Ein Sommerbuch muss mindestens drei Kategorien erfüllen: Es muss unterhaltsam sein, es sollte irgendwie die Verbindung von Sommer evozieren und über ein Cover in fröhlichen Farben verfügen, das vor allem weibliche Leserinnen anspricht. Ach ja, darüber hinaus sollte es nicht allzu anspruchsvoll sein. Vor TikTok und Instagram waren Redakteurinnen von Tageszeitungen und TV die Königinnen des Sommerbuchs, weil sie ihre Favoriten gern vorm Beginn der großen Ferien als „gute Unterhaltung“ anpriesen.

Was diese „gute Unterhaltung“ konkret bedeutete, blieb stets vage und den wechselnden Geschmäckern jener Redakteurinnen überlassen.

Gern genommen wird und wurde dabei allerdings ein gewisser Sarkasmus, der allerdings nie tiefer als eine Haarbreite unter dem Mainstream stechen durfte, weil der Sommerbuchtitel ja massentauglich andocken soll und sich am Humor nun mal die Geister scheiden. In Sommerbüchern war der Sarkasmus daher hauptsächlich auf die Selbstreflektion der – überwiegend – weiblichen Hauptfigur beschränkt.
Wiebke Lorenz hat ein perfektes Sommerbuch verfasst, gerade weil ihr Buch die Kriterien zugleich erfüllt, wie unterläuft.

Klingt kompliziert?

Ist es nicht.

Ihr Buch ist stilistisch spritzig, ohne in den gern mal sprachlich einfältigen Bereich von irre erfolgreichen Schnulzen, neudeutsch: Romance, abzugleiten, wo man(n) immer noch Frauen mit Blicken auszieht und frau gerne mal „schnellen Schrittes“ durchs Setting eilt.

„Voll im falschen Film“ ist bei aller Leichtigkeit aber auch ein Text über Alkoholsucht.
Ja, richtig gelesen: Ein witziger, zuweilen sogar erschütternder Unterhaltungsroman über Alkoholsucht aus weiblicher Perspektive.

Worum geht’s?

Um Nora Stern, erfolgreiche deutsche TV- Schauspielerin, zweifache Mutter, gerade in Scheidung. Wie man im Laufe des Buches erfährt, zählt sie durchaus zur Kategorie sympathisches Ekel.

Nora ist zuweilen herrlich emotional drüber und unzuverlässig sowieso, was sie sich durchaus schönzureden weiß. Außerdem ist sie eine mit allen Suchtwassern gewaschene Alkoholikerin, zu Beginn des Buches allerdings schon längere Zeit trocken.

Das ändert sich, als sie eines Tages im Park niedergeschlagen und entführt wird. Sie erwacht in einem Partykeller, in dem es eine verrammelte Stahltür gibt, ein Mettigel-Buffet (ein Hoch auf den altbundesdeutschen Fressbarock!) und nichts anderes zu trinken, als jede Menge Alkohol.

Nach tapferem Kampf schlägt Nora zuerst beim (zweifellos absichtlich!) gut gewürzten Buffet zu um sich zuletzt aus schierem Mangel an Alternativen dem Alk zuzuwenden.

Als sie volltrunken freigelassen wird, weiß Nora, dass sie wieder auf Stoff ist und mehr als nur ein dickes Problem hat. Ihr Exmann versucht am gemeinsamen Sorgerecht zu drehen, ihre beste Freundin hat sie vor Jahren schon verprellt und irgendwer hat überdies einem Paparazzo einen Tipp gegeben, dass Nora Stern wieder säuft. Und das ausgerechnet kurz vorm Start der Dreharbeiten zu einer großen TV-Sonntagsschnulze, die ihrer Karriere einen neuen Schubs verpassen könnte.

Nora macht sich auf, das Geheimnis um ihr Kidnapping zu lösen, während sie gleichzeitig weiter als Mutter zu funktionieren und ihre Karriere zu verteidigen versucht.

Wiebke Lorenz, selbst Alkoholikerin, hat ihr Buch mit jeder Menge Einblicken in den Suchtalltag gefüllt, die teilweise so voller bösem Humor sind, dass ihr Sommerbuch die Regel, dass der Sarkasmus darin nie weiter als eine Haarbreite unter aktuellem Mainstream stechen darf, mit Anlauf über den Haufen wirft.

Problemromane sind ja eigentlich Kassengift. Es sei denn, sie werden von Promis verfasst (dann gern mithilfe von Ghostwriter/-innen).

Frau Lorenz hat das Kunststück vollbracht, jeden Sommerbuchanspruch zu unterlaufen, gerade weil sie die – zugegeben: vagen – Genregrenzen sprengt und, wie ich zu vermuten wage, beim Schreiben viel Spaß hatte. Anders sind solche Textstellen nur schwer zu erklären: „Kaum hatte ich mich auf den WC-Sitz plumpsen lassen, hatte ich schon den Flachmann am Hals. Ich kippte ihn in einem Schluck herunter, musste nicht mal gegen die Übelkeit ankämpfen, sondern genoss jeden einzelnen Tropfen, der mir binnen Sekunden in den präfrontalen Cortex, die Chefetage, schoss.“

Natürlich können Sie den Restsommer daran verschwenden, die von TV-Redakteur/-innen oder Denis Scheck gepriesenen angeblichen Romane der Saison zu lesen. Oder sich alternativ mit spicy Romance-Titel eindecken, bis die Jutetasche ächzt, aber gemessen an „Voll im falschen Film“ sind die so dröge spießig, wie das Mettigelbüfett in einem Swingerklub mit eingepreistem Rabatt für Vorstadttennisclubs und Schützenvereine.

Wiebke Lorenz „Voll im falschen Film – ein nüchterner Roman“ Pendragon Verlag, Bielefeld 2026, 22 Euro. 15 Euro.

Offizieller Erscheinungstag: 7. September 2026.

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