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Abschiebungen sind politisch wieder in Mode. Ob die betroffenen Personen einer geregelten Arbeit nachgehen oder am Ende ihrer Reise möglicherweise hingerichtet werden, das scheint die politischen Entscheidungsträger und ihre willfährigen Beamten nur wenig zu interessieren. Als politische Mode betrachtet, gehört die tägliche Abschiebung einfach dazu: Unterschrift auf ein Papier, den Stempel in das vorgesehene Kästchen, ein paar vorbereitete Worte an die Presse, das war’s.

Da sind die Gedanken schnell wieder beim nächsten Buffet und bei der Frage, ob es dort auch scharfen Senf zur Bratwurst geben wird. Da kann man sich bestimmt noch Nachschlag holen…

Auch der Flughafen Leipzig/Halle ist am heutigen Abschiebe-Prozedere regelmäßig beteiligt. Wir als Stadt Leipzig tragen also eine Mitverantwortung für eine Praxis, die auf Schwerverbrecher und chronische Straftäter begrenzt sein sollte, doch mittlerweile immer öfter sogar auf Kinder und Jugendliche und bestens integrierte Menschen angewendet wird.

Trotzdem werde ich mir die üblichen Talking-Points von „Unmenschlichkeit“ bis „Wahlkampfhilfe für die Rechten“ sparen und das Thema von einer anderen Seite angehen. Denn politisch ist schon viel über die Abschiebeoffensive des Innenministeriums geschrieben worden. Interessant wird es beim Kontext menschlicher Verhaltensmuster – eine Betrachtung, die unsere Gesellschaft regelmäßig scheut.

Du hast Probleme. Ich habe Probleme. Deine Nachbarin im dritten Stock hat Probleme. Probleme fühlen sich nicht gut an, ganz im Gegenteil. Doch wenn wir genauer hinschauen, dann sind es gar nicht die Probleme selbst, die das Leben so viel schwerer machen, vielmehr sind es ihre Symptome. Depressionen wären ohne Selbstzweifel und Antriebslosigkeit leicht auszuhalten, ein Kater ohne Kopfschmerz würde den Sonntagmorgen nicht belasten, und so weiter und so fort.

Symptome machen Probleme spürbar, ohne sie gäbe es keinen Leidensdruck und daher keine Motivation, sich den Problemen zu stellen und diese anzugehen. Denn dafür sind Symptome da: Hinweisschilder für die Problemanalyse.

Strukturell können wir den Umgang mit Problemdruck relativ einfach darstellen:
➜ Problemdruck kann über den inneren Weg angegangen werden (z. B. „Ich helfe mir selbst!“)
➜ Problemdruck kann über den äußeren Weg angegangen werden (z.B. „Hilf du mir!“)
➜ Problemdruck kann verdrängt werden (z.B. „Ich lenke mich mit Netflix ab!“)
➜ Problemdruck kann gelöst werden (z.B. eine Verhaltensänderung)

Diese vier Ansätze ergeben ein flexibles System (siehe Grafik). So können Probleme nach innen wie nach außen verdrängt und nach innen („Ich helfe mir selbst!“) wie nach außen („Hilf du mir!“) gelöst werden. Als „The Zone of Fuck!“ will ich jenen Bereich beschreiben, in dem das Problem nach außen verdrängt wird und dieses Außen nicht mehr privater Natur ist. Wenn also ein Innenminister seinen pathologischen Menschenhass z.B. auf Migranten abwälzt und hierfür eine Abschiebeoffensive ausruft, dann befindet sich dieser Innenminister in der „Zone of Fuck!“

Vier Strategien, wie Menschen mit Problemdruck umgehen. Grafik: Dominic Memmel
Vier Strategien, wie Menschen mit Problemdruck umgehen. Grafik: Dominic Memmel

Es geht also nicht darum, ein mögliches Problem zu erkennen oder zu lösen, sondern schlicht darum, keine unangenehmen Gefühle mehr zu haben. Bei den Methoden der Verdrängung kommen wir zu zwei Fehlern, die gerade im politischen Betrieb eine (viel zu) große Rolle spielen:

1. Attributionsfehler

Gemeint ist, dass man Symptome und das eigentliche Probleme entkoppelt, und dass die Symptome einem anderen Problem zugerechnet werden. Vereinfacht gesagt: „Ich habe nicht zu viel getrunken, aber das letzte Bier war schlecht.“

Von der Politik wird diese Verwechslung oft gezielt eingesetzt. Die AfD ist ein anschauliches Beispiel, wenn sie jedem Problem mit „Ausländer sind schuld!“ zu begegnen versucht. Aus dem Kanzleramt und dem Innenministerium kommen solcherlei Fehlinterpretationen ebenfalls in der immer gleichen Form: „Die [Migranten] sitzen beim Zahnarzt und lassen sich die Zähne machen, und die deutschen Bürger daneben kriegen keine Termine“

Das ist Framing aus dem Lehrbuch, während das Problem (z.B. medizinische Versorgungskrise) pauschal – und falsch! – der Migration zugeordnet wird.

2. Symptomverschiebung

Auf die Analyse folgt die Therapie – und die sollte natürlich das Problem selbst therapieren, anstatt das „Aua!“ der Symptome wegzuschieben. Werden nur die Symptome aus der Wahrnehmung verdrängt, dann wird das Problem einen anderen Weg finden, um auf sich aufmerksam zu machen: Das Symptom hat sich verschoben. Im politischen Diskurs wird also auf der Basis der fehlerhaften Analyse, dass Migration unserem Land schaden würde, die leicht erkennbare Hautfarbe wie ein Symptom behandelt: „Weg mit denen, dann geht es uns wieder gut!“

Es folgt also die Symptomverschiebung der falschen Analyse auf den Fuß – der Innenminister und der kleine Sauerland-Pascha sind ganz vorne mit dabei.

Übrigens ist die Symptomverschiebung auch ein Verhalten, das wir bis in den Alltag hinein bei uns selbst beobachten. Ein Symptom wird unterdrückt (z.B. durch Ablenkung via Netflix), es verschwindet und ploppt dann an anderer Stelle wieder auf: anderes Symptom, gleiche Ursache, erhöhte Heftigkeit.

Und die Abschiebungen?

Natürlich gibt es Einzelfälle, in denen eine Abschiebung gerechtfertigt ist. Der grundlegende Ansatz der heutigen Abschiebeoffensive ist jedoch genau diese Vermischung aus Attributionsfehler („Migranten sind an allem schuld!“) und Symptomverschiebung („Ich will im Stadtbild keine Migranten sehen!“). Das mag menschlich komplett daneben sein, doch auf der gesellschaftlichen Ebene geht diese Strategie auf. Denn sie trifft einen Kern menschlichen Verhaltens: Treten unangenehme Gefühle auf, z. B. die künstlich erzeugte Angst vor dunkler Haut und gutturaler Sprache, ist die einfachste Lösung auch die attraktivste. Symptom weg, alles gut, Herzchensmiley.

Die AfD hat das erkannt und nutzt solche Mechanismen gezielt und erfolgreich, während Typen wie Dobrindt und Merz eher instinktgetrieben wirken – man könnte analog von „kalten Mördern“ (AfD) und „impulsiven Triebtätern“ (Dobrindt, Merz) sprechen. Die eigentliche Lösung, das Therapieren dissozialer Muster in den Köpfen der politischen Brandstifter, und vor allem das Fernhalten solcher Charakterbilder von Machtpositionen, ist ein Talking-Point, der jedoch kaum vorkommt. Solange wir aber dissoziales Verhalten an Führungspositionen nur hinter dem Feigenblatt von „schlechter Politik“ diskutieren, spielen auch wir an einem Symptom herum.

Wenn also pathologisch dissoziale Charaktere in hohen Ämtern sitzen, ihre Getriebenheit auf Menschengruppen projizieren und diese Menschengruppen möglichst ungesehen machen wollen, dann wird auch immer irgendjemand abgeschoben. Doch die Migration wird bleiben – die Klimakrise wird sie massiv verstärken.

Und dann werden Typen wie unser Innenminister reagieren, wie ein Alkoholiker reagiert, wenn seine Bauchschmerzen unerträglich werden: Er eskaliert! Der Alkoholiker, der seinen Schmerz verdrängen will, greift dann vom Bier zum Schnaps. Der Innenminister, der das freiheitliche Leben fremder Menschen nicht ertragen kann, greift von der Abschiebung zum Lager.

Getroffen werden solche Entscheidungen von Politikern, die ihre Psyche nicht im Griff haben, und in unserer Gesellschaft die Symptome „sehen“, die es wegzuschieben gilt: dich, mich, queere Menschen, Klimaschützer, demokratische Einrichtungen und den braunbärtigen Dönermann auf der Eisenbahnstraße … Es ist immer das gleiche Prinzip.

Dominic Memmel, geboren 1980 in Würzburg und seit 2014 in Leipzig, ist als Aktivist, Kommunikationsberater und Podcaster tätig. Zur Seite des Autors.

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