Leipzig ist auch ein gutes Pflaster für Krimiautoren, deren Kommissare sonst in ganz anderen Gefilden unterwegs sind. Aber der Hamburger Journalist und Krimiautor Daniel E. Palu lässt seinen Hauptkommissar Gabriele Berlotti in diesem Band tatsächlich nach Leipzig eilen, denn das, was seinen neuen Fall so unfassbar macht, hat seine Gründe tief in der sehr speziellen Geschichte Ostdeutschlands.

Und während andere Krimiautoren bei solchen Gelegenheiten meist nur das touristische Kolorit der Messestadt als Staffage benutzen, hat sich Palu – ganz Journalist – richtig tief reingekniet in sein Thema. Denn der Fall, an dem seine Geschichte hängt, hat sich so tatsächlich zugetragen. Es war der spektakuläre Einbruch ins Grassi-Museum für Kunsthandwerk am 16. Mai 1974, bei dem kostbare Sammlungsstücke im Wert von fast einer halben Million Mark geraubt wurden.

Der Räuber wurde von der Polizei ziemlich schnell gefasst, auch weil hier die K1 operierte, die mit Geheimdienstmethoden arbeitete. Der Großteil des Raubes konnte sichergestellt werden. Der Räuber freilich kam hinter Gitter und erst 1990 im Rahmen eine Amnestie frei.

Was aus ihm letztlich geworden ist, kann auch Palu nicht sagen. Der Mann, der als Opfer zum nächsten Fall für Berlotti wird, ist natürlich eine Kunstfigur. Was die Geschichte nicht weniger brisant macht, denn mal wieder gerät Berlotti bei seinen Ermittlungen in brisante Situationen. Dabei hat er eh schon genug zu schleppen.

Denn sein letzter Fall bei der Hamburger Kripo hatte einen medialen Sturm nach sich gezogen, nachdem sich ein Tatverdächtiger durch die Scheibe von Berlottis Büro vom Hochhaus in die Tiefe gestützt hatte. Seitdem hat er die Rechtsradikalen der Hansestadt an der Backe, die alle Möglichkeiten der heutigen Medienwelt dazu nutzen, dem Kommissar mit italienischen Wurzeln Mafia-Methoden anzudichten.

Wenn der Ermittler zum Gejagten wird

Dass dabei auch nicht gezögert wird, den Kommissar und seine Familie direkt zu attackieren, führte letztlich dazu, dass das Haus seiner Eltern abbrannte. Und diese Leute wollen gar nicht aufgeben. Auch in Palus zweitem Krimi um seinen Hamburger Ermittler provozieren sie, machen dessen Ermittlungen noch schwieriger.

Wie soll ein Kommissar ermitteln können, wenn ihn ständig Leute bedrohen, die an ihm ihren Ausländerhass durchexerzieren wollen? Seit dem Brand des Elternhauses hat er auch nicht mal eine eigene Wohnung. Eine Frau, die ihm ans Herz wächst, hat er auch eher nur durch die Hektik seines Berufes gefunden. Fast scheint das Glück ihm zu winken.

Doch wieder einmal wird er selbst zum Verfolgten, wird er erst mit seinem Auto von der Brücke abgedrängt und ertrinkt beinahe, dann wird auch noch der Sohn der Geliebten von jenem Mann gekidnappt, dem Berlotti mit durchaus unkonventionellen Ermittlungsmethoden auf die Pelle gerückt ist.

Im Grunde endet der Krimi ziemlich traurig, denn das hält eigentlich keine Mutter aus, wenn das eigene Kind durch die Arbeit des Mannes derart in Gefahr gerät. Auch wenn der Junge sich tapfer zeigt und im entscheidenden Moment weiß, wie man einen Luhmich zur Strecke bringt.

Aber wie wird einer zum Luhmich? Immerhin treibt diese Frage Berlotti ja nach Leipzig, nachdem klargeworden war, dass der so theatralisch als Leiche inszenierte Tote der Einbrecher war, der vor fast 50 Jahren ins Grassi-Museum einstieg. Was aber ist jetzt passiert, dass jemand an ihm so blutige Rache nehmen musste?

Das ungute Gefühl packt Berlotti schon, als er sich durch die ehemalige Hinrichtungsstätte in der Kästnerstraße führen lässt. Schon vorher plänkelt er sich mit der Leipziger Kommissarin Loreen Odette Kaiser. Bedient sie nur alle Vorurteile, die westdeutsche Kollegen gegen die Kollegen im Osten haben? Oder ist er ihr mit seinem rauen Charme zu nahegetreten?

Die unbekannte ostdeutsche Geschichte

Irgendetwas stimmt da nicht. Das weiß er schon auf der Rückfahrt aus Leipzig, als ihn dann auch noch jemand rabiat mit dem Auto von der Brücke rammt.

Palu thematisiert hier auch kenntnisreich die frappierende Unkenntnis vieler Westdeutscher über die ostdeutsche Geschichte. Auch wenn er seinen Kommissar durchaus neugierig sein lässt und sogar mit Ermittlerinstinkt die alten Ermittlungsakten zum Einbruch ins Grassi durchforsten lässt, weil er ahnt, dass hier eine Erklärung zu finden sein muss, warum der Tote im Alten Land derart brutal ermordet wurde.

Nur warum das ausgerechnet während der Apfelblüte sein musste, die das Alte Land bei Hamburg zum Pilgerort der Großstädter macht, ist ihm da noch nicht klar. Das schält sich erst ganz zum Schluss heraus, wenn die Geschichte sowieso schon Fahrt aufgenommen hat und man längst mitbangt, ob der eh schon geplagte Kommissar nicht auch noch seinen Job verliert, weil die Polizeipräsidentin ihm ihr Wohlwollen entzieht.

Palu jedenfalls schont die Nerven seiner Leserinnen nicht und seinen Helden erst recht nicht. Und als es am Ende um das Leben des kleinen Jungen geht, hat Berlotti eh keine Zeit mehr, groß nachzudenken und muss handeln, ohne zu wissen, zu was der Kidnapper tatsächlich in der Lage ist.

Was Berlotti so anders macht als andere Kommissare mit all ihren Beziehungsproblemen, ist nicht nur seine Mutter, die ihm unbedingt geeignete Heiratskandidatinnen unterjubeln will, sondern sind auch seine fast philosophischen Sprüche, in denen auch eine große Portion hanseatische Abgeklärtheit steckt, obwohl er ja nach seiner Polizeikarriere in Frankfurt noch gar nicht so lange in Hamburg lebt.

Aber es sind diese Sprüche, die ihm und seinen Kolleg/-innen oft helfen, auch im größten Schlamassel den Kopf oben zu halten und weiterzumachen. Solche wie: „Der Zufall geht Wege, da kommt die Absicht gar nicht hin.“ Oder – ganz zum Schluss: „Es ist die Wahl, nicht der Zufall, die dein Schicksal bestimmt.“

Das klingt zwar ein bisschen holprig. Aber manchmal hilft auch ein holpriger Mutmacher, um am Ende nicht die Zuversicht zu verlieren, dass das Leben doch noch gut wird. Und nicht nur lauter lebensgefährliche Arbeit ist, die von einigen Mitmenschen überhaupt nicht geschätzt, sogar regelrecht verachtet wird.

Dass die Welt ein bisschen besser wird …

So gesehen ist auch Berlotti ein Ritter des Guten, der sich von rauen Gegenwinden nicht niederringen lässt. Die Beliebtheit des Kriminalromans erzählt ja genau davon, wie sehr sich viele Leserinnen und Leser danach sehnen, dass tatsächlich jemand dafür kämpft, dass die Welt ein bisschen besser wird und das Böse seine Strafe bekommt. Ein Wunsch, der ja nicht immer in Erfüllung geht.

Wobei das Schicksal des Täters in diesem Fall ein höchst tragisches ist. Das aber nicht erlöst werden kann, weil es am Ende keine Gelegenheit mehr gibt zum Gespräch über die uralten Wunden, die im Osten eine Menge Menschen davongetragen haben.

Wunden, die nie wirklich verheilen. Die aber auch nicht jeden zum Mörder werden lassen. Die meisten leiden darunter und erleben oft genug, dass die heutige Gesellschaft davon nicht viel wissen will, der Westen mit seiner anderen Geschichte erst recht nicht.

So gesehen ist diese Themenwahl eine erstaunliche Würdigung, auch aus journalistischer Perspektive. Denn so intensiv beschäftigen sich nur wenige westdeutsche Journalisten mit der sehr speziellen ostdeutschen Geschichte und gehen dazu auch noch direkt auf Quellenstudium nach Leipzig.

Daniel E. Palu hat es getan und bedankt sich am Ende sehr umfassend bei all denen, die ihm bei diesem verzwickten Stoff geholfen haben.

Und auch für einige Leipziger Krimifreunde dürfte dieser Kriminalroman die erste Begegnung mit einem Fall sein, der 1974 Leipzig in Aufregung versetzte.

Daniel E. Palu Mord zur Apfelblüte Emons Verlag, Köln 2022, 12,40 Euro.

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