Wenn man den derzeitigen Nachrichten glauben darf, dann sind Autokratien weltweit im Vormarsch. Als wäre das ein Naturgesetz und die Menschen würden bereitwillig auf eine freiheitliche Demokratie verzichten und sich bereitwillig Männern unterwerfen, die das Land zum Selbstbedienungsladen machen und alle Macht an sich reißen. Warum das so ist und wie das funktioniert, das freilich untersucht kaum jemand. Der Grazer Historiker Florian Bieber hat es getan. Am Beispiel eines Landes, das in deutschen Medien überwiegend unter dem Radar läuft: Serbien.

Seit 35 Jahren ist er regelmäßig hingefahren, hat selbst auch Jahre der Forschung im Land verbracht. Er kennt die serbische Geschichte seit dem Zerfall Jugoslawiens und dem mehr als rumpeligen Start des Landes in die Zeit danach. Samt den immer neuen Versuchen, das vom nationalistischen Furor dominierte Land doch irgendwie zu einer funktionierenden Demokratie zu machen.

Ein Versuch, der immer wieder in Niederlagen mündete. Was nicht bedeutet, dass die Serben keine funktionierende Demokratie wollen. Im Gegenteil. Schon die 1990er Jahre, deren Beginn von einer Figur wie Slobodan Milošević geprägt waren, waren von großen und eindrucksvollen Protestbewegungen geprägt.

Auch davon erzählt Florian Bieber, der die Entwicklungen in Serbien auch mit sehr viel Zuversicht erlebt hat. Denn in den frühen 2000er Jahren schien das Land endlich auf Kurs zu kommen, näherte sich der EU an und insbesondere Zoran Đinđić als Ministerpräsident begann wichtige Reformen und gegen die Korruption vorzugehen. Ein echter Hoffnungsträger für Serbien. Doch 2003 wurde er von Tätern der ehemaligen „Roten Barette“ ermordet.

Und man ist schon mittendrin in jenen Entwicklungen, in denen Länder eben ganz und gar nicht von allein in ein autokratisches System rutschen. Denn dahinter agieren immer ganz bestimmte Personen, Parteien, Kräfte, im Grunde mafiöse Gruppierungen, für die es nicht nur um die Macht im Land geht, sondern um den Zugriff auf die Ressourcen und den Reichtum des Landes. Sie reden zwar viel über die Nation, meinen aber immer nur ihr eigenes, gieriges Kartell.

Autokraten lernen voneinander

Und mit Florian Bieber erlebt man geradezu, wie das überall auf der Welt funktioniert. Reihenweise listet er immer wieder Länder auf, in denen korrupte Männer – und es sind fast ausschließlich Männer – alles tun, die Macht an sich zu reißen und ein Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Das beginnt mit ganz normalen demokratischen Wahlen (auch wenn Beobachter da meist schon einige Auffälligkeiten feststellen) und beginnt dann zur großen Inszenierung zu werden, wenn Typen wie Aleksandar Vučić an die Macht drängen, sich eine Partei wie die Serbische Fortschrittspartei (SNS) maßschneidern und nach der gewonnenen Wahl beginnen, den ganzen Staat auf sich selbst zuzuschneidern.

Und bei der Gelegenheit stellt Florian Bieber etwas fest, was in den üblichen Medienanalysen kaum Beachtung findet: Autokraten lernen voneinander. Und zwar besser und gründlicher als Demokraten, die den populistischen und autokratischen Entwicklungen vorwiegend hilflos zusehen und nicht begreifen, was da abgeht.

Obwohl die Rezepte, wie Autokraten sich die Macht sichern, in mehreren Ländern zu beobachten sind – in Russland genauso wie im Ungarn Orbáns, in der Slowakei, der Türkei oder eben in Serbien, wo Vučić schon seit 2014 als Ministerpräsident agierte und den Staat auf den Erhalt seiner Herrschaft trimmte. Weshalb die aktuellen Proteste in Serbien, wie Bieber feststellt, eigentlich seit 2015 anhalten, mal größer wurden, mal kleiner.

Neu ist nur, dass es seit 2024 keine Ruhe gibt, als der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad regelrecht für Entsetzen sorgte, auch weil der Einsturz mit letztlich 16 Getöteten zeigte, wie mörderisch die im Land herrschende Korruption letztlich ist.

Wenn sich die Angst ins Leben der Menschen schleicht

Die Proteste erreichten ein Ausmaß, das in anderen Ländern längst zum Rücktritt der Regierung geführt hätte. Sie erfassten das ganze Land, mündeten in Straßen- und Brückenblockaden und Protestmärschen. Aber Bieber zeigt eben auch, wie Autokraten wie Vučić lernen – und eben auch lernen, solche Proteste auszusitzen. Aber nicht nur das. Ihr System funktioniert ja weiter. Denn es basiert nicht nur auf der letztlich systemtragenden Partei SNS und der Gleichschaltung des gesamten Staatsapparats.

„Jede autoritäre Herrschaft beruht auf der Angst“, schreibt Bieber. „In klassischen Diktaturen ist die Angst, verhaftet zu werden, zu verschwinden oder sogar ermordet zu werden, groß. In modernen Autokratien ist die Angst hingegen subtiler, sie schleicht sich langsam, fast unbemerkt in die Leben der Menschen ein. Es ist die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, wenn man nicht für die Regierungspartei stimmt, und die Angst, von der Boulevardpresse durch den Dreck gezogen zu werden, wenn man öffentlich Stellung bezieht. Diese Angst war in Serbien allgegenwärtig.“

Und solche Systeme leben auch von der propagandistischen Produktion von Angst und Ausgrenzung. „Darüber hinaus stellt sich Vučić regelmäßig als Ziel angeblich gegen ihn geplanter Umsturzversuche, Staatsstreiche und Mordanschläge dar. Das dauernde Gerede von Kriegen und Umsturzversuchen hat ein Klima der Unsicherheit und ständigen Verängstigung geschaffen“, stellt Bieber fest.

Die Behauptungen können noch so wild und verlogen sein – sie verändern trotzdem das Klima und schaffen den Background für Überwachung und Verteufelung jeglicher Opposition. Was auch die vor allem jungen Leute und Studenten erfuhren, die die Proteste seit 2024 tragen.

Trügerische Stabilität

Umso verblüffender ist natürlich, wie sie ihre Angst überwanden und mit kreativen Protestformen das System verunsicherten. Erstaunlich auch, weil Serbien eben kein Rechtsstaat im demokratischen Sinn ist. Den fordern die Protestierenden freilich. Irgendwann, so merkt man in Biebers Beschreibung, haben die Serben einfach genug davon, dass sich immer wieder korrupte Politiker an der Staatsspitze festsetzen und das Land ausplündern – ganz allein im eigenen Interesse.

Denn das merkt Bieber auch gar nicht beiläufig an: Autokratien sind wirtschaftlich kaum konkurrenzfähig. Investitionen versickern in dunklen Kanälen, das System suggeriert zwar Stabilität nach außen und dient sich auch der EU als „verlässlicher Partner“ an.

Doch die Stabilität trügt. Hat im Fall Serbiens immer getrogen. Und Bieber geht berechtigt auch auf das letztlich fatale Verhältnis der EU zu Serbien und zur Vučić-Regierung ein. Mit ihrer Kooperation mit solchen autokratischen Typen wie Vučić stabilisiert die EU diese Autokratien. Und dazu kommt: Sie entmutigt die Bürger und die Opposition, dass es jemals echte Unterstützung für die Demokratisierung des Landes geben würde.

Da ist auch für Florian Bieber erstaunlich, dass sich die Serben trotzdem nicht entmutigen lassen, obwohl sie nun nach fast zwei Jahren Dauerprotest eigentlich (wieder einmal) das Gefühl haben dürften, dass alles nichts bringt. Aber in Gesprächen mit den Protestierenden wird ihm auch deutlich, dass diese auch immer noch einen Ausweg sehen, zuerst für sich persönlich: nämlich zu migrieren.

Es sind – wie immer – die am besten Ausgebildeten, die in den Ländern der EU mit Kusshand genommen werden und dort angemessen bezahlte Arbeit finden. Seit 1990 sind schon Millionen Serben auf diese Weise ausgewandert. Neu an den jüngsten Protesten ist freilich, dass die Beteiligten die Änderung ihres Landes ganz ins Zentrum gestellt haben. Sie wollen endlich ein demokratisches Serbien, in dem sie auch bleiben können.

Das Schweigen der EU

Umso ärgerlicher, dass die EU und ihre wichtigsten Länder jahrelang nur zugesehen und geschwiegen haben. „Seit Jahren setzen die EU und insbesondere Deutschland auf Vučić als vermeintlichen Garanten der Stabilität, während er Serbien in einen autoritären Staat verwandelt“, schreibt Bieber. „Als die Proteste im November 2024 begannen, kam aus Brüssel nur Schweigen.“

Und da wird dann deutlicher, warum es Autokraten so leicht haben mit den Demokratien: Sie bekommen kaum Gegenwind. „Gute Geschäfte“ sind den Regierungen – wie auch der deutschen – wichtiger als eine echte Unterstützung für die Demokratie. Selbst wenn es nur die Interessen einiger einschlägiger Konzerne sind, die von den Regierungen der EU nicht geärgert werden wollen.

Obwohl jeder wirtschaftlich gebildete Politiker weiß, dass diese Geschäfte weder dem bilateralen Handel noch dem betroffenen Land zugutekommen. So funktioniert Wirtschaft nicht. Und die Schaffung von Wohlstand schon gar nicht. Serbien gehört bis heute zu den ärmsten Ländern auf dem Balkan.

Und Bieber schildert eben akribisch, wie Leute wie Vučić ein Land eben systematisch umbauen, dass ihre Macht durch Proteste oder Wahlen kaum zu erschüttern ist. Sie reden zwar jede Menge von Nation und blühenden Zukünften. Aber die Wahrheit ist: Ein Großteil des Landes bleibt abgehängt und arm.

Aber Bieber staunt eben auch: „Was den Aufstand in Serbien auszeichnet, ist die bescheidene Zukunftsvision; es sind Proteste ohne Utopie. Die Studierenden fordern ‚nur‘ Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.“ Aber ganz so klein sind die Forderungen nicht: „So fordern die Studierenden nicht nur einen Regierungswechsel, sondern eine tiefgreifende Reform, um zu verhindern, dass ihr Aufstand ähnlich wie der nach dem Sturz Miloševićs im Jahr 2000 scheitert.“

Aber Bieber macht eben noch etwas deutlich, was vielleicht nicht ganz so einfach zu verdauen ist, wenn man auf die erfolgreicheren Revolutionen der Vergangenheit zurückschaut: „Die Tatsache, dass das Regime von Aleksandar Vučić auch nach anderthalb Jahren des Protests noch im Amt ist, zeigt, dass der Widerstand gegen Autokraten ein Marathon und kein Sprint ist.“ Aber genau deshalb könnten auch andere Protestbewegungen von den Erfahrungen in Serbien lernen.

Florian Bieber „Was Autokraten fürchten“ Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 20 Euro.

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