Ganze Dokumentationsreihen im TV leben davon, dass Geschichte regelrecht inszeniert wird. Schauspieler schlüpfen in die Kostüme berühmter Persönlichkeiten und lassen das Gefühl aufkommen, so ungefähr hätte es damals tatsächlich aussehen können. Warum also so etwas nicht auch mal mit Leipziger Gestalten aus der Vergangenheit machen?

Mit App in die Vergangenheit reisen

Genau das wird jetzt im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig möglich. Per AR-App (Augmented Reality) treffen Besucher des Alten Rathauses ab jetzt auf bisher unerzählte Geschichte(n) und Stimmen wie Bruno Vogel, Trude Richter oder Julie Bebel. Gemeinsam mit der Schaubühne Lindenfels Leipzig hat das Museum eine digitale Anwendung für die Ausstellung „Moderne Zeiten“ im Alten Rathaus geschaffen, die Leipziger Stadtgeschichte auf künstlerische und theatrale Weise vermittelt.

Beide Einrichtungen verbindet das Interesse, konkrete urbane Geschichte(n) als Basis für eine offene, solidarische und zukunftsgewandte Gesellschaft für ein breites Publikum erlebbar und nachvollziehbar zu machen. Dafür halten sie Einzelschicksale und subjektive Erfahrungen für besonders spannend, weil sie den Zuschauerinnen und Zuschauern jenseits von historischen Narrativen die Möglichkeit geben, sich konkret mit einer Figur zu identifizieren oder sich an dieser kritisch zu reiben.

Vor diesem Hintergrund traten 2021 beide Einrichtungen an, aus der Projektidee „Museum Ex Machina“ eine moderne, auf Elementen des Theaters und Schauspiels beruhende, digitale Erweiterung für die ständige Ausstellung des Museums zu schaffen. Mit finanzieller Unterstützung aus dem bundesweiten Förderprogramm „dive in. Programm für digitale Interaktionen“ der Kulturstiftung des Bundes erarbeitete 2021 ein Kreativteam die Augmented-Reality-App „Museum Ex Machina“.

Geschichte lebendig werden lassen

„Die Chance und Herausforderung im Projekt lag vor allem auch in der interdisziplinären Teamarbeit mit der Schaubühne Lindenfels, die uns in den Bereichen Regie, Dramaturgie und Schauspiel ganz neue Vermittlungsebenen erschloss. Mit dieser Verbindung aus Geschichtserzählung und visueller direkter Besucheransprache haben wir als Museum nicht nur unsere primär objektbezogene Komfortzone verlassen, sondern auch die Möglichkeit bekommen, bisher marginalisierte Themen und Personengruppen attraktiv ins Licht zu setzen. Für uns ist so aus einem tollen Förderprojekt heraus eine ganz eigene digitale Angebotslinie entstanden, die wir in den nächsten Jahren zweifellos fortsetzen und ausbauen werden“, kommentiert Museumsdirektor Dr. Anselm Hartinger das Projekt.

Die Theater und Museum präsentieren die neue AR-App im Alten Rathaus Leipzig. René Reinhardt, Schaubühne Lindenfels Leipzig, Eva Lusch und Dr. Anselm Hartinger des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig (v.l.). Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Katja Etzold
Theater und Museum präsentieren die neue AR-App im Alten Rathaus Leipzig. René Reinhardt, Schaubühne Lindenfels Leipzig, Eva Lusch und Dr. Anselm Hartinger des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig (v.l.). Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Katja Etzold

„Augmented Reality, kurz AR, gibt uns die Möglichkeit, ohne große Eingriffe in die Ausstellungsarchitektur, Objekte und Personen lebendig werden zu lassen“, ergänzt Eva Lusch, MXM-Projektleiterin des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig.

„So wird mehr Raum geschaffen für Themen und Personengruppen, die etwas zu kurz kamen oder fehlten. Der Vorteil ist, dass wir so einen Mehrwert für eine bestehende Ausstellung schaffen, der im Idealfall sowohl regelmäßig wiederkehrende als auch neue Besuchergruppen zu uns lockt. So wünschen wir uns, die zweite Etage des Alten Rathauses wieder mehr ins Bewusstsein rücken zu können. Zudem bietet die
App neue Zugänge in Zeiten eingeschränkter Veranstaltungsangebote und fortschreitender Digitalisierung auf allen Ebenen.“

Marginalisierte Stimmen

Ausgehend von diesem thematischen Interesse und der gemeinsamen Zielsetzung wurde ein neues Vermittlungsangebot geschaffen, das nicht nur junge Museumsbesucher ansprechen dürfte. Es geht ganz besonders um die unentdeckten Geschichten und die marginalisierten Stimmen, die in der großen Erzählung einer Stadtgeschichte oder Ausstellung im Museum normalerweise nicht auftauchen.

So werden unter anderem die Sozialdemokratin und Unternehmerin Julie Bebel, der Autor, Pazifist und Homosexuellen-Aktivist Bruno Vogel sowie die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Trude Richter besprochen. Daneben stehen Geschichten von Exponaten stellvertretend für Persönlichkeiten wie Robert Blum, Fritz Lehman und Hedwig Burgheim.

„Für mich als Regisseur und Autor war der Autor, Pazifist und Schwulenaktivist Bruno Vogel eine echte Entdeckung. Sein Antikriegsbuch ‚Es lebe der Krieg‘ von 1924 ist großartig. Darin fand er für das Nichtsagbare, die Auswüchse und Fratzen des Krieges, die richtige Sprache – wohl auch deshalb zensiert und bis heute leider nicht neu verlegt verfügbar. Trude Richter dagegen hat uns am meisten herausgefordert, da ihr Lebenslauf voller Widersprüche zu sein scheint.

War sie Opfer einer Ideologie, war sie zugleich auch Täterin? Und die belegbaren Quellen bilden davon nur einen bestimmten, eher administrativen Ausschnitt ab. Bei solchen Biografien kann eine künstlerische Interpretation wie eine Sonde wirken, mit der eine Annäherung möglich wird, weil dabei andere Fragen gestellt werden! Ich hoffe, dass dadurch Vergangenheit als Erfahrungsraum zugänglich wird und damit ihre Nachwirkungen auf uns“, sagt René Reinhardt, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Schaubühne Lindenfels.

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