Erst am Dienstag, dem 8. September, wurden die deutschen Ergebnisse zur PISA-Studie der Neuntklässler veröffentlicht – mit den schlechtesten Ergebnissen seit 25 Jahren. Und als ob er den Sachsen weiß machen wollte, dass das CDU-geführte sächsische Kultusministerium ja etwas tue, um die desolate Situation irgendwie ein bisschen zu verbessern, veröffentlichte Kultusminister Conrad Clemens am Mittwoch, 9. September, die neue Statistik zum – planmäßigen – Unterrichtsausfall in Sachsen. Eine Statistik voller Lücken und Tücken.
Nach den Zahlen des sächsischen Kultusministeriums entsprach der planmäßige Unterrichtsausfall im ersten Halbjahr des Schuljahres 2025/2026 3,3 % (1. Halbjahr 2024/25: 3,7 %) und konnte im zweiten Schulhalbjahr auf 2,9 % (2. Halbjahr 2024/25: 3,2 %) gesenkt werden. Insgesamt fielen im Schuljahr 2025/26 in Sachsens Schulen planmäßig 3,1 % der Unterrichtsstunden aus (Schuljahr 2024/25: 3,5 %). Damit ging im Schuljahr 2025/26 der planmäßige Ausfall im Vergleich zum Vorjahr um 11,4 % zurück.
Planmäßig heißt: Diesen Stundenausfall hat das Ministerium schon einkalkuliert, weil dafür schlicht keine Lehrer da sind.
Kultusminister Conrad Clemens sagte dazu am Mittwoch: „Sachsens Unterrichtsausfall sinkt weiter. Vor allem an den Oberschulen sind im vergangenen Schuljahr weniger Stunden ausgefallen. Dieser Trend ist ein wichtiges Signal für alle Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Auch wenn noch Arbeit vor uns liegt, sind wir auf dem richtigen Weg. Dazu hat auch beigetragen, dass wir im Schuljahr 2025/26 wieder mehr Lehrkräfte einstellen konnten, als ihren Dienst beendet haben. Ich danke allen sächsischen Lehrerinnen und Lehrern für die großartige Arbeit, die sie an unseren Schulen leisten.“
Besonders betroffen: Oberschulen und Förderschulen
Dabei musste das Ministerium zugeben, dass gerade an Oberschulen und Förderschulen der Stundenausfall besonders hoch ist. Gerade dort, wo die Jugendlichen eigentlich die beste Betreuung und Unterstützung beim Lernen brauchen.
Die Zahlen: An den Oberschulen sank der Unterrichtsausfall von 7,6 % im Schuljahr 2024/25 auf 5,6 % im Schuljahr 2025/26. Damit ging der Unterrichtsausfall an den Oberschulen um 26,3 % zurück, rechnet da Ministerium vor. Auch an den Förderschulen (von 7,9 % auf 7,6 %) und Gymnasien (von 1,5 % auf 1,4 %) verbesserte sich die Situation. Einen kleinen Anstieg gab es bei Grundschulen (von 0,8 % auf 1,3 %) und Beruflichen Schulzentren (von 1,4 % auf 1,8 %).
Und so nebenbei gibt es da ja auch noch den nicht geplanten Stundenausfall. Der außerplanmäßige Unterrichtsausfall etwa durch Krankheit, Fortbildungen oder schulische Veranstaltungen an Sachsens Schulen stieg gegenüber dem Vorjahr leicht an, von 5,7 % auf 5,8 %.
Eine nette, aber sehr verzerrte Statistik. Welche Folge das auf Motivation und Gesundheit der Lehrkräfte hat, verrät diese Statistik natürlich nicht.
Genau das aber fragte sich eine Landtagsabgeordnete der Linken.
Luise Neuhaus-Wartenberg: Mehr Unterrichtsausfall an Grundschulen und ein höherer Krankenstand sind die Quittung
„Sachsens Lehrkräfte zahlen für die teilweisen Erfolge einen hohen Preis – er besteht aus Überstunden und in vielen Fällen auch langen Fahrtwegen zur Abordnungsstelle. Viele Lehrkräfte müssen dort auch fachfremd unterrichten“, geht bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Luise Neuhaus-Wartenberg auf das dahinterliegende Problem ein. Denn eine Minderung des Unterrichtsausfalls hat das Kultusministerium nur dadurch erreicht, dass mehr Lehrerinnen und Lehrer an andere Schulen abgeordnet wurden.
„Wir können die Freude des Kultusministers nicht teilen, denn der planmäßige Ausfall an Grund- und Berufsschulen ist erneut gewachsen“, sagt Neuhaus-Wartenberg.
„An einzelnen Standorten gibt es weiter alarmierend hohe Werte. Beinahe oder deutlich zweistellige Ausfallraten gibt es an Grundschulen in Augustusburg, Burkhardtsdorf, Freiberg, Jöhstadt, Oederan, Raschau-Markersbach, Scheibenberg, Dresden, Königstein, Sebnitz, Görlitz, Lauta, Löbau, Neißeaue, Rietschen und Weißwasser. Den betroffenen Familien hilft der Blick auf die Gesamtstatistik herzlich wenig.“
Da hat der Minister ein paar Löcher gestopft, das Problem aber nicht gelöst.
„Wir dürfen Probleme nicht verlagern, sondern wir müssen sie lösen. Dauerhaft können wir den Unterricht nur absichern, indem wir landesweit mehr Lehrkräfte an alle Schularten bringen und andererseits für Entlastung sorgen“, sagt die Landtagsabgeordnete der Linken.
„Die Lehrkräfte-Ausbildung sollte nach Schulstufen erfolgen und vor allem praxisnäher werden – das würde mittel- bis langfristig Entlastung bringen. Kurzfristig helfen kann mehr unterstützendes Personal in multiprofessionellen Teams, etwa für Verwaltungsaufgaben, IT und Sozialarbeit. Lehrkräfte brauchen vor allem mehr Unterstützung bei unterrichtsfremden Tätigkeiten, damit sie die Schülerinnen und Schüler individuell fördern können.“
Das ist keine Erfolgsgeschichte
Und noch deutlicher in ihrer Kritik wurde die Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen. Sie warnte am Mittwoch davor, die vom Sächsischen Kultusministerium veröffentlichten Zahlen zum Unterrichtsausfall als Erfolgsgeschichte zu verkaufen.
„Der Rückgang um 0,4 Prozentpunkte ist kein Grund zur Entwarnung“, kommentierte Burkhard Naumann, Vorsitzender der GEW Sachsen, die vorgelegten Zahlen. „Zwar gab es aufgrund des Maßnahmenpakets 74.000 Stunden weniger planmäßigen Unterrichtsausfall. Gleichzeitig stieg der außerplanmäßige Ausfall, etwa durch Krankheit, um 43.500 auf 1,34 Millionen Stunden. Der Blick auf die einzelnen Schularten zeigt zudem ein differenziertes Bild. An den Grundschulen stieg der planmäßige Ausfall um 62,5 Prozent von 0,8 auf 1,3 Prozent.
Jede zweite Grundschule hat inzwischen planmäßigen Unterrichtsausfall. Das ist eine Kürzung an der vollkommen falschen Stelle. Die Oberschulen verzeichnen zwar einen Rückgang, allerdings nur auf das Niveau des Schuljahres 2023/24. Mit 14,8 Prozent liegt der Unterrichtsausfall an den Förderschulen weiterhin an der Spitze.“
Viele Lehrkräfte im „falschen“ Fach
Weniger statistischer Ausfall bedeutet zudem nicht automatisch bessere Unterrichtsqualität. Im Schuljahr 2025/26 wurden rund 3.000 Lehrkräfte abgeordnet. Bereits ein Viertel des Unterrichts erfolgte fach- oder schulartfremd. An Grundschulen waren es 27 Prozent, an Oberschulen 29 Prozent und an Förderschulen sogar 62 Prozent (siehe Drs.-Nr.: 8/7431, Anlage 2). Im laufenden Schuljahr sind inzwischen mehr als 5.000 Lehrkräfte abgeordnet. Viele davon von Grundschulen an Ober- und Förderschulen.
„Das Kultusministerium verteilt den Personalmangel über die Schulen, statt ihn zu lösen. Fach- und schulartfremder Unterricht, wechselnde Lehrkräfte und zusätzliche Belastungen für die Kollegien sind keine nachhaltige Verbesserung der Unterrichtsversorgung. Im Gegenteil: Sie gefährden die Unterrichtsqualität und verschärfen den Personalmangel“, sagt Naumann.
„Junge Lehrkräfte wandern in andere Bundesländer aus, ältere Kolleginnen und Kollegen flüchten schneller in den Ruhestand und der Krankenstand steigt aufgrund der hohen Belastungen. Die PISA-Ergebnisse sollten eine Warnung sein, sofort umzusteuern, statt wenig aussagekräftige Statistiken zu feiern.“
Die GEW Sachsen fordert deshalb einen Stopp der massiven Abordnungspraxis und nachhaltige Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Dazu gehören aus Sicht der GEW unter anderem die sofortige Einführung einer Entlastungsstunde für Klassenleitungen, der spürbare Ausbau der Schulassistenz, die Rücknahme der Kürzungen der Anrechnungsstunden, Anreize für ältere Lehrkräfte, länger im Schuldienst zu bleiben, sowie Prämien für junge Lehrkräfte in Bedarfsregionen.
„Sachsens Schulen brauchen keine statistischen Erfolgsmeldungen, sondern verlässliche Lehrkräfte, stabile Kollegien und guten Unterricht“, betont Naumann. „Wer die Unterrichtsversorgung nachhaltig verbessern will, muss endlich die Arbeitsbedingungen für Lehr- und Assistenzkräfte verbessern, ausreichend Unterstützungssysteme schaffen und den Lehrberuf in Sachsen wieder attraktiver machen.“
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