Wie erzählt man eine Geschichte, die sich letztendlich nicht mit Dokumenten untermauern lässt, weil diese vernichtet wurden? Oder verfälscht, passgerecht gemacht, damit der Tod eines Bonner Beamten auf Dienstreise in Leipzig nicht als Mordfall gewertet wurde? Und trotzdem für Unruhe sorgte? Mit „Der Fall Fechtner“ erzählt Katrin Reiser tatsächlich die „wahre Geschichte eines Fenstersturzes“, die sich am 23. Juni 1986 in Leipzig abspielte. Die Geschichte ihres Vaters, etwas verwandelt. Erzählbar letztlich nur als Roman, weil die Akten schweigen.

Oder voller Löcher sind, als hätte jemand ganz gezielt genau jene Protokolle verschwinden lassen, die den mysteriösen Tod von Alfons Reiser, der – angeblich stark alkoholisiert – aus einem Fenster des Hotels „Astoria“ fiel, hätten aufklären können.

Katrin Reiser, promovierte Historikerin, hat versucht, den Tod ihres Vaters aufzuklären. Eine Lebensaufgabe, wie sie selbst feststellt. Über die Jahre hat sie viele Indizien und Zeugenaussagen zusammengetragen, die auf eine unnatürliche Todesursache, wenn nicht sogar auf einen Stasi-Mord, hindeuten. Doch bei all ihren Recherchen muss es ihr ganz ähnlich ergangen sein wie Benjamin Fechtner, den sie in ihrem Roman die Suche nach der Wahrheit beginnen lässt. Spät erst, als hätten ihn die Todesumstände seines Vaters bis dahin nicht interessiert.

Nicht einmal, als seine Schwester Karolin schon in den frühen 1990er Jahren begann, nach Akten zum Tod ihres Vaters zu fahnden.

Doch viel konnte sie nicht finden. Und das Landwirtschaftsministerium, für das Hans Fechtner arbeitete, mauerte sowieso, versteckte sich hinter Amtsgeheimnissen. Was es auch zehn Jahre später noch tut, als Benjamin – durch einen Telefonanruf aufgeschreckt – selbst beginnt, nach Informationen zum Tod seines Vaters zu fahnden. Nicht ahnend, dass er damit auch sein eigenes Trauma reaktivieren würde. Denn er erinnert sich zwar noch, wie er als elfjähriger Junge reagierte, als zwei unbekannte Männer der Mutter die Nachricht überbrachten.

Das Schweigen

Aber dass ihn der Verlust des geliebten Vaters als junger Mann völlig aus der Bahn warf, das hatte er verdrängt. Notgedrungen. Auch weil die Mutter darüber nie mehr reden wollte. Es ist also auch die Geschichte eines Traumas, die Katrin Reiser hier erzählt. Nur dass Benjamin das Schweigen jetzt nicht mehr aushält und sich regelrecht verbeißt in die Suche nach der Wahrheit.

Wenn die Stasi-Akten schon nichts verraten bis auf vier lächerliche Blatt Papier zu seinem Vater, dann könnten die Protokolle aus der Gerichtsmedizin vielleicht weiterhelfen. Auch sie werden behandelt wie eine Verschlusssache.

Man erlebt mit, wie Benjamin sich immer neue Beulen holt bei Amtsträgern in Leipzig, Bonn und Berlin, die den „Fall Fechtner“ behandeln wie eine brisante Verschlusssache, nur unwillig Schriftstücke herausgeben. Und weiter mauern. Im Landwirtschaftsministerium, bei der Staatsanwaltschaft, die am Ende auch nach 1990 nicht ermittelt hat. Als wäre auch in bundesdeutschen Behörden das Interesse, diesen Fall aufzuklären, denkbar gering.

Als wären die Verantwortlichen auch nach der „Wende“ noch immer bemüht, ja nicht an den alten Fall zu rühren. Als schriebe man immernoch das Jahr 1986 und müsste auf die hypersensiblen Machthaber in Ostberlin Rücksicht nehmen. Als wäre das labile deutsch-deutsche Verhältnis in Gefahr, wenn jemand den Mumm hat, die Todesumstände von Hans Fechtner tatsächlich endlich aufzuklären.

Übrigens überhaupt kein abwegiges Unterfangen. Denn genau mit diesem Dunkelfeld beschäftigte sich von 1991 bis 2000 die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV). Zur Ermittlungsarbeit der ZERV gehörten auch 50 Auftragsmorde des MfS.

Lauter Sackgassen

Aber dass Benjamin immer wieder in Sackgassen landet bei seinen Recherchen, hat auch damit zu tun, dass er partout kein Motiv für einen Mord an seinem Vater finden kann. Selbst die vielversprechende Spur zu den Umweltverbrechen, die in der industriellen Landwirtschaft der DDR zum Alltag gehörten, endet in einer Sackgasse. Auch wenn Ben dabei Menschen trifft, die sich im besten Sinne an seinen Vater erinnern. Das aber verstört ihn eher, als dass es tröstet. Denn die amtlich aussehenden Dokumente behaupten etwas anderes.

Man landet mit Benjamin mittendrin in der Spiegelwelt des Geheimdienstes, zu dessen Praktiken auch die systematische Irreführung gehörte, das Malen falscher (Feind-)Bilder, Methoden der Zersetzung, die Menschen in die Hölle des Zweifels und des Misstrauens in ihrer Mitwelt versetzen konnten. Und Ben erlebt es am eigenen Leib, wie das funktioniert. Denn er bekommt nicht nur mysteriöse Telefonanrufe, jemand verschafft sich in seiner Abwesenheit auch Zugang zur Wohnung und die durchgeschnittenen Bremsschläuche an seinem Auto sorgen beinah dafür, dass er bei einem Unfall verunglückt.

Sind also die alten Stasi-Seilschaften noch am Werk? Das sind doch ihre Methoden?

Und wie gelangt ein als „geheim“ eingestuftes Dokument aus seiner Arbeit als Referent eines Bundestagsabgeordneten an die Presse? Wer spielt da im Hintergrund eigentlich ein faules Spiel mit ihm und sorgt dafür, dass er sogar seinen Job verliert?

Ein Mord ohne Motiv

Und dabei war sein Leben doch gerade auf der richtigen Spur, hat er die attraktive Journalistin Mariam kennengelernt, die ihm bei seinen Recherchen helfen will. Denn wenn die zuständigen Bundesbehörden mauern, ist es nur noch die Presse, die den Fall öffentlich machen kann. Denn dann steht ja auch die Frage im Raum, ob da in den Behörden nicht auch noch Leute sitzen, die einst für den ostdeutschen Geheimdienst spioniert haben. Oder ist das alles nur die Feigheit von Beamten, die sich hinter Akten und Dienstgeheimnissen verstecken, aber für nichts persönlich gerade stehen wollen?

Selbst Bens einstige Studienkollegin Christina, die – anders als er – ihr Jurastudium abgeschlossen hat, hilft ihm. Steht ihm bei, die Leute im Landwirtschaftsministerium mit ihrem fadenscheinigen Umgang mit dem Fall Fechtner zu konfrontieren. Doch auch diese Begegnung der dritten Art führt Ben vor Augen, wie unwillig bundesdeutsche Behörden auch 14 Jahre nach der „Wende“ sind, den Tod des eigenen Beamten aufzuklären.

Man beruft sich gar auf die damaligen Schriftstücke aus Leipzig, die einen Unfall behaupten. Nur dass Vieles darin genauso unstimmig ist wie die polizeiliche Beschreibung des Todesfalls oder die Aussage der Zeugen. Als hätte man das Ganze erst nachträglich konstruiert.

Aber was steckt dahinter? Dass die offiziellen Verlautbarungen so nicht stimmen können, bestätigen Ben auch einstige Kollegen seines Vaters, auch wenn sie nur in Andeutungen sprechen können, weil sie Dienstgeheimnisse als Beamte nicht weitergeben dürfen. Und nach und nach erfährt er auch, dass der Mordverdacht von Anfang an im Raum stand. Was bleibt ihm da am Ende noch anderes übrig, als einen einstigen Stasi-Generalmajor zu kontaktieren? Wäre der bereit, über die tatsächlichen Vorgänge zu sprechen?

In der Welt der Geheimniskrämer

Oder wird auch der nur blenden und Ben ein Märchen vom erfolgreichen Wirken des DDR-Geheimdienstes erzählen? Spätestens hier merkt man, wie dunkel es in der Welt der Geheimdienste und Geheimniskrämer ist. Die ja nicht 1990 einfach so verschwunden sind. Im Gegenteil. Nicht ganz grundlos tauchen in Katrin Reisers Roman auch die Rosenholz-Dateien auf, die 2003 für Furore sorgten, als sie von der CIA an die Bundesrepublik zurückgegeben wurden.

Die Dateien listeten lauter Personen auf, die im Westen für die Stasi arbeiteten. Und möglicherweise auch nach 1990 aktiv blieben, nun vom überlebenden russischen Geheimdienst KGB weitergeführt.

Man ahnt, in was für ein Wespennest Benjamin da gestochen hat. Und warum einige Leute vielleicht sogar ein Interesse daran haben könnten, ihn selbst aus dem Weg zu räumen oder ihn wenigstens so einzuschüchtern, dass er nicht weiterforscht.

Der alte Stasi-General, den Ben kontaktiert, bietet ihm sogar ein mögliches Motiv für den Mord an seinem Vater an, obskur wie das ganze Wirken des Geheimdienstapparates, der in den 1980er Jahren, als der wirtschaftliche Niedergang der DDR längst unübersehbar war und das Land nur noch mit den durch Franz Josef Strauß vermittelten Milliardenkrediten über Wasser blieb, begann, sein eigenes Süppchen zu kochen. Zumindest im Roman.

Aber so weit entfernt von der Wirklichkeit wird das nicht sein. Denn keine Institution in der DDR wusste besser Bescheid über den tatsächlichen Zustand des Landes. Sorgt man da nicht vor, wie es Bens Gesprächspartner getan hat?

Am Ende merkt Ben, dass er bei seiner Suche nach der Wahrheit selbst zum Spielball wurde und nicht jeder seiner Gesprächspartner tatsächlich das war, was er von sich behauptete.

Der Preis des Schweigens

Wäre das Buch ein Krimi, dürfte man jetzt enttäuscht sein. So intensiv und nervenaufreibend sich Bens Suche nach der Wahrheit gestaltet, so ungreifbar bleiben die tatsächlichen Vorgänge. Auch wenn etliches, was Ben herausfindet, der These vom Unfall deutlich widerspricht. Aber das Mauern und Schweigen der eigentlich zuständigen bundesdeutschen Behörden hat seinen Preis. Ben muss sich damit abfinden, dass er nach 17 Jahren keinen Beweis mehr findet, der den Mord an seinem Vater so sicher begründen würde, dass ein Staatsanwalt die Ermittlungen wieder aufnehmen müsste.

Was nun?

Dem Stasi-Offizier hat er noch selbstbewusst damit gedroht, ihn in eine Romanfigur zu verwandeln. Und ungefähr so muss es auch Katrin Reiser ergangen sein. Die tatsächlichen Ereignisse bleiben so ungreifbar, dass es schwer gewesen wäre, das alles stringent in einem Sachbuch aufzuarbeiten. Blieb also noch der Weg der Verfremdung in einem Roman, der auch dem Unbehagen Bens Raum gibt, derart gründlich am Unwillen auch gerade bundesdeutscher Behörden zu scheitern, den alten Fall doch noch aufzuklären.

Das kann einsam machen. Und am Ende merkt er selbst, wie er tatsächlich all die Menschen verprellt hat, die ihm eigentlich die nächsten im Leben sind. Aber er lernt auch etwas über sich selbst, was ihm ohne diese intensive Beschäftigung mit dem Tod des Vaters nie bewusst geworden wäre.

Denn so ein Todesfall, erst recht, wenn er dann mit jahrelangem Schweigen beiseitegedrückt wurde, bleibt dennoch wie ein Schatten im Leben der Kinder, die gezwungen sind, eigene Strategien im Umgang mit dem Verlust zu finden. Strategien, die auch die vielen Verwerfungen erklären, die dann ihr Leben und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen prägen.

So entsteht im Grunde eine vielschichtige Geschichte, in der Bens verbissene Suche und sein Scheitern auch davon erzählen, wie sehr er den Vater immer vermisst hat. Auch weil er nie wirklich Abschied nehmen konnte. Und darin dürften sich viele Leserinnen und Leser wiedererkennen. Und auch mitfühlen können, wenn sich Ben in die Suche nach der Wahrheit so richtig verbeißt und dabei deutlich über seine Grenzen geht.

Und für die Leipziger Leser kommt hinzu, dass diese Geschichte eine dunkle Seite des Hotels „Astoria“ beleuchtet, die meist vergessen wird, wenn über dieses Hotel und seine Geschichte erzählt wird.

Katrin Reiser „Der Fall Fechtner“ Langen Müller Verlag, München 2026, 24 Euro.

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