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Bernd Weinkaufs reich bebilderte Chronik von Auerbachs Keller

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    Um diese Lokalität ranken sich Mythen und Sagen. Auerbachs Keller ist weit über Leipzig hinaus bekannt. Das Restaurant hat einen Ruf, den nur wenige Restaurants haben. Und das hat natürlich mit der alten Faust-Legende zu tun. Aber war Dr. Faustus jemals hier? Und woher kommt der Fassritt? Keiner hat sich mit der ganzen Geschichte so intensiv beschäftigt wie der Schriftsteller Bernd Weinkauf.

    Seit einigen Jahren ist er regelrecht zum Hauschronisten von Auerbachs Keller geworden. Es gibt wenige Orte in Leipzig, bei denen es sich derart lohnt. Es gibt auch keinen, der wirklich auf eine so lange Geschichte zurückblicken kann, auch wenn der oft kolportierte Beginn des Weinausschanks im Jahr 1430 ins Reich der Fabel gehört. Den Medizinprofessor und Hausbesitzer Heinrich Stromer aus Auerbach aber gab es tatsächlich.

    Und alte Leipziger Steuerakten können sogar genau das Jahr belegen, in dem der mit Luther befreundete Besitzer des Hofes, der zuvor der berühmten Bürgermeisterfamilie Hummelshain gehörte, tatsächlich mit dem Ausschank von Wein begann. In Weingewölben, die möglicherweise 100 Jahre älter sind und vom umtriebigen Besitzer einbezogen wurden in den Umbau, der den Hof bis zum Ende des 19. Jahrhunderts prägte.

    Fabel um Fabel nimmt sich Bernd Weinkauf vor: Was stimmt? Was lässt sich mit archivarischen Quellen wirklich belegen? Und wo kommen Legende und Marketing ins Spiel? Und wann eben dieser Dr. Faustus, den es ja wohl wirklich gab. Aber in Leipzig war er nie. Wahrscheinlich nicht. Erst eine neue Geschichte in einem Raubdruck des berühmten Volksbuchs vom Dr. Fausten bringt die Fass-Szene in Leipzig.

    Man merkt: Die Spurensuche ist weit gediehen. Auch wenn da und dort Passstücke fehlen. Die Freundschaft Stromers mit Luther ist belegt, auch wenn sich Luthers Besuche in Stromers Hof nur vermuten lassen. Der fortan Auerbachs Hof heißen sollte, fünf Jahrhunderte lang, weil er seit Stromer von Auerbach stadtbildprägend war, eine Top-Adresse. Weniger als Schankort. Auch das erzählt Weinkauf. Denn wer sich heutigen Gastronomiebetrieb vorstellt im 16. Jahrhundert, liegt falsch. Ausschenken durften die Professoren der Universität. Sie hatten Sonderrechte. Aber nicht öffentlich. Der Schankkeller war nur für geladene Gäste erreichbar.

    Was man wissen muss, wenn man ein Stück von Goethes Drama in Leipzig begreifen will. Denn Goethe selbst hat nicht alles erzählt, auch nicht in „Dichtung und Wahrheit“, wo er seine Leipzig-Zeit in emotionalen Farben malt. Kätchen Schönkopf, die er liebte, aber umsonst umwarb, kommt genauso drin vor wie sein Freund Behrisch, der damals in Diensten derer von Lindenau stand. Und denen gehörte Auerbachs Hof.

    Nur so, stellt Weinkauf fest, kam Goethe überhaupt in den Keller: als geladener Gast. Nur so konnte Goethe die alten Wandbilder sehen, die von der Faust-Geschichte mit dem Fassritt erzählen, entstanden wohl um 1625. Selbst der Maler ist identifizierbar, das Anliegen des Kellerwirts zu erraten. Denn der „Dr. Fausten“-Raubdruck war eine Steilvorlage, auch wenn sie ausgerechnet Auerbachs Keller nicht erwähnt. Es gab damals dutzende beliebter Weinkeller in Leipzig, fast alle rund um den Markt.

    Aber nur ein Wirt war so clever, den Fassritt auf seine Gewölbe zu beziehen. Es war die zugkräftigste Marketing-Idee, die je ein Leipziger Wirt hatte, auch wenn das erst im Jahre 1808 deutlich werden sollte. Bis dahin kann Weinkauf von wechselnden Besitzern und Wirten erzählen, vom Auf und Ab eines Lokals, dem noch längst nicht beschieden war, die Zeiten zu überdauern. Die anderen Leipziger Weinkeller? Sie sind allesamt verschwunden.

    Und natürlich: Goethe hat Schuld. Als ihn Behrisch in Auerbachs Keller einlud, kannte Goethe die Faust-Sage schon. Puppenspieler führten sie auch in Frankfurt auf. Aber dass Auerbachs Keller so bildhaft mit dem Fassritt verknüpft war, das sah er erst bei seinen Kellerbesuchen, beim Betrachten der Bilder, die heute noch immer existieren, nebst dutzenden anderen Bildern, die später entstanden, nach 1808, nach der Veröffentlichung von Goethes „Faust, eine Tragödie“, in der die berühmte Studentenszene zu finden ist. Der Fassritt wird nur erwähnt, stellt Weinkauf fest. Der Keller war bis dahin beliebt, berühmt, zumeist von italienischen Wirten bewirtschaftet. Er hatte schon mehrere Häutungen hinter sich, mehrere Anpassungen an modernere Zeiten und veränderte Ansprüche.

    Doch kein Wirt konnte sicher sein, dass das immer so bliebe. Und so wurden die Wirte erfindungsreich. Und sie begriffen schnell, was für eine Steilvorlage Goethes Drama war. Nicht wegen des Faust, man merkt es bei jedem Schritt, den Weinkauf geht, sondern wegen Goethe, der schon 1808 der berühmteste Dichter des Landes war. Und eines war dieser Weinkeller auf jeden Fall: ein authentischer Goethe-Ort.

    Was jetzt an Bildern dazukam, bezieht sich fast alles auf Goethes „Faust“. Und die Goetheverehrer kamen. Wegen Goethe und wegen des Kellers, der ein Schauplatz in seinem Drama ist. Seitdem gehören Keller und Sage tatsächlich erst zusammen. Seitdem wurde Auerbachs Keller zu einem Ort, in dem sich Literatur und Ort durchdrangen.

    Das trifft zwar auch noch auf ein paar andere Literaturstücke und entsprechende Etablissements zu. Aber nur bei Auerbachs Keller wurde es zur zugkräftigen Legende. Goethe-Verehrer aus aller Welt kommen extra nach Leipzig, um Auerbachs Keller zu besuchen. Und vielleicht erfahren sie jetzt, wenn sie kommen, erstmals auch den Rest von Goethes Geschichte, die er in „Dichtung und Wahrheit“ tunlichst verschwiegen hat. Und die das Ende seiner Besuche in Auerbachs Keller bedeutete. Und den schmerzlichen Abschied von Behrisch, der ihm in Leipzig so etwas wie Halt, Ratgeber und Freund geworden war.

    Natürlich erzählt Weinkauf auch den ganzen Rest, der auch viele Leipziger interessieren wird, die glauben, ihren Auerbachs Keller zu kennen. Denn wie Auerbachs Hof bis zu jenem radikalen Umbau durch den Kofferfabrikanten Anton Mädler aussah, wissen die meisten gar nicht mehr. Es ist auch kaum noch vorstellbar, wie so ein alter Leipziger Messehof aussah, bevor die prächtigste Leipziger Passage draus wurde.

    Ein Umbau, der auch das Ende der alten Weinkeller hätte bedeuten können. Aber aus den Verlusten von Bachs Wohnung in der alten Thomasschule und Wagners Geburtshaus am Brühl scheint Leipzigs Verwaltung etwas gelernt zu haben. Dieser Keller wurde gerettet und blieb unter dem Komplettneubau von Mädlers Passage erhalten, auch wenn er seinen alten Eingang an der Grimmaischen Straße verlor.

    Auch diesen alten Eingang bekommt man per Bild zu sehen. Das Buch ist reich gespickt mit Bildern. Man kann also auch mit den Augen reisen durch die alten Kellerwelten. Und dann staunt man zumindest, wie klein diese Keller eigentlich waren im Vergleich mit dem großen Restaurant, das wir heute kennen. 400 Jahre haben sich praktisch ausschließlich in den alten Gewölben abgespielt, die heute noch immer existieren und im Wesentlichen die Erinnerungstücke an Goethe und Faust-Sage beinhalten. Aber Mädler wusste, was er tat. Ihm ist der neue, eindrucksvolle Zugang mit den Faust- und Mephistogestalten von Molitor davor zu verdanken.

    Dass nie alles wirklich gut war, wissen die Leipziger. Weder die beiden großen Kriege, noch Machtwechsel und Lebensmittelknappheit verschonten den berühmten Keller und seine Gäste. Auch nicht der „sozialistische Wettbewerb“ und die Turbulenzen nach der „Wende“, die unter der wilden Regie eines berühmten Dr. Schneider auch beinah im Desaster endeten. Ein Desaster erlebte das alte Restaurant auf jeden Fall: Der überhebliche „Baulöwe“ ließ das wertvolle Archiv des Restaurants komplett entsorgen. Nur die berühmten Gästebücher wurden noch aus dem Container gerettet. Nicht nur Weinkauf schaut auf diesen Skandal betroffen zurück, denn dadurch gingen auch wertvolle Belege für seine Chronik verloren.

    So ist es, wie wir heute wissen, bei vielen alten Leipziger Unternehmen passiert. Sorgsam, rücksichtsvoll und bedacht war vieles von dem, was ab 1990 in Leipzig geschah, nicht. Für die Forschung sind riesige Verluste entstanden, die auch Bernd Weinkauf nur vorsichtig flicken kann. Was ein Grund dafür ist, dass das 20. Jahrhundert im Grunde schnell vorüberfliegt.

    Das Finale bilden die drei Gastwirte, die die Geschichte des Kellers seit 1996 prägten. Ganz zentral natürlich Christine und Bernhard Rothenburger, die bis 2017 die Regie innehatten und vor allem Weinkaufs Forschungen anregten oder – wie er selbst schreibt – beauftragten, sodass jetzt zwei dicke, fundierte Bücher zu Auerbachs Keller vorliegen, die weit über das hinausgehen, was die bislang in Auerbachs Keller verkauften kleinen Bücher und Broschüren zu bieten hatten.

    Bernd Weinkauf Chronik von Auerbachs Keller, Sax-Verlag, Beucha und Markkleeberg 2018, 19,90 Euro.

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