Eine Intervention nennt es Dr. Anselm Hartinger, was seit Dienstag, 5. Juli, in der Dauerausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums im Alten Rathaus zu sehen ist – mit gelben Bannern kenntlich gemacht, mitten in der seit zehn Jahren schon existierenden Ausstellung „Moderne Zeiten“ platziert.

Denn in diesem Jahr feiert Leipzig ja 100 Jahre Sächsisch-Thüringische Gewerbe- und Industrieausstellung, kurz STIGA genannt. Dass hier aber das Selbstbild der Großstadt geprägt wurde, war auch den Leipziger Stadtforschern lange nicht klar.

Mit der Intervention „Ausgestellt und angestaunt“ widmet sich das Stadtgeschichtliche Museum Menschen, Technik und Traditionen auf der Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897, die sich in diesem Jahr zum 125. Mal gejährt hat. Die Ausstellung findet vom 6. Juli bis 31. Oktober 2022 in der Ständigen Ausstellung „Moderne Zeiten“ im Alten Rathaus statt. Sie ist ein Programmpunkt im städtischen Themenjahr 2022 „Leipzig. Freiraum für Bildung“.

Eine kleine Weltausstellung in Leipzig

Die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 war eine Großveranstaltung, die vor 125 Jahren ein Millionenpublikum im Herzen Leipzigs in ihren Bann zog. Sie war angelehnt an große Weltausstellungen und bot Superlative.

Etwa 2,3 Millionen Gäste bestaunten hier neueste Technik, kamen zur Unterhaltung und Vergnügen. Wobei die 2,3 Millionen nur die verkauften Karten waren. Da auch Dauerkarten verkauft wurden, war die Zahl der Besucher auf dieser Ausstellung wohl noch bedeutend größer.

Gezeigt werden aber nicht nur die Dimensionen dieser Ausstellung, die bis heute das Gelände geformt hat, auf dem sich heute der Clara-Zetkin-Park befindet, sondern auch kritische Seiten des Ausgestelltseins.

Denn parallel zu dieser Schau der Leistungsfähigkeit von Industrie und Gewerbe in Sachsen und Thüringen eröffnete auch eine Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung (DOAA), die den damaligen Blick der Aussteller auf die deutschen Kolonien und ihre zur Schau gestellten Bewohner sichtbar machte.

Wie aber passt das zusammen mit einer „STIGA“, die – wie Anselm Hartinger betont – das Selbstbild des gerade zur Großstadt gewordenen Leipzigs zeigte und vor allem auch eine Vision entwarf, wie diese Stadt sich in der Zukunft sehen wollte? Wie geht das zusammen? Oder legt die „STIGA“ gerade damit offen, wie sehr der wachsende Wohlstand des Nordens bis heute auf der „Kontinuität der Ausbeutung“ beruht, wie es Tania Kolbe formuliert?

Boomtown, Warenmesse und Kolonialismus

Warum verehrten viele Leipziger Bürger damals Bismarck? Wegen welcher Krankheit musste die Messe ausfallen? Hatte Leipzig ein besonders Bierprivileg? Solche Fragen können die Museumsgäste dabei selbst erraten und hochwertige Eintrittskarten in Leipziger Kulturorte gewinnen.

Plastik der einst am Johannapark aufgestellten Leipziger Bismarck-Statue. Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Plastik der einst am Johannapark aufgestellten Leipziger Bismarck-Statue. Foto: SGM

1897 war Leipzig mitten im Wachstum und Wandel. Industrie und Technik boomten. Leipzig überschritt gerade die Grenze zu 450.000 Einwohnern, verkaufte sich aber so, als wäre es längst schon auf dem Weg zur Millionenstadt und maß sich mit einer solchen Riesenausstellung, für die ein großes Stück der Aue in eine Parklandschaft umgebaut wurde, eher mit Städten wie Berlin, London und Paris.

Die Gewerbeausstellung schaute zugleich zurück in die Geschichte der Messestadt. Historischer Anlass war die 400. Wiederkehr des kaiserlichen Privilegs 1497, mit dem auf große Traditionen der Warenmesse verwiesen werden konnte. Das war nötig: Die Konkurrenz in neuen Industriezentren oder der Reichshauptstadt Berlin war am Start, Leipzig den Rang abzulaufen.

Daher wurde 1895 hier die moderne Mustermesse konzipiert. Sie führte zu einem großen Umbau der Altstadt und dem Entstehen der Messehäuser.Während in der „City“ schon fleißig abgerissen wurde, um neue Messehäuser zu bauen, wurde auf der STIGA das alte Leipzig noch einmal als Kulisse errichtet.

Das prägt Leipzig bis heute. Das Bürgertum wollte mit dieser Industrieausstellung mithalten, mit anderen solcher Großveranstaltungen, von den gezeigten Produkten über Technologien bis zu Vergnügungsmöglichkeiten. Man präsentierte sich sozusagen schon damals als „The better Berlin“ und formulierte ein lang wirkendes Stadt-Image.

Die Weltsicht des Leipziger Handelsbürgertums

Die für Leipzig so wichtige Messe entwickelte sich rund ums Jubiläumsjahr zur modernen Musterschau. Angeregt vom Handelsbürgertum, betonte die Industrieausstellung die wirtschaftliche Bedeutung Mitteldeutschlands für das Deutsche Reich, auch gegenüber der Konkurrenz.

Viele innovative Firmen, auch aus Leipzig, präsentierten ihre Leistungen. Sie beruhten auf dem positiven Gründungsklima der Stadt und politischer Förderung. Modernste Ausstellungsmittel zeigten den Boom von Industrie und Technik in Kontrast zu historischen Architekturen, dörflichem Leben – und Menschen aus Ostafrika.

Die als Menschenschau aufgebaute Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung (DOAA) als Teil der Industrieausstellung STIGA war eine entmenschlichende Ausstellung zur Belustigung des weißen Publikums. 47 Ostafrikanerinnen und Ostafrikaner waren dafür nach Leipzig gebracht worden. Sie wurden als Teil einer vermeintlich idyllischen deutschen Kolonialherrschaft zur Schau gestellt.

„Wer die Entstehung des gegenwärtigen Rassismus verstehen will, muss meines Erachtens genau in diese Epoche der Geschichte schauen“, erzählt Tania Kolbe, Mitglied der AG Colonial Memory ReTelling: DOAA Leipzig. Retelling DOAA steht dabei für den Versuch, die Geschichte dieser Menschenschau nicht nur aufzuarbeiten, sondern auch die Perspektive der Überlieferung zu brechen.

Denn die meisten Dokumente zur DOAA bieten nur die Sicht der damaligen Ausstellungsmacher, die hier die koloniale Perspektive einnahmen und die Menschen in der Schau wie „Wilde“ zeigten. Eine Schau, die selbst Inszenierung war und wenig bis nichts mit der wirklichen Lebensweise der Menschen im damaligen Deutsch-Ostafrika zu tun hatte.

Höchste Zeit, die koloniale Weltsicht zu erkennen

Doch genau diese exotisierende Sicht auf die Menschen in Afrika prägt bis heute die Vorstellungen vieler Menschen von Afrika, von Kolonialismus und scheinbarer Naturnähe. Dass die extra für die DOAA nach Leipzig verfrachteten Menschen praktisch die ganze Zeit in der DOAA eingesperrt waren, überhaupt keinen Kontakt zu den Leipziger/-innen bekamen und praktisch nur Tag für Tag beschaut wurden wie Tiere in einem Gehege, macht die Intervention jetzt erstmals deutlich.

Vier der so Ausgestellten starben, erzählt Kolbe, drei an Lungenentzündung. Denn aus dem klimatisch deutlich anderen Ostafrika kamen sie in ein Leipzig, in dem es zur STIGA größtenteils trüb, kühl und regnerisch war.

Im Alten Rathaus stellt die Intervention bewusst die Perspektive der ausgestellten Personen in den Vordergrund statt der vermeintlich „objektiven“ weißen Geschichtsschreibung.

„Dieses damalige Bild vom Menschen – den Kolonisierten, den sich als überlegen empfindenden Besucher – wollen wir heute in Zusammenarbeit mit der AG kritisch zeigen“, sagt Dr. Johanna Sänger, Kuratorin der Intervention.

Und nicht nur die Sicht auf die Menschen in Ostafrika wurde inszeniert.

Dazu kamen noch weitere Menschenbilder in diesem großen Vergnügungspark, denn auch das war die Industrieausstellung: Kostümierte, die sich als Händler, Schankmädchen oder Ritter aus einer heilen Vergangenheit zeigten oder Thüringer Bauersleute.

Wie in einem Themenpark wurde ein Bild von Stadt und Land, Moderne und Vergangenheit und letztlich auch Rassendenken vorgeführt. Lebensweisen, Technik und Traditionen wurden hier zu einem Spiegel ihrer Zeit. Und natürlich zu einem Spiegel der Vorurteile eines Bürgertums, das die Welt gern durch eine Brille der eigenen Überlegenheit betrachtet. Und sich bis heute schwertut, diese koloniale Sicht auf die Welt überhaupt bei sich zu diagnostizieren.

Und so ist die Debatte um die Verstrickung Leipziger Unternehmen und Geschäftsleute 125 Jahre nach der STIGA in Leipzig erst so richtig entbrannt. Mit gehöriger Verspätung. Aber überfällig.

Die Intervention des Stadtgeschichtlichen Museums „stört“ damit in ihrer Ständigen Ausstellung „Moderne Zeiten“. Im Alten Rathaus suchen diese Bilder und Objekte Kontraste zu den bekannten Stadtansichten und Exponaten. Fotos, Pläne, Souvenirs, aber auch eine Maschine oder selbst ein Sportgerät oder Klavier zeigen noch heute, was die STIGA damals für die Menschen bedeutete: das Erlebnis von modernen Technologien wie elektrischem Licht und Antrieb, in der Industrie genau wie im Alltag.

Zum Ausstellungsrundgang erhält jeder Gast zudem ein Quiz, womit er die Ausstellung besser kennenlernen kann und sein Wissen rund um die STIGA testen kann.

Im Rahmen des Begleitprogramms finden bereits ab Mittwoch,  6. Juli, um 15 Uhr und 17 Uhr geführte Rundgänge durch die Ausstellung statt.

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