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Die OECD hat die PISA 2025 Studie, unter dem Titel „Bereit für die Zukunft?“ veröffentlicht und die Ergebnisse für Deutschland beantworten diese Frage mit „Nein“. Es geht also erneut los mit Analysen, Recherchen, Schuldzuweisungen und halbgaren Reformen. Allerdings ist es ja nicht so, dass niemand vor der Schieflage im Bildungssystem gewarnt hätte.
Seit Jahren warnen Beschäftigte in Kitas, Schulen aller Schulformen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW), um nur einige zu nennen, vor dem Crash unseres Bildungssystems. Die GEW Sachsen hat dazu eine Mitteilung, mit dem Titel „PISA: Der Tiefstand kam mit Ansage – GEW fordert umgehende Konsequenzen im Haushalt und sächsischen Bildungsdialog“ verschickt, Ralf Julke berichtete darüber. Wir sprachen dazu mit dem Landesvorsitzenden Burkhard Naumann per Zoom.
Zuvor ein Blick auf die Zahlen
Die wichtigsten Rohdaten findet man im OECD-Paper, dessen Band 1 auszugsweise in Deutsch vorliegt.
Springen wir dort auf Seite 28, in die Tabelle „Überblick über die Leistungen in Naturwissenschaften, Lesekompetenz, Mathematik und computergestütztem Problemlösen“, dann finden wir Deutschland meist noch im OECD-Durchschnitt. In den Naturwissenschaften ist der Durchschnitt 482 Punkte, Deutschland hat 486. Bei der Lesekompetenz steht es 461 zu 465, in Mathematik 463 zu 464 und beim computergestützten Problemlösen liegt Deutschland mit 498 Punkten unter dem Durchschnitt von 500.

Dramatisch ist der Rückgang der Kompetenzen, der danach ausgewiesen wird. Bei Naturwissenschaften sind es 7, bei Lesekompetenz 15 und in der Mathematik 11 Punkte weniger, als bei PISA 22.
Wie sieht das bei den sozioökonomischen Faktoren aus? Wir finden auf Seite 30 die Tabelle „Überblick über den Einfluss sozioökonomischer Unterschiede und des Migrationshintergrunds auf die Leistungen in Naturwissenschaften“. Auf Blatt 2, also Seite 31, finden wir Deutschland ziemlich weit unten. Es lohnt sich hier auf die Zahlen in den Spalten 4 und 5 zu schauen. Sowohl die Leistungen der benachteiligten als auch die der begünstigten Schüler:innen haben sich verschlechtert. Für erstgenannte um 7 Punkte, für die zweiten um 3 Punkte.

Die Verschlechterung zwischen den Ergebnissen von 2022 zu 2025 betrifft also nicht ausschließlich die sogenannten „bildungsfernen“ Schichten.
Gespräch mit Burkhard Naumann (GEW)
Herr Naumann, die PISA-Studie betrifft ganz Deutschland, gibt es eigentlich konkrete Zahlen für Sachsen?
Die Studie stellt die Gesamtergebnisse der Bundesrepublik im internationalen Vergleich dar. Für Sachsen gibt es keine gesonderten Ergebnisse.
Die GEW hat seit langer Zeit gewarnt, jetzt haben Sie Recht bekommen. Schön ist das nicht, oder?
Vorweg eine Bemerkung, ich habe gestern die Reaktion des Kultusministers gelesen. Der schätzt das nicht so wie wir ein. Ich weiß nicht, ob ihm das im Gespräch nur rausgerutscht ist, dass das Abrutschen von Deutschland erwartbar war, weil wir ja die Folgen der Corona-Pandemie, Social Media und Lehrermangel haben. Als ob der Rest der Welt keine Corona-Pandemie und kein Social Media hätte. Das sind globale Herausforderungen, die Staaten sind aber verschieden damit umgegangen.
Ich glaube, man muss hier zwischen zwei Ebenen betrachten. Die eine ist, was passiert in den Schulen tatsächlich, besonders beim Thema Qualität. Hat man genügend Zeit? Es zeigt sich ja, dass das Bildungssystem in Deutschland die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt oder zumindest manifestiert. Das ist, glaube ich, das größte Problem, weil die Aufgabe des Bildungssystems ist es Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Kinder werden ja nicht, wenn ihre Eltern bestimmte Bildungsbiografie haben, dümmer geboren. Das gibt’s nicht, sie haben schwierige Voraussetzungen. Aufgabe des Staates ist es, auf diese Unterschiede gezielt einzugehen. Das schafft unser Bildungssystem nicht. Im Gegenteil, es reproduziert diese Unterschiede seit Jahrzehnten. Studien belegen immer wieder, dass, das Bildungssystem in Deutschland im Wesentlichen den Bildungsweg der Eltern reproduziert.

Auffällig an der Studie ist, ich habe es einleitend angemerkt, dass es sowohl bei benachteiligten, als auch bei begünstigten Kindern einen Leistungsabfall gibt. Es ist also nicht so, dass diejenigen mit einer besseren Bildungsbiografie besser werden oder ihren Stand halten, sondern auch die werden schlechter. Wie kann man das bewerten?
Mann kann als wirkliche Botschaft herauslesen, dass es niemandem egal sein kann. Es betrifft alle, auch die Kinder und Jugendlichen, die mit besseren Voraussetzungen starten.
Der Kultusminister sprach von Social Media als Ursache für schlechte Leistungen. Wie geht man in den Schulen mit dem Thema um?
An den Schulen gibt es mittlerweile schon viele Erfahrungen und auch Regelwerke dazu. Allerdings ändert auch ein Handyverbot nicht alles, das bleibt eine tägliche Auseinandersetzung. Wenn man die Handys einsammelt, kommt es mittlerweile vor, dass ein Zweithandy abgegeben wird. Es genügt aber nicht die Diskussion auf die Schulen zu begrenzen.
Derzeit versucht man die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler zu regulieren, mit Handyverboten und ähnlichen Regeln, wir wünschen uns von der EU tatsächlich ein schärferes Schwert, um an das Thema heranzugehen. Beim Thema Jugendschutz müssen die Plattformen reguliert werden, das suchterzeugende Geschäftsmodell der Plattformen bedarf einer harten Regulierung. Nicht zu vergessen, die meiste Social Media Nutzung passiert außerhalb der Schule.
Die GEW hat viele Gründe aufgeführt, Abordnungen, Unterrichtsausfall, fach- und schulartfremder Unterricht, abgesenkte Standards bei Deutsch als Zweitsprache, die Aufzählung ist lang. Was ist zu tun?
Das sind hauptsächlich die neueren Entwicklungen, die Ergebnisse der PISA-Studie lassen sich noch nicht auf diese zurückführen. Sie sind aber ein Zeichen dafür, dass weiterhin eine falsche Bildungspolitik betrieben wird.
Was zu tun ist? Auf jeden Fall muss massiv in die frühkindliche Bildung investiert werden. Es ist zu beobachten, dass die Kinder, ihre Kompetenzen betreffend, bereits in der Kita immer weiter auseinander driften. Die Schule kann das, was im frühkindlichen Alter verpasst wird, kaum noch aufholen.
Geht es dabei um sprachliche und soziale Kompetenzen, die Kinder in der Kita erwerben sollen?
Der neuen sächsischen Erziehungs- und Bildungsplan schafft in der Theorie die richtigen Voraussetzungen, damit Bildungsgerechtigkeit erreicht wird, es scheitert an der Umsetzung. Die Konsequenz soll aber nicht sein, dass man einen Lehrplan in der Kita einführt oder die Kita noch mehr verschult. Das Problem ist, wir bekommen den Plan nicht in der Praxis umgesetzt, das scheitert vor allem an den personellen Bedingungen.
Es gibt jetzt im Startchancen-Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) die Ansage, dass es in den nächsten Jahren für die Vierjährigen Sprachtests geben soll. Als GEW lehnen wir das ab, weil die pädagogischen Fahrkräfte wissen, wo die Defizite sind, wo die Stärken sind und wie man da investieren muss. Der Erziehungs- und Bildungsplan gibt die richtigen Antworten darauf. Doch für die Umsetzung fehlt die Zeit, weil man mit allein mit der Abdeckung der Betreuungszeiten beschäftigt ist.
Was ist mit den personellen Voraussetzungen in den sächsischen Kitas?
Wir haben einfach nicht die Rahmenbedingungen in der Kita, Sachsen ist deutschlandweit auf dem vorletzten Platz beim Personalschlüssel der Kitas. Das gleiche Problem besteht an den Schulen. Man hat so viele Kinder und Jugendliche vor sich, denen kann man nicht im Einzelnen gerecht werden. Man kann versuchen die Gesamtgruppe im Durchschnitt hochzubringen, aber nicht individuell fördern. Das spaltet, weil man nicht auf die unterschiedlichen Voraussetzungen eingehen kann. Damit sind wir an der Kita und an der Schule im gleichen Problem im Innenbereich, wir haben nicht die richtigen personellen Voraussetzungen.
Gibt es ein grundlegendes Problem im Bildungssystem?
Ich würde sagen, bei den Kitas sind wir in der Theorie schon gut aufgestellt. Wir stehen aber jetzt vor einem großen Kita-Sterben und haben das Personalproblem.
Bei der Schule würde ich sagen, wir müssen raus aus dem Schulsystem des 19. Jahrhunderts, wenn wir wirklich im 21. Jahrhundert ankommen wollen. Die Trennung nach der vierten Klasse, nach Leistungen, ist wissenschaftlich seit Jahrzehnten widerlegt. Ich hatte es vorhin gesagt, es wird nur der Bildungsweg der Eltern reproduziert. Eltern, die selbst nicht auf dem Gymnasium waren, schicken ihr Kind auch nicht so gerne auf das Gymnasium und Eltern, die auf dem Gymnasium waren, wollen ihre Kinder unbedingt auf dem Gymnasium sehen. Das ist, nach wie vor ein Problem, damit werden viele Chancen verspielt. International ist längeres gemeinsames Lernen bereits Standard. Es ist auch wissenschaftlich abgesichert, dass bei den richtigen Voraussetzungen es sowohl den Leistungsstärken, als auch den Leistungsschwächeren zugutekommt. Es gibt nicht die Unterteilung in dumme und schlaue Kinder und Jugendliche. Man hat Stärken und Schwächen in unterschiedlichen Bereichen und dann kann man sich gegenseitig unterstützen.
Ein Übergang zur Gemeinschaftsschule im deutschen Bildungssystem würde wohl eine ebenso ideologisch und emotional aufgeladene Diskussion nach sich ziehen, wie beim G8/G9-Abitur. Besonders die aktuellen Schülerinnen und Schüler hätten wahrscheinlich Probleme. Ginge es trotzdem?
Deswegen fordern wir einen sächsischen Bildungsdialog, bei dem man sich zusammensetzt und alle Seiten bereit sind zu sagen: Wir wollen nicht streiten, wer recht hat, sondern wir wollen prüfen, was das Richtige ist. Da muss man auf die Evidenz der Wissenschaft sehen. Das Bildungssystem rennt der wissenschaftlichen Erkenntnis immer 20 bis 30 Jahre hinterher. Das kann doch nicht sein. Ich kenne keine wissenschaftliche Empfehlung, die sagt, die Trennung nach der vierten Klasse ist gut.
Wir brauchen kluge Reformen, die nicht auf Kosten der aktuellen Schülergenerationen gehen, die diese Reformen erleben . Deswegen muss man da schon behutsam sein. Aber unterm Strich würde ich sagen, bei aller Historie der ganzen Diskussion und wie aufgeladen sie ist, das ganze Bildungssystem, inklusive Kita, gehört auf den Prüfstand. Alle Akteure müssen sich das gemeinsam anschauen. Was sind wirklich gute Elemente, die wir fortführen müssen und was sind Dinge, die wir auch einfach nur mitschleifen, , weil sich niemand traut sie anzufassen oder weil sie durch ideologische Schlachten nie gelöst wurden.
Nehmen wir das als Schlusswort, ich bedanke mich für das Gespräch.
Fazit: PISA 2025 ist wieder einmal ein Weckruf, vielleicht ist es wirklich Zeit für grundlegende Änderungen im Bildungssystem. Die Ursachen auf die Corona-Zeit und Social Media zu beschränken, das wird uns spätestens bei der nächsten PISA-Studie auf die Füße fallen.
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