In mehreren Büchern hat sich Georg Magirius schon mit der Bibel und ihren Botschaften beschäftigt – und der Frage, was sie uns heute noch sagen können. Er ist studierter Theologe. Da kennt er sich aus. Und er ist sich nur zu bewusst, dass man Bibelgeschichten heute anders erzählen muss, wenn man die Herzen der Menschen noch erreichen will.

Und ihnen zeigen möchte, dass es eigentlich um ein tiefes Verständnis vom Menschsein geht, wenn man sich mit den Jesus-Geschichten beschäftigt. Manchmal klingt das flapsig. Aber das hat mit einer Botschaft zu tun, die auch Pfarrer auf der Kanzel nicht so oft aus dem Neuen Testament herauslesen.

Magirius bringt es mit dem Satz „Auf dich kommt es an!“ auf den Punkt. Das ist nicht neu bei ihm. Aber für dieses Buch hat er genau solche direkten Botschaften herausgelesen, die nicht nur ihn selbst immer wieder ermutigen, sondern auch zeigen, dass ein statisches Bild von Jesus vielleicht völlig falsch ist.

Dass der Bursche eigentlich immer wieder etwas thematisiert hat, was man im Alltag nur zu leicht vergisst: dass es um ein menschliches Handeln geht, um eine tägliche Ermutigung, sein eigenes Leben beim Schopf zu packen, sich nicht zu verstecken und die Herausforderungen anzunehmen, die einem begegnen.

Und er kann es mit Szenen und Episoden aus dem Neuen Testament belegen. Szenen, die man durchaus gegen den Strich bürsten kann. So wie die Szene zwischen Johannes dem Täufer und Jesus am Jordan, die für Magirius geradezu symbolisch steht für den Anspruch, den jeder seinem eigenen Leben gegenüber entwickeln kann.

Wissend, dass andere vor ihm waren und ihn ins Leben begleitet haben. Und dass man auch dann nicht allein ist, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Dass es Helfer und Begleiter gibt. Was ein Grundgefühl mit sich bringt, das vielen Menschen – heute wie vor 2.000 Jahren – fehlt: „Du bist!“

Oder von Magirius zusammengefasst: „Du brauchst das Leben nicht in Gang zu bringen, sondern kannst dich darauf freuen, was es dir beschert.“

Leuchte und sei laut!

Predigt denn aber die Bibel nicht lauter Demut und Bescheidenheit?

Mitnichten, kann Magirius feststellen. Und er findet die Stellen, aus denen er Botschaften herauslesen kann wie „Leuchte!“ Und „Sei laut!“ Also: Versteck dich nicht, entzieh dich nicht. Steh zu dir selber und melde dich zu Wort, wenn du Hilfe brauchst, wie der blinde Bartimäus. Es ist dein Recht, denn nur wer sich zu Wort meldet, bekommt Resonanz.

Noch schöner wird es, wenn Magirius bei Markus eine Botschaft findet, die so gar nicht zur heutigen Dauerforderung nach Leistung zusammenpassen will: „Sei faul!“ Es steht nicht wörtlich da. Aber die ausgewählte Szene zeigt, dass man diesen Jesus auch mal beim Schlafen ertappen kann – mitten im Sturm.

Wo andere erst recht Betriebsamkeit vortäuschen. Mal so beiseite: Jesus war auch ein geselliger Typ und zahlreich sind die Szenen, in denen er mit seinen Begleitern Wein trinkt und das Brot teilt. Nicht nur im letzten Abendmahl.

Wenn man Magirius so von Fundstück zu Fundstück folgt, merkt man: Man kann die ganze Jesus-Botschaft auch als eine einzige Ermunterung lesen, das eigene Leben zu leben, sich nicht kleinzumachen und zu verstecken. Und dabei auch noch Schätze zu sammeln, auch wenn damit niemals Geld gemeint war.

Magirius schildert es am Beispiel eines Mannes, der lieber gute Brote backt als eine Bäcker-Kette aufzumachen. Den entsprechenden Satz fand er in der Bergpredigt: „Sammelt euch Schätze im Himmel, wo sie weder Rost noch Motten fressen können.“

Lass dich lieben

Und da fängt man dann selbst an nachzudenken, welche Schätze sich wirklich lohnen, gesammelt zu werden. Schätze, die einen reich machen, wenn man nur an sie denkt.

Was dann schon fast folgerichtig zur nächsten gesammelten Perle führt: „Lass dich lieben!“ Das ist, wie jeder weiß, eine ganz große Kunst. Weil sie Gelassenheit voraussetzt und die Fähigeit zu Nähe und Vertrauen. Alles Dinge, die unsere Geiz-ist-geil-Gesellschaft gerade systematisch zermalmt und zerstört. Denn sie sind dax Gegenteil einer allein von Profit besessenen Gesellschaft. Wer lieben kann und Liebe zulassen kann, braucht den ganzen glänzenden Firlefanz nicht.

Hier steckt die Geschichte vom barmherzigen Samariter dahinter, der da hilft, wo die Priester vortäuschen, sie hätten den Notleidenden am Boden nicht gesehen. Dabei haben sie nur keine Ahnung davon, wie reich Menschen einander beschenken, die dem anderen beistehen in der Not.

Und auch hier geht es schlicht darum, das eigene Menschsein und die Fähigkeit zum Mitgefühl zuzulassen. Also wieder: Sich nicht kleinzumachen, sondern sich in seiner ganzen Größe zu zeigen. Denn wer aktiv wird für andere, der ist groß. Der muss sich nicht verstecken. Und so taucht auch die Perle „Wachse!“ auf, die den Leser ermutigt, sich nicht kleinmachen zu lassen, sondern – wie das Senfkorn – zu wachsen und seine Rolle im Leben zu finden, in der man sich wirklich wie ein Mensch fühlt.

Lass dich berühren!

Und auch die Botschaft „Lass dich berühren!“ gehört dazu. Eigentlich das Typischste, was zur Jesus-Geschichte gehört und was eigentlich erst unser Leben ausmacht: dass wir uns berühren lassen von anderen, ihre Emotionen, ihre Nähe, ihre Herzlichkeit wahrnehmen. Oder eben ihre Bitte um Hilfe.

Da fragt man sich schon: Warum haben die Autoren des Neuen Testaments nicht mehr solcher Geschichten aufgeschrieben? Hätte das ihre Botschaft nicht stärker und hilfreicher gemacht – gerade für Zeiten, in denen mal wieder die Hartherzigen regieren?

Hartherzige, die jede menschliche Schwäche auszunutzen verstehen. Und damit dafür sorgen, dass die Seelen versteinern, die Menschen hinter Masken und Panzern verschwinden. Nur ja keine Schwäche zeigen. Dabei findet Magirius gerade in den letzten Kapiteln der Jesus-Geschichte die gar nicht so unwichtige Botschaft: „Sei verletzlich!“ Gesteh dir auch deine Schwächen ein. Der Mensch ist nicht immer stark.

Und als zehnte Perle findet Magirius auch noch die Aufforderung „Geh weiter!“ Denn was jetzt vielleicht wie ein Ende aussieht, kann schon der Anfang einer neuen Geschichte sein. Man muss nur den ersten Schritt tun. Das Leben ist Bewegung. Und besteht aus lauter neuen Anfängen – zumindest, wenn wir uns nicht im Jammern vergraben und nicht mehr trauen, uns auf das Neue und Nächste einzulassen.

Es ist ein richtiges Ermunterungsbuch geworden, das Magirius hier geschrieben hat. Da und dort sicher auch eine Anregung, selbst die entsprechenden Passagen in der Bibel zu suchen und vielleicht auch seinen Blick auf diesen Jesus zu ändern, der seine Zuhörer eben nicht nur auf ein fernes Himmelsreich vertröstet hat, sondern an vielen Stellen – manchmal durch nicht ganz einfache Gleichnisse – eigentlich immer wieder betont hat: Lebe. Lebe jetzt. Und mach vor allem was aus deinem Leben.

Wer sonst sollte es tun? Es ist dein Leben.

Georg Magirius „Leuchte. Wachse. Gehe deinen Weg“, Coppenrath Verlag, Münster 2026, 14 Euro.

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