Kirche und Technologie? Das scheint irgendwie so gar nicht zu passen. Aber Andreas Lau ist ein moderner Pfarrer. Er nutzt all die wundersamen Geräte und Technologien, die unser Leben heute durchwuchern. Aber er nutzt sie mit einer latenten Skepsis: Was richten diese Technologien eigentlich mit uns an? Mit unserem Verhältnis zu anderen Menschen, mit Nähe, Vertrauen, Kommunikationsfähigkeit. Und auch mit dem Verhältnis zu dieser Welt, dem Sinn des Lebens. Und – aus christlicher Perspektive – auch zu Gott. Erst recht, wenn die Menschen anfangen, die Technik selbst zu vergöttlichen.

Und da stecken wir ja mittendrin. Nicht nur die Menschen, die noch eine Bindung zur Kirche haben. Wir alle. Andreas Lau ist ein aufmerksamer Beobachter. Und er schaut sich auch selbst zu, wie er mit all diesen technischen Spielereien umgeht und was das mit ihm macht. Und er ist auch so aufmerksam, dass er merkt, wie er sich selbst einspinnen, ablenken und süchtig machen lässt. Wozu viele dieser Tools ja auch programmiert sind. Sie mischen sich direkt ein in unsere persönlichsten Verhältnisse, in unsere Gefühle, in unsere Sicht auf die Welt.

Was zum Beispiel selbst bei einem so kleinen Spielzeug wie dem Selfie sichtbar wird, mit dem wir uns selbst der Welt präsentieren. Nicht mal so selbstbewusst, wie wir uns selbst sehen. Sondern so, wie wir glauben, dass wir damit im Wettbewerb der digitalen Eitelkeiten bestehen können.

All diese Spielzeuge der Gegenwart versprechen uns ja, das Leben leichter zu machen, uns gar noch das ach so anstrengende Denken abzunehmen (natürlich gibt es auch ein Kapitel zur KI), uns Zeit zu schenken und unerhörte Möglichkeiten der Macht. Das geht mit den Selbstbedienkassen im Supermarkt los, die uns in dem Wahn bestärken, wir würden nur Zeit verschwenden, wenn wir mit dem Bedienpersonal an der Kasse ein paar Floskeln austauschen, geht mit E-Bikes weiter, die uns selbst beim Fahrradfahren zum Rasen bringen, sodass wir keinen Blick mehr haben für das Unterwegs, macht uns mit Drohnen irgendwie zu kleinen Göttern, die von oben auf die Welt schauen, ohne sich anstrengen zu müssen, oder lässt uns mit Smartwatches die eigenen Gesundheitswerte überwachen.

Wisch und weg

Aber selbst das Swipen, mit dem wir uns durch die Smartphone-Welt wischen, verändert unsere Sicht auf die Welt. Wer Angst hat, Andreas Lau würde ihm nun den lieben Gott unterjubeln, begegnet im Gegenteil einem Pfarrer, der die Seltsamkeit seines eigenen Tuns reflektiert. Das Wischen wird da nicht nur zur Alltagspraxis, es verändert auch unsere Einstellungen zum Handeln, lässt uns all das, was wir uns jetzt nicht angucken wollen, wegwischen.

Wir leben ja in einem schier unendlichen Angebot. Aber was passiert, wenn wir auch in der realen Welt anfangen, die Dinge wegzuwischen, aufzuschieben, zu vertagen? Und damit zu entwerten? Ihnen ihre Dringlichkeit zu nehmen? Oder entwerten wir da gar unser Leben selbst, weil auf einmal alles aufschiebbar erscheint: wisch und weg?

Und was stellt das mit unserem Zeitverständnis an? Macht es alles zu einem einzigen unkonturierten Fluss, während wir so – beim Wegwischen – all die Momente verpassen, in denen wir hätten handeln können und müssen?

Und was ersetzen eigentlich die Emojis und Likes, mit denen wir scheinbar in den sozialen Medien unsere Gefühle teilen? Oder mitteilen? Tun wir das wirklich? Das Gefühl dahinter sagt uns eigentlich, dass uns das nicht die geringste Befriedigung verschafft, die Erfahrung einer tatsächlichen menschlichen Begegnung. Da schaut der Pfarrer auch sich selbst kritisch an, wenn er mit dem Gefühl, er könnte irgendetwas Wichtiges verpassen, seine Zeit beim Wischen und Scrollen und Likes-Verteilen verbringt, während er am Tagesende merkt, dass er wieder keinem richtigen Menschen begegnet ist. Und auch die Emojis lassen ihn mit Fragen zurück. Ist es da nicht viel intensiver, wenn ich wirklich einen Menschen treffe, dem ich nahe bin? Und ihn, wenn es schon um Trost geht, auch in den Arm nehmen kann?

Gottvertrauen, Weltvertrauen

Das alles sind Reflexionen, die erst einmal ganz ohne den Gott der Bibel auskommen. Aber: Wofür steht Gott eigentlich heute? Auch darüber denkt Lau nach. Denn hinter der Gottesfrage steht ja etwas, was immer mehr Menschen verloren geht, während sie in den digitalen Netzen immer einsamer, trauriger und verzweifelter werden. Manche nennen es Gottvertrauen. Andere Weltvertrauen. Von Selbstvertrauen ganz zu schweigen.

Was noch deutlicher wird, wenn Andreas Lau sich mit Siri und Alexa beschäftigt und dem geradezu leichten Switch, mit dem Menschen bereit sind, sich gegenüber digitalen Programmen zu verhalten, als hätten sie ein echtes menschliches Gegenüber. Ein attraktives Angebot in einer Zeit, in der Menschen immer mehr vereinsamen, sich abschotten, sich in den eigenen digitalen Welten verkriechen, weil ihnen die reale Welt da draußen immer unberechenbarer, chaotischer und feindseliger vorkommt.

Gehen mit den technischen „Schutzwällen“ auch gleich noch unsere menschlichen Verbindungen verloren? Und auf einmal merkt man: Dieser Pfarrer spürt unserem Menschsein nach in dieser zunehmend von Algorithmen fremdbestimmten Welt, die längst so wirkmächtig sind, dass sie manchen Menschen als geradezu göttliche Instanz begegnen. Als smarte Götter, die eigentlich nichts von einem verlangen. Außer permanente Aufmerksamkeit und alle persönlichen Daten.

Ein nicht ganz unwichtiger Aspekt, der bei Lau immer wieder aufscheint, wenn er dann auf Gott und Bibel zu sprechen kommt und was dieser Gott als unvereinnahmbares Gegenüber eigentlich bedeutet für einen gläubigen Menschen. Ein Gegenüber, mit dem man sprechen kann, das aber nicht mit Likes und Emojis reagiert. Oft gar nicht. Jedenfalls nicht so wie in etlichen Bibelgeschichten.

Aus-Schalten üben

Andreas Lau fügt jedem Kapitel ja auch noch kleine Übungen an: alltägliche Mikroabenteuer (die er sich selbst organisiert) und geistliche Mikroabenteuer. Beide dienen dazu, sich des lebendigen Daseins immer wieder neu zu vergewissern und nachzuspüren, was eigentlich ein bewusster Verzicht auf all die technischen Erleichterungs-Tools mit einem macht. Ob dadurch nicht sogar etwas erst bewusster wird, was in der elektronischen Aufrüstung der eigenen Welt verloren gegangen ist.

„Die entscheidenden Dinge des Lebens erreichen uns oft nicht als Information, selbst wenn diese emotional bebildert oder formuliert ist“, schreibt er zum Beispiel im Kapitel zu den Emojis. „Das Entscheidende erreicht uns nicht als Inhalt, sondern als Gegenwart. Nicht als sprachliche Mitteilung, sondern als etwas, das geschieht.“ Und wenig später: „Vielleicht benutzen wir deshalb Emojis, weil wir hoffen, dass sie uns wenigstens in die Richtung dessen führen, was sie selbst nicht ersetzen können: die wirkliche Nähe, die Begegnung, die Anwesenheit eines anderen.“

Er verbannt die ganzen Geräte und Verlockungen nicht aus seinem Leben, schafft sich aber bewusst immer wieder Freiräume, Zeiten der Besinnung, der Rückbesinnung darauf, worum es ihm doch eigentlich im Leben geht. Und was ihm fehlt, wenn er sich auf die Scheindialoge mit „intelligenten“ Programmen einlässt. Und immer wieder geht es auch um Zeit, um Lebenszeit, die wir nicht nur mit Swipen und Scrollen vergeuden, sondern auch mit immer verführerischeren Streaming-Programmen, in denen wir uns in endlosen Fortsetzungen verlieren können, ohne dass uns irgendetwas inzwischen mahnt, dass da draußen unser Leben verfliegt. Wir verlieren uns in einer verführerischen Unendlichkeit, verpassen aber die so wichtige Besinnung, dass unser Leben endlich ist. Und dass wir es eigentlich leben sollten, bevor jemand auf den großen Ausschalter drückt.

Wenn Teilen nur noch virtuell ist

Ein Thema, das selbst bei dem unscheinbaren Vorgang des Teilens sichtbar wird. Denn digital teilen wir ja alles Mögliche und immer mehr mit wildfremden Menschen. Immer hoffend auf Resonanz, irgendein Zeichen, dass das Foto, das Video, der Kommentar gesehen wurde. Am besten gelikt. Zutiefst enttäuscht, wenn das nicht geschieht und wir wieder zurückfallen in das Gefühl, dass wir im Internet eigentlich nicht wirklich existieren und mit niemandem tatsächlich etwas teilen. Ein Gefühl, das an das wirkliche Teilen im Leben erinnert, das nur in echten menschlichen Begegnungen passiert, wo man nicht nur Kuchen miteinander teilt, sondern auch Freud und Leid. All die Emotionen, die uns spüren lassen, dass wir wirklich da, wirklich am Leben sind. Und dass wir alles jederzeit verlieren können.

Und man ahnt, dass das nicht nur für die Gläubigen gilt, die ihre Hoffnung in Gott setzen. Es gilt für uns alle in unserer Endlichkeit in einer Welt, die uns fordert, bestürzt, bezaubert. Die Ahnung und das Wissen um unsere Endlichkeit bilden von Anfang an die Basis für das große Staunen. Und da wirkt eben auch das Bild von der Schnellkasse, die uns zum Schnell-mal-Reinspringen animiert und damit die Flüchtigkeit unseres Lebens verstärkt, in der sich unsere zunehmende Furcht vor echten Begegnungen mit anderen mit dem Gefühl falscher Eile vermischt, als müssten wir immerzu so schnell weg von wo. Selbst dann, wenn es nicht einmal ein Wohin gibt. Als dürften wir nicht verweilen.

Faust lässt grüßen

Klar: An dieser Stelle darf auch Goethes „Faust“ nicht fehlen, der ganz am Ende, als er eigentlich nichts mehr ändern kann, endlich vom Verweilen spricht. Nachdem er durch die ganze Welt gejagt ist, nimmer ruhend, unersättlich nach neuen Eindrücken. Aber nie bereit, innezuhalten, sich herauszunehmen aus der Hatz und sich selbst zu fragen: Wie geht es dir damit? Was fühlst du? Was hoffst du? Was fehlt dir jetzt?

Eigentlich schon früh in seiner Reise durch die Schimären unserer technologisierten Gegenwart stellt Andreas Lau fest: „Doch im Leben beginnt Freiheit nicht dort, wo ich reibungslos durcheilen kann. Sie zeigt sich dort, wo echte Begegnungen möglich werden und ich Vertrauen schöpfe, weil ich erlebt habe: Etwas trägt, wenn ich mich traue.“

Aber dazu muss man unter Menschen gehen, Begegnungen wagen, Nähe zulassen. All die Dinge, die uns die immer ausgefeilteren technischen Spielzeuge versuchen auszureden, auszublenden, denn sie wollen – als wären sie echte Lebewesen – all unsere Zeit, all unsere Aufmerksamkeit. Nur ja nicht ausbrechen aus dem System. Angefixt von kleinen Befriedigungssymbolen, die uns Verständnis und Freundschaft suggerieren, obwohl sich genau das sofort in Luft auflöst, wenn das System abstürzt.

Eine Scheinwelt, die uns Verfügbarkeit suggeriert, obwohl dort nichts und niemand verfügbar ist. Auch wir selbst nicht. Das wird immer deutlicher, wenn Lau sich am Ende jedes Kapitels Übungen vornimmt, in denen er vor allem eins sucht: die spürbare Begegnung mit der Wirklichkeit. Und mit sich selbst. Das staunende Gefühl, tatsächlich da zu sein. Und handeln zu können. Und damit etwas zu sein, das der Mensch in der smarten Welt nicht mehr spüren kann: frei zu sein und selbst zu entscheiden, was als Nächstes geschieht.

Andreas Lau „Smart.Home.Gott.“, Edition Chrismon / Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2026, 16 Euro

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