste sehr typisch ist für das, was aus Sachsens Wirtschaft im 20. Jahrhundert geworden ist.

Wie große Unternehmen für Orte wie Brandis geradezu prägend wurden und für einen Großteil der Einwohner über Jahrzehnte Verdienstquelle und Arbeitgeber waren. Menschen identifizieren sich auch mit so einem Unternehmen. So haben Erinnerungen und Fotos überlebt, die es in offiziellen Archiven nicht gibt.

Und man erfährt so nebenbei auch, wie sehr sich das Leben und Arbeiten der Beschäftigten in diesen knapp 100 Jahren veränderte – wie gerade die Weimarer Republik dafür sorgte, dass sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbesserten. Und durchaus knifflig war für beide Autoren natürlich auch jene Zeit, für die so gut wie keine Dokumente mehr aufzufinden waren.

Was ja auch für den Großteil der NS-Zeit gilt, in der es ja auch hier um die Beschäftigung von Zwangsarbeitern ging, da ein Großteil der Belegschaft als Soldaten an die Front musste. Immerhin waren Vorwürfe, Brinkhoff hätte dem NS-System nahegestanden oder wäre mit den Zwangsarbeitern schlecht umgegangen, die vorgeschobenen Argumente dafür, ihn gleich nach 1945 enteignen zu wollen. Wobei ja die Quellenlage darauf hindeutete, dass er gerade eben nicht so handelte und im Gegenteil in der Belegschaft hohe Achtung genoss.

Wenn die Augenzeugen nicht mehr da sind

Das Buch freilich kann nur in Teilen sein Porträt skizzieren. Da und dort lässt eine persönliche Erinnerung seine Gestalt erahnen. Man merkt ja schon im Interviewteil, wie viele Zeitgenossen und Augenzeugen gar nicht mehr befragt werden können.

Selbst diejenigen, die in den 1950er Jahren ganz jung waren und das Unternehmen noch kennenlernten, als es erst nach und nach teilverstaatlicht wurde, sind inzwischen hochbetagt. Mancher hat noch den Lebensabend in dem Seniorenheim verbringen können, das die 1992 gegründete „MITOKO-Entwicklungsgesellschaft mbH“ auf dem Gelände der abgerissenen Werkshallen errichtet hat. Mit einem „Sinngarten“, in dem auch die Geschichte des einstigen Ziegelwerkes mit Händen zu greifen ist.

Entstanden ist so – trotz aller Einschränkungen in der Corona-Zeit – das Porträt eines eigentlich sehr typischen Werkes in der sächsischen Industrielandschaft, typisch auch für kleine Städte wie Brandis, die ganz selbstverständlich auch Teil hatten an der Industrialisierung Sachsens. Und es waren vor allem die Brandiser Tonfabriken-Besitzer, die genug Druck machen konnten, damit Brandis endlich einen Gleisanschluss bekam.

Denn nicht nur die Millionen Ziegel mussten ja dorthin gebracht werden, wo gebaut wurde. Auch die Kohle musste zunehmend aus anderen mitteldeutschen Kohlegruben herangefahren werden, weil die eigenen Kohleflöze nicht genug Brennstoff lieferten.

Es ist nicht nur ein Brandiser Buch entstanden, das dem kleinen Städtchen ein Stück seiner einstigen industriellen Identität zurückgibt. Es ist auch ein wichtiges Puzzle-Stück zur sächsischen Wirtschaftsgeschichte, das gerade dadurch, dass es sich vor allem auf drei Werke in Brandis konzentriert, mehr zeigt als die üblichen großen Erfolgsgeschichten, die meistens ausblenden, wie viele Höhen und Tiefen solche Werksgründungen tatsächlich hatten.

Nicht nur durch all die politischen Karambolagen, die das Geschäft immer wieder massiv schädigten, sondern auch durch die ganz gewöhnlichen Turbulenzen von Märkten, Bankenkrächen und zunehmender Konkurrenz.

Auf einmal wird sichtbar, dass selbst die Geschichte eines scheinbar staubtrockenen Werkes in einem Städtchen wie Brandis ihre eigene Spannung hat. Und ihren Erinnerungswert, der nicht einfach mit dem Abbruch der alten Fabrikhallen endet. Im Gegenteil: Manches wird dann sogar landschaftsprägend, so wie die alten Tongruben, die sich in eindrucksvolle Seen mit klarem Wasser verwandeln und jetzt ganz neue Initiativen in Gang bringen, das so – durch Menschen geschaffene – Biotop auch in seinem neuen Artenreichtum zu erhalten.

Da werden nicht nur die Brandiser mit Spannung lesen, was Reinhardt und Bärsch alles herausgefunden haben. Denn so wird sächsische Industriegeschichte tatsächlich wieder lebendig, auch wenn diese Industrie in großen Teilen inzwischen verschwunden ist. Aber nichts verschwindet einfach so. Und lernen kann man aus dem Vergangenen nur, wenn man es kennt und versteht. Und damit auch ein bisschen besser versteht, warum alles so gekommen ist. Und welche Weichenstellungen es wirklich waren, die den Zug aufs falsche Gleis gebracht haben.

Dirk Reinhardt, Hans Werner Bärsch Mitoko Brandis, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2021, 24,80 Euro.

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