Da werden dann künftige Ratsversammlungen weit, weit zurückblättern müssen: Wann ging das eigentlich los mit den geplanten Netzerweiterungen für die Leipziger Straßenbahn? Da werden sie bis ins Jahr 2020 zurückblättern müssen, als der Stadtrat den „Start der Netzerweiterungen Straßenbahn“ beschloss.

Darunter auch die Netzerweiterung zum S-Bahnhof Leipzig-Wahren. Dazu hat die Verwaltung mehrere Varianten untersucht und das Ergebnis dem Stadtrat am 3. September vorgelegt. Was trotzdem noch auf Jahre nicht heißt, dass die Strecke gebaut werden kann.

Ein erster Meilenstein ist zum Beispiel die Übertragung des Grundstücks am S-Bahnhof Wahren an die LVB, damit sie dort den notwendigen Betriebshof bauen kann. Dafür hält das Baudezernat das Jahr 2028 für wahrscheinlich.

Aber natürlich braucht es auch Geld – bei den LVB, die die neue Gleisverbindung von der Georg-Schumann-Straße zum S-Bahnhof Wahren bauen müsste, genauso wie bei der Stadt, die parallel auch eine neue Verbindungsstraße von der Georg-Schumann-Straße zur Travniker Straße bauen will. Zumindest für die Gleiserweiterung geht die Stadt davon aus, dass es dafür Fördergelder geben wird.

Ein 35-Millionen-Euro-Projekt

„Die geschätzten Gesamtkosten für Straßen- und Gleisbauarbeiten der vorgeschlagenen Vorzugsvariante betragen im Ergebnis der Kostenschätzung ca. 35 Mio. €“, heißt es in der Vorlage des Planungsdezernats.

„Davon entfallen rund 4.600.000 € auf Planungs- und Nebenkosten. Darin ist der zweigleisige Ausbau der Georg-Schumann-Straße bis zum Gleiswechsel in die nördliche Seitenlage westlich der Einmündung ‚An der Telle‘ enthalten. Planungs- und Nebenkosten, Kosten für Landschaftsbau und Leitungsverlegung wurden prozentual zu den Baukosten entsprechend der Abschnitte geschätzt.

Die gleichzeitige Umsetzung von Straßen- und Straßenbahntrasse ermöglicht Synergieeffekte, da Planungs- und Bauaufwände effizient gebündelt werden können, wodurch die Kosten der Gesamtmaßnahme im Vergleich zu einer separaten Realisierung reduziert werden.“

Nur ist eben noch offen, wann Leipzig die Fördergelder bekommt und auch die Eigenmittel im Haushalt darstellen kann.

Erst die Südsehne fertig bauen

Weshalb die CDU-Fraktionen einen sehr deutlichen Änderungsantrag gestellt haben, in dem es unter anderem hieß: „Angesichts der gegenwärtigen Haushaltslage der Stadt Leipzig und der erheblichen Investitionskosten wird die weiterführende Planung der Straßenbahn-Netzerweiterung zum S-Bahnhof Wahren jedoch bis auf Weiteres zurückgestellt. Neue Planungsaufträge und Planungsleistungen, die über bereits vertraglich gebundene Leistungen hinausgehen, werden zunächst nicht ausgelöst.“

Das wollte freilich Baubürgermeister Thomas Dienberg in der Ratsversammlung am 3. September so nicht übernehmen. Doch einen anderen Punkt aus dem CDU-Antrag, der eigentlich ganz Ähnliches formulierte, übernahm er. Der lautet: „Die Planung der Straßenbahn-Netzerweiterung zum S-Bahnhof Wahren wird dem Stadtrat erst zur Entscheidung vorgelegt, wenn

a. eine belastbare Finanzierungsperspektive für Planung und Umsetzung einschließlich des kommunalen Eigenanteils besteht,

b. die Finanzierung der prioritären Maßnahmen zur Erhaltung und Ertüchtigung des bestehenden Straßenbahnnetzes sowie bereits weiter fortgeschrittener Netzerweiterungsprojekte gesichert sind und

c. eine aktualisierte Nutzen-Kosten-Betrachtung unter Berücksichtigung des dann bestehenden ÖPNV-Angebotes im Bereich Wahren vorliegt.“

Der Verweis auf „bereits weiter fortgeschrittene Netzerweiterungsprojekte“ kann, wenn man ihn so liest, eben nur bedeuten, dass die Trasse zum S-Bahnhof Wahren erst angepackt wird, wenn das Projekt „Südsehne“ abgeschlossen ist. Baubeginn dort könnte im Jahr 2029 sein, die Umsetzung aber kann sich dann allein aufgrund der Dimension weit bis in die 2030er Jahre hin ziehen.

Vorher wird also in Wahren nicht gebaut. Der so geänderten Vorlage der Stadt stimmte der Stadtrat am 3. September mit nur fünf Gegenstimmen zu.

Das Gespenst des Mittleren Ringes

Dafür war man andernorts erschrocken: Beim Leipziger Ökolöwen meldete man sich am 4. September zu Wort.

Diese Varianten hat das Planungsdezernat zur Anbindung des S-Bahnhofs Wahren alle untersucht. Grafik: Stadt Leipzig
Diese Varianten hat das Planungsdezernat zur Anbindung des S-Bahnhofs Wahren alle untersucht. Grafik: Stadt Leipzig

Der Ökolöwe e. V. begrüßte den Beschluss ausdrücklich. Sah aber ein Problem: „Die Stadt plant zusätzlich, eine neue Straße zwischen B6 und Georg-Schumann-Straße für den Autoverkehr zu bauen, sowie eine Brücke für Rad- und Fußverkehr über die Weiße Elster zum Auensee. Damit würde die Stadt in das FFH-Gebiet Leipziger Auwald eingreifen – ein nach EU-Recht besonders geschütztes Naturschutzgebiet.

Der Ökolöwe befürchtet eine Salamitaktik: Ist der Durchstich zum Auwald erst einmal geplant, liegt eine spätere Nutzung als Autostraße nahe. Konkret sieht der Ökolöwe e. V. die Gefahr, dass die neue Trasse den Weg für den Mittleren Ring Nordwest ebnen könnte – eine Verkehrsschneise, die mitten durch den Leipziger Auwald führen würde.“

Ökolöwen-Geschäftsführer Tino Supplies betonte: „Dieser Straßendurchbruch durch den Auwald darf niemals gebaut werden. Der Mittlere Ring Nordwest gehört in die Schublade – und zwar für immer.“

Der Ökolöwe e. V. forderte die Stadt Leipzig deshalb auf, die Trassenfreihaltung zwischen Georg-Schumann-Straße und Gustav-Esche-Straße endgültig aus dem Flächennutzungsplan zu streichen. Dafür ist es tatsächlich höchste Zeit. Der sogenannte Mittlere Ring ist eine Erbschaft aus der Zeit von Engelbert Lütke Daldrup als Leipziger Baubürgermeister. Gerade im Westteil dieses Mittleren Ringes sollte eine neue Autoschneise mitten durch den Auwald geschlagen werden.

In der Vorlage des Planungsdezernats taucht dieser „Lückenschluss“ tatsächlich unter den untersuchten Varianten und auch auf einer Karte auf.

Diese Variante zur Anbindung des S-Bahnhofs Wahren soll tatsächlich zur Umsetzung kommen. Grafik: Stadt Leipzig
Diese Variante zur Anbindung des S-Bahnhofs Wahren soll tatsächlich zur Umsetzung kommen. Grafik: Stadt Leipzig

Nicht tragfähig

Doch nach Untersuchung aller Varianten kam auch das Planungsdezernat zu dem Schluss: „Die untersuchte Variante, bei der die Rittergutsstraße südlich der Weißen Elster abgebunden wird, entlastet zwar das Zentrum von Leipzig-Wahren, verschärft jedoch die verkehrstechnischen Defizite an anderen wichtigen Knotenpunkten (hier insbesondere am Knotenpunkt Äußere Tangentialverbindung/Georg-Schumann-Straße/Auenseestraße). Zusätzlich wird der Verkehr in neue Wohngebiete verdrängt – mit negativen Folgen für die Lebensqualität und den Naturschutz, insbesondere im sensiblen Gebiet der Luppe-Elster-Aue.

Im Sinne einer übergeordneten, nachhaltigen und zukunftsorientierten Mobilitäts- und Stadtentwicklung wurden somit auch diese Varianten (PG und M) als nicht tragfähig verworfen. Stattdessen wurde eine angepasste Variante für den Kfz-Verkehr mit einem verkürzten Lückenschluss nur zwischen der Georg-Schumann-Straße und der Travniker Straße entwickelt, die insbesondere auch auf die bisherigen Analysen und Ergebnisse zur bevorzugten ÖPNV-Variante einzahlt.“

Also kein Durchbruch bis zur Rittergutsstraße und auch kein Tunnel unter der Weißen Elster, was das Projekt sowieso in unbezahlbare Regionen katapultiert hätte.

Aber allein die Variantenuntersuchung zeigt, dass die Vision eines „Mittleren Ringes“ in der Verwaltung noch nicht ganz beerdigt ist. Alle Leipzigerinnen und Leipziger können deshalb auch weiterhin den Ökolöwen-Appell „Keine Straßen durch Leipzigs grüne Lungen“ auf der Ökolöwen-Website unterzeichnen. Er richtet sich direkt an die Stadt Leipzig und den Stadtrat.

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