Die große Feier zum 25. Geburtstag der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft 2021 musste ausfallen. Genauso wie die beliebte Lotter-Bude auf dem Weihnachtsmarkt. Die stets einen wichtigen Beitrag leistete zum Spendenaufkommen der Gesellschaft, die seit 1996 das Stadtgeschichtliche Museum bei Ankäufen und Restaurierungen unterstützt. Die Festschrift als Lotter-Magazin gab es trotzdem, nicht nur gefüllt mit Grußbotschaften.

Obwohl natürlich die Grußbotschaften davon erzählen, wie stark und gut vernetzt die Lotter-Gesellschaft in der Leipziger Stadtgesellschaft ist und wie viele Partner auch das Stadtgeschichtliche Museum hat. Denn egal, ob es die 20-jährige Sanierung des Völkerschlachtdenkmals war, die ohne starke zivilgesellschaftliche Unterstützung nicht gelungen wäre, oder die Sanierung des Schillerhäuschens in den 1990er Jahren, die Schaffung des Kaffeemuseums im Haus zum Arabischen Coffe Baum oder der lange Marathon zum neuen Sportmuseum – nie geht es ohne breite Unterstützung aus der Bevölkerung und ohne echten Rückenwind aus dem Leipziger Stadtrat.Aber alles bündelt sich im gemeinsamen Interesse an der eigenen Geschichte – der Stadtgeschichte in all ihren Facetten.

Und so nutzt die Lotter-Gesellschaft auch dieses 172 Seiten starke Lotter-Magazin dazu, nicht nur die Projekte kurz zu beleuchten, die mithilfe der Gesellschaft restauriert werden konnten. Es gibt auch einen kleinen historischen Abriss der Geschichte der Lotter-Gesellschaft und es gibt fundierte Beiträge zum Stand all der Projekte, in denen das Stadtgeschichtliche Museum gerade steckt.

Zwei Gemälde von Ludwig Geyer

Ulrike Dura etwa erzählt vom wichtigsten Förderprojekt der Gesellschaft im Jahr 2021, den beiden für das Museum erworbenen Gemälden von Christian Wilhelm und Johanna Christiane Weilhelmine Reichenbach. Dabei sind die dargestellten Personen genauso spannend wie der Maler Ludwig Geyer, den Wagner-Freunde als Adoptivvater von Richard Wagner kennen, der ja bis zu seinem 15. Lebensjahr Richard Geyer hieß.

Denn nach dem frühen Tod von Richards Vater Friedrich Wagner kurz nach der Völkerschlacht heiratete dessen Freund Ludwig Geyer ja die Witwe, adoptierte die Kinder und zog mit der ganzen Familie nach Dresden, wo er seine Schauspielerkarriere fortsetze.

Und mit den Reichenbachs war Geyer befreundet. Christian Wilhelm Reichenbach war Bankier und besaß seinerzeit einen der berühmten Barockgärten vor den Toren der Stadt, just jenen, an dessen Ufer zur Weißen Elster 1813 der polnische Marschall Poniatowski ertrank. Und seine Ehefrau ist noch ein wenig berühmter, schrieb ihr doch in ihrer Jugend der Dichter Clemens Brentano Liebesbriefe, bevor er dann doch Sophie Mereau heiratete.

Gerade solche Funde machen sichtbar, welche Welt von Geschichten in Sammlungsstücken stecken kann. Wobei die beiden Bildern schon lange als ungeklärte Leihgaben im Stadtgeschichtlichen Museum lagen. Erst die Rückgabe an die Familie und der offizielle Kauf über den Kunsthandel haben sie jetzt endgültig zum Bestand des Museums gemacht. Besondere Stücke auch deshalb, weil von Ludwig Geyer nicht viele Bilder überliefert sind. Jetzt werden beide Bilder mithilfe der Fördergesellschaft restauriert.

Veränderte Blicke auf Schiller und Völkerschlachtdenkmal

Historisch wird natürlich auch Frank Britsches Ausflug in die Geschichte des Schillerhauses, das ja bekanntlich Leipzigs großer Demokrat Robert Blum 1841 in Gohlis auffinden konnte, sodass es knapp zwei Jahrzehnte später zu einem der ersten deutschen Dichtermuseen werden konnte. Mit veränderlichen Auffassungen darüber, wie man Geschichte inszenieren darf, kann oder muss.

In der DDR-Zeit muss das Häuschen einen geradezu romantischen Eindruck gemacht haben, mit lauter unzeitgemäßen Möbelstücken und Gardinen vor den Fensterchen. Die heutige Kargheit hingegen zeigt, was man wirklich noch authentisch aus Schillers Zeit und dem halbjährigen Aufenthalt des Dichters in diesem Bauernhaus in Gohlis vorzeigen kann.

Ein halbes Jahr, dessen Glück Schiller ja in der „Ode an die Freude“ zum Ausdruck brachte, die vor allem dem Leipziger Freundeskreis um Christian Gottfried Körner galt. Körner ermöglichte ihm ja im Anschluss an den Sommer in Leipzig auch in Dresden wieder einen Aufenthalt in einem weiteren Schillerhäuschen. Beide blieben ein Leben lang verbunden.

Schillerhaus mit Garten. Foto: SGM
Schillerhaus mit Garten. Foto: SGM

Und so ganz beiläufig erzählt dieses Jubiläums-Magazin eben auch, wie sich auch die wandelnde Sicht der Gegenwart auf die Museumsobjekte und Bauten ändert. So wie beim Völkerschlachtdenkmal, dessen Neubetrachtung nach 1990 auch all jene Dimensionen der Völkerschlacht ins Bild rückte, die mit dem einst zelebrierten patriotischen Pathos unsichtbar gemacht worden waren. Denn gerade weil hier nicht die Schlacht und schon gar nicht der Krieg verherrlicht wird, ist das Denkmal inzwischen zu einem Symbol der europäischen Verständigung geworden.

Steffen Poser schreibt in seinem Beitrag: „Neben dem grandiosen Panorama eröffnet sich hier ein authentischer Ort der Generation unserer Groß- und Urgroßväter, der weniger über rationale Reflexion als über emotionale Wirkung Auffassungen von Nation, Individualität und Vermassung, von Selbstüberhebung und Ausgrenzung transportierte.“

Selbst dieser über Jahre auch im Leipziger Stadtrat heiß diskutierte Sanierungsprozess wurde zum Lernprozess. Wer verstehen will, warum die Leute, die geistig hinter diesem Denkmalbau standen, 1914 den schlimmsten Krieg auslösen konnten, findet hier tatsächlich Antworten, die bis heute gültig sind.

Denn autoritäre Gesellschaften und Kriege funktionieren nicht über die Ratio, sondern über die Emotionalisierung von Idealen. Misstraut den Personifizierungen, könnte man sagen. Und den alten Legenden sowieso. Eine solche etwa nimmt Karsten Pietsch auseinander, wenn er die alte Behauptung hinterfragt, Hieronymus Lotter hätte das (Alte) Rathaus erbaut.

Die Emotionen der Museumsmenschen

Wobei die Beiträge im Heft ohne Emotion nicht auskommen. Aber sie emotionalisieren keine patriotischen Worthülsen, sondern zeigen, dass Geschichte immer dann berührt und aufwühlt, wenn sie in konkreten Objekten persönlich wird.

So wie in der Erinnerungsstätte im Capa-Haus, die nicht nur an das Leben des legendären Kriegsfotografen Robert Capa erinnert, sondern auch an Raymond Bowman, den amerikanischen Soldaten, der im April 1945 auf dem Balkon dieses Hauses erschossen wurde, den „letzten Toten des Krieges“, wie ihn Capa fotografiert hat.  Auch wenn Bowman nicht der letzte war. Darüber schreibt die Bürgerinitiative Capa-Haus, die vor zehn Jahren – auch so ein kleines Jubiläum – begann, um den Erhalt des Hauses zu kämpfen.

Und dass es auch für die Museumsmitarbeiter/-innen immer wieder emotional wird, erzählt nicht nur Volker Rodekamp, der bis 2019 Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums war und mit dem Münzenraub aus der Sammlung den absoluten Tiefpunkt in seiner Zeit als Direktor erlebte, das wird auch in der Freude des neuen Direktors Anselm Hartinger spürbar, wenn er über die Zusammenarbeit mit der Lotter-Gesellschaft erzählt.

Und mit Maike Günther darf man auch ganz kurz ins Alte Rathaus schauen, das ja seit 2021 für die Öffentlichkeit gesperrt ist, weil drinnen die komplette Installation ausgetauscht werden muss. Dabei wird im Festsaal so einiges ganz anders werden. Und eine Bierflasche von 1909 ist seit ihrem spektakulären Fund hinter der Wandvertäfelung zum Sammlungsobjekt geworden.

Das Magazin feiert also nicht nur den 25. Geburtstag der Hieronymus-Lotter-Stiftung und erzählt ihre Geschichte und ihre Erfolge. Es ist auch ein kleiner lebendiger Einblick in das Stadtgeschichtliche Museum und das, was die Museumsmitarbeiter/-innen gerade auf Trab hält.

Lotter-Magazin „25 Jahre. Ein Museum braucht Freunde“, Hieronymus-Lotter-Gesellschaft, Leipzig 2021, 10 Euro.

Das Lotter-Magazin kann für 10 Euro unter [email protected] oder Tel. 0174 6723847 erworben werden.

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