Leipzigs schönste Häuser: Der Reichtum Leipziger Architektur aus zwei markanten Bauepochen

Für alle LeserIn diesem Jahr hat ja auch Leipzig ein bisschen „100 Jahre Bauhaus“ gefeiert, auch wenn das moderne Bauen zwischen 1919 und 1933 in Leipzig eher wenig mit dem Bauhaus zu tun hatte. Leipzig ist einen anderen Weg gegangen. Und der begann schon um das Jahr 1900, als Leipziger Architekten den ganzen Zierrat der Gründerzeit über Bord warfen und jene eindrucksvollen Häuser schufen, die Bernd Sikora und Peter Franke in diesem Buch versammelt haben.

Die architektonische Schönheit eingefangen hat wieder Peter Franke, mit dem Sikora schon oft zusammengearbeitet hat. Bernd Sikora, studierter Architekt und Grafiker, hat die Texte geschrieben. Texte, die die architekturinteressierten Leser mitnehmen in eine Zeit, die in der üblichen Leipziger Marketingsicht auf Architektur meist ignoriert wird. Da ist dann fast alles einfach „Gründerzeit“, fertig der Lack.

Und da die meisten Touristen und sonstig Lauschenden auch nicht wissen, warum Gründerzeit Gründerzeit heißt, sehen sie auch nicht, dass Architektur immer auch von aktueller Geschichte erzählt. Architektur ist gebaute Geschichte. Manchen ist das ja noch bewusst, wenn es um Romanik und Gotik geht. Aber was erzählt eigentlich Gründerzeitarchitektur mit ihrem oft geradezu wilden Rückgriff auf ältere Baustile?

Und was geschah eigentlich vor der Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar? So etwas entsteht doch nicht aus dem Nichts. Und es erfüllt auch kein Bedürfnis, das auf einmal aufkommt, quasi über Nacht.

Deswegen hat Bernd Sikora das Buch auch in zwei große Kapitel geteilt. Das erste handelt von der „Architektur der Reformzeit um 1900“, eigentlich konkreter von den 14 Jahren zwischen Silvester 1900 und dem Kriegsbeginn 1914, in der es in Deutschland mehrere Reformansätze für ein neues Bauen gab. Auch zwei große Bauausstellungen in Sachsen, deren Ergebnisse noch heute zu besichtigen sind – die Gartensiedlung Hellerau in Dresden und die Gartensiedlung Marienbrunn in Leipzig.

Bernd Sikora zeigt den Lesern, was sich da um 1900 herum änderte. Und zwar nicht nur in der Architektur, sondern auch in der bildenden Kunst und in der Literatur. Dafür stand die Zeitschrift „Jugend“, die im Layout einen völlig neuen Stil anbot – jung, elegant, floral. So wirksam, dass daraus in Deutschland eine ganze Kunstrichtung wurde – der Jugendstil. Den man an einigen repräsentativen Gebäuden in Leipzig noch heute besichtigen kann.

Denn jene bis heute namhaften Architekten von Hänsel bis Möbius, die damals in Leipzig tätig waren, bemühten sich, immer wieder eigenständige Entwürfe zu schaffen, ohne ältere Stile oder neuere Schulen sklavisch zu kopieren. Wenn ihnen freie Hand gelassen wurde, suchten und fanden sie immer neue architektonische Lösungen, die Leipzig erst all jene markanten Gebäude verschafften, die heute so prägend sind, dass Leipzig daran sofort erkannt wird.

Das reicht vom Teehaus Riquet über Speck’s Hof, die Mädlerpassage bis hin zur Nationalbibliothek, dem Handelshof und dem Rathaus Schönefeld. Alles Gebäude, die man freilich auch ganz instinktiv der Zeit vor dem ersten Weltkrieg zuordnet (auch wenn sie teilweise erst im Krieg fertig wurden).

Was ja, wie erwähnt, manchen Schnellsprecher dazu bringt, sie einfach noch der Gründerzeit zuzuordnen, obwohl sie bei genauerem Betrachten überhaupt nichts damit zu tun haben – weder das Völkerschlachtdenkmal noch das Neue Rathaus. Hier sprach sich eine neue Zeit aus, in der sich das Präsentationsbedürfnis eines erfolgreichen Bürgertums aussprach und zeigen wollte.

Ein Leipzig, das vom wirtschaftlichen Aufstieg des Deutschen Reiches profitierte, sich selbst als modern begriff und den Erfolg auch zeigen wollte. Das ganze tendierte sogar, wie Sikora schreibt, fast zu einer neuen Architekturschule, die auch den Übermut einiger Architekten spiegelte, die nun meinten, Deutschland würde jetzt auch der Welt zeigen, wie modernes Bauten auszusehen habe.

Nicht ganz grundlos versiegte diese Euphorie mitten im Krieg, als Deutschland mit seinem Größenwahn kläglich scheiterte. Danach konnte von einer besonderen deutschen Architektur-Vorbildrolle keine Rede mehr sein.

Und die Bauten, die in der Weimarer Republik in Leipzig entstanden, unterscheiden sich deutlich von dem, was vor dem Krieg gebaut wurde. Man baute einfacher, mit klareren geometrischen Formen, auch wenn ein Grundbaustoff schon vor dem Krieg emsig angewendet wurde, auch wenn man es den Fassaden der Bauten gar nicht ansieht – Beton. Auch deshalb haben so viele dieser Gebäude auch den Zweiten Weltkrieg und die DDR-Zeit überlebt: Ihr Innenleben war robust gebaut. Nur außen, an den aufwendig gestalteten Fassaden, war sichtbar, wie die Zeit an den Dingen nagte.

1990, als auch Leipzig einen Neustart wagte, war von der alten Schönheit oft nichts mehr zu sehen. Bernd Sikora war einer von jenen, die sich damals sofort für die Rettung der vom Verlust bedrohten Häuser einsetzte. Deswegen kennt er von so vielen Gebäuden die Bau- und Leidensgeschichte, aber auch die Akribie, die in der Regel neue Eigentümer aufwandten, um die schlafenden Schönheiten wieder zum Leben zu erwecken.

Besonders dicht beschreibt er diese Schönheiten natürlich im Waldstraßenviertel, wo er selbst zu Hause ist und den Touristenbussen zuschaut, wenn sie jedes Mal vor besonders auffälligen Villen und Mehrfamilienhäusern stehen bleiben, um den Mitreisenden den Blick zu schärfen für das Besondere, das sie hier sehen.

Denn während Gründerzeit oft genug auch „Bauen von der Stange“ und mit normierten Einzelteilen war, sind die Prachtstücke der Vorkriegs-Moderne sämtlichst Unikate, von Architekten entworfen, die zeigen wollten, was mit guten Materialien und der Formensprache der Kunst alles umsetzbar war.

Er lenkt den Blick auch auf die Details – auf farbige Glasfenster, stilvolle Treppenhäuser, verblüffende Lampen, Decken, Türen, Balkone und Erker. Im Anhang gibt es sogar noch einen Extra-Bildteil, der solche Details einfach mal nebeneinanderstellt. Das macht erst recht sichtbar, wie wenig hier eins dem anderen ähnelte und wie sehr die Architekten ihre Möglichkeiten ausreizten, neue Formensprachen für scheinbar simple Dinge wie Portale, Innenhöfe oder Erdgeschossgestaltungen zu finden.

Alles Dinge, die man als Leipziger, wenn man durch die Straßen eilt, kaum noch wahrnimmt. Und so auch gar nicht mehr sieht, warum die seit 1990 so fleißig sanierte Leipziger Innenstadt in den Augen der Gäste als so etwas Außergewöhnliches erscheint. Etwas, das nur Leipzig so zu bieten hat und das dennoch klug aufeinander abgestimmt war. Die Auftraggeber wollten zwar zeigen, wer sie waren und was sie taten – aber sie wollten meist nicht protzen und alle anderen überstrahlen.

Nicht einmal das Neue Rathaus, das ja nun wirklich die Stadt überragt, wirkt so, als wolle es sich unbedingt zur Dominante aufschwingen. Und dass am Haus der Commerzbank soviel Gold funkelt, findet seine Erklärung auch erst, wenn man weiß, wie schmal die Thomasgasse einmal war.

Kaum ein Haus bietet nicht auch noch zusätzliche Bilderzählungen an der Fassade – von den Riquet’schen Elefanten über die Selter’schen Pelztiere bis hin zu den Schlangen am Haus Tschaikowskistraße 31.

Und auch wenn nach dem Ersten Weltkrieg scheinbar alles abbricht und eine neue Freude am sachlichen Dekor aufkam, ist auch diese Zeit von einem großen Willen zum individuellen, unverwechselbaren Bauen geprägt – selbst da, wo es jetzt in den dringend benötigten Massenwohnungsbau ging wie in der Krochsiedlung oder am Nibelungenring.

Und auch hier sind prägende Gebäude nach 1990 in ihrer einstigen Schönheit und Griffigkeit wiedererstanden – vom Grassi-Museum bis zur Kosumzentrale, das eine fast ein richtiges Schloss, wie Sikora schreibt, das andere ein eindrucksvoller Klinker-Dampfer in der Nähe des Karl-Heine-Kanals.

Natürlich ist das ganze Buch nur eine Auswahl. Sikora und Franke haben sich die für sie schönsten Gebäude aus diese Zeit herausgepickt, an denen sie beispielhaft zeigen, was man alles sehen kann, wenn man wirklich mal stehen bleibt und sich auch für die Details interessiert. Denn nicht einmal die Fenster- und Zaungitter sind trivial. Hier stammt nichts aus einem großen Katalog.

Jede architektonische Lösung – und seien es hart gebrannte Klinker an der Fassade – erzählt von einer bewussten Entscheidung und von dem Wunsch, mit dem Haus auch eine Erzählung zu verbinden. Wobei die beiden eindrucksvollsten Erzähl-Häuser – das Künstlerhaus und das Märchenhaus am Nikischplatz – ja Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden.

Umso eindrucksvoller ist natürlich, was alles die Jahrzehnte überstand und wie es von neuen Besitzern liebevoll wieder hergestellt wurde. Mit Jugendstil und Reformzeit stellt Sikora hier berechtigterweise eine ganze Bauepoche gleichberechtigt neben die Moderne der Weimarer Republik, legt sie den Lesern geradezu ans Herz und lädt ein, dieses Kapitel der Baugeschichte mit offeneren Augen zu sehen.

Auch mit dem Wissen darum, dass auch Architekten sich einmal verleiten ließen, sich besser zu dünken als andere. Ein Glauben, der mit dem entfesselten Weltkrieg in die Binsen ging. Sikora: „Der Krieg ging verloren. Die Illusion war zerstört. 1918 war alles anders, und die Überlebenden waren gefordert, über ihre Zukunft neu nachzudenken.“

Was ja nicht nur den Architekten so ging. Nur macht es die Architektur auf besonders schöne Weise sichtbar. Sie erzählt Geschichte. Mit Übermut, Enttäuschung und Brüchen. Und es lohnt sich auch 100 Jahre später, genau hinzuschauen.

Bernd Sikora, Peter Franke Leipzigs schönste Häuser, Passageverlag, Leipzig 2019, 29,90 Euro.

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