Völkerschau: Der erste Krimi um den Leipziger Kriminalkommissar Kreiser

Für alle LeserNa ja – die Gegenwart ist etwas kompliziert geworden, uneindeutiger, möchte man fast meinen. Immer öfter kollidieren die heutigen Fernseh-Krimis mit der Verwirrung ihrer Drehbuchautoren. Logisch, dass dann begabte Filmemacher genauso lieber in das historische Format flüchten (man denke nur an „Babylon Berlin“) wie Krimi-Autoren. In ein Leipzig des Jahres 1898 zum Beispiel, in dem Gregor Müller seinen Kriminalkommissar Joseph Kreiser seinen ersten Mord aufklären lässt.

Einem Leipzig, in dem zwar schon die Elektrische durch die Straßen quietscht (und auch durch Straßen, wo heute keine Straßenbahn mehr fährt), wo der Kriminalkommissar zusammen mit dem Staatsanwalt die längeren Distanzen noch mit der Pferdedroschke zurücklegt und der Leipziger Zoo sein Publikum mit „Völkerschauen“ lockt. Noch ist Deutschland Kolonialreich und windige Unternehmer reisen mit solchen „Völkerschauen“ durchs Land. Aber das fanden wohl auch 1898 nicht alle Leipziger so exotisch, wie es angepriesen wurde.

Joseph Kreiser jedenfalls fühlt sich von dieser Zurschaustellung von Menschen wie Tieren regelrecht abgestoßen, auch wenn er sich nun mit dieser Schau und ihrem Impresario beschäftigen muss, denn der hat einen seiner Afrikaner als vermisst gemeldet. Was eigentlich wie eine einfache Aufgabe aussieht: Wie kann sich ein Bursche mit dunkler Haut in diesem Leipzig verstecken? Er fällt doch überall auf?

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn auch Bettler und Obdachlose und wohl auch etliche der in den Fabriken der Stadt malochenden Arbeiter sind zu dieser Zeit nicht wirklich weiß, wenn sie durch die Straßen gehen. Da kann auch der Schein schnell trügen, erst recht, als der Fall noch etwas komplizierter wird, weil auch noch ein stadtbekannter Industrieller ermordet aufgefunden wird im Teich des Charlottenhofes in Lindenau. Müller hat sich wirklich akribisch eingearbeitet in dieses Leipzig des Jahres 1898. Man merkt, dass er Historiker ist. Seit zehn Jahren lebt er in Leipzig, hat für den MDR als Rechercheur für Fernsehdokumentationen gearbeitet.

Aber ihn treibt noch mehr um als nur einen Krimi zu schreiben, der im möglichst detailgetreuen Leipzig des Jahres 1898 handelt. Der Umgang mit der Kolonialgeschichte ist nur eins der Themen, die er mit dem geflüchteten Mawuwe und der Schilderung der Lebensbedingungen in der „Völkerschau“ aufgreift. Kurz streift er auch die Emanzipationsbestrebungen der Frau.

Denn beinah lernt Kreisers Wirtin Hannah Faber auch noch Elsa Asenijeff kennen, die berühmte Geliebte Max Klingers, deren Bücher damals für Aufsehen sorgten. Aber zu der Begegnung kommt es nicht, weil Hannah sich von ihrem Untermieter Kreiser nicht nur erzählen lässt, wie die Ermittlungen vorangehen, sie grübelt auch selbst über den Fall und kommt am Ende gerade in dem Moment auf die Lösung, als es mit der Kutsche zu Elsa Asenieff gehen soll.

Da weiß der Leser schon, dass Mawuwe ganz bestimmt nicht der Mörder des Mannes war, den Kreiser und Staatsanwalt Möbius beim ersten Besuch in dessen Familie als geliebten Familienvater geschildert bekommen haben. Und auch der Heizer, mit dem sich der wütende Fabrikant nach der Explosion eines Kessels gestritten hat, kann es nicht gewesen sein, genauso wenig wie der Schwiegersohn des Fabrikanten, der den beiden Ermittlern schon beim ersten Besuch seltsam erschien.

Polizisten bekommen ja, wenn sie wirklich ermitteln, die Abgründe unserer Gesellschaft zu sehen, all das, was brave Bürger wohlweislich vor den Blicken der Öffentlichkeit verstecken. Das war 1898 nicht anders, als es heute ist. Nur dass sich heutige Bürger oft nicht einmal mehr schämen für das, was sie so abseits der Öffentlichkeit getrieben haben.

Während es für die Leipziger Mitglieder der reichen Oberschicht 1898 noch als rufschädigend galt, wenn sie beim Fremdgehen erwischt wurden oder gar unehelicher Nachwuchs publik wurde. Man versteckte die heimlichen Gelüste und Verfehlungen hinter einer Fassade der Biederkeit, kaufte sich mit Schweigegeld los und machte ansonsten eine prüde Politik, die einen Normenkanon setzte, an den sich die honorigen Herren meist selbst nicht hielten.

Oder gehört dieser Satz jetzt ins Präsens? Ich hab so einen Verdacht, dass auch Gregor Müller das des Öfteren gedacht haben muss. Denn das, was er seinen Junggesellen und Kriminalkommissar Stück um Stück herausfinden lässt, ist wie die Demaskierung einer bürgerlichen Welt, die ihre Unfähigkeit zur Liebe hinter lauter Gerede von Werten, Anstand und Wohltätertum versteckt.

Das Bild des stadtbekannten Unternehmers Georgi jedenfalls bekommt immer mehr Risse, je mehr sich Kreiser mit dessen Familie und Angestellten beschäftigt. Und mit Mawuwes Geschichte kommt dann endgültig jener Abgrund zum Vorschein, den auch Georgis Freunde die ganze Zeit nur mit einem gewissen Missbehagen gedeckt haben. So funktioniert das wohl noch heute, wenn die Herren nur reich und mächtig genug sind.

Und so wird schnell klar, dass auch dieser Kommissar ein Herz hat – vor allem für die Ärmeren und Wehrloseren in der Gesellschaft, die meist mit Gesundheit und Hoffnung bezahlen, wenn die wohlanständigen Herren übergriffig werden. Wobei Kreiser augenscheinlich das Talent hat, auch die bessergestellten Herren und Damen zum Reden zu bringen. Was die Handlung enorm vorantreibt. Denn für gewöhnlich verzweifeln Ermittler ja bis heute daran, dass die Zeugen nicht bereit sind zu reden und die Täter durch das Schweigen derer gedeckt werden, die das für Anstand und Gesellschaftskodex halten.

Sodass dieser doppelte Kriminalfall sehr flott abläuft vor den Augen der Leser. Teilweise durch die Sichtweise Hannah Fabers gesehen, die einst Lehrerin war, nun erblindet ist und darauf angewiesen, dass ihr Untermieter ihr abends erzählt, was er tagsüber herausgefunden hat. Und da Kreiser und Möbius emsig herumfahren in der Stadt, lernen auch Leipzig-Liebhaber ein paar Ecken kennen, die sie damals hätten besuchen können und die es heute nicht mehr gibt. Die Markthalle zum Beispiel und den Charlottenhof, den Tatort, wo die Leipziger 1898 tatsächlich Gondel fuhren.

Und sein zentrales Figurenensemble hat Gregor Müller gleich so angelegt, dass man schon jetzt gespannt ist, wie es mit Hannah und ihrem Hausmädchen Gretchen, Joseph Kreiser und seinem forschen Staatsanwalt Möbius weitergeht. Was aus Mawuwe und dem letztlich doch geständigen Täter wird, erfahren wir noch im Epilog.

Da kann, wer das Buch unbedingt vorm Schlafengehen noch lesen wollte, zumindest über die wichtigsten Dinge beruhigt sein, die einen an Krimis so aufregen. Die anderen Dinge werden noch Generationen von Krimiautoren beschäftigen. Denn eigentlich personifiziert heutzutage niemand so sehr unser gutes Gewissen wie ein Kriminalpolizist, der tatsächlich vorurteilsfrei und mit Verständnis für die Menschen ermittelt. (Oder ermitteln darf.) Wenigstens im Buch, wenn’s schon in der Wirklichkeit mit so viel Beschränkungen verbunden ist.

Gregor Müller Völkerschau, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2020, 12 Euro.

Der rote Judas: Ein mitreißender Kriminalroman aus dem Leipzig des Jahres 1920

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