This article is also available in English: Read this article in English.

Riesengebirgs-Saga hat die Leipziger Autorin Christina Auerswald ihre Romanreihe um junge Leute genannt, die vor dem Ersten Weltkrieg im Riesengebirge aufwuchsen, den Weltkrieg miterlebten und sich – wie Kurt – in einem Knoten blutiger Taten verhedderten. Taten, die nicht nur das Leben von Kurt Oertel aus der Bahn warfen, dem die Leser in diesem dritten Band der Reihe anfangs als Landstreicher begegnen. Er ist auf der Flucht. Zwei Morde hat er auf dem Gewissen. Er ahnt nicht, dass er auf dieser Flucht doch noch eine Chance bekommt.

Es ist eine Geschichte von Verstrickung, Schuld und Sühne, die Christina Auerswald erzählt. Angesiedelt in einer Kulisse, die nicht nur in ihrer Familie zur Familiengeschichte gehört. Doch anders als die erste und zweite Generation der Vertriebenen können die Jüngeren mit einer gewissen Gelassenheit und Wehmut auf die Heimat ihrer Großeltern und Urgroßeltern schauen.

Und das Leben dort – wie Christina Auerswald – mit viel Detailkenntnis malen. Ein Leben, das nicht unbedingt etwas mit den Idyllen zu tun hat, die oft in „Heimatromanen“ suggerieren, es wäre früher alles schöner, besser, harmonischer gewesen. Das war es aber nie.

Und mit diesem dritten Band taucht Auerswald gleich ein ins Jahr 1929, das scheinbar friedlich begann, zuletzt aber mit dem größten Börsencrash aller Zeiten endete. Und damit auch zum Vorspiel für den Siegeszug der Nazis werden würde. Beide Themen lässt Auerswald in diesem Buch anklingen, das sich nach und nach zu einem kleinen Krimi entwickelt. Denn nicht nur Kurt steckt fest in den Knoten seiner Vergangenheit. Auch Helene und die im fernen Chile gestrandete Victoria leben mit den Schatten ihrer Vergangenheit.

Die Hauptperson, fast elf Jahre alt

Aber die eigentliche Hauptperson in dieser Geschichte ist die fast elfjährige Anna, Helenes Tochter, hochbegabt, viel zu klug für ihr Alter. Auch sie spielt in Kurts Leben eine Rolle, ist ja letztlich die Tochter seines toten Freundes. Er will wissen, was aus ihr geworden ist. Seine eigene Chance, das Leben wieder in den Griff zu bekommen, hat er genutzt, auch wenn sie ihn in eine Gesellschaft führt, von der man als Leser schon ahnt, dass das sehr bald ins Verhängnis führen wird.

Denn im Turnerbund findet er nicht nur zu einer selbst für ihn ungewohnten Stärke. Im Geiste Friedrich Ludwig Jahns vermitteln die im Sudetenland entstehenden Turnerbünde auch die von Jahn einst verkündeten Vorstellungen vom Deutschtum, die von den deutschen Nationalisten nach Jahn weidlich missbraucht wurden.

Man darf stutzen, wenn Kurt davon erzählt. Worauf hat er sich da wieder eingelassen? Wollte er die Waagschale seines Lebens nicht zum Guten füllen? Aber so verläuft Geschichte nun einmal. Auch mit Fallen für unsere Gefühle, Ideologien, die unsere Köpfe besetzen, ohne dass wir ahnen, wie fatal sie sind und wohin sie führen werden. Wir leben ja wieder mittendrin in so einer Zeit, in der Millionen Menschen sich von solchen Phantasiegebilden verführen lassen. Unerreichbar für jedes vernünftige Argument.

Und eigentlich droht auch Kurts Versuch, Anna nahe zu kommen, zu scheitern. Spätestens, als Helene erkennt, wer da der neue Knecht bei ihrer Nachbarin und Freundin Josefine ist, die selbst in einer familiären Tragödie steckt, denn mit dem Bauern Pepi hat sie sich einen Säufer, Faulpelz und Raufbold ins Haus geholt. Und da Christina Auerswalds die Verhältnisse sehr genau und detailreich schildert, merkt man bald: Ihr geht es auch um das Familien- und Frauenbild dieser Zeit. Die keine gute Zeit für Frauen war.

Manchmal braucht es solche anschaulichen Erzählungen, damit auch heutige Leserinnen und Leser eine Ahnung davon bekommen, wie starr die patriarchalen Strukturen noch vor 100 Jahren waren. Und wie das Leben der Frauen vom guten Willen ihrer Ehemänner abhing. Und von den verkrusteten Vorstellungen vergangener Jahrhunderte, die Frauen vom Studium fernhielten, von Männern abhängig machten und selbst erfahrene Krankenschwestern wie Helene aus dem Beruf zwangen, wenn sie heirateten oder gar ein uneheliches Kind bekamen.

Wenn Erwachsene irrational handeln

Auerswald beschreibt sehr anschaulich die Armut, in der ihre Heldinnen lebten. Eine Armut, die eigentlich auch die Zukunft Annas bestimmen sollte, die davon träumt, einmal Ärztin zu werden. Nur würde ihre Mutter nicht einmal den Besuch des Lyzeums bezahlen können.

Und während Helene in diesem selbstbewussten Kind vor allem den Widerstand sieht und ihr scheinbares Versagen als Mutter, ist es nicht nur Annas Lehrer, der ihre Begabung entdeckt und fördert. Auch Kurt und Jiří Kučera, noch so ein alter Bekannter aus Helenes Jugendzeit, sind verblüfft vom Selbstvertrauen und der Klugheit des Mädchens, das den Erwachsenen ihre Lebenslügen und Ausreden nicht durchgehen lässt.

Im Grunde ist es ihre Geschichte, die Christina Auerswald hier aus wechselnden Perspektiven erzählt – von Spindelmühl (wo Kurt in einer alten Mühle lebt) blendend nach Mohren, wo Helene und Josefine wohnen, Prag und Chile. Anna hält das unlogische Verhalten der Erwachsenen nicht aus.

Und sie ergreift selbst immer wieder die Initiative, wenn sie merkt, dass die Erwachsenen in ihrem Leben wieder einmal irrational gehandelt haben. Was ja spätestens passiert, wenn die Liebe ins Spiel kommt, mit all ihren überschäumenden und niederschmetternden Gefühlen. Denn nichts kann eine so sehr verletzen wie der Verdacht, die geliebte Person hätte gelogen, hätte etwas zu verbergen oder würde gar ein falsches Spiel, spielen.

Vorurteile und Missverständnisse

Und während diese verwirrenden

+und verzweifelten Gefühle Annas Mutter Helene dazu bringen, wieder einmal völlig gegen ihre eigene Gefühle zu handeln, stellt Anna in ihrer unnachgiebigen Art die Erwachsenen zur Rede, zwingt sie dazu, Farbe zu bekennen und rational zu handeln. Denn das ist einem als Leser ja nur allzu vertraut, auch wenn sich selbst Romanhelden gern so darstellen, als würden sie klug und vernünftig ihr Leben im Griff haben. Haben aber die meisten Menschen nicht.

Die meisten Menschen – und das betrifft eben auch die Personnage in Auerswalds Roman – hängen in falschen Kompromissen fest, reagieren unlogisch und überfordert. Und schleppen dann oft Vorwürfe und Missverständnisse durch ihr Leben, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, ihren Gehalt zu überprüfen. Natürlich aus einer tief sitzenden Angst heraus, wieder enttäuscht und zurückgewiesen zu werden.

In jedem Roman spiegelt sich auch die Zeit, in der er geschrieben wurde. Und was Auerswald ihren männlichen und weiblichen Figuren mitgibt, ist ganz unübersehbar auch die Ratlosigkeit einer Gegenwart, in der Menschen einander zunehmend misstrauen, aber auch zunehmend mit dem Gefühl leben, dem eigenen Leben und den eigenen Gefühlen nicht mehr vertrauen zu können.

Damit völlig überfordert sind. Und dann so abrupt und unlogisch handeln wie Helene. Die eigentlich nicht nur eine versierte Krankenschwester ist, sondern auch eine begehrenswerte Frau. Nur hat sie sich das selbst nicht mehr zugestanden seit dem Tod ihres ersten Liebhabers, des Vaters ihrer Tochter.

Unterschätzte Kinder

Auch das prägt ja unser Leben: Wir schleppen die alten Geschichten mit uns. Und glauben uns in unserem Misstrauen immer wieder durch das Leben bestätigt. Wer hat schon so eine clevere Tochter wie diese Anna, die mit diesen alten Geschichten so gar nichts anfangen will, aber sehr genau sieht, wie sich die Erwachsenen um sie herum benehmen. In der Realität wird man ganz sicher auch solchen klugen Kindern begegnen. Und sich – wenn man in alten Erziehungsmodellen feststeckt – überfordert fühlen, wie es Helene mit Anna oft geht.

Aber zugleich hat man auch hier beim Lesen das Gefühl: Das ist eigentlich ein Problem unserer Gegenwart, das Problem einer auf Nutzen und Profit getrimmten Gesellschaft, in der Kinder eigentlich verachtet werden, meistens ignoriert. Nur Kostenfaktor in einer gefühllosen Rechnung, in der das Wort Zukunft überhaupt nicht mehr vorkommt. Wenn die Annas von heute in der „falschen“ Familie aufwachsen, haben auch sie keine Chance auf Matura, Studium und ihren tatsächlichen Berufswunsch. Und damit ein wirklich selbstbestimmtes Leben.

Ist das zu weit gedacht? Ganz und gar nicht. Es geht gar nicht anders: Autorinnen bringen sich selbst ein in ihre Geschichten, selbst wenn diese vor 100 Jahren im Riesengebirge handeln, sehr authentisch erzählt, was Lebensumstände, Armut und das karge Haushalten Helenes betrifft.

Aber die 100 Jahre dazwischen haben auch unsere Sicht auf das Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen verändert. So sehr, dass man auch im Nachhinein erschrickt, wie die damalige deutsche Gesellschaft in den primitiven Wahnsinn der Nazis verfallen konnte. Der aber nun einmal von den alten patriarchalen Vorstellungen zehrte, die im 19. Jahrhundert Gestalt annahmen – nicht nur bei Friedrich Ludwig Jahn.

Aber die Folgen liegen in diesem Roman noch in der Zukunft. Genauso wie die Erfüllung von Annas größtem Wunsch, der es mit ihrer Unerschrockenheit letztlich gelingt, alle Fäden zu verknüpfen und einige Erwachsene daran zu hindern, falsche Entscheidungen für ihr Leben zu treffen.

Christina Auerswald „Spindlers Mühle. Die Riesengebirgs-Saga, Band 3“ Oeverbos Verlag, Leipzig 2026, 21 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar