Menschen haben Kummer miteinander. So ist das Leben. So sind unsere Ansprüche. Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft. Und das färbt selbst auf unsere Beziehungen ab. Oder unsere Nicht-Beziehungen und alles dazwischen. Davon erzählt Andreas Lehmann, Leipziger Autor und Robert-Gernhardt-Preisträger von 2022. Seine kurzen Geschichten erzählen vom Scheitern, Vermeiden und Verweigern. Von der Unmöglichkeit, bedingungslos zu lieben in einer Welt, in der alles auf die Goldwaage gelegt wird.
Wirklich alles. Es ist, als würde Lehmann die Folie abziehen und nachschauen, warum so viele Leute so grundsätzlich unglücklich sind. Unzufrieden sowieso. Als färbte der Unmut einer vor sich hin köchelnden Gesellschaft bis ins Private und Persönliche ab.
Was er ja auch tut. Wer glücklich ist mit sich und seiner Beziehung, der hat wenig Grund, die Gesellschaft mit Frust zu konfrontieren. Als wären immer die anderen schuld an der eigenen Verlorenheit.
Es sind einsame Gestalten, die durch Lehmanns Geschichten geistern. Einsam nicht deshalb, weil sie keine Beziehung finden. Aber sie können nicht drüber reden. Sie sind unentwegt damit beschäftigt, darüber nachzugrübeln, wie ihr „Beziehungsstatus“ gerade steht. Wir ruhen nicht in uns. Schon lange nicht mehr. Unser Leben ist voller Misstrauen in den Grund, der uns trägt. Gibt er nach?
Die Stillen und die Lauten
Es sind gerade die Stillen, sowieso Eingeschüchterten, die in Lehmanns Geschichten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. So wie der Erzähler in der Geschichte „Alte Freunde“, der sein fehlendes Selbstvertrauen durchs Leben schleppt und sein Leben für leer hält, nicht erzählenswert.
„Ich war der, den man gar nicht wahrgenommen hätte, ohne die Klette, die an ihm haftete. Wenn mir mein ganzes Leben als Irrtum erschien, dann war er der eine Mensch, der das durchschaute, dem nichts verborgen blieb, das ich vor mir selbst versteckte. Laut war Jensen immer gewesen.“
Für den Erzähler zu laut. Gegen den übergriffigen Jensen vermag er sich nicht zu wehren. Als hätte Andreas Lehmann ein Porträt unserer Gesellschaft gezeichnet, ihrer völligen Entgleisung. Denn es sind ja die Jensens mit ihrer brüllenden Übergriffigkeit, die den Ton angeben, die immer schon da sind wie der Igel im Märchen.
Und die nicht mal merken, wenn sie anderen Menschen zu nahe treten, sich ihnen regelrecht aufdrängen, laut in aller Selbstgefälligkeit. Nicht mal merken, wenn der andere sich wehrt und zurückzieht. In diesem Fall flieht er am Ende panisch, geradezu stellvertretend für die vielen, die sich in dieser lauten und übergriffigen Gesellschaft nicht gemeint, respektiert und verstanden fühlen.
Muss man da noch einmal betonen, dass das große Gesellschaftliche bis in unsere intimsten Beziehungen hinein fuhrwerkt, lärmt und Unheil anrichtet? Manchmal leise, schleichend, weil es die Grundlage von Partnerschaften zernagt. Oft von vornherein wie ein Korsett, das den Sensiblen und Nachdenklichen die Luft abschnürt.
„Helden“ der Jugendzeit
Manchmal sind es diese typischen Begegnungsgeschichten mit den Gestalten aus der eigenen Jugend, die für Verwirrung sorgen, so wie in „Unter keinen Umständen“, einer Geschichte, in der die Erzählerin an einen gewissen Jonas denkt, der in ihrer Jugendzeit auf dem Dorf eine richtige Berühmtheit war.
Einer jener jungen Männer, die mit „Drogen, Schulden, falschen Freunden“ für Furore sorgten. Lehmann tupft die Geschichte einfach so hin: „Seinen Vater kannte niemand, vielleicht hatte es auch damit zu tun. Im Rückblick leuchteten immer mehr Einzelheiten hell auf in den Farben des Verdachts.“
Als die Erzählerin in die große Stadt zieht, begegnet sie ihm wieder, ist er eine der traurigen Gestalten, die am Hauptbahnhof herumlungern. Und dann nimmt er tatsächlich Kontakt zu ihr auf. Woher hat er ihre Nummer? Warum sucht er gerade zu ihr den Kontakt? Oder will er einfach anknüpfen an die alten ruhmreichen Geschichten? Das alte Bild vom einsamen Helden?
Und da ist er nicht der Einzige, der in einem alten Bild von sich feststeckt. Obwohl er längst gescheitert ist. Eine kurze Geschichte nach der anderen lässt uns mit ratlosen Gestalten zurück, Fast-Begegnungen, in denen etwas knistert, das aber nie ausgesprochen wird.
Als träumten sie alle von einem anderen Leben, anderen Begegnungen, einer Ehrlichkeit, die sich immer weniger finden lässt. So wie in „Ein gutes Wort“, in dem der Held frustriert in einer dieser smarten Commerz-Buden gekündigt hat, auch noch in der Überzeugung, es den Kollegen damit richtig gezeigt zu haben. Nur um dann zu erfahren, dass seine Kündigung regelrecht provoziert worden war.
Unerhörte Begegnungen
Das ist die Frage, die in Lehmanns Geschichten immer mitschwingt: Wie gehen wir eigentlich miteinander um? Sind selbst unsere persönlichsten Beziehungen längst zu Geschäftsbeziehungen geworden, in denen wir Aufwand und Nutzen permanent neu berechnen? Während wir heimlich von unerhört verständnisvollen Begegnungen träumen, die niemals stattfinden.
Oder auf so eigenartige Weise wie in der titelgebenden Geschichte „Kummerflimmern“, in der sich eine dem Helden völlig unbekannt Frau auf einmal mit Briefen bei ihm meldet, in denen sie ihn traurig an ihre längst verflossene Beziehung erinnert.
Was ihn natürlich anrührt. War da doch etwas in seinem Leben, das merkens- und erzählenswert war? Etwas, das ihn aus seiner empfundenen Rolle eines Nichts herausholen würde?
„Immer wieder sagte er sich, dass er kein Recht auf eine weitere Antwort habe. Dass er entweder zum Narren gehalten werde oder etwas an seinem Brief ihn verraten, als den Falschen kenntlich gemacht haben musste. Als den, der er war – und vor allem als den, der er eben nicht war. Der er nie gewesen war, in seinem ganzen Leben nicht, das ihm plötzlich zuammenschnurrte auf die Abfolge von einigen unzusammenhängenden Szenen.“
Wie viele Menschen stecken in so einer Sicht auf ihr eigenes Leben fest? Sind zutiefst der Überzeugung, dass ihr Leben keine Geschichte ergibt. Die Briefgeschichte geht weiter. Und macht deutlich, worum es eigentlich die ganze Zeit geht. Es ist seine unbekannte Briefpartnerin, die es feststellt: „Wir machen uns das Leben zu Geschichten, erzählen einander, wer wir sind.“
Oder schreibt er sich sogar selbst, weil es sonst niemand tut? Schon der Gedanke erschüttert. Und könnte doch genau treffen, weil es vielen so geht, die sich in ihrem Leben verloren fühlen, nicht mutig genug, etwas zu ändern. Nicht stolz genug, aus ihrer Zurückhaltung auszubrechen und ihr Leben zu einer lebendigen Geschichte zu machen.
Rollenspiele
Natürlich gibt es sie. Sie laufen zuhauf da draußen herum. Nur: Man sieht sie nicht, weil sie nicht lärmen. Sie drängeln sich nicht vor, weil sie glauben, das stehe ihnen nicht zu. Sie verpassen Begegnungen und Gespräche, weil ihnen die Worte fehlen und dieses lärmende Selbstbewusstsein, mit dem die Lauten sich einfach nehmen, was sie wollen.
Und gleichzeitig spielen sie alle ihre Rollen. Oft genug die falschen. Oder gerade die, von denen sie denken, dass sie damit ihren Ruf in der alten Heimat irgendwie retten.
So wie Tina in der Kurzgeschichte „Magie“, die den Erzähler Stefan gerade deshalb fasziniert, weil sie den Mut hat, ihr eigenes, unkonventionelles Leben zu leben. Aber den Zurückgebliebenen daheim erzählt sie Geschichten vom beruflichen Erfolg.
Man grübelt über diesen kleinen Geschichten, weil man spürt, dass sie eine Wahrheit über unsere Gesellschaft erzählen, die stets ignoriert wird, übertüncht, dem Rennen nach Erfolg, Karriere und dem schönen Schein geopfert.
Das sitzt tief in uns, weil die ganze Gesellschaft so funktioniert – oberflächlich, von Konsum und „Erfolg“ besessen. Und von tiefem Misstrauen durchsetzt, wenn es um tatsächliche menschliche Begegnungen geht.
Verwechslungen
Da sind es gerade die Verwechslungen auf der Straße, die Lehmanns Helden aus ihrer Einsamkeit reißen – so wie Patrick in der Geschichte „Ans Ufer“, der durch eine Verwechslung auf der Straße kurz mal zu Peter wird. Held einer fremden Geschichte.
Eigentlich doppelt geplagt als Redakteur eines kleinen Provinzblattes, der kurz mit dem Gedanken spielt, Peters Geschichte in die Zeitung zu setzen.
Geht’s nicht, möchte man fragen? Denn das sind Geschichten, die nun einmal nicht in die Zeitung gehören. Geschichten, die Menschen verbinden, berühren, alte Erinnerungen wachrufen. Oder alte Verstörungen, denn Johanna, die Patrick für Peter hält, kommt von Peters Geschichte nicht los, weil Nähe und Fremdheit darin eins waren. „Aber je näher wir uns kannten, desto deutlicher waren wir voneinander getrennt“, sagt sie.
Und genau da hat man wieder dieses Gefühl, das den ganzen Geschichtenband durchzieht: wie sehr die Fremdheit längst Teil der meisten Beziehungen ist. Wie das große Misstrauen bis ins Persönlichste reicht. Und so ganz falsch liegt Johanna mit ihrer Verwechslung nicht.
Denn auch dieser Patrick läuft wie ein Fremder durch sein eigenes Leben. „Ich versuche aufmerksam zu sein, scanne alle Gesichter. „Für einen schwindelnden Moment habe ich keine Ahnung, wen ich eigentlich suche, und muss stehen bleiben, mich an einer Hauswand festhalten.“
Es sind – manchmal – Geschichten vom Suchen und Nicht-Finden. Aber es sind auch Geschichten vom Nicht-Suchen, weil die Heldinnen und Helden in Lehmanns Geschichten aus ihrem Grübeln, Verunsichtertsein und Vermeiden nicht herauskommen.
Und auch nicht aus ihrer Selbsterzählung im Kopf, die ihnen immerfort suggeriert, dass sie den Erwartungen der anderen nicht genügen. Und lieber die Schotten dichtmachen und so tun, als wäre alles so in Ordnung, wie es ist. Obwohl es das nicht ist. Aber das wissen nur die, die mit geducktem Kopf abseits sitzen und froh sind, wenn sie nicht aus ihrer Lebenserzählung herausgerissen werden.
Andreas Lehmann Kummerflimmern Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2026, 25 Euro
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