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Sprung von der Brücke: Ein neuer Peuckmann-Krimi mit einem Kommissar, der keinen Ruhestand kennt

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    Man möchte eigentlich bei Heinrich Peuckmann kein Kriminalkommissar im Ruhestand sein. Denn mit Ruhestand ist da nicht viel für den ehemaligen Kriminalkommissar Völkel, der eigentlich sein neues Leben nur zu gern aufgeteilt hätte zwischen seiner neuen Partnerin und den ruhigen Skatabenden in der Kneipe. Aber nicht nur sein Ex-Kollege Wolter weiß, dass er ihn jederzeit anrufen kann, wenn ein Fall zu knifflig oder zu seltsam wird.

    Und der Polizei wird mancher Fall zu knifflig, wenn die Ermittlungen ins Leere laufen oder schlicht keinen Anfangsverdacht ergeben. So wie eben in diesem Fall, der Völkel aus seiner geliebten Skatrunde reißt, nur weil sich der nie ruhende Ermittler einen Ruf erarbeitet hat. Da empfiehlt man ihn eben weiter.Was eigentlich ein richtig schelmischer Einfall des Dortmunder Krimi-Autoren Heinrich Peuckmann ist: Auch gute Polizeiarbeit lebt vom Vertrauen. Wenn aber das Vertrauen angenagt ist, weil Kriminalämter bei manchen Strukturen gar nicht hinschauen und bei anderen geradezu politischen Ermittlungseifer entwickeln, dann verschlechtern sich logischerweise Ermittlungsergebnisse.

    Das muss man nicht weiter ausführen. Das ist ja auch bei anderen Autoren wie Aiko Kempen und Markus Thiele gerade erst wieder Thema gewesen.

    Und in seinem letzten Kriminalroman „Im Kerker“ hat es Peuckmann ja ebenfalls thematisiert. Da war es die Welt der Asylsuchenden, in der Völkel versuchte, möglichst behutsam zu ermitteln, auch wenn er dabei zeitweilig auf einen echten Verbrecher hereinfiel.

    Was ihn durchaus sympathisch macht, denn er weiß, wie fehlbar auch ein gestandener Ermittler sein kann, wenn er den falschen Vermutungen nachgeht und die Erkenntnisse falsch zusammensetzt. Was ihn in diesem neuen Fall erst recht vorsichtig macht. Viel zu vorsichtig, möchte man sagen als allwissender Leser, der ja zwischendrin auch den Täter agieren sieht und weiß, was passiert ist.

    Wer in der Welt der Kriminalromane zu Hause ist, weiß, wie einen das auf die Palme bringen kann, wenn der Ermittler einfach nicht sieht, was doch so offenkundig zutage liegt. Aber das ist eben auch der Effekt, den wir als tägliche Mediennutzer erleben – gerade wenn es Medien sind, wo sich die Redakteure selbst für die besseren Kriminalkommissare halten und die mutmaßlichen Täter schon mit fetten Schlagzeilen auf die Titelseite nageln, bevor die Polizei auch nur die verfügbaren Spuren ausgewertet hat.

    Gute Kriminalromane säen den Zweifel. Und helfen einem, seine rasende Ungeduld zu zähmen, die ja noch ganz andere Gründe hat, nicht nur Krimis, in denen der alte Kommissar kapitelweise eher im Dunkeln zu tappen scheint und sich nur über Umwege, zufällig aufgeschnappte Satzbrocken und auch manche falschen Spuren zum eigentlichen Verbrechen vortastet, so langsam, dass es in diesem Fall sogar noch zwei weitere Tote gibt. Insgesamt drei Männer, die sich alle auf dieselbe Weise das Leben zu nehmen schienen, ohne dass die Polizei Anhaltspunkte für Fremdeinwirken zu finden vermochte.

    Aber schon der erste Sprung von der Brücke kam der Familie des Verstorbenen rätselhaft vor, was dann Völkel ins Spiel brachte. Beim zweiten Fall gesteht auch sein Ex-Kollege Wolter zu, dass das wohl zu viele der Zufälle sind. Nur ahnt auch er, dass es ein wohl tödlicher Fehler wäre, jetzt erst den schwerfälligen Ermittlungsapparat der Polizei anzuwerfen. Also muss Völkel wieder ran, kommt zwar eigentlich rechtzeitig und dann doch wieder zu spät.

    Nur das letzte dramatische Ende kann er umbiegen – in diesem Fall sogar unter hartem Körpereinsatz. Und auch erst da setzt sich für ihn wirklich zusammen, was hier geschehen ist, auch wenn er schon vorher geahnt hatte, dass diese Geschichte das Echo eines vierzig Jahre zurückliegenden Vorfalls sein muss, in dem sich vier Jungen auf letztlich tödliche Weise falsch verhalten haben müssen.

    Ein Vorfall, der eigentlich seine eigene Dramatik hat, weil sie dazu anregt, darüber nachzudenken, wie leicht selbst gedankenlose Mutproben entgleiten und ein Leben völlig aus den Gleisen bringen können. In gewisser Weise ein Jungen-Männer-Problem, das zumindest das Thema „toxische Männlichkeit“ leicht antippt, auch wenn die Jungen nur glauben, den Störenfried einfach nur weggeschickt zu haben. Sie wollten ihn nicht in ihrer Gruppe.

    Aber: Wie entwickeln Jungen Akzeptanz und Selbstbewusstsein, wenn sie ausgegrenzt und gemobbt werden? Wen sie keine „normalen Jungen“ sein dürfen? Werden nicht in der Kindheit die Muster gebildet, in denen Jungen später zu handeln gewohnt sind? Und: Was sind das für Muster? Sind die gesellschaftlich geprägt? Wahrscheinlich ja.

    Und dass sie auf fatale Weise weiterwirken, zeigt heute jede Nachrichtensendung. Und damit meine ich nicht nur die Gangs und Banden aus den Berichten der Polizei. Damit dürfen sich durchaus auch honorige Männerrunden gemeint fühlen, die ihren Korpsgeist für die Mehrheitsmeinung und den Moralstandard der Gesellschaft halten und sich entsprechend rücksichtslos über andere stellen.

    Natürlich kann man das nur andeuten. Das Thema ist noch lange nicht wirklich begriffen. Medial schon mal gar nicht. Und man ahnt nur, wenn man Völkel auf seiner durchaus eigensinnigen Suche begleitet, dass es wohl tatsächlich nur durch und durch skeptische Einzelgänger sind und sein können, die wirklich in der Lage sind, die Abgründe unserer Gesellschaft zu erkunden und ihre Strukturen zu erhellen.

    Immerhin hätte wohl einer der Toten sein Leben retten können, wäre er dem Kommissar im Ruhestand offener begegnet. Denn zur Tragik der Männlichkeit gehört nun einmal auch, dass solche „verschworenen Gruppen“, und ist es auch nur die Räuberbande in der Kindheit, nicht wirklich eine gute Schule für Offenheit und Vertrauen sind. Im Gegenteil: Mann lernt dort wohl nach wie vor vor allem eins: hart zu sein. Was eigentlich nur heißt: Über Probleme und Sorgen nie und nimmer mit anderen zu reden.

    Dass das einer Menge Leute psychische Dauerprobleme verschafft, davon können die Psychotherapeuten von heute ein Lied singen. Und gerade die vier Vorfälle auf der Brücke zeigen, wie das Menschen – explizit Männer in diesem Fall – manipulierbar macht. Auch dann, wenn man sich als Leser überlegt, ob man in so einer Situation tatsächlich genauso unüberlegt gehandelt und reagiert hätte.

    Zumindest kann man hoffen, dass nie ein ARD-Tatort-Regisseur auf die Idee kommt, dieses Buch zu verfilmen. Man kann jetzt schon sicher sein, dass er es vergeigt und versemmelt und wieder einen schwermütigen Schinken in Moll draus macht, der das Verbrechen pathologisiert, aber selten bis nie dessen gesellschaftliche Logik zeigt.

    In Peuckmanns Krimis ahnt man zumindest einen Teil dieser gesellschaftlichen Logik, die mit falschen Vorstellungen von Macht und Männlichkeit zu tun haben. Und mit der Unfähigkeit, die Gründe für „regelwidriges“ Verhalten zu verstehen. Was natürlich immer auch mit denen zu tun hat, die die Regeln definieren.

    Aber bevor wir diesen Krimi völlig sprengen: Das alles taucht eher im Subtext auf, gerade in den Szenen, in denen man bei den Taten regelrecht dabei ist. Man kann sie auch einfach so nehmen, wie sie passieren: als manipulative Akte. Aber Manipulation braucht immer diejenigen, die manipulierbar sind, die nie eine Abwehr entwickelt haben, mit denen sie ihr Selbst behaupten können.

    Anpassung hat ihren Preis. Das ist den Angepassten fast nie bewusst.

    Und ein Philosoph hätte aus dieser Melange ganz bestimmt ein tausendbändiges Werk mit einem Titel wie „Der manipulierbare Mann“ gemacht. Peuckmann hat einen letztlich hin- und mitreißenden Krimi draus gemacht, der nach 200 Seiten dramatisch endet. Aber glücklicherweise ohne einen gealterten Kommissar, der dann im Krankenhaus landet. Man lernt was draus. Wenn man was draus lernen will. Und wenn es nur das ist, dass anonyme Anrufer mitnichten vertrauenswürdig sind.

    Heinrich Peuckmann Sprung von der Brücke, Lychatz Verlag, Leipzig 2021, 9,95 Euro.

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