Erstaunlich ruhig wurde es aufgenommen: das an sich erschreckende Ergebnis der Bürgermeisterwahl im erzgebirgischen Altenberg. Bei einer Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent wurde der AfD-Landtagsabgeordnete und vorübergehend ehrenamtlich amtierende Bürgermeister André Barth im ersten Wahlgang mit 61,8 % der abgegebenen Stimmen zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt.
Was auffällig ist: Im Gegensatz zur AfD hat keine andere Partei einen Kandidaten ins Rennen geschickt. Die vier weiteren Kandidat/-innen waren parteilos. Die ernüchternde Tatsache: Im ländlichen Raum Sachsens ist derzeit vor allem die AfD präsent. Sie kann zunehmend Bürger/-innen an sich binden, die unzufrieden sind mit einer maroden Infrastruktur, mit unverminderter Abwanderung im ländlichen Raum sowie den leeren Kassen der Kommunen.
Sie lassen den kommunalen Gremien kaum noch Gestaltungsspielraum. Was in allen Kommunen spürbar ist: Bei vielen Bürger/-innen hat sich eine gefährliche Stimmungslage entwickelt. Diese wird täglich genährt durch höchst einseitigen Konsum rechtsnationalistischer Propaganda in den Netzwerken, einen angstbesessenen Egoismus („Ich bin das Volk“) sowie einen die eigene Bedeutungslosigkeit übertünchenden Nationalismus.
Dieser entpuppt sich sehr schnell als kollektivierter Egoismus. Hier ein paar Gedankensplitter der vermuteten Stimmungslage, aufgeschnappt bei diversen Straßendiskussionen:
- In der Politik sind nur Versager am Werk. Die können alle nichts. Entsprechend werden Kommunalpolitiker/-innen als unfähig wüst beschimpft bis bedroht.
- In Berlin wird das Geld zum Fenster hinausgeworfen für Rüstung und Kriege. Das will niemand.
- Der ganze Genderkram, das Klimagedöns, das Verbrenneraus macht unsere Wirtschaft kaputt.
- Als es noch die D-Mark gab und die Bürokraten in Brüssel nicht so viel Macht hatten, ging es uns besser. Am besten raus aus der EU.
- Die Politik sollte sich ein Beispiel nehmen an Russland, den USA, an Putin, Trump und Orbán: Die streiten wenigstens noch für die Interessen ihrer Nation.
- Demokratie und Freiheit, schön und gut. Aber auch nicht viel besser, als das, was wir hatten. Wir brauchen jetzt jemanden, der sagt, wo es langgeht.
Natürlich denkt nicht jeder AfD-Wähler so. Aber die AfD kann derzeit beides bedienen:
- das ideologische Vakuum füllen, das demokratische Parteien vor lauter Pragmatismus hinterlassen haben;
- vor Ort Vertrauen gewinnen, indem die AfD politisch den aufkommenden Nationalismus und die Sehnsucht nach autokratischen Maßnahmen ideologisch füttert.
Niemand sollte sich irgendwelchen Illusionen hingeben: Diese Entwicklung ist längst nicht auf den ländlichen Raum beschränkt. Wir haben es mit einer tiefgreifenden Veränderung der Grundhaltung von vielen Bürger/-innen zu tun, gefördert auch durch die Haltung angeblicher Nichtbeteiligung: Nazi-Zeit? Haben wir nichts mit zu tun; ist zu lange her. DDR? War nicht unser Ding. Deutschland nach 1990? Ist nicht das, was wir wollten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die westdeutsche AfD gerade im ländlichen Raum Ostdeutschlands solche Erfolge hat.
Was derzeit besonders beunruhigend ist: Wer wissen will, was die AfD vorhat, muss ja nur nach Russland und in die USA schauen. Putin und Trump sind für die AfD programmatische Galionsfiguren. Doch der dort praktizierte militante Nationalismus, der systematische Abbau von Freiheitsrechten und der rechtsstaatlichen Demokratie, die Bereitschaft zu einer imperialistisch-kriegerischen Politik, die gewalttätige Ausgrenzung Andersdenkender und Migrant/-innen haben hier bei vielen Bürger/-innen bis jetzt keine abschreckende Wirkung.
Das zeigt: Die Gefahr für die Demokratie geht weniger von der AfD als Partei aus als vielmehr von den Menschen, die die Rechtsnationalisten von der AfD aus voller Überzeugung wählen und damit den Weg zum Autokratismus bereiten – und sich dabei als gute Demokrat/-innen empfinden. Dieser Entwicklung können wir nur begegnen, wenn vor Ort Institutionen, Vereine und Bürger/-innen drei Dinge vermögen:
- Sicherheit, Zuversicht, Vertrauen vermitteln;
- gleichzeitig Freude an demokratischer, kultureller Vielfalt und an unterschiedlichen Lebensentwürfen wecken;
- in allen politischen Debatten die Grundwerte unserer Verfassung klar und als unverhandelbar vertreten.
Diese Grundwerte versucht die AfD und ihre rechtsradikalen Vorfeldorganisationen systematisch zu schleifen. Exemplarisch kann man das dem neuen Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt entnehmen. Ein wesentlicher Punkt in diesem Programm ist, die evangelische wie die katholische Kirche zu schwächen. So sollen die Staatskirchenleistungen sofort und ohne Entschädigung beendet und die Kirchensteuer abgeschafft werden.
Hier geht es der AfD nicht darum, Kirche und Staat deutlicher voneinander zu trennen. Vielmehr will sie zwei Institutionen drangsalieren, die ihrer Ideologie diametral widersprechen. Das entspricht auch ihrem Diktum in der Kulturpolitik. Laut AfD-Programm soll staatlich nur noch Kunst gefördert werden, die „einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet“.
Vorbild ist hier Viktor Orbán. Im Gegenzug beabsichtigt die AfD, Freikirchen, Baptisten und die orthodoxen Kirchen zu stärken. Sie verfolgt damit das Programm von Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung, in der sich evangelikale Christen als „Gotteskrieger“ für Trumps Agenda betätigen. Besonders hellhörig muss es jeden von uns machen, wenn die AfD den Schulterschluss mit den orthodoxen Kirchen sucht. Da denkt sie sicher nicht an die orthodoxe Kirche in der Ukraine, sondern an den orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill.
Dieser unterfüttert seit 2022 den russischen Nationalismus ideologisch und rechtfertigt unverhohlen die aggressive Kriegführung Putins gegen die Ukraine (natürlich spricht der nur von einer „militärischen Spezialoperation“) als „Heiligen Krieg“, „der die Welt schützen soll vor dem Ansturm des Globalismus und vor dem Sieg des dem Satanismus verfallenen Westen“.*
Das zeigt: Die AfD will den Kirchen den Geldhahn zudrehen, die Nächstenliebe nicht abstufen, die jeden Nationalismus als gegen den Glauben gerichtet ablehnen und die gesellschaftspolitische Verantwortung aus den Grundwerten des Glaubens heraus wahrnehmen.
Angesichts der Gefahr, die von der AfD ausgeht, und angesichts der bedrohlichen Tatsache, dass zu viele Bürger/-innen ihr zu folgen bereit sind, müssen die Kirchen viel klarer und deutlicher die faktische Politik von Trump und Putin, von Orbán und der AfD als gegen die Grundlagen des biblischen Glaubens gerichtet kritisieren und sich von den evangelikalen und orthodoxen Ideologen in den USA und in Russland distanzieren. Das setzt theologische Klarheit im Bekenntnis und eine an den biblischen Grundwerten orientierte kirchliche Arbeit, vor allem im Verkündigungsdienst, voraus.
Noch einmal: Wer sich zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde bekennt und das 1. Gebot („Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Ägypterland aus der Sklaverei befreit habe; du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ – 2. Mose 20,2) als Ausgangspunkt und Grundlage alles Glaubens versteht, der kann keinen Nationalismus und keinen Rassismus gutheißen. Denn der Glaube an den einen Gott relativiert alle (auch religiösen) Machtansprüche einzelner und von Menschengruppen.
Er bewahrt vor kultureller und religiöser Homogenität, die auf Dauer nur durch Ausgrenzung und Gewalt erreicht werden kann. Er hält uns an, dem Schwachen und Fremden besondere Zuwendung zukommen zu lassen: also Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und eine kritische Distanz zu jeder Form von Bereicherungspolitik.
Es stünde den Kirchen sehr gut zu Gesicht, wenn sie ihre Grundbotschaften entsprechend kommuniziert und ihre Mitarbeiter/-innen entsprechend schult und bildet.
*Andrey Gurkov, Für Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat, Köln 2025, S.151ff (ein sehr lesenswertes Buch, vor allem auch das Kapitel über die Rolle der russisch-orthodoxe Kirche)
Christian Wolff, geboren am 14. November 1949 in Düsseldorf, war 1992–2014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langjähriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater für Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors: https://wolff-christian.de/Â
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Es gibt 13 Kommentare
Im Artikel wird aufgeführt womit die Menschen ein Problem haben und gleichzeitig die Brücke zum Nationalismus geschlagen. Das steht genauso geschrieben.
Mit dem Verweis darauf, daß der “Wunsch nach autoritären Lösungen” jedenfalls ungerechtfertigt ist und bleibt, kriegt man den Wunsch aber nicht weg. Nicht mehr weg. Denn die Distanzierung, gelinde gesagt, ist inzwischen zu groß.
Man muß auf die zerdöllerten Leute auch von außerhalb der AfD zugehen, ansonsten wird nix gut.
Wo haben Sie in diesem Text gelesen, dass „selbstlos Engagierte“ diffamiert werden?
Der Artikel kritisiert Haltungen oder / und Entwicklungen; nicht Menschen oder Engagement.
Demokratie heißt nicht zwingend: ‘gute Politik’.
Schlechte, opportunistische Politik macht Demokratie ja nicht illegitim, sondern reparaturbedürftig, etwa durch mehr mehr Verantwortung und Transparenz.
Demokratie kann Macht begrenzen, kontrollieren, korrigieren.
Das funktioniert in autoritären Systemen nicht.
Berechtigter Frust treibt die Sehnsucht nach starken Männern. Ja das ist schon richtig beschrieben. Rückgratlose Opportunisten dominieren die Politik, jenseits moralischer Prinzipien und sozialer Verantwortung, mit Demokratie hat das alles nichts zu tun. Das treibt dann solche Leute wie den ehemaligen Bürgermeister von Grimma in die Politik, obwohl ihm das Geschäft eigentlich völlig zu wieder ist. Und dann werden noch selbstlos Engagierte in “unserer Demokratie” diffamiert und stigmatisiert, wie in diesem Artikel eben. Der Frust wird genau durch solche einseitigen Artikel verstärkt, vielen Dank.
Die eigentliche Frage ist doch: Rechtfertigt berechtigter Frust den Wunsch nach autoritären Lösungen? Da setzt der Artikel an, aus einer kirchlichen, aber auch demokratischen Perspektive.
Dass Vertrauen verspielt wurde, Politik oft arrogant wirkt, dass seit 1990 vieles schiefgelaufen ist, dürfte kaum strittig sein; es erklärt viel.
Es erklärt aber nicht, warum daraus die Sehnsucht nach starken Leuten entstehen soll, die Demokratie eher lästig finden.
Der Text behauptet ja nicht, wir Ostdeutschen oder Wähler wären das Problem, sondern warnt davor, Frust in Sehnsucht nach starken autoritären Führungsfiguren zu übersetzen.
Man kann den Ton kritisieren oder den kirchlichen Rahmen nicht teilen, aber die Frage bleibt; Was genau soll besser werden, wenn man Frust gegen Demokratie eintauscht?
Sie schreiben “Sicherheit, Zuversicht, Vertrauen vermitteln”, lieber Autor. Darin fällt mir auf: um Vertrauen kann man allenfalls bitten. Man kann Vertrauen nicht vermitteln. Und auch bei Sicherheit und Zuversicht zweifle ich, daß es sowas wie ein Vermittlungsproblem gibt. Alle der drei genannten Kategorien können hoffentlich wachsen, aber die Bedingungen sind schlecht. Und die SPD hat am Dilemma ihren gehörigen Anteil, ich sage nur “Agenda 2010”. Vorhin erst Ulrich Schneider im DLF: Kohl hätte den Schröderschen Kahlschlag nicht vorgenommen. Und die Demokratie zeige sich gerade vielen als voller Lügen. Das sagt der langjährige Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Und die Coronapolitik hätte Milliarden ausgeschüttet: vornehmlich an die, die nicht bedürftig waren.
Vertrauen kann man versuchen zu säen. Aber nicht vermitteln.
Manche Diskussionen sind einfach nicht reizvoll und absehbar nicht ergiebig, wenn das Banale das Gegenüber dominiert.
Pfff, dann lasst ihr euch eben eure “Heimat” von den AfD-Wessis erklären.
es ist immer wieder erstaunlich, warum wird es nicht begriffen, wieder erklärt mir ein Wessi meine Heimat mit einer unerträglichen Arroganz, dass geht nun schon seit 1990 so, als über Nacht aus Volkseigentum Privateigentum wurde, und die Grundbuchämter mit dem Umschreiben nicht hinterher gekommen sind, 35 Jahre nur gelabert, und nun wählen die Leute auch anders als vorgegeben, was ist denn hier los, dass Land wird sich drastisch ändern, ich freu mich drauf und genieße es aus der Loge.
“Die Politik sollte sich ein Beispiel nehmen an Russland, den USA, an Putin, Trump und Orbán: Die streiten wenigstens noch für die Interessen ihrer Nation.”
Achso! Und ich dachte, die Genannten streiten zu aller erst für ihre ganz eigenen Interessen und machen sich und ihresgleichen die Taschen voll. Dass Russland und Ungarn herausragend prosperieren, ist mir auch noch nicht aufgefallen. Und die niedrigen Lebenserwartungen dort gehören bestimmt auch zu den Interessen der jeweiligen Nation. Da stirbt man dann einfach dumm, arm und früh – so wie in Sachsen-Anhalt. Aber dort demnächst bald wenigstens wieder unter einem echten Führer.
Schade, dass der Artikel sich nur an Kirchgänger richtet (im Osten ja nur ca. zehn Prozent), denn er vermittelt so viel Wahrheit, wirklich schade.
Ja der Mensch an sich ist für den Autor das Problem, dann muss man halt einen neuen schaffen, der “Unsere Demokratie” so will. Ein Versuch ist es wert, auch wenn das so oft schon versucht wurde.
Herr Wolff hat völlig recht. Der Bürger will etwas ganz anderes als “Unsere Demokratie’. Dann ist es eben so. Dafür braucht man doch aber nicht einen so langen Artikel zu schreiben, wenn sowieso alles klar ist.