Der Buchtitel stammt aus einem der schönsten und nachdenklichsten Gedichte, die Johannes R. Becher geschrieben hat. Genau: Jener Becher, der 1954 erster Kulturminister der DDR wurde und die Nationalhymne der DDR schrieb. In seinem Gedicht erfasst er etwas, was auch Eva Kranenburgs Roman als Grundmelodie begleitet. Mit ihr geht es ins Jahr 1953 zurück, ein Jahr, das durch zwei politische Ereignisse geprägt war: den Tod Stalins und den Arbeiteraufstand vom 17. Juni. Mittendrin: Tilla und ihre faszinierende Freundin Rena.

Eine Geschichte wie aus einer anderen Welt. Es ist die Welt der Nachkriegskinder. Schauplatz ist Halle, noch gezeichnet von den Bomben des Krieges. Tilla lebt mit ihrem Vater in einer winzigen Wohnung. Sie hat lange gebraucht, sich an ihn zu gewöhnen. Denn als er aus dem Konzentrationslager kam, sah er alt und elend aus. Ein wildfremder Mann, der sich nach und nach als liebender und fürsorglicher Vater entpuppte. Einer, der schon spürte, wenn es seiner Tochter schlecht ging, der zuhörte und Verständnis zeigte. Ein Vater, wie man ihn sich wünscht.

Aber eines Tages zerbröckelt Tillas so mühsam errungene Welt. Ihre Freundin Rena, mit der sie sich unterhalten konnte wie mit keinem anderen Menschen auf der Welt, verschwindet. Am Ufer der Saale findet sie eine tote Frau. Doch die Polizei reagiert seltsam, als sie Renas Verschwinden meldet. Und zur toten Frau erscheint nicht einmal eine kurze Meldung in der Zeitung, die vollgepackt ist mit Jubelpropaganda, übererfüllten Plänen und Lobpreisungen auf die Partei. Bis zu dem Tag, an dem auf einmal ein Kommuniqué der SED in der Zeitung steht, das diese Fehler in der Politik der Regierung eingesteht.

Ein unerhörter Vorgang in dieser frühen, Ulbrichtschen DDR. Und nicht nur die Hallenser sind wie verwandelt. Auch Tillas Vater scheint völlig verstört. Erst recht, als sich die Ereignisse in den nächsten Tagen hochschaukeln. Tilla und ihr scheinbar genauso vom Sozialismus überzeugter Freund Roman, Sohn des Hallenser Polizeichefs, erleben den Beginn des Ausstands sogar in einem der Brennpunkte des 17. Juni, im Waggonwerk Ammendorf, mit.

Parzivals Versagen

Dort wollten sie eigentlich die Spuren der tot am Saaleufer gefundenen Frau suchen, die im Waggonwerk gearbeitet hat. Später erst wird Tilla erfahren, dass die Tote tatsächlich ein Opfer der „Aktion Ungeziefer“ war. Das junge Land ging hart und rücksichtslos mit seinen Bürgern um. Und nicht nur Roman ist völlig verstört nach diesem Ausflug. Auch Tilla merkt, dass sie das Schweigen nicht mehr aushält. Bislang glaubte sie immer, mit dem Schweigen würde sie sich und ihren vom KZ gezeichneten Vater schonen. Nur nicht drüber reden. Dem Grauen nur nicht in die Augen schauen.

Eva Kranenburg findet dafür ein schönes Bild, nicht nur das anrührende Gedicht von Johannes R. Becher, der selbst in seiner Zeit als Funktionär in der DDR noch lebendige, lebensnahe Gedichte schrieb. Jens-Fietje Dwars hat seine in Ahrenshoop geschriebenen Gedichte jüngst erst in einer eigenen Auswahl veröffentlicht: „Wolkenloser Sturm“. Das Beispiel, das Tilla das Verhängnisvolle an diesem Schweigen deutlich macht, findet sie im Buchregal des Mannes, der vorher die Wohnung bewohnte, in der jetzt Tilla und ihr Vater leben.

„Ich wünschte, ich hätte mehr gefragt. Aber vielleicht hatte Renas Vertrauen in mich genau mit dieser Schweigsamkeit zu tun“, lässt Eva Kranenburg ihre Tilla erzählen. „Wenn ich mich nur daran zurückerinnere, muss ich an Parzival denken, der auf die Gralsburg kommt (Dr. Harz‘ Bücherregal, unteres Fach rechts). Er wird zum Abendessen eingeladen und ist erschüttert von der Traurigkeit im Blick, in den Gesten und in den Worten der Versammelten – doch er stellt keine einzige Frage, weil seine höfische Erziehung es ihm verbietet. Als er am nächsten Morgen aufwacht, sind alle verschwunden und er ist allein in der Burg. Später erfährt er: Hätte er gefragt, warum die Menschen so traurig sind, hätte er sie allesamt von einem Fluch erlösen können. Durch eine einzige Frage.“

Das Schweigen der Väter

Das Motiv taucht später wieder auf. Denn eins hat Tilla nun begriffen: Wer nicht fragt, erfährt nichts über seine Mitmenschen. Nicht einmal über die, die er liebt. Oder in diesem Fall eben Tilla, die endlich wissen will, wo Rena geblieben ist. Was weiß ihr Vater? Was kann Roman herausfinden, Roman, der selbst ein großer, harter Schweiger ist. So, wie ihn sein gefühlloser Vater erzogen hat.

Es ist tatsächlich einer der luzidesten Romane, die je über die DDR geschrieben wurden. Vielleicht ist es wirklich auch hier so: Erst die Enkel können das Ungesagte formulieren. Bilder dafür finden, was in diesem kleinen Experiment eines real existierenden Sozialismus von Anfang an falsch gelaufen ist. Es hat mit diesem Schweigen zu tun. Mit der Unerbittlichkeit, mit der die aus Moskau und aus den KZs Zurückgekehrten jetzt daran gingen, eine neue Gesellschaft mit neuen Menschen aufzubauen. Und dabei die ganze Unerbittlichkeit, die sie in den zurückliegenden Jahren selbst erlebt hatten, nun in Strenge und neue Unerbittlichkeit umsetzten.

Und es ist nicht nur Rena, von der Tilla nun endlich ahnt, dass sie gar nichts über ihre Freundin wusste, weil sie nie nachgefragt hat. Es ist auch ihr Vater, der ihr so gütig und verständnisvoll begegnet, aber nicht über die Zeit im KZ und sein Überleben erzählt. Und auch nicht über die Arbeit, der er nun nachgeht.

Der 17. Juni

Es steckt auch ein Stück Familiengeschichte in dem Buch, deutet Eva Kranenburg an, auch wenn sie vor allem auf die Zeitzeugen verweist, die sie zu den Ereignissen im Jahr 1953 befragt hat, alle Kriegskinder, um 1940 geboren. Den 17. Juni 1953 erlebten sie – an verschiedenen Orten der DDR – als Jugendliche. Wobei Halle einer der Schwerpunkte des Aufstands war, den die Beteiligten wohl ähnlich euphorisch erlebten wie die Leipziger den 9. Oktober 1989. Auf einmal schien alles möglich, das schon verkrustete Land doch noch reformierbar, die regierende Partei zu Korrekturen drängbar. Doch dann rollten die sowjetischen Panzer und Schüsse fielen. Der kurze Traum endete mit Verhaftungen und harten Urteilen.

Aber das gehört dann schon ins Nachwort. Denn Eva Kranenburg lässt ihren Roman mit Hoffnung enden. Noch vor diesen aufwühlenden Ereignissen hat Tilla das Schweigen nicht mehr ausgehalten. Hat sogar ihren Vater zum Sprechen gebracht. Und ihn mit etwas konfrontiert, was in diesen frühen Jahren der DDR schon unter die Räder gekommen war. Denn die unerbittliche Härte gegen „die Feinde der jungen Republik“ verbarg die simple Tatsache, dass dem großen Traum von einer besseren Gesellschaft die wichtigste Grundlage entzogen war – das Mitgefühl.

Gesellschaft ohne Mitgefühl

Das ist das Parzival-Motiv, das immer stärker anklingt. Denn Mitgefühl zeigt man nicht nur mit Umarmungen. Man zeigt es, indem man fragt. Wirklich wissen will, wer der andere ist. Wer aus Hochmut schon vorher festlegt, wer der Andere ist, der zeigt kein Mitgefühl. Der baut eine Gesellschaft von Opportunisten, Rechthabern, Selbstgerechten. Eine Gesellschaft, die nicht funktionieren kann, weil damit jedes Vertrauen zerstört wird.

So früh ist das schon passiert. Und es hat das Land bis zu seinem Ende durchwuchert. Das muss Eva Kranenburg gar nicht erst hinschreiben. Man weiß es ja die ganze Zeit. Nur hat Tilla längst beschlossen, dass sie das Schweigen nicht mehr aushalten will. Dass sie fragen wird. Auch wenn die Antworten erschütternd sind, vielleicht auch nicht auszuhalten. Was gerade in Bezug auf Tillas Vater spannend ist, der ganz offensichtlich aus der harten Schale, die er sich im KZ zugelegt hat, nicht mehr herauskommt. Da helfen auch die Fragen nichts mehr. Er leidet. Aber er weiß wohl selbst nicht, wie er den Fluch loswird, der am Ende auch zum Bruch mit der Tochter führt.

Wenn keiner fragt

Und mal ehrlich: Das ist keine erledigte Geschichte. Diese Geschichte war auch 1989 noch aktuell. Und ist es auch heute wieder. Denn wer die alten Geschichten nicht hinterfragt, wird auch kein Mitgefühl entwickeln. Nicht für die anderen und auch nicht für sich selbst. Tilla weiß es am Ende, als sie ihren Vater konfrontiert und an das Buch im Regal denkt: „Parzival, der in die Gralsburg kommt, in der alle so traurig sind. Parzival, der die höfische Regel, nicht neugierig zu sein, über die menschliche Regung stellt, Mitgefühl zu haben. Ich stehe auf und blicke auf meinen kleinen, dünnen, verkrümmten, geschundenen Vater, der Menschen zerbricht und der Meinung ist, damit das Richtige zu tun.“

Und sie sagt es ihm ins Gesicht: „Ohne Mitgefühl ist die großartigste Bewegung Dreck.“

Das gilt auch heute noch. Genau so. Das ist auch ein Erbe, das alle Generationen tragen, die nicht nachfragen, weil sie glauben, mit ihrem Schweigen jemanden zu schonen. Zu verschonen. Nichts wirkt nachhaltiger als das Ungefragte. Und so ist dieses Buch hochaktuell, obwohl es über eine Zeit erzählt, die scheinbar unendlich weit weg ist. Und dennoch immer noch virulent. So wie Unerbittlichkeit immer virulent bleibt, wenn Härte und Lautsein jedes Mitgefühl verdrängen.

Aber so kann man anfangen: Die alt gewordenen Jugendlichen fragen, die damals jung waren, als all das passierte.

Eva Kranenburg „Falls jemand fragt, wer wir waren“ Hanser Verlag, München 2026, 22 Euro.

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